Tod auf dem Kursee

Autor: Vogel, Ulrike

Sie ragte aus dem brackigen Wasser, steif, die Finger nach oben gereckt. Algen und Blätter hatten sich in ihr verfangen. Dunst hing über dem See, feuchte Luft trieb über die Tannen, eine leere Coladose schaukelte am Ufer. Der leblose Körper hing unter einem gelben Tretboot fest, die Beine merkwürdig verhakt.

„Was für ein feuchtes Grab“, dachte Horst Becker, Kommissar des Polizeireviers Ettlingen. Fröstelnd schob er sich den Kragen seiner Jacke höher und vergrub die Hände in den Jackentaschen. Der Fundort war abgesperrt, das Team aus Pathologe und Spurensicherung tat seine Arbeit. Ein Arbeiter der Gemeinde hatte die Leiche in den frühen Morgenstunden des Sonntags entdeckt. Er war mit Aufräumarbeiten beschäftigt gewesen, gerade fand das Kurparkfest in Waldbronn statt, das alljährlich im September einen Höhepunkt im Gemeindeleben markierte. Becker war müde, der Kaffee fehlte ihm. „Weiß man schon, wer es ist?“, fragte er seine Mitarbeiterin. „Ein Einwohner Waldbronns, Manfred Seifert, ist gerade 37 geworden, verheiratet, war in vielen Vereinen tätig, Mitglied des Gemeinderats und und und …“, bekam er zur Antwort. „Jeder kennt ihn hier.“

Er sah seine Assistentin an. Sie war blass, fast durchsichtig, hatte Ringe unter den Augen. Vier Jahre arbeiteten sie nun schon zusammen, trotzdem wusste er fast nichts von ihr. Christine hieß sie, Christine Bechtold, zuverlässig und verantwortungsbewusst, was die Arbeit betraf, vielleicht etwas zu ehrgeizig. Sie lebte alleine, so viel wusste er, und dass sie oft in Karlsruhe war, um bei ihrer Schwester Babysitterin zu spielen.

„Ist wohl spät geworden gestern, hast du auch mitgefeiert hier am Tatort, schließlich wohnst du hier, da haben wir praktisch ein Heimspiel.“ Sein Scherz kam nicht gut an. „Ich war nicht hier, ich war bei meiner Schwester“, zischte sie. „Und ich bin blass, weil der Kleine die ganze Nacht Theater gemacht hat.“ Sie war sichtlich wütend, so kam wieder etwas Farbe in ihre Wangen. Er fand sie verändert, konnte aber im ersten Moment nicht sagen, warum. Doch dann wusste er plötzlich, was es war: Sie hatte sich ihre langen dunklen Haare abschneiden lassen und trug jetzt eine modische Kurzhaarfrisur. Stand ihr gut, fand er. Obwohl sie nicht sein Typ war, fand er sie sehr attraktiv, zierlich, fast knabenhaft, dunkel getönte Haut, südländisch wirkend, mit vollen Lippen und kleiner, gerader Nase.

Ihr Temperamentsausbruch nervte ihn, er hatte auch nicht sonderlich gut geschlafen, in letzter Zeit ging ihm nachts alles Mögliche durch den Kopf, oft holte er sich dann eine Flasche Bier und setzte sich auf den kleinen Balkon seiner Zweizimmerwohnung. Verbrechen, Feierabendbier, schlafen – das war sein Alltag – manchmal wünschte er sich mehr vom Leben. Gedankenverloren starrte er auf den aufgequollenen Körper, er fror.

