Rache ist cremig

Autor: Pukowski, Brigitte

„Wie ich Ihrem Kollegen bereits am Telefon gesagt habe, war ich dabei, frische Eclairs in die Theke zu setzen, als dieser Typ mit der Skimaske hereingestürmt kam“, berichtete die rundliche Verkäuferin Kommissar Behrens mit tränenerstickter Stimme, während ein zweiter Beamter Fotos vom Tatort machte. Es war der fünfte Überfall auf ein Ladengeschäft im Raum Karlsruhe innerhalb eines Monats und noch immer gab es keine heiße Spur vom Täter. Die regionale Presse berichtete bereits von einem Phantom, das die Polizei an der Nase herumführte, was den Unmut der Bevölkerung anfachte und den Druck auf die Ermittler erhöhte. Die Stimmung des Kommissars sank auf den Nullpunkt, als Frau Neuss weitersprach, denn auch der Überfall auf die Bäckerei Hummel am Durlacher Tor unterschied sich in seinem Ablauf in keinster Weise von den vorherigen Verbrechen.
„Er hat eine Pistole aus seinem Parka gezogen und direkt auf mich gerichtet. Dann hat er mich angebrüllt, ich solle alle Scheine in die Plastiktüte packen. Was hätte ich denn tun sollen?“ „Du hättest um Hilfe rufen können, du dumme Nuss. Ich hätte dem Bürschchen schon gezeigt, wo die Brezel den Knoten hat“, geiferte Bäckermeister Hummel, der mit verschränkten Armen neben den beiden im Verkaufsraum der Bäckerei stand. Zähneknirschend musste er hinnehmen, dass seine verdutzten Kunden an der verschlossenen Ladentür rüttelten, während andere Passanten der Kaiserstraße neugierig stehen geblieben waren und sich am Schaufenster die Nasen platt drückten. Das Geschäft, das Hummel durch das Verhör durch die Lappen ging, ärgerte ihn zusätzlich, zu dem durch den Raub erlittenen Verlust. Doch er hatte jemanden gefunden, an dem er seinen Unmut auslassen konnte. Sein Gesicht rötete sich vor Zorn, als er seine Verkäuferin beschimpfte: „Aber nein, das gnädige Fräulein Neuss musste sich ja in die Hosen machen und alles rausrücken, was in der Schublade war. Hättest du statt Buttercreme Grips im Hirn, hättest du den Kerl einfach mit ein paar Scheinen abgewimmelt!“ „Beruhigen Sie sich endlich, Herr Hummel“, warf Kommissar Behrens ein. „Die gezückte Waffe deutet auf eine Gewaltbereitschaft hin, die man nicht unterschätzen darf.
Selbst wenn der Täter bei seinen bisherigen Raubzügen keinen Gebrauch davon gemacht hat, die Gefahr besteht, dass er es tun könnte. Außerdem gilt bei jedem bewaffneten Raubüberfall die Regel: Der Täter darf niemals provoziert werden! Frau Neuss hat also genau das Richtige getan und darüber sollten Sie froh sein, denn schließlich hätte es durchaus Verletzte geben können.“ Doch Hummel verdrehte die Augen und ereiferte sich weiter. „Papperlapapp! Sie hat doch eben selbst gesagt, dass zu dem Zeitpunkt keine Kundschaft im Laden war. Sie hätte die Kasse also ruhig etwas energischer verteidigen können“, schrie er. „Aber was soll man schon erwarten von einer, die die Reaktion und den Körperumfang eines Walrosses hat?“ Die Augen der Beschimpften füllten sich wieder mit Tränen. „Herr Hummel, mäßigen Sie sich und unterlassen Sie bitte die Beleidigungen gegenüber der Zeugin“, knurrte Behrens. „Sie stören durch Ihr Verhalten die Ermittlungen.“ Schnaubend gab der Bäckermeister klein bei, in seinen Augen aber blitzte es gefährlich. „Also, Frau Neuss“, wandte sich der Kommissar an die Verkäuferin. „Ist Ihnen irgendetwas Besonderes an dem Täter aufgefallen? War er extrem groß, dick oder sonst was? Hatte er einen ungewöhnlichen Dialekt? Oder konnten Sie vielleicht sogar beobachten, in welche Richtung er geflüchtet ist?“ Die Frau tupfte sich mit einem Taschentuch über die Wangen und schüttelte den Kopf. „Nein, mir ist absolut nichts Bemerkenswertes aufgefallen. Es war genau dieser Phantom-Typ, wie ihn Boulevard Baden letzten Sonntag beschrieben hatte ... mittelgroß, von schlanker Statur ... er trug diesen olivgrünen Parka, unter dem nichts von seiner Figur zu erkennen war, und seine Stimme wurde von der dicken Skimaske abgedämpft ... sie kam mir in keinster Weise bekannt vor. Und als er zur Ladentür draußen war, ist er sofort in der Menge der Passanten abgetaucht. Nachrennen konnte ich ihm nicht, denn ich war vor Angst wie gelähmt“, hauchte sie. „Tut mir echt leid, dass ich nicht mehr beobachten konnte, aber es ging doch alles so schnell.“ Kommissar Behrens seufzte leise. Mittelgroße Typen in olivgrünen Parkas gab es im herbstlichen Karlsruhe, besonders in der Nähe der Universität, haufenweise. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, den Täter hier ausfindig zu machen. Und wie immer hatte der sich für seinen Beutezug ein kleines Geschäft ohne Überwachungskamera und mit wenig Personal herausgesucht. Die Finger des Kommissars spielten nervös mit dem Kugelschreiber. „Wieder so ein Fall, bei dem ich mich nicht mit Ruhm bekleckern werde“, dachte er frustriert, „Wenn ich wenigstens einen kleinen Erfolg vermelden könnte. Irgendetwas, das meine Vorgesetzten und die Pressemeute beruhigt.“ „Wie kommt es, dass mich das nicht wundert?“, zischte Hummel hämisch und riss Behrens aus seinen trüben Gedanken. „Der geht doch immer alles zu schnell. Man könnte ihr beim Laufen die Schuhe besohlen und sie würde es nicht einmal merken. Wüsste ich nicht, dass die Neuss viel zu bequem und träge dafür ist, würde ich glatt behaupten, sie hat die ganze Sache eingefädelt.“ Der Kommissar hob den Kopf und blickte ihn fragend an.
„Das ist ein schwerwiegender Verdacht gegenüber Ihrer Angestellten, Herr Hummel. Was veranlasst Sie genau zu solch einer Annahme?“ „Immerhin wusste kein Außenstehender, dass gerade heute mehr Geld im Laden ist als an einem normalen Tag. Ich finde es schon merkwürdig, dass dieses Phantom mit der Maske ausgerechnet heute hier auftaucht“, meinte der Bäcker grimmig und blickte dabei mit unverhohlener Gehässigkeit seine Verkäuferin an. „Vielleicht hat ihm ja jemand Bestimmtes etwas zugeflüstert, um dann halbe-halbe mit ihm zu machen.“ „So eine Unverschämtheit! Mir das zu unterstellen, nach all den Jahren, die ich schon für Sie geschuftet habe. Noch nie hat auch nur ein Cent in der Ladenkasse gefehlt, dass wissen Sie genau. Ich war stets ehrlich und korrekt und pflege keine Kontakte zu zwielichtigen Typen – was man von Ihnen allerdings nicht behaupten kann. Ich kenne Ihre Machenschaften, Herr Hummel“, gab Frau Neuss entrüstet zurück. „Und ausgerechnet so einer wie Sie bezichtigt mich der Untreue? Was kann ich denn dafür, wenn Sie Ihre Schwarzgelder in der Wechselgeldkasse deponieren?“ Kommissar Behrens hob die Augenbrauen. „Schwarzgeld?“ Das war doch mal etwas anderes, als hinter einem Phantom herzurennen. Die Sache könnte durchaus noch interessant werden. Seine Stimmung hob sich mit jedem Wort, das er zu hören bekam, wieder aus ihrer Versenkung. „Herr Hummel beschäftigt nämlich Schwarzarbeiter in der Backstube, müssen Sie wissen, weil er zu geizig ist, richtige Fachkräfte einzustellen. Lauter schräge Vögel, die er nicht beim Fiskus und der Krankenkasse anmeldet. Welche, die nicht mal ein ordentliches Gesundheitszeugnis aufweisen können. Und so geht das schon seit Jahren“, die Verkäuferin sah ihren Chef schmollend von der Seite an. „Und heute wollte er sie, wie immer am Ende des Monats, ausbezahlen. Daher das viele Geld in der Schublade.“ „Aha“, sagte der Beamte und machte sich weitere Notizen. „Sagen Sie, Frau Neuss, wenn Sie so gut über die illegalen Geschäfte Ihres Arbeitgebers Bescheid wissen, warum haben Sie dieses Vergehen nicht bereits früher gemeldet? Sie wissen, dass Sie dazu verpflichtet gewesen wären.“ „Er hat gedroht, es würde etwas Schlimmes passieren, wenn ich meinen Mund nicht halte“, wimmerte die Frau und presste sich die Hand auf den Mund. „Und dass er dafür sorgen könnte, dass ich in ganz Karlsruhe nie wieder einen Job finden würde, wenn ich ihn denunziere.“ Der so Beschuldigte schnappte nach Luft. „Ich bitte Sie, Herr Kommissar, das ist ein Missverständnis. Ich würde doch niemals das Finanzamt betrügen. Die häufigen Personalwechsel in der Backstube hängen damit zusammen, dass das faule Volk meistens schon nach der Probezeit die Flatter macht. Die haben alle keine Arbeitsmoral mehr heutzutage. Würde sich ein tüchtiger Bäckergeselle anbieten, täte ich ihn selbstverständlich ordnungsgemäß anstellen und anmelden, das ist Ehrensache“, versuchte Hummel die Situation zu retten. „Die Neuss hat da was in den total falschen Hals bekommen. Die ist bloß eingeschnappt, weil ich sie auf den nächsten Ersten entlassen habe. Aber Sie müssen mir glauben, Herr Oberpolizeihauptkommissar, ich habe ihr niemals nicht gedroht und würde ihrem weiteren beruflichen Werdegang niemals nicht im Wege stehen“, säuselte er mit honigsüßer Stimme und Dackelblick. „Hm ...“, der Blick des Kommissars blieb ernst und wanderte hinüber zu der Verkäuferin. „Herr Hummel hatte Ihnen also gekündigt?“ Mit geröteten Wangen starrte sie auf ihre Schuhspitzen. „Ja, letzte Woche. Wir hatten uns mal wieder gestritten, denn er findet, ich sei zu dick geworden und daher keine gute Werbung für sein Geschäft, aber ich habe mich standhaft geweigert abzunehmen. Denn ich finde mich gut so, wie ich bin, und auch die Kundschaft kommt immer gerne zu mir, gerade weil ich von jeder Torte und jedem Gebäckstück wusste, WIE es schmeckt, und sie es nicht nur mit einer schulterzuckenden Aushilfe zu tun haben, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Aber Herrn Hummel ist so etwas ja egal, ständig musste ich mir seine Boshaftigkeiten wegen meiner Figur anhören.“ Während Frau Neuss sprach, machte sich der Kommissar eifrig weitere Notizen, begleitet von gelegentlichen „Hms“ und „Ahas“. Die Verlegenheit der Verkäuferin wich inzwischen einem Aufwallen ihrer verletzten Gefühle. Stolz hob sie den Kopf, ihre Stimme sprang eine Oktave höher. „Klar, dass Herr Hummel lieber ein junges, unerfahrenes Ding hinter der Theke hätte, bei dem es ordentlich was zu glotzen gibt und dem er nur einen Bruchteil meines Stundenlohns bezahlen muss. Vielleicht kann er die eine oder andere zu seinen miesen Geschäftspraktiken überreden und unter der Hand bezahlen und so noch mehr Steuergelder unterschlagen.“ Hummel griff rasch nach der Hand des Beamten und drückte den Notizblock nach unten. „Warum schreiben Sie das auf? Das hat doch überhaupt nichts mit dem Raubüberfall zu tun. Machen Sie endlich den Job, für den Sie bezahlt werden. Fangen Sie den Verbrecher, wie es sich für einen anständigen Bullen gehört! Oder sind Sie wirklich so unfähig, wie es in der Zeitung steht?“ Jetzt reichte es Behrens endgültig. Steuerhinterziehung, Nötigung einer Angestellten und nun auch noch Beamtenbeleidigung. Dieser Hummel war wirklich ein absolutes Ekelpaket, dem endlich ein gehöriger Dämpfer verabreicht werden musste. Er verstand immer besser, warum Frau Neuss sich nicht als Schutzschild vor das Geld des Bäckermeisters geworfen hatte. Fast schon unverständlich, wie sie das widerliche Verhalten ihres Chefs so lange und geduldig ertragen hatte. „Lassen Sie sofort meinen Arm los“, forderte der Kommissar Hummel auf, dem schlagartig bewusst wurde, dass er einen Schritt zu weit gegangen war. Der Bäcker Iächelte unterwürfig, strich den Stoff von Behrens‘ Jackenärmel wieder zurecht und murmelte fahrige Entschuldigungen. Aber der Polizeibeamte blieb unbeeindruckt. „Auf Grund der neuen Verdachtsmomente sehe ich mich gezwungen, Sie für eine ausführlichere Vernehmung mit aufs Revier zu nehmen, Herr Hummel. Außerdem werde ich veranlassen, dass Ihr Betrieb geschlossen bleibt, bis die Kollegen vom Zoll die Papiere Ihrer Mitarbeiter überprüft und die Leute von der Steuerfahndung einen Blick in Ihre Bücher geworfen haben!“ Die Gesichtszüge des Kommissars nahmen einen überlegenen Ausdruck an. Er blickte dem Bäckermeister in die Augen und sagte mit fester Stimme: „Wie es scheint, gibt es hier mehr als nur ‚einen Verbrecher, den der unfähige Bulle dingfest machen muss‘.“ Während Hummel seit Beginn der Vernehmung endlich mal die Worte fehlten und ihm stumm der Unterkiefer herunterklappte, winkte Kommissar Behrens den zweiten Beamten herbei. „Bringen Sie den Bäckermeister bitte zum Dienstfahrzeug, er wird uns aufs Revier begleiten. Ich komme sofort nach, wenn ich den Tatort abgesichert und die Kollegen benachrichtigt habe.“ Der Beamte nickte und gab Hummel das Zeichen zum Abmarsch. Nur unter Protest ließ sich der Bäckermeister von ihm aus dem Laden führen. „Was soll das? Das können Sie mit mir nicht machen“, schrie er so laut, dass man es bis hinunter zur Pyramide hören konnte. „Ich bin doch hier das Opfer – ich verlange Gerechtigkeit!“ Kopfschüttelnd steckte Behrens seinen Notizblock weg und zückte sein Handy. Nach einem kurzen Gespräch wandte er sich Frau Neuss zu, die gerade emsig damit beschäftigt war, Törtchen und Cremeschnitten auf ein Blech zu setzen. „Sie können jetzt gerne nach Hause gehen, Frau Neuss. Ich habe keine weiteren Fragen zum Raubüberfall“, sagte er betont freundlich. „Falls wir eine Aussage bezüglich der Delikte Ihres ehemaligen Chefs benötigen, werde ich Sie anrufen.“ Die Verkäuferin nickte, setzte ihre Tätigkeit aber ununterbrochen fort.
„Was tun Sie da eigentlich?“, fragte Behrens interessiert. Sie sah ihn an und Iächelte verlegen. „Ach, Herr Kommissar, die Ware ist ganz frisch. Darum werde ich alles in den Froster packen, damit man sie eventuell später verkaufen kann. Herr Hummel mag zwar ein schlechter Mensch sein, aber seine Backwaren sind einfach himmlisch. Es wäre eine Schande, wenn etwas davon verderben würde.“ „Ich denke, Ihrem Chef ist gar nicht bewusst, was für eine verantwortungsvolle Mitarbeiterin er an Ihnen gehabt hat, Frau Neuss“, Iächelte er zurück und ließ sie gewähren. Es war eine Freude zu beobachten, mit wie viel Respekt diese Frau die Feinbäckereien behandelte. Sie schien ihren Job wirklich zu lieben. Er hielt es schlichtweg für unmöglich, dass sie mit dem Verbrecher unter einer Decke steckte. Sie war ebenso ein zufälliges Opfer dieses Phantoms wie die vier Betroffenen vor ihr. Dass es den betrügerischen Bäckermeister gerade heute erwischt hatte, erschien Behrens im Nachhinein als „göttliche Strafe“ für diesen Widerling und ein glücklicher Zufall für sich selbst. Als Frau Neuss das letzte Blech Backwaren hergerichtet hatte, nahm sie eine Gebäckzange, griff mit der Zielsicherheit eines geübten Genießers das Eclair mit der dicksten Mokkaglasur und setze es auf ein Papptablett. „Für meine Nerven, nach all der Aufregung brauche ich einfach was Süßes. Auch wenn es meiner Figur schadet“, sagte sie und zwinkerte ihm zu. „Ich bezahle es natürlich ordnungsgemäß, schließlich soll Herr Hummel keinen weiteren Schaden erleiden.“ Behrens nickte verständnisvoll. „Wollen Sie auch einen, Herr Kommissar?“, fragte ihn die Verkäuferin und hielt ihm einen der sahnestrotzenden Liebesknochen unter die Nase. „Nein, das ist im Dienst nicht erlaubt“, wehrte er ab. „Aber gönnen Sie sich ruhig das kleine Vergnügen, Frau Neuss. Ich drücke da mal ein Auge zu, schließlich mussten Sie heute eine Menge durchmachen.“ Die Frau belegte das Sahnestück mit zartem Pergament und wickelte es sorgfältig in ein Papier ein. Dann säuberte sie die Theke und verriegelte gewissenhaft den Froster. Draußen auf der Kaiserstraße drückte sie das Kuchenpaket wie einen Schatz gegen ihren üppigen Busen, als der Kommissar die Ladentür hinter ihr abschloss, versiegelte und sich charmant verabschiedete. Etliche Schaulustige umringten inzwischen den Polizeiwagen, in dem ein lautstark schimpfender Hummel für allgemeine Unterhaltung sorgte. So schaffte es Frau Neuss, unbehelligt ihre Straßenbahnhaltestelle zu erreichen und den Nachhauseweg anzutreten.

Während die S11 sie gemütlich durch die Innenstadt schaukelte, registrierte sie mit wachsender Zufriedenheit, wie viele Personen an diesem trüben Herbsttag in einem olivgrünen Parka in der Fächerstadt unterwegs waren. „Was für ein charmanter Mann, dieser Kommissar Behrens“, dachte Frau Neuss, als sie bald darauf ihre Wohnung betrat und ihre Garderobe ablegte – „... und so gut aussehend.“ Mit einem fröhlichen Summen auf den Lippen brühte sie sich eine frische Tasse Kaffee auf. Anschließend stellte sie das dampfende Gebräu und einen leeren Teller neben das Kuchenpaket auf ihren Küchentisch. Erschöpft setzte sie sich hin und streckte die Beine aus. „Eigentlich ein Jammer, dass dieser nette Mensch das Phantom mit der Skimaske niemals fangen wird“, seufzte sie, während sie drei Löffel Zucker in die Tasse rührte. „Auf jeden Fall nicht das, das die Bäckerei Hummel überfallen hat.“ Behutsam öffnete sie das Pergamentpapier und betrachtete einige Sekunden lang andächtig das verlockend aussehende Eclair. „Aber immerhin konnte ich dafür sorgen, dass ihm trotzdem ein Fisch ins Netz gegangen ist“, lächelte sie dabei zufrieden. „Und ein ganz besonders liederliches Exemplar dazu.“ Dann hob sie vorsichtig den glasierten Deckel von dem Gebäckstück, legte ihn zur Seite und tauchte genüsslich Daumen und Zeigefinger in die Mokkasahne. „Ja, Rache ist eben doch süß“, säuselte sie, während sie eine stramm gewickelte, in Frischhaltefolie eingehüllte Rolle Geldscheine aus der kalorienreichen Füllung fischte. Sie legte das Bündel auf den leeren Teller und löste das Gummi, das alles zusammen hielt. Mit großem Entzücken sah Frau Neuss zu, wie sich die Scheine wie von selbst aus ihrer engen Verpackung entfalteten, und leckte sich dabei genießerisch ihre Fingerspitzen ab. „Süß und cremig!“