Laufen ist gesund!

Autor: Mauch, Tobias

Zur gleichen Zeit, etwas später.
Nirgends konnte Anton Eisinger besser abschalten als beim Laufen. Seit ihn seine Frau verlassen hatte, war Laufen sein Hobby. Dreimal in der Woche ging er laufen. Er lief immer die gleiche Strecke – aus der Ettlinger Altstadt hinaus, an der Alb entlang bis auf die Höhe von Busenbach und dann zurück. Beim Laufen konnte er gänzlich abschalten. Sein Ziel war es, am diesjährigen „Ettlinger Altstadtlauf“ teilzunehmen. Für seine Trainingsstrecke benötigte er jetzt, da er voll im Training war, ungefähr 60 Minuten und er schätzte, dass seine Kondition für die erforderlichen 10 Kilometer ausreichend war. Morgen war es soweit. Anton Eisinger trabte auf der Stelle, wartete, bis die Straßenbahn vorbei war, und startete erneut. Ein leichter Anstieg und Eisinger beschleunigte. Rechts und links lagen kleine Schrebergärten.
Mit dem Abschalten ging es in letzter Zeit nicht mehr so gut. Seine Firma hatte große finanzielle Probleme und er befürchtete nichts Gutes. Vor kurzem waren zehn Mitarbeiter entlassen worden. Seine Position war ebenfalls nicht sicher. Eisinger streifte eine Hecke. Vorsicht, Zeckengefahr! Diese Biester sind gefährlich. Intuitiv wich er in die Mitte des Weges aus. Er konnte ein paar Zecken sammeln und sie seinem Chef heimlich ins Hemd werfen.
Eisinger schmunzelte. Früher waren er und sein Chef befreundet gewesen. Damals hatten sie Bürotisch an Bürotisch zusammengearbeitet und als es zur Beförderung kam, hatte er eben den Kürzeren gezogen. Hätte er sich damals besser verkaufen können, dann würde er heute auch einen Audi A8 fahren. Damals sagte sein Chef: „Anton, jetzt hilfst du mir drei Jahre, und dann helfe ich dir drei Jahre.“
Von wegen! Er hatte immer noch keinen Firmenwagen und für ein eigenes Haus reichte sein Einkommen nie und nimmer. Wütend beschleunigte Anton Eisinger auf den letzten Metern und drückte seine Stoppuhr, als er den Treppenaufgang zu seinem Mietshaus erreichte. 56 Minuten, sehr gut!

Zur gleichen Zeit, etwas früher.
Detlef Mattison war Generaldirektor der AMW-Tooling GmbH, eines internationalen Unternehmens, und stand unter ständigem Beschuss seines Headquarters in Los Angeles. Gerade hatte er gegen den Trend zehn Mitarbeiter betriebsbedingt kündigen müssen. Das tat er nicht gerne, aber es musste sein. Auch seine eigene Position war keineswegs sicher. Mattison stieg in seinen Firmenwagen, einen Audi A8, und fuhr in Richtung Innenstadt. Dort hatte er vor einigen Jahren eine Villa gekauft. Die Immobilienpreise waren damals schon immens gewesen, aber aus heutiger Sicht war sie ein wahres Schnäppchen. Mattison konnte sich mit der Stadt und den Leuten überhaupt nicht identifizieren. Er kam aus dem hohen Norden und dort waren die Leute ganz anders. Das Tor öffnete sich automatisch und Mattison fuhr in den Hof.
Er parkte nie in der Garage, es war ja ein geleastes Fahrzeug, das er nach drei Jahren gegen ein anderes eintauschen konnte. Sollte es Rost ansetzen, konnte es ihm egal sein. Seine Frau öffnete ihm die Tür. Sie wusste, dass ihn Entlassungen jedes Mal sehr mitnahmen, und versuchte dann besonders einfühlsam zu sein. Aber an diesem Abend konnte sie kein Lächeln auf sein Gesicht zaubern. Er lobte zwar ihr Abendessen, doch das war mehr ein Ritual geworden, und dann verabschiedete er sich in sein Büro. Etwas schien mal wieder nicht zu stimmen, dachte sie und räumte den Tisch ab. Mattison wartete auf einen wichtigen Anruf.