„Habt ihr schon was für uns, Klaus?“, wandte er sich abrupt an einen drahtigen Mittvierziger. „Na, ja, Tod durch Stich ins Herz, so circa sieben Stunden her, festgeklemmt unterm Tretboot, vielleicht auch ein Stück mitgeschleppt, Genaueres später. Wohnt oben in der Goethestraße, um den war’s nicht wirklich schade. Viel Spaß beim Hausbesuch!“ Klaus war ein Zyniker, aber er leistete hervorragende Arbeit. Zögernd machte sich Becker auf den Weg zu seinem Wagen, Christine begleitete ihn. Langsam schob sich ein trübes Sonnenlicht über den See, aber die erwünschte Wärme blieb aus. Sämtliche Gemeindearbeiter und Helfer drängten sich um seine Mitarbeiter, um ihre Aussagen aufnehmen zu lassen, bald würden Scharen von Neugierigen über die gewundenen Asphaltwege in den Kurpark strömen.

Sie wirkte nicht sehr betroffen, einen kurzen Moment flackerten ihre Augen, sie schwankte, fasste sich aber schnell wieder. Helga Seifert war eine gut aussehende Brünette, sehr schlank, zerbrechlich, das lange Haar war im Nacken verknotet. „Wann haben Sie Ihren Mann denn zuletzt gesehen?“, fragte Becker. „Gestern Morgen, da ging er um neun, wohin, weiß ich nicht.“ Die Antwort kam leise, fast verlegen. „Sie waren nicht zusammen beim Kurparkfest?“ „Nein, ich musste beim Stand vom Gesangverein aushelfen, da war ich bis zwölf in der Nacht beschäftigt. Bitte, könnten Sie mich jetzt alleine lassen?“

Sie saßen kaum im Wagen, legte Christine los: „Die ist mehr als verdächtig, liefert ein Alibi, nach dem wir gar nicht gefragt haben, außerdem wird im Dorf schon lange geredet, dass er ein Verhältnis hatte. Ich wohne ja nur vier Häuser weiter, aber ich habe sie nie zusammen gesehen.“ Becker fuhr Richtung Ettlingen, sie passierten die blaue Brücke zum Kurpark, entlang der Straße standen zahlreiche Autos, die in der Nacht wegen der Alkoholkontrollen stehen gelassen worden waren. Das Kurparkfest war ein Publikumsmagnet in Waldbronn, von überall her kamen Besucher, Tausende am Samstagabend, weil um 22 Uhr ein riesiges Feuerwerk geboten wurde, zusätzlich zum Budenbetrieb, der jedes Jahr verschiedenste Leckereien bot. „Ein so großes Dorffest ist ein idealer Platz für ein Verbrechen“, dachte er bei sich. „Jeder sieht jeden, doch keiner nimmt bewusst etwas wahr.“ Die Fahrbahn schimmerte feucht, der Wald entlang der Straße wirkte schemenhaft und düster, Nebelschwaden ließen ihn undurchdringlich erscheinen. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl und schaute verstohlen zu Christine, doch ihr Gesicht wirkte ausdruckslos. Nach einem kurzen Blick in den Rückspiegel beschleunigte er und fuhr zur Dienststelle.

Sein Team hatte schon wichtige Ermittlungsergebnisse vorzuweisen. Der Tote hatte den größten Teil des Abends beim Kurparkfest zugebracht. Um sieben Uhr wurde er zum ersten Mal gesehen, danach war er an verschiedenen Buden beobachtet worden. Er war nicht sonderlich beliebt gewesen, ein sogenannter „Zugezogener“, der viel Unruhe verbreitete. Er war ein ehemaliger Tennislehrer, hatte vor zehn Jahren die Tochter eines ortsansässigen Bauunternehmers geheiratet, die Ehe war anscheinend nicht sehr glücklich. Von den Dorfbewohnern war über mehrere Affären berichtet worden, allerdings munkelte man in letzter Zeit, er hätte eine Dauergeliebte gehabt, die jedoch keiner kannte. In die Firma seines Schwiegervaters war er eingestiegen und hatte sofort ein neues Konzept umgesetzt: Viele alt gediente Arbeiter wurden entlassen, ersetzt durch Billiglohnkräfte, darunter litt die Qualität der Arbeit. Sein Schwiegervater kämpfte seither um den guten Ruf des Unternehmens. Und auch im Gemeinderat brodelte es. Entweder er erschien überhaupt nicht zu den Sitzungen oder er spielte sich in den Vordergrund, wobei ihm jedoch die Kenntnisse fehlten. Sein liebster Zeitvertreib war, die anderen mit unqualifizierten und zynischen Bemerkungen zu unterbrechen, selbst die eigenen Parteifreunde.

