Paul und Paula

Autor: Sandrock, Friedrich

Paul, 56
Paula, 53

Samstag, 28.04., 1 Uhr 36 – Paula
Kaum liegt er im Bett, schläft er. Wenn er wenigstens nur schlafen würde – nein, er schnarcht mal wieder. Bestimmt hat er wieder Schnaps zu seinem Bier getrunken. Als ich schon im Bett war. Und bestimmt hat er wieder so einen Softporno angeschaut. Er meint wohl, ich merke das nicht.
Furchtbar, dieses Schnarchen. Am liebsten würde ich ihm das Kissen ... – ich darf nicht daran denken. Aber die Gedanken kommen einfach. Jenni ist jetzt drei Jahre allein. Hat die ein schönes Leben. Muss sich nicht mehr mit dem Alten rumärgern. Keine Unterhosen mit Pinkelspuren und – ich darf gar nicht daran denken – mehr waschen. Und dauernd das Klo putzen. Warum setzt der Kerl sich auch nicht hin zum Pinkeln. Ich habe es ihm schon so oft gesagt. Aber er grinst dann nur. Das ist nicht männergerecht, sagt er – und grinst. Ich könnte ihm eine reinhauen, am liebsten wäre mir, er wäre gar nicht mehr da. Schon wieder diese Gedanken.
Sie kommen immer öfter. Jennis Mann hatte einen Unfall. Er ging gerne wandern – im Gebirge – und Jenni musste mit. Sie hasste das, doch was blieb ihr übrig. Eines Tages rutschte Peter aus und stürzte ab. 30 Meter tief. Die Bergwacht konnte ihn nur noch tot bergen. Was musste er auch bei Regen und Nebel in den Bergen rumkraxeln. Jenni war fünf Meter hinter ihm und hat nur noch gesehen, wie er fiel. Und schreien hat sie ihn gehört. Es sei furchtbar gewesen, sagt sie. Erst wollte man ihr was unterstellen, aber das konnte man nicht. Kein Nachweis von Fremdverschulden – hieß es amtlich. Paul könnte doch auch mal ins Gebirge gehen zum Wandern. Dann könnte er doch auch ausrutschen. Ich würde dann vielleicht ...

Samstag, 28.04., 5 Uhr 43 – Paul
Schon wieder raus zum Pinkeln. Ob das die Prostata ist? Ich glaube, eher das Bier. Waren wohl wieder fünfe oder sechs. Mein Schädel tut auch weh, aber vom Schnaps kann das nicht kommen. Da hab ich noch nie Schädelweh von gekriegt. Also raus. So – das hat gut getan. Jetzt kann ich wieder schlafen. Paula hat’s gut, die pennt halt. Aber Geräusche gibt die von sich, das ist auch nicht normal. Und Grimassen zieht die im Schlaf – grinst die nicht sogar? Eigentlich kann sie mir ja gestohlen bleiben. Ohne sie wär’ das schon alles einfacher. Den Flirt mit Anna könnte man da schon ein bisschen ausweiten. Die hat auch ne andere Figur als Paula. Paula ist schon aus dem Leim gegangen. Hätt’ sich ruhig ein bisschen besser halten können. Andere Frauen mit 53 machen auch noch was her. So wie Anna. Ich krieg glatt ‘nen Steifen, wenn ich an Annas Arsch und Brüste denke. Die ist schlank und an den richtigen Stellen was dran. Nicht so wie bei Paula, wo überall zu viel ist. Und dann noch der Hängebusen dazu. Was glaubt die wohl, warum ich nach ihr ins Bett gehe. Muss ich sie nicht nackt seh’n. Warum passiert der eigentlich nichts. Könnt’ doch mal die Treppe runterfallen. Bei ihrer Putzwut ist das immer drin. Und ich wär’ frei. Könnte endlich immer stehen beim Pinkeln. Obwohl – ich stell’ mich ja absichtlich hin, merkt sie gar nicht. Hinterher klapp‘ ich die Brille wieder runter und dann meint sie, ich wäre brav gesessen. So ein Unfall wäre nicht schlecht. Müsste halt schon richtig sein, nicht nur so halb, sonst muss ich sie noch pflegen, wenn sie sich nur ein Bein bricht oder womöglich im Rollstuhl sitzt. Nein, da darf man nichts überstürzen. Und natürlich soll’s auch nicht aussehen, als wär’s ich gewesen.
Was grinst die dauernd so im Schlaf? Träumt wohl von einem Jüngling. Träumen darf sie, aber wehe, sie würde sich mit einem treffen. Aber die findet sowieso keinen, bei der Figur.