Einen Tag später, 18.30 Uhr.
Anton Eisinger hatte einen langweiligen Arbeitstag hinter sich gebracht. Er hatte den ganzen Freitag im Büro gesessen und Schreibkram zu erledigen gehabt. Heute Abend war der Ettlinger Altstadtlauf. Seine Freundin hatte ihn dazu überredet, mitzulaufen. Er hatte sich schon eine Startnummer gekauft. Andere drängelten sich noch um die Anmeldetische. Es gab Einzelläufer wie er oder Läufer, die sich als Gruppe anmeldeten. Die meisten Gruppen waren von Sportvereinen. Die Ettlinger Feuerwehr war am Start und verschiedene Unternehmen schickten ihre schnellsten Mitarbeiter ins Rennen. Auch die Läufer der AMW-Tooling GmbH machten sich im Park warm. Die Gruppe bestand aus fünf Leuten. Drei von ihnen waren gute Läufer aus dem Unternehmen, zwei von ihnen waren wie jedes Jahr eingekauft. Schon seit der Ettlinger Altstadtlauf zum ersten Mal stattfand, gab es einen internen Wettbewerb der ansässigen Industrie, die Gruppenwertung des Laufes für sich zu entscheiden. Die AMW-Tooling GmbH war der Titelverteidiger des vergangenen Jahres.

9.30 Uhr, aber zwei Wochen früher.
Sie hielt einen Brief in ihren Händen und zitterte. Gerade kam sie von ihrer morgendlichen Jogging-Runde zurück und hatte die Post mit ins Haus gebracht. Briefe, die an ihren Mann adressiert waren, hatte sie nicht geöffnet, allerdings befand sich in dem Stapel Werbung ein Brief an sie. Sie öffnete ihn und las: „Sabine, ich weiß, dass Du Deinen Mann betrügst.“ Eigentlich war es kein Betrug, dachte Sabine. Detlef wusste schon seit langem davon und er tat dasselbe. Sie lief auf die Terrasse hinaus und schaute in die Futternäpfe ihrer zwei Kätzchen Max und Moritz. Sie hatte die beiden schon zwei Tage nicht mehr gesehen und das Futter war unberührt.

10.17 Uhr in der Chefetage der AMW-Tooling GmbH.
Jetzt hatte es Mattison schriftlich. Das Headquarter stellte ihm ein letztes Ultimatum, um die Bilanz zu verbessern. Der Umsatz stimmte zwar, aber der Profit war zu gering. Die Amerikaner empfahlen ihm, weitere Leute zu entlassen. Detlef Mattison war kein schlechter Mensch und kein schlechter Chef und solche Dinge bereiteten ihm immer große Bauchschmerzen. Er legte das Schreiben zur Seite und öffnete den nächsten Brief. Er musste tief Luft holen und las ihn ein zweites Mal: „Detlef, ich weiß, dass Dich Deine Frau betrügt.“ Er wusste, dass sich seine Frau den ganzen Tag sehr einsam fühlte, er war auch viel im Ausland unterwegs. Manchmal bis zu zwei Wochen. Er liebte seine Frau schon lange nicht mehr, aber ihm wurde trotzdem schlecht. Er lief zum Waschbecken und musste sich übergeben.

Nochmal zwei Tage früher.
Jean-Philippe Scholz konnte nicht anders. Bei der letzten Weihnachtsfeier der AMW-Tooling GmbH hatte er sich unsterblich in Sabine Mattison verliebt. Deshalb war er aus dem elsässischen Wissembourg hierhergezogen. Er musste in ihrer Nähe sein. Er musste sie berühren. Er wollte ihr sagen, wie sehr er sie liebte. Aber wie? Sabine war verheiratet und das allem Anschein nach auch noch glücklich. Einmal hatte er sie in der Ettlinger Braustube gesehen. Damals lief er zufällig an ihrem Tisch vorbei. Mattison selbst hatte ihn nicht erkannt, obwohl dieser sein Chef war. Aber Sabine hatte ihn charmant angelächelt. Über Ostern hatte er zwei Wochen Urlaub genommen, um Sabine näher kennen zu lernen. Zwei Dinge konnte er in Erfahrung bringen: Sabine ging jeden Morgen zum Laufen. Jedes mal die gleiche Strecke, durch die Altstadt zum Horbachpark, viermal um den kleinen Horbachsee und dann zurück. Seit Jahren war Jean-Philippe ein begeisterter Läufer. Während seines zweiwöchigen Spionageurlaubs hatte er aber noch eine zweite Sache beobachtet. Sabine hatte einen Liebhaber. Schamlos nutzte dieser die häufige Abwesenheit ihres Mannes aus. Das bedeutete für Jean- Philippe, dass er zwei Konkurrenten hatte, was sein Vorhaben nun nicht gerade leichter machte.
Letzte Woche war er bei seinem Hausarzt gewesen und der hatte ihm beste Gesundheit bescheinigt. Dieser Quacksalber hatte doch keine Ahnung, wie es in seiner Seele aussah – dass er soviel Liebe in sich trug und dass er böse Gedanken hatte.