„Ein richtiger kleiner Sonnenschein, Bericht gibt’s morgen!“, brummte Klaus. Sie verabschiedeten sich voneinander, um noch ein wenig den freien Sonntag zu genießen. Nach einem Bier in seiner Stammkneipe machte sich Becker auf den Weg nach Hause, irgendwie meinte er etwas Wichtiges und Naheliegendes übersehen zu haben. Er schüttelte das merkwürdige Gefühl ab, es war noch viel zu früh, um sich über Ermittlungsergebnisse den Kopf zu zerbrechen, der morgige Tag würde sie einen großen Schritt weiterbringen.

„Sie müssen uns schon etwas genauer über Ihr Verhältnis zu Ihrem Schwiegersohn informieren, Herr Geisert. Welche Rolle spielte er in Ihrer Firma?“ Becker und Christine Bechtold saßen dem Schwiegervater des Opfers in dessen Wohnzimmer gegenüber. Geisert wirkte angespannt, seine Hände kneteten ein Taschentuch, seine Beine wippten unruhig. Er war um die 60 Jahre alt, schien sehr energisch. Ein Mann, der gewohnt war, den Ton anzugeben. „Mein Schwiegersohn war ein Übel, einfach ein großes Übel. Es war klar, dass es so kommen musste. Wir kamen nicht gut aus, das ist im Dorf auch allgemein bekannt. Er hat sich in die Firma gedrängt und ziemlich schnell unseren guten Ruf ruiniert. Ich muss mir den Vorwurf machen, dass ich ihn habe gewähren lassen, aber ich habe es für meine Tochter getan.“ „Wo waren Sie denn zur Tatzeit, so gegen 23 Uhr?“ Christine stellte die Frage eher beiläufig. „Beim Kurparkfest, wie alle Waldbronner, ich bin an verschiedenen Ständen gewesen, als Geschäftsmann sollte man sich schon zeigen an solch einem Abend.“

Die Antwort kam schnell und klang wohlüberlegt. Dabei presste er die schmalen Lippen zusammen und fuhr sich nervös durch die grauen Haare. Sicher hätten ihn viele gesehen, nur geredet hätte er mit niemandem, weil er nicht in der richtigen Stimmung war. Schon vor dem Feuerwerk war er auf dem Heimweg. Seine einzige Zeugin war wohl die Katze. Er war Witwer und lebte alleine. Ein trockenes Lachen begleitete seine Angaben.

Es würde schwierig werden, das Alibi genau nachzuprüfen, dachte Becker später bei sich. Zweifellos stand der Schwiegervater ganz oben auf der Liste der Verdächtigen.

Sie fuhren Richtung Waldbronner Rathaus, Becker hatte den Umweg über die Tennishalle gewählt. Er wollte einen Blick auf die frühherbstlichen Felder werfen. Der Mais war kurz vor der Ernte und stand gerade und ordentlich wie eine Zahlenkolonne. Da gab es nichts Rätselhaftes, alles war klar strukturiert und ohne Überraschungen. Einfach mal eine Auszeit nehmen, über die Feldwege wandern und den Geruch der Äpfel und Birnen wahrnehmen, warum er das nie wahr machte, er wusste es nicht.

Im Rathaus wurden sie schon vom Bürgermeister erwartet. Ja, Manfred Seifert sei schon schwierig gewesen. Er wolle einem Toten nichts Schlechtes nachsagen, zumal er noch seiner Partei angehört hätte, aber seine Wahl zum Gemeinderat hatte viel Unruhe gebracht. Die Waldbronner hätten sich blenden lassen von seinem selbstbewussten Auftreten und seinen Versprechungen vor der Wahl. Einsetzen wollte er sich vor allem für die Belange der älteren Bevölkerung, aber auch die Vereine würden ihm am Herzen liegen. Dass er noch dazu unternehmerisch tätig war, hatte den Wahlerfolg vorangetrieben.

„Er war ein Blender, oft erschien er nicht zu den Sitzungen, hatte keinerlei Kenntnisse und nutzte die Gelegenheit, um gegen Mitglieder seiner eigenen Partei zu intrigieren. Wir alle waren froh, wenn er nicht kam“, schloss der Bürgermeister. „Gab es denn jemanden, den er besonders anfeindete?“, fragte Christine. „Dazu möchte ich nichts sagen.“, wehrte ihr Gegenüber ab. Außerdem sei das für die Ermittlungen auch nicht wichtig. Mit einem Blick auf die Uhr machte er deutlich, dass er das Gespräch für beendet hielt. Vieles ging Becker durch den Kopf während der Fahrt zur Dienststelle, auch Christine war schweigsam, sie wirkte immer noch blass und fahrig, seine Einladung, auf einen Kaffee in die Ettlinger Innenstadt zu spazieren, schlug sie aus. Sie sei einfach zu gespannt auf die Berichterstattung der Kollegen.

„Tod gegen 23 Uhr, ein Stich in die Brust, war sofort ex. Im Tretboot, beim Treten. Dann ins Wasser geworfen. Von einem anderen Boot mitgeschleift. Kann Frau oder Mann gewesen sein. Keine Kampfspuren. Keine Affekthandlung! Sonst auch keine Spuren. Profimäßig.“ Dass Klaus nur immer brummelnd in Stichwörtern redete, störte schon lange niemanden mehr. Er arbeitete sorgfältig und schnell und hatte sich noch nie geirrt. Lange Erklärungen waren ihm zuwider.

Die Tat war geplant? Das war für alle überraschend. Warum sollte jemand ausgerechnet ein Tretboot beim Kurparkfest als Tatort aussuchen? Es gab tausend bessere Möglichkeiten, einen Mord zu begehen, ohne entdeckt zu werden. War es als öffentliche Hinrichtung gedacht, mit ganz Waldbronn als Zeuge, trotz des Risikos ausgeführt, wie groß muss dann der Hass gewesen sein? Und wer ist kaltschnäuzig genug, so voller Hass und trotzdem durchdacht und systematisch vorzugehen?

Vielleicht das Mitglied vom Gemeinderat? Es war nicht schwer gewesen, den Namen ausfindig zu machen, den der Bürgermeister nicht preisgeben wollte. Kurt Schroth, ein gebürtiger Waldbronner, im gleichen Alter wie das Opfer. Vor drei Tagen erst waren sie vor dem Rathaus heftig streitend beobachtet worden, Schroth war bei dieser Gelegenheit sogar tätlich geworden, hatte Seifert am Jackenaufschlag gepackt und geschüttelt. Vorausgegangen war eine Gemeinderatssitzung, deren Hauptinhalt Wortgefechte und Anfeindungen zwischen den beiden gewesen waren.

„Höchste Zeit, sich mal mit diesem Kurt Schroth zu beschäftigen“, fand Becker. Christine wollte sich auf den Weg machen, um Näheres über Helga Seifert in Erfahrung zu bringen. Nach wie vor war sie sicher, dass sie die Täterin war. Sie solle auch mal in Richtung unbekannter Geliebter nachfragen, rief Becker ihr noch nach, aber da hatte sie schon die Wagentür zugeschlagen.

„Nun, es gab einfach politische Differenzen zwischen uns. Wir waren in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung.“ Kurt Schroth wickelte das Rasenmäherkabel auf und stellte den Rechen beiseite. „Er hat versprochen, dass ein Seniorenheim gebaut wird innerhalb der nächsten drei Jahre, den Jugendlichen hat er die Renovierung des Jugendtreffs zugesagt, den jungen Müttern einen neuen Spielplatz, den Vereinen eine Beteiligung der Gemeinde am Umbau der Vereinsheime und so weiter. Wie das alles finanziert werden sollte, darüber hat er sich keine Gedanken gemacht.“

Schroth war groß, hatte eine sportliche Figur, sicher hielt er sich viel im Freien auf. Etwas Melancholisches ging von ihm aus, ob es an seinen dunklen Augen lag oder an den vollen Lippen, vermochte Becker nicht zu sagen. Offensichtlich lebte er alleine, obwohl sein Haus in der Schulstraße genug Platz für eine Familie geboten hätte. Beim Streit vor dem Rathaus sei es mal wieder um das Seniorenheim gegangen, da habe er einfach die Beherrschung verloren. Aber er könne nie jemanden umbringen, denn offensichtlich sei er verdächtig. Ein gutes Alibi habe er auch, denn er hatte sich beim Kurparkfest als Gemeinderat um die Besucher aus der Partnergemeinde in Frankreich gekümmert. Das hatte bis weit nach Mitternacht gedauert.

Christines Bericht war viel ergiebiger. „Die Ehe war zerrüttet, kein Wunder bei der grauen Maus von Frau. Die konnte sicher nicht mit ihm mithalten. Ihr Alibi ist auch unsicher, niemand kann mit Sicherheit bezeugen, dass sie um 23 Uhr beim Stand war.“ Sie blätterte eifrig ihre Notizen durch, sie hatte seitenweise Einträge von Befragungen vorzuweisen. Becker war verwundert, wieder einmal fragte er sich, ob er einfach zu langsam war. Von einer angeblichen Geliebten habe keiner der Befragten gesprochen, antwortete sie auf seine Nachfrage.

Wie immer lehnte sie ab, mit ihm etwas trinken zu gehen, sie müsse mal wieder zu ihrer Schwester, den Kleinen habe sie schon lange nicht mehr gesehen.

Noch ein Abend allein zu Hause, er würde ihn nutzen, um nachzudenken. Immer noch hatte er das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Bis spät in der Nacht saß er auf seinem Balkon, es war eigentlich schon viel zu kalt, der Wetterbericht hatte Sturm und Regen vorhergesagt. Ein Grund mehr für ihn, sich zum Bier noch den einen oder anderen Cognac zu genehmigen. Warum konnte er sich nicht auf die Fakten konzentrieren? Sie hatten drei Verdächtige: die Ehefrau als Hauptverdächtige, den Schwiegervater und Kurt Schroth. Wieder schweiften seine Gedanken ab in alle möglichen Richtungen, drehten sich im Kreis und endeten immer am Tatort, warum dieser Tatort? Was hatte er übersehen? Es dämmerte schon, als er ins Bett ging, mit einem schalen Geschmack im Mund.

Der nächste Abend brachte erstaunliche Ergebnisse. Das ganze Team war unterwegs gewesen und hatte noch einmal jede Spur verfolgt, noch einmal alle Zeugenaussagen überprüft. Niemand hatte Hubert Geisert, den Schwiegervater, gesehen. Auch Kurt Schroth war ab 22 Uhr nicht mehr am angegebenen Ort. Keiner konnte sein Alibi bestätigen. Das Opfer aber war beobachtet worden, als es in Begleitung seiner Frau um 23 Uhr ein Tretboot bestiegen hatte, berichtete Christine. Sie trug einen weißen Anzug und hatte einen Schal um den Kopf geschlungen, später sah man sie auf der gegenüberliegenden Seite des Kursees in den Wald eilen. War es das, was er übersehen hatte? Waren alle drei an dieser Tat beteiligt? Becker war irritiert.

„Ich will alle hier haben, jetzt sofort!“ Er hatte das Gefühl, nur so konnte er Klarheit gewinnen. Er wollte den schrecklichen Verdacht entkräften, den er schon lange hegte. Wollte nicht wahrhaben, dass er schon lange ahnte, wie sich alles zugetragen hatte.

„Herr Geisert, Sie sollten sich überlegen, dass Sie Hauptverdächtiger in diesem Mordfall sind. Wenn Sie etwas verschweigen, ist jetzt die letzte Gelegenheit, die Wahrheit zu sagen. Niemand hat sie am fraglichen Abend im Kurpark gesehen, Sie hätten Gelegenheit gehabt, die Tat zu begehen, vielleicht hatten Sie sogar Komplizen. Vielleicht wollten Sie Ihrer Tochter aus ihrer Situation helfen. Vielleicht auch nur Ihren lästigen Schwiegersohn loswerden, der Ihr Geschäft ruiniert hat.“ Becker sprach eindringlich und sah Geisert dabei fest in die Augen. „Ich war es nicht, das kann ich auch beweisen. Ich war nicht beim Fest an diesem Abend.“ Geisert sah unglücklich aus, er schwitzte. „Ich hatte einen Termin mit einem Geschäftsmann vom Nachbarort. Es ging um den Verkauf meiner Firma. Niemand sollte davon erfahren, nicht die Leute aus dem Dorf, nicht meine Angestellten und schon gar nicht meine Tochter. Zumindest nicht, solange nicht alles unter Dach und Fach war. Meine Firma ist nicht mehr zu retten, das hätte auch Manfreds Tod nicht verhindert. Aber meine Tochter hat nichts mit dem Mord zu tun, da bin ich sicher.“ Flehend sah er von Helga Seifert zu Becker, Christine schüttelte den Kopf und stieß ein spöttisches Lachen aus.

Kurt Schroth mischte sich ein. „Niemals könnte Helga so etwas tun. Obwohl er sie so schlecht behandelt hat.“ „Wollen Sie uns nicht von Ihrer Beziehung zu Frau Seifert erzählen und was Sie tatsächlich an diesem Abend gemacht haben?“, mahnte Becker. „Ich habe ihn beobachtet, ich war sicher, dass er ein Verhältnis hatte, jeder wusste es, das wollte ich ihr beweisen. Also habe ich ihn verfolgt, den ganzen Abend. Helga bedeutet mir sehr viel, bevor Seifert auftauchte, waren wir zusammen, wir wollten heiraten …“, seine Stimme versagte. Helga Seifert saß blass und steif auf dem Stuhl, sie sah ihn an, schuldbewusst, mit einem hoffnungslosen Ausdruck in den Augen. „Und Sie haben gesehen, wie er zusammen mit seiner Frau ins Tretboot gestiegen ist, stimmt das, Herr Schroth?“ Beckers Stimme war drängend. „Ja, aber sie war es nicht, auch wenn …!“ „Auch, wenn alles danach aussieht, nicht wahr“, pflichtete Becker ihm bei. „Auch, wenn Sie sicher sind, dass Manfred Seifert mit seiner Frau ins Tretboot gestiegen ist und Sie dieselbe Frau einige Zeit später in den Wald auf der gegenüber liegenden Seite rennen sahen. Sie trug einen weißen Anzug und hatte einen Schal um den Kopf geschlungen.“

„Aber ich hatte meinen weißen Anzug nicht mehr an an diesem Abend und ich war nicht mit meinem Mann im Boot. Ich hatte mir beim Saubermachen am Stand einen Eimer Schmutzwasser über die Kleider geschüttet und musste mich umziehen. Das war so gegen halb elf, eine Freundin hat mir dann eine alte Jeans und einen Pulli ausgeliehen, ich verstehe das nicht, ich kann gar nicht um elf am See gewesen sein.“ Helga Seifert sah von einem zum anderen, hilflos, ihre Stimme brach.

Becker spürte die Angst hochsteigen, sein Körper spannte sich. Er begann zu zittern. Die letzte Chance, seine Ahnungen nicht bestätigt zu sehen, war vertan. Nichts hätte er sich mehr gewünscht, als unrecht zu haben. Sein Mund war trocken, die Zunge klebte am Gaumen. Er hatte es schon lange geahnt, aber er hatte es weggeschoben, nicht wahrhaben wollen. Seine Stimme war brüchig, als er zu sprechen begann.

„Ja, Frau Seifert, Sie können es nicht gewesen sein. Aber wer dann? Wer ist dann zu Ihrem Mann ins Boot gestiegen und hat ihn kaltblütig ermordet? Und warum ausgerechnet auf dem Kursee im Tretboot, so dass jeder es sehen konnte? Und in der gleichen Kleidung, die Sie an diesem Tag trugen? Jemand, der beobachten konnte, was Sie anhatten an diesem Abend, und der oder besser die dann versuchte, sich ähnlich zu kleiden. Die sich den Kursee ausgesucht hatte, um den Verdacht auf Sie zu lenken, Profigenug keine Spuren zu hinterlassen. Die Ihnen ähnlich sieht! Die kein Alibi brauchte, weil sie nie zum Kreis der Verdächtigen gehörte und die trotzdem deutlich machte, dass sie nicht beim Kurparkfest war. Die sogar genug Möglichkeiten hatte, Sie besonders verdächtig erscheinen zu lassen und Ermittlungsergebnisse zu fälschen. Die Geliebte Ihres Mannes, Frau Seifert, meine Assistentin – Christine Bechtold.“

Manfred Seifert hatte sie belogen und betrogen, hatte ihr Versprechungen gemacht, von Heirat war die Rede, nichts von alledem war wahr. Der Plan war leicht auszuführen. Sie wohnte in der Nähe, konnte Helga Seifert genau beobachten und die gleiche Kleidung besorgen. Ihr Alibi ließ sie beiläufig einfließen, aber sie beging einen Fehler. Sie wäre schon lange nicht mehr bei ihrer Schwester gewesen, behauptete sie. Das hatte Becker stutzig gemacht. Auch ihre Kurzhaarfrisur fand er merkwürdig, sie wollte wohl ablenken von der großen Ähnlichkeit mit Seiferts Frau. Sie hatte alles daran gesetzt, Helga Seifert verdächtig erscheinen zu lassen, hatte zu viele Zeugenaussagen zusammengetragen, Aussagen zu einer Geliebten aber nie beachtet, immer mehr fand er sich bestätigt. Helga Seiferts Aussage brachte die traurige Gewissheit. „Ich bereue es nicht, einer musste es tun. Seifert war ein Schwein. Jahrelang hat er mir versprochen, sich von seiner Frau zu trennen. Er hat mich nur ausgenutzt, wie alle anderen auch. Ich wollte ihn töten und die sollte dafür bestraft werden.“ Sie zeigte voll Verachtung in Helga Seiferts Richtung. „Meine schönsten Jahre habe ich ihm geopfert, immer trafen wir uns heimlich, mein Tag bestand aus Arbeit und dem Warten auf seinen Anruf. Und letzte Woche gab er mir den Laufpass, einfach so, es war ihm zu riskant, sich mit mir zu verabreden. Ich war ein Risiko für ihn, nur noch ein Risiko.“ Ihre Stimme klang hasserfüllt. Widerstandslos ließ sie sich abführen. Becker hätte gerne noch etwas zu ihr gesagt, aber er fand die richtigen Worte nicht. Vielleicht hätte es auch keine gegeben.

Becker stand am Kursee und sah auf das trübe Wasser. Es war kalt geworden, nur vereinzelt sah man Kurgäste auf den Bänken sitzen, dick eingemummt in Jacken und Schals. Die Feuchtigkeit drang durch seinen Mantel, es war fast elf und noch immer schaffte es die Sonne nicht, sich über die Baumwipfel zu schieben. „Kein Ort zum Wohlfühlen!“, dachte er bei sich. Er umrundete den See, ging mit strammen Schritten Richtung Kurhaus und schlug den Weg zu den Feldern ein. Er hatte es wahr gemacht. Drei freie Tage lagen vor ihm. Der Mais war abgeerntet, das Obst längst geholt, er setzte sich auf eine Bank und sah auf die blauen Linien des Schwarzwalds.