Samstag, 28.04., 5 Uhr 48 – Paula
War der jetzt auf dem Klo? Hört sich so an. Hingesetzt hat er sich auch wieder nicht. Ich kenn die Geräusche – im Dunkeln sind sie noch deutlicher. Zuerst pinkeln, dann Klospülung, dann knallt er die Klobrille wieder runter, er kann ja nicht leise sein, alles muss mit Geräuschen verbunden sein. Gefurzt hat er auch. Bestimmt stinkt’s jetzt auf dem Klo. Jetzt dreht er sich auch noch auf meine Seite. Mein Gott, stinkt der aus dem Mund. Kann der sich nicht die Zähne putzen vor dem Zubettgehen? Am Wochenende ist alles schlimmer. Da hat er frei, der Herr leitender Angestellter. Da muss Bier und Schnaps getrunken werden. Aber er könnt sich wenigstens die Zähne putzen. Ob ich auszieh’ und wieder mal auf dem Sofa schlafe? Damit ich meine Ruhe habe. Aber dann hat er das Bett erobert und das gönn ich dem nicht. Der meint bestimmt, ich schlafe tief und fest. Aber gerade der Halbschlaf ist schön. Du bekommst die Geräusche um dich herum mit und kannst dir dabei schöne Gedanken machen.
Urlaub allein. Oder zusammen mit Jenni. Wir würden schon was aufmischen. Schlecht aussehen tu ich noch nicht mit meinen 53. Naja, vielleicht das eine oder andere Speckpölsterchen zu viel. Jenni hat schon gesagt, dass wir zusammen ins Frauenfitnessstudio gehen sollten. Ganz für Frauen, keine Männer, die einen zuerst mal ausziehen mit ihren Blicken. Was gäb ich drum, frei zu sein.
Schon wieder die Gedanken, die ich nicht denken will, die aber von ganz alleine kommen. Liebe ich Paul? Was ist das – Liebe, wenn man 29 Jahre verheiratet ist und zwei erwachsene Kinder hat. Eva ist jetzt 27 und hat mich vor kurzem auch so seltsam gefragt. Ob wir eigentlich noch was voneinander hätten. Ich hab natürlich protestiert. Aber eigentlich hat sie recht. Zwischen mir und Paul ist die Luft schon lange raus. Vielleicht sollte ich doch die Sache mal in die Hand nehmen. Aber nichts überstürzen.
Jetzt schnarcht er wieder. Das geht nun so bis neun, dann will der Herr sein Frühstück. Warum mach ich ihm das eigentlich noch? Unter der Woche geht’s doch auch allein. Aber am Wochenende will der Herr bedient werden. Irgendwie werd ich ihm die Suppe schon noch versalzen.
Suppe versalzen, das ist gut, das gefällt mir, muss nur noch das richtige Salz für seine Suppe finden. Suppe versalzen – der Gedanke lässt mich nicht mehr los. Ich glaube, ich werde heute ein wenig im Internet recherchieren. Da wird sich doch ein Salz finden lassen. Bis nächstes Wochenende hab ich bestimmt was gefunden.

Samstag, 28.04., 8 Uhr 55 – Paul
Endlich Frühstück in Ruhe. Nicht so hetzen, wie unter der Woche. Paula funktioniert, hat das Frühstück schon fertig, wenn ich runterkomme. Und ich muss nicht fein angezogen sein. Jogginghose und -hemd, das ist bequem. Nur die Eier. Sie kann einfach keine Frühstückseier kochen. Seit 29 Jahren versuche ich ihr beizubringen, wie Frühstückseier sein müssen: das Weiße fest und das Gelbe flüssig. Aber immer stimmt was nicht.
Heute stimmt auch was nicht. Die Eier sind zum ersten Mal richtig – nach 29 Jahren. Ich sag aber trotzdem nichts, sonst wird sie noch überheblich. Und fröhlich wirkt sie, das ist sie doch sonst nicht. Es stimmt was nicht. Im Schlaf lächelt sie so komisch und am Frühstückstisch ist sie fröhlich. Seltsam.
Bin ich froh, dass die Zeitung immer schon da ist. Muss ich mich nicht mit ihr unterhalten. Ich weiß auch gar nicht, über was. Sie will mir immer was vom Garten erzählen, aber das interessiert mich nicht, der Garten, das ist ihr Ding. Ich erzähl ihr ja auch nicht, was so an der Arbeit bei mir los ist. Was soll’s auch? Müsst ich ihr ja erzählen, dass der Chef blöd ist und dass ich die Arbeit kaum schaffe. Leitender Angestellter darf ich mich schimpfen. Dass ich nicht lache. Nach oben musst du katzbuckeln und nach unten darfst du nicht mehr treten. Mitarbeiterführung heißt das dann. Die dürfen sich jeden Scheiß erlauben und ich muss dann mit ihnen reden. Es wird immer stressiger, da will ich am Wochenende meine Ruhe haben. Das muss sie doch einsehen.
Letzte Woche war ich beim Arzt. Hab ich ihr auch nicht gesagt. Hatte schon öfters so ein Stechen im Brustkorb und bekam dann fast keine Luft mehr. Bis jetzt hat im Geschäft noch niemand was mitgekriegt. Soll auch nicht. Wer weiß, was sonst passiert. Paula soll auch nichts erfahren. Der Arzt sagte, das sei das Herz. Zu viel Stress, ich soll schwer aufpassen, das könnt schnell ein Infarkt werden und dann sei es zu spät. Auch deshalb will ich zu Hause meine Ruhe. Und einmal in der Woche laufen. Der Arzt hat gemeint, ich könne das schon machen, soll halt vorsichtig sein. Nicht so schnell. Und abends mein Bier. Naja, meistens sind es dann halt ein paar mehr, aber es entspannt mich richtig. Davon hab ich dem Arzt nichts gesagt, muss ja nicht alles wissen. So hinter meiner Zeitung kann ich sinnieren, muss Paula nicht anschauen und nicht mit ihr reden. Sie weiß, dass ich meine Ruhe brauche. Aber sie ist halt da. Wenn die schöne Anna mir gegenüber sitzen würde, ich würde bestimmt nicht lesen. Aber was hat man sich nach 29 Jahren schon noch zu sagen?
Man sollte eine Änderung herbeiführen. Ich hab schon mal an Scheidung gedacht. Aber das ist zu teuer. Womöglich muss ich alles selber bezahlen. Und da ist dann noch das Haus. Da müsste ich sie auszahlen und so viel Geld hab ich nicht. Nein, da müsste ich schon eine andere Lösung finden. Da steht so was: Hausfrau stürzt die Treppe runter und bricht sich dabei das Genick. Paula könnte doch auch stürzen. Da fällt mir ein, dass ich das heute Nacht schon mal gedacht habe. So ein Gedanke setzt sich fest. Aber halt, so geht das nicht. Ich will nicht daran denken.

Samstag, 28.04., 9 Uhr 15 – Paula
Der Gedanke lässt mich nicht mehr los, und ich bin fröhlich dabei. Mir geht’s gut, ich habe ein Ziel vor Augen. Aber ich muss vorsichtig sein, damit er nichts merkt, nicht anmerken lassen, dass ich so fröhlich bin. Aber wie soll er auch was merken, hat er je die letzten Jahre gemerkt, in was für einer Stimmung ich war? Nie. Er hat sich ja auch nicht dafür interessiert. Seine Ruhe braucht der Herr leitender Angestellter am Wochenende, soll er haben, bald mehr, als ihm lieb ist. Und wie er immer dasitzt, samstags und sonntags beim Frühstück, Jogginghosen und -jacke. Wenigstens ist es nicht so warm, dass er im Unterhemd dasitzt, hat er alles schon gebracht. Das würde ihn entspannen, sagt er. Ob es mich entspannt, danach fragt er nicht.
Heute ist ein guter Tag, sogar das Ei ist heute richtig, oder doch nicht, ich kann ihm das nie richtig kochen, immer meckert er. Soll er sich doch Normeier von Normhühnern kaufen. Aber der kauft sowieso keine Eier, die muss immer ich kaufen. Der Herr hat ja unter der Woche keine Zeit zum Einkaufen, er muss ja so viel arbeiten. Einmal bin ich bei ihm vorbeigekommen, da waren nur noch er und das Fräulein Anna Dombrowsky (mit y, hat er mir mal erklärt) da. Ob da was läuft? Kann ich mir nicht vorstellen. Bisher hab ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht und jetzt ist es zu spät dazu.
Ich könnt ja auch ausziehen. Aber mit meinem Halbtagsjob als Verwaltungsangestellte ist das nichts. Da reicht das Geld ja hinten und vorne nicht. Und ihm das Haus überlassen? Kommt nicht in Frage. Wenn er gehen würde, bitte, soll er doch. Aber dann lass ich mich auszahlen, und das kann er nicht. So viel Geld hat er nicht. Deshalb kommt auch keine Scheidung in Frage. Ich kann sie mir nicht leisten. Ich hab keine 2 000 Euro oder was das kostet. Ich bin mir sicher, wenn ich die Scheidung wollte, würde er mich auf den Kosten sitzen lassen.
Ob ich ihn mal darauf ansprechen soll? Heute könnte ich alles ab. Heute find ich es sogar gut, dass er sich hinter seiner Zeitung versteckt, da kann ich mich ein wenig mehr gehen lassen, da muss ich meine gute Laune nicht so sehr verbergen.
Jetzt ist er fertig und packt seine Zeitung zusammen. Gegessen hat er nur das Ei, mehr nicht. Und eine Tasse Kaffee getrunken. Schätzungsweise will er nach dem Frühstück joggen gehen. Soll er doch.
Jetzt kommt wieder wie jedes Mal dasselbe Ritual, ich weiß nicht, seit wie vielen Jahren. Frühstücken, dabei Zeitung lesen, Zeitung zusammenfalten, sorgfältig, die richtige Reihenfolge muss eingehalten werden, wehe, ich bringe die Zeitung durcheinander, dann ist das Wochenende gelaufen. Jetzt steht er auf, sagt: „Ich gehe joggen, Schatz,“ und verschwindet.
Endlich hab ich meine Ruhe, jetzt ist er mindestens eine Stunde weg. Die nächste halbe Stunde gehört der Frühstückstisch mir ganz allein. Das wird bald immer so sein. Ich verstehe mich nicht mehr. Wieso kann mich der Gedanke, dass ich Paul bald nicht mehr ertragen muss, so fröhlich machen. Und so plötzlich, wie wenn heute Nacht ein Schalter in meinem Gehirn umgelegt worden wäre. Was er heute wohl vorhat? Jedes Mal nach dem Joggen stellt er mich vor eine festgelegte Entscheidung. Immer überlegt er sich was beim Joggen und ich muss mitmachen, zumindest dann, wenn er mich in seine Entscheidung mit eingeplant hat. Was ja schon ab und zu vorkommt, das muss ich zugeben.
Jetzt nehm’ ich erst mal die Zeitung. Ich lese immer zuerst den Wochenendteil, da stehen die Dinge drin, die mich interessieren, und ich muss mir ja nicht schon beim Frühstück die Laune durch die Politik verderben lassen.
Garten im Frühjahr, das muss ich lesen. Schützen Sie Ihre Kinder vor Gefahren durch Giftpflanzen. Hej, das ist interessant. Ich wusste gar nicht, wie viele giftige Pflanzen es bei uns gibt. Alpenveilchen, Efeu, Engelstrompete, Gartenbohne, Hundspetersilie, Rhododendron, Stechapfel und so weiter. Ausschneiden darf ich den Artikel nicht. Zum einen kann er das nicht leiden und zum anderen will ich mich nicht verdächtig machen. Verdächtig, wie mir das Wort vorkommt. Als wenn ich einen Mord planen würde. Mord, zum ersten Mal kommt dieses Wort in meinen Gedanken vor und ich finde das gar nicht schlimm. Aber wenn ich so nachdenke, eigentlich ist das kein Mord, was ich vorhabe, eher ein Akt der Befreiung auf unkonventionelle Art. Das gefällt mir: Akt der Befreiung auf unkonventionelle Art.
Ich muss gleich mal im Internet schauen, was sich am besten eignet. Welche Krankheit vermutet man bei ihm am ehesten? Ich glaube, Herzversagen wäre nicht schlecht. In letzter Zeit habe ich komische Anzeichen bei ihm bemerkt. Er war sogar beim Arzt diese Woche. Gesagt hat er nichts zu mir, aber ich hab’s bemerkt. Manchmal zuckt er auch so zusammen, nicht sehr, und greift sich mit der Hand an die Brust, immer in der Hoffnung, dass ich nichts bemerke. Einmal habe ich ihn darauf angesprochen. Es ist nichts, hat er gesagt, nur der Stress an der Arbeit. Lass mir meine Ruhe, dann geht’s wieder gut.
Ich lass ihm seine Ruhe, ich lass ihm immer seine Ruhe und habe sie ihm immer gelassen und bald wird er genügend Ruhe haben. Jetzt erst mal Tisch abräumen und Spülmaschine füllen. Es soll so aussehen wie immer. Dann ins Internet. Dieses Internet ist einfach toll, hier findet man alles. Die Liste der Giftpflanzen ist lang. Brechnuss enthält Strychnin, Bilsenkraut führt zu Herzversagen, Engelstrompete hab ich auf der Terrasse: Tod durch Herzversagen steht hier. Ob man das nachweisen kann? Wenn sein Arztbesuch mit Herzbeschwerden zusammenhängt, wird aber niemand auf eine Vergiftung tippen, vor allen Dingen dann nicht, wenn er Stress im Betrieb hatte. Und ich seh’ ihm an, wenn er Stress hatte, wenn er wieder Anweisungen vom Chef bekommen hatte, wenn er seine Mitarbeiter in gesetzten Worten auf ihre Arbeitsverpflichtungen hinweisen musste. Dann ist der richtige Zeitpunkt. Da unsere Geschmäcker unterschiedlich sind, kommt es öfter vor, dass wir nicht dasselbe zu Abend essen. Ich stehe auf Salat, er eher auf eingelegtes Gemüse, Gurken, Paprika, Peperoni am liebsten, wenn sie scharf sind.
Den richtigen Zeitpunkt werde ich schon abpassen.

Samstag, 28.04., 9 Uhr 45 – Paul
Endlich raus und Bewegung. Das verstehe ich auch nicht, Paula kann stundenlang am Frühstückstisch sitzen, immer wieder eine Kleinigkeit essen und so die Zeit vertrödeln. Ich muss weg, muss mich bewegen, sitze sowieso die ganze Woche am Schreibtisch, da muss ich wenigstens samstags und sonntags meine Bewegung haben. Unter der Woche klappt das nicht mehr, zu viel zu tun bei der Arbeit. Und da ist dann natürlich noch Anna. Anna arbeitet in der EDV-Abteilung, sie muss jeden Abend die Datensicherung machen und so was. Da kann man sich schon manchmal treffen, zufällig natürlich. So direkt ansprechen traue ich mich nicht, da bin ich zu schüchtern. Aber wenn wir uns treffen, ergibt sich schon manchmal die Gelegenheit zum Gespräch. Das könnte man schon mal ein wenig vertiefen. Ich weiß nur nicht, wie sie reagiert. Vor kurzem hab ich sie mit dem blöden Winterboom gesehen, die beiden haben miteinander gelacht. Das hat mir schon einen Stich gegeben. Aber kurz darauf hab ich sie getroffen, am Kaffeeautomat. Der funktioniert öfter nicht richtig, aber ich hab den Dreh raus. Und als ich ihr den Becher mit dem Kaffee gab, hab ich ihre Hand ein wenig länger gehalten und sie hat es zugelassen. Nur dann hat sie schelmisch gesagt: „Paul, lassen Sie doch meine Hand los, was sollen die Leute denken.“ Dabei war weit und breit niemand zu sehen. Das war schon ein bisschen aufregend, es hat so ein wenig gekribbelt, es war ein kleines Abenteuer, etwas, was ich eigentlich nicht machen darf, weil es nicht ins System passt. Ich glaube, das mit den Leuten war nicht so ernst gemeint, denn am nächsten Tag hat sie mir bei einer unauffälligen Gelegenheit die Hand auf den Arm gelegt. Nächste Woche werde ich wieder Überstunden machen. Muss ich ja sowieso, ist also gar nicht gelogen, vielleicht sind wir dann allein und es ergibt sich eine Gelegenheit. Ich könnt ihr ja mal helfen, die Daten zu sichern.
So langsam zieht mein Puls an, ich muss vorsichtig sein, sonst gibt’s Seitenstechen, wenn ich Laufen und Atmen nicht richtig koordiniere. Das ist meistens der Fall, wenn meine Gedanken zu sehr schweifen, so wie jetzt. Nicht nur Seitenstechen, der Arzt hat ja gesagt, dass ich vorsichtig sein soll.
Jetzt drängt sich plötzlich Paula dazwischen. Was will die denn, wenn ich gerade an Anna denke. Paula soll sich nicht mehr dazwischendrängen, sie hat sich schon viel zu lange dazwischengedrängt.
Jetzt wäre ich doch fast gefallen, ein dünner Ast ragt in den Weg. Das war’s. Eine Stolperfalle für Paula. Im Keller liegt noch Angelschnur vom vorletzten Urlaub in Südfrankreich. Bei Aldi hatte ich mir eine Angel gekauft und Köder und Blinker und alles, was man braucht, auch so einen Stuhl. Morgens, mittags und abends saß ich am Ufer und hab mich im Angeln geübt. Gefangen hab ich nichts. Dann hab ich meinen Angelnachbarn, drei etwa zehnjährigen Jungs, Fische abgekauft und bin stolz mit meiner Beute nach Hause. Paula war entsetzt, die Fische mussten ja noch ausgenommen und geschuppt werden. Ich erledigte dies natürlich wie der Größte. Am nächsten Abend stand dann einer der Jungs mit drei Fischen vor unserem Ferienhaus und wollte sie mir verkaufen, da ist die ganze Sache aufgeflogen und ich war blamiert. Seither habe ich die Angel nicht mehr angerührt. Also, wie war das? Angelschnur über eine Treppenstufe spannen, Paula stolpert, anschließend die Schnur entfernen und einen Putzeimer mit Lappen auch die Treppe runterwerfen. Das muss funktionieren, so eine Angelschnur sieht niemand, auch Paula nicht. Und die Steinstufen, die wir haben, sind hart genug. Es muss nur gesichert sein, dass sie schnell aus dem Schlafzimmer rausrennt und die Treppe runter will. Am Mittwoch wär’ das nicht schlecht, da arbeitet sie nicht und schläft länger. Man müsst irgendwie fertig bringen, dass unsere Rauchmelder unten losgehen. Die machen einen Höllenlärm. Überall liest man von Terroristen, die Bomben fernzünden, da werd ich doch noch einen Rauchmelder zum Heulen bringen.
Was mach ich denn am Wochenende? Ich glaub, so ein trautes Ehepaarwochende kann ich nicht machen, nachdem ich einen solchen Entschluss gefasst habe. Da fällt mir ein, mein Vater wollte schon lange was an seiner Pergola gemacht haben. Paula legt sowieso keinen gesteigerten Wert auf ein ganzes Wochenende bei meinen Eltern, da kann ich gut alleine hinfahren. Gut, dass ich immer das Handy dabei habe, da melde ich mich gleich an.

Samstag, 28.04., 10 Uhr 55 – Paula
Dachte ich mir doch, dass er das Wochenende woanders verbringt. Aber das ist gut, dann kann ich in Ruhe Vorbereitungen treffen. Und heute Abend gehe ich mit Jenni aus. Vielleicht ins Kino und hinterher noch was trinken. Vielleicht betrinke ich mich auch, aber nur ein bisschen, mit Wein oder einem Cocktail.
Soll er doch zu seinen Eltern fahren, immer wieder rennt er dort hin, immer muss er ihnen helfen. Nur gut, dass ich nicht immer mitmuss. Heute Mittag gehe ich in den Garten. Oder noch besser, ich ruf Jenni an. Jenni läuft öfter, sie kann mich ja mal mitnehmen und mich in die Geheimnisse des Laufens einweihen.
Aber jetzt gehe ich erst mal einkaufen, was man halt so braucht fürs Wochenende. Wenigstens habe ich ein eigenes kleines Auto, für mich reicht’s und fürs Einkaufen auch. Ich werde auch die Peperoni kaufen, die scharfen, die er so liebt. Das gibt eine Mischung, von der er sich nicht so schnell erholen wird – oder gar nicht mehr.
Ich weiß auch schon den richtigen Zeitpunkt. Morgen Abend.
Wenn er bei seinen Eltern ist, kommt er nachmittags zurück. Dann servier ich ihm die Peperoni zum Abendessen. Wenn er bei seinen Eltern war, geht er nämlich abends in die Kneipe vorn am Eck auf ein Bier – oder meistens mehr. Der kann sich auch nicht zurückhalten. Und morgen Abend kommt sowieso „Tatort“, das kann er nicht leiden. Da leg ich mich aufs Bett und guck von dort.

Sonntag, 29.04., 16 Uhr 15 – Paul
Jetzt bin ich wieder auf dem Heimweg und die Gedanken gehen wieder durch den Kopf. Jetzt weiß ich auch, wie ich’s anstellen werde. Das mit dem Wochenende bei meinen Eltern war nicht schlecht. Ich musste in den Baumarkt und hab’ dort einige interessante Dinge gefunden. Das Schönste ist das Megafon. 18.99 Euro hat es nur gekostet, macht aber einen Höllenlärm. Die Idee mit den Rauchmeldern hab’ ich aufgegeben. Das Megafon ist viel besser. Es hat zwei Stellungen: Sprechen und Alarm. Alarm klingt wie eine Feuerwehrsirene, ich hab’s im Baumarkt ausprobiert und alle Leute meinten gleich, es würde brennen.
Und das Beste: Dazu gab‘s auch noch eine Fernauslösung, zum Beispiel zum Verbinden mit einem Bewegungsmelder. Dazu hab ich noch so zwei billige Funksprechgeräte gekauft. Das konnte ich nämlich auch anschließen. Ausprobiert hab ich‘s auch schon – ganz leise, damit‘s niemand hört. Ich werde schon dafür sorgen, dass das Ding auch zur richtigen Zeit ausgelöst wird. Ich wart’ auch nicht bis Mittwoch – gleich heute wird das gemacht. Sonst wird das nichts, dauert alles zu lange. Ansonsten war das Wochenende wie üblich. Die alten Leute wollen halt betüdelt werden. Mach’ das, mach’ jenes und warum ist Paula nicht dabei, wir haben sie doch schon lang nicht mehr gesehen – dabei war sie erst vor drei Wochen dabei. Und abends dann Fernsehen – Hansi Hinterseer oder so ähnlich. Grässlich – nach drei Gläsern Wein bin ich ins Bett. Und komisch – ich hab traumlos und ohne Aufwachen die ganze Nacht durchgeschlafen. Musste nicht ein einziges Mal raus. Auf jeden Fall darf ich nicht zu Hause sein, wenn’s passiert. Ich werde in die Kneipe gehen. Die hat die richtige Entfernung, damit ich die Sirene auslösen kann. Ich bring sie im Haus unter, damit die Nachbarschaft nichts mitkriegt. So – jetzt nur keine Aufregung zeigen.

Sonntag, 29.04., 16 Uhr 20 – Paula
Ach, war das ein schönes Wochenende. So ganz das tun, was mir gefällt. Einkaufen – die Peperoni sind auch dabei – im Garten werkeln und rumsitzen und abends dann mit Jenni ein Fläschchen Wein getrunken. Laufen war doch nicht. Jenni tat ihr Bein weh und sie konnte nicht. Na ja, was soll’s, war auch so schön. Was haben wir gequatscht den ganzen Abend. Hab dann auch bei Jenni geschlafen. War auch nicht nur ein Fläschchen, sondern zwei. Deswegen hab ich auch so gut und traumlos geschlafen.
Jenni hab ich von meinen Plänen nichts erzählt. Besser, es weiß keiner. Womöglich würde sie sich verplappern und alles käme raus. Dann hätt’ ich nichts davon.
Heute Vormittag hab ich dann die Peperoni präpariert. Man sieht überhaupt nichts. Ich hab die nämlich klein geschnitten und die Engelstrompete auch. Dann hab ich mit Zwiebeln, Knoblauch und Schafskäse einen Salat draus gemacht. Da fällt der Unterschied nicht auf.
Jetzt wird er gleich kommen. Er kommt immer so um halb fünf von seinen Eltern. Auch vor drei Wochen, als ich mal wieder mitmusste, waren wir um halb fünf zu Hause. Was ein Pedant.
Ich bin schon ein bisschen aufgeregt, ob alles klappen wird. Jetzt ja nichts anmerken lassen.

Sonntag, 29.04., 19 Uhr 15 – Paul
Endlich allein. Dabei war ich überrascht, Paula hat mir aus meinen Lieblingspeperoni einen Salat gemacht. Höllisch scharf – aber gut. Sie waren klein geschnitten und mit Zwiebeln, Knoblauch und Schafskäse angemacht. Das hätt’ ich ihr gar nicht zugetraut. Kochen kann sie, das muss ich ihr lassen. Ob ich doch nicht? – Nein, jetzt wird gehandelt! Sie ist nach oben gegangen und ich hab freie Bahn. Muss ja auch nicht viel machen. Es ist alles schon vorbereitet.
Die Flüstertüte – na ja, flüstern wird was anderes sein – leg ich in den Flur, so dass es aussieht, als hätte ich sie einfach abgelegt. Von den Funkgeräten sieht man nachher nichts mehr, die pack ich einfach ins Auto, wer soll da schon gucken?
Jetzt noch die Angelschnur. Nur gut, dass ich alles schon vorbereitet habe. So – fertig. Jetzt noch ein Ruf zu Paula, dass ich noch ein Bier trinken gehe.

Sonntag, 29.04., 19 Uhr 30 – Paula
So, jetzt geht er noch ein Bier trinken. Mir soll‘s recht sein. Keine Ahnung, wie die Dinger wirken, wenn noch Alkohol im Spiel ist. Ist ja auch egal, wo er seinen Herzanfall bekommt. Bei so viel Peperoni muss man ja krank werden. Der hat die ganze Portion verdrückt. Und die sind so scharf, dass man beim Schneiden nicht mit den Fingern an die Lippen oder ins Auge kommen darf.
Bin ich froh, dass ich hier oben mein kleines Reich habe. Jetzt lese ich noch ein bisschen und dann guck ich mir den Tatort an. Das kann er gar nicht leiden – Krimis im Fernsehen. Das ist so unnatürlich, sagt er. Macht doch nichts, ich amüsier’ mich und die Kommissare kriegen’s am Schluss raus. Aber nicht bei mir. Herzinfarkt fällt nicht unter unnatürliche Todesursache. Also muss auch keiner ermitteln.
Sonntag, 29.04., 21 Uhr 25 – Paul
Heut kommt „Tatort“ im Fernsehen. Das schaut sie sich an. Sie hat es mir ja zum Abschied zugerufen: „Geh nur, ich schau mir den ,Tatort’ an“. Ich kann dieses unnatürliche Krimigetue nicht leiden. Und diese Kommissare. Ich glaube, wenn die in echt so wären, würden sie alle entlassen werden.
So, jetzt geht der Tanz los, jetzt ist die beste Zeit. Jetzt geht die Spannung beim Krimi ihrem Höhepunkt zu und sie ist abgelenkt. Bin gespannt, ob‘s klappt. So, jetzt das andere Knöpfchen und wieder abschalten. Ich will doch nicht die Nachbarschaft aufschrecken.
Aber irgendwas stimmt bei mir nicht. Ich hab so ein Stechen in der Brust. Ob das mit dem Herzen zusammenhängt? Ich hab’ heute aber doch keinen Stress gehabt. Doch, schon ein wenig. Das mit dem Megafon und der Angelschnur war doch viel, innerlich zumindest. Man macht das ja nicht jeden Tag.
Das wird ja immer schlimmer. Ich glaub, ich zahl’ und geh nach Hause. Dann kann ich auch sehen, was passiert ist. Mensch, tut das weh. Morgen geh’ ich gleich wieder zum Doktor. Der soll mich noch mal gründlich untersuchen.
Mensch, ist mir komisch. Hoffentlich komm’ ich noch heim.

Sonntag, 29.04., 21 Uhr 25 – Paula
Mensch, ist das spannend. Um Giftmord in Münster geht‘s heute. Das passt so richtig. Und die Herren Kommissare tappen immer noch im Dunkeln. Aber einer hat eine heiße Spur. Im Opfer wurde nämlich Gift vom Grünen Knollenblätterpilz gefunden. Die Assistentin hat ihren Chef darauf gebracht. Ich bin ganz kribbelig, wer’s war. Diesmal ist es nicht so leicht zu durchschauen. Kommissar Thiels Vater hat immer noch ein Verhältnis mit der rauchenden Staatsanwältin, was ein Jux!
Hilfe! Was ist denn das? Brennt’s irgendwo? Das kommt von unten. Das hört nicht auf. Schnell schauen, ich will ja nichts versäumen. Verda...

Sonntag, 29.04., 21 Uhr 35 – Paul
Endlich zu Hause. Jetzt sticht es nicht nur. Meine Ohren sausen. Der Schädel brummt, mir ist schwindelig, ich muss mich überall festhalten, sonst fall ich um. Ich krieg kaum noch Luft. Da endlich – das Schlüsselloch – nein, erst klingeln – es tut sich nichts – warum macht die nicht auf? – Es geht mir ja so schlecht – die soll endlich aufmachen. Ich krieg’ den Schlüssel kaum rein – endlich offen – warum liegt sie da auf dem Boden? Um mich dreht sich alles – ich seh’ nichts mehr. Ich ...

Sonntag, 29.04., 21 Uhr 37 – Paula
Paul – warum liegt er da? Ich lieg auch – was ist passiert? Komm, gib mir deine Hand – ich helf’ dir. Ich spür’ überhaupt nichts – Paul ...

Sonntag, 29.04., 21 Uhr 37 – Paul
Paula – mein Herz – du liegst hier – warum? – Komm, ich helf’ dir – gib mir deine Hand – Paula – ich ...