Los Angeles, einige Wochen früher, um Ostern, 1.37 Uhr p. m.
Detlef Mattison fühlte sich jedes Mal sehr unbehaglich, wenn er in diesem Saal saß. Noch schlimmer allerdings wurde es, wenn er voller Leute war. Der Chef von AMW-Tooling Incorporated, John M. Spiewak, stand am Rednerpult und gestikulierte wild mit seinem Laserpointer. Alles, was in der Firma Rang und Namen hatte, war hier. Mattison hatte seinen Bericht gut präpariert und bald war er an der Reihe. Sein Kollege aus China sprach von Profit und Wachstum und während dieser den Applaus für seinen Vortrag entgegennahm, machte sich Mattison auf den Weg zum Rednerpult. Seine Statistiken sahen bei weitem nicht so gut aus.

Ettlingen, zur gleichen Zeit, aber neun Stunden später.
Sabine Mattison liebte ihren Mann schon lange nicht mehr. Aufgrund seiner ständigen Abwesenheit und seiner vielen Geschäftsreisen hatten sie sich auseinandergelebt. Was sie brauchte, war ein Mann, der für sie da war und der auch ihr das Gefühl gab, sie zu brauchen. All das konnte ihr Anton geben. Sie kannten sich schon Jahre, aber ihr Verhältnis hatte erst letztes Jahr im November begonnen. Er traf sie ganz zufällig beim Joggen, als sie noch ihre alte Strecke nach Busenbach und zurück lief. Damals lief sie hinter ihm her und als der Anstieg bei den Schrebergärten kam, überholte sie ihn, drehte sich um und lächelte ihm dabei mit ihrem Speziallächeln zu, dem fast kein Mann widerstehen konnte. Detlef ärgerte sich immer sehr, wenn sie auf diese Art andere Männer anlächelte, aber damals war er gerade auf Geschäftsreise in Australien und ihr war es egal. Anton Eisinger hatte ihrem Lächeln nicht widerstehen können und musste sich ganz schön anstrengen, um wieder zu ihr aufzuschließen, doch die Mühe hatte sich gelohnt – jetzt lagen sie sich in den Armen. Detlef sollte für acht Tage auf Geschäftsreise sein. Zuerst das Headquarter in Los Angeles, eine Niederlassung in Chicago und dann noch irgendetwas in China. Ihnen konnte es egal sein. So ausgiebig hatten sie sich noch nie lieben können. Beide genossen es sehr.

Ettlinger Altstadtlauf, kurz vor 19 Uhr.
Anton Eisinger hatte sich ganz hinten eingereiht. Je nach Können und Leistungsvermögen waren die besten Läufer ganz vorne zu finden. Die Zeit würde ab dem Startschuss laufen und wenn er die Startlinie überquerte, würde er bereits mehr als 30 Sekunden auf seinem Konto haben. Das Team der Feuerwehr war ebenfalls ganz hinten zu finden. Eisinger hüpfte auf der Stelle und nahm noch einen Traubenzucker. Mehr als 1000 Läufer waren am Start und weit mehr Zuschauer standen in den Ettlinger Straßen, um den Wettlauf zu verfolgen.

19 Uhr, Startschuss.
Mattison stand am Straßenrand und schaute ungeduldig auf seine Armbanduhr. Er ärgerte sich gerade über die Unpünktlichkeit, als der Startschuss ertönte und sich die Menge in Bewegung setzte. Er hatte seinem Team 1 000 Euro Siegprämie und ein Abendessen in der Prinzenstube versprochen. Der Lauf war schon vor Jahren zu einem Prestige-Wettkampf der ansässigen Firmen geworden und so war es schon vor seiner Zeit Chefsache gewesen, das Team persönlich zusammenzustellen. Drei der fünf Läufer waren aus seiner Firma hier in Ettlingen. Zwei davon waren schon mehrmals für die AMWTooling GmbH gestartet und der Zwei-Meter-Mann hatte mit seinem 45. Platz beim letzten Baden-Marathon in Karlsruhe auf sich aufmerksam gemacht und war so ins Team gekommen. Die anderen beiden hatte er über Beziehungen engagiert.
Anton Eisinger überquerte die Startlinie und betätigte seine Stoppuhr. Ganz gerecht fand er das Zeitmessverfahren nicht, aber ihm ging es ja nicht um die Zeit, sondern ums Durchkommen. Vor ihm stolperte ein Läufer vom Team „Feuerwehr 2“ über seine eigenen Beine und Eisinger konnte gerade noch ausweichen. Die Leute am Straßenrand klatschten Applaus. Auf geht‘s! Wenn er seinen Rhythmus wie im Training beibehalten konnte, sollte das Durchkommen kein Problem sein. Er wusste, die dritte und letzte Runde würde die schwerste sein.

Zwei Wochen früher am Abend
Jean-Philippe Scholz ärgerte sich darüber, dass er diese Briefe geschrieben hatte. Er hatte versucht, ihre Beziehung zu zerstören. Aber mit anonymen Anrufen und Briefen? Nein! Die Zeit war gekommen, einen richtigen Keil zwischen beide zu treiben, und den Nebenbuhler würde er ebenfalls eliminieren. Sabine gehörte ihm, nur ihm! Dieser Mattison konnte unmöglich länger Sabines Ehemann sein. Er kümmerte sich ja so gut wie nie um dieses bezaubernde Geschöpf. Kein Wunder, dass sie sich einen anderen gesucht hatte. Aber auch Pech für diesen!
Irgendwie interessant, dachte Jean Philippe, dass seine beiden Konkurrenten in der gleichen Firma arbeiteten wie er. Dieser Mattison war sowieso unberechenbar. Seit der letzten Kündigungswelle waren alle eingeschüchtert. Auch sein Job in der Montage war keineswegs sicher. Und da kam dieser Mattison auch noch zu ihm, um ihn für den Altstadtlauf zu engagieren. Ein Wink des Schicksals. Mattison würde zwar nicht mitlaufen, dieser faule Sack, aber er würde am Straßenrand stehen, um sein Team anzufeuern. Eine kurze Berührung, ein Händeschlag musste doch ausreichen, um das tödliche Gift zu injizieren. Zuerst Mattison, dann Eisinger oder umgekehrt oder sollte er sich eine Pistole besorgen? Jean-Philippe blieb bei der Variante mit dem Pfeilgift. Schweiß rann über seine Stirn, als er nacheinander zwei Nadeln in ein kleines Glas mit Gift tauchte und sich dabei vorstellte, wie er dieses in Mattisons fetten Leib stach. Was Liebe alles bewirken kann, dachte Jean-Philippe, als er zwei weitere Nadeln für Eisinger präparierte. Er fühlte sich richtig gut.

Während des Laufs.
Sabine Mattison hatte sich irgendwo im Mittelfeld eingereiht. Sie war eine gute Läuferin und ging jeden Tag zum Laufen. Sie hatte bereits einige Läufer überholt, aber vom AMW-Tooling-Team hatte sie noch niemanden gesehen. Die mussten noch viel weiter vorne sein. Anton dagegen war weit hinter ihr und versuchte sein Tempo zu gehen. An diesem Lauf nahm er nur wegen Sabine teil. Laufen machte ihm zwar Spaß, aber aus Prinzip hasste er es, für so etwas auch noch bezahlen zu müssen. Zugleich war er aber stolz, von so vielen Leuten am Straßenrand Anfeuerungsrufe und Applaus zu bekommen.
Ein Mann mit einem Kinderwagen rannte an ihm vorbei. Was es nicht alles gibt, dachte Anton. Detlef Mattison verlagerte seinen Standort vom Start in die Altstadt, wo sein Betreuerteam eine Verpflegungsstation eingerichtet hatte. Dort gab es Wasser für die AMW-Tooling- Läufer und Bier für ihn. Bald müssten die besten Läufer die erste Runde hinter sich gebracht haben. Er hoffte, dass seine Leute mit vorne dabei waren. Bei Jean-Philippe lief es heute gar nicht gut. Die letzten zwei Tage hatte er nichts mehr essen können. Er lebte nur von Luft und Liebe, aber das war für einen Zehn-Kilometer-Lauf zu wenig. Trotzdem hatte er sein Ziel fest im Auge. Er würde Mattison seine präparierte Nadel im Vorbeilaufen injizieren. Ein „Give me five“ oder eine zufällige Berührung. Mattison würde wenig später übel werden und noch ein bisschen später tot umfallen. Ein plötzlicher Herztod kann sehr überraschend kommen.
Am Straßenrand musste sich gerade einer vom Team „Feuerwehr 2“ übergeben, der das Rennen zu schnell angegangen war. Anton Eisinger lief auf eine Ü60-Truppe auf und erkundigte sich, ob es sich bei dieser um die Führungsgruppe handelte. Da sein Witz nicht ankam, gab er Gas und demonstrierte, wie fit er war. Dieses Tempo konnte er natürlich nicht lange halten. Gleich würde er wieder sein Normaltempo laufen müssen. Sabine konnte er, das war sicher, nicht einholen.
Die ersten Läufer bogen gegenüber der Kirche in die Altstadt ein. Auf dem Marktplatz spielte eine Jazzband. Kurz vor dem Schloss wurden die Läufer auf die Start-Ziel-Gerade umgeleitet. Jean-Philippe überquerte die Alb, bald würde er an der Verpflegungsstation vorbeikommen und dann würde Mattison seine gerechte Strafe bekommen. Er befand sich bereits auf der langen Geraden. Zwei Läufer seines Teams waren bereits durch und von weitem sah Mattison unverkennbar Jean-Philippe, der kopfhoch aus der Menge ragte, näher kommen. Von ihm hatte sich Mattison eigentlich mehr erhofft. Eine Enttäuschung, aber noch war der Lauf ja nicht zu Ende. Sein Handy klingelte. Mattison griff nach ihm und schrie hinein. Er konnte kaum etwas verstehen und lief in eine Seitengasse. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Eine Videokonferenz mit dem Headquarter in Los Angeles. Er musste dringend in seine Firma. Er sah Jean-Philippe am Erfrischungsstand vorbeilaufen. Ihre Augen trafen sich kurz und Mattison dachte für einen Moment, der Hüne würde zu ihm abbiegen. Jean-Philippe hätte das auch fast gemacht.

Er war jetzt leicht aus dem Konzept geraten und versuchte nachzudenken. Würde er Mattison in der nächsten Runde erwischen?
Sein Plan war durcheinandergeraten, dann fiel ihm Eisinger ein, der je nach Betrachtungsweise entweder vor oder hinter ihm sein musste. Jean-Philippe konnte also entweder versuchen, richtig durchzustarten, um Eisinger einzuholen, oder sich so weit zurückfallen lassen, dass Eisinger ihn ein- und überholen konnte. Er entschied sich dafür, sein Tempo zu drosseln. Verärgert musste er feststellen, von wem er nun alles überholt wurde. Der Vorjahressieger der Ü60 lief mit langem Schritt an ihm vorbei. Er fühlte sich gedemütigt, allerdings diente es einem Zweck.
Sabine Mattison hatte sich an eine Gruppe vom Tennisclub gehängt, die ungefähr ihr Leistungsvermögen hatte. Sie überholten den Zwei- Meter-Mann vom Team AMW-Tooling und Sabine überlegte, woher sie diesen Mann kannte, der Mitarbeiter ihres Mannes war. Von der Firma sicher nicht. Sie blickte sich kurz um und dann fiel ihr es wieder ein. Vom Laufen um den Horbach-See. Dieser Riese war dort häufig anzutreffen und stets in einem unglaublichen Tempo unterwegs. Heute schien er nicht so gut drauf zu sein. Vielleicht etwas Falsches gegessen, dachte Sabine. Eisinger holte sich am Stand einen Becher mit Wasser. Er fühlte sich gut und hatte seinen Rhythmus gefunden. Gleich würde er die erste Runde absolviert haben. Er schaute auf die Uhr – alles o. k. Hoffentlich würde Sabine seine Bemühungen zu schätzen wissen. Er überholte den Riesen vom AMW-Tooling-Team. Unmöglich, dass dieser schon in der zweiten Runde war. Da hätten sie ja ihn engagieren können. Jean-Philippe beschleunigte seinen Schritt und steuerte auf Eisinger zu. Zwischen ihnen befand sich ein tapferer Feuerwehrmann. Jean-Philippe hatte den Tunnelblick. Ein wild gewordener Kinderwagen-Jogger wollte sich zwischen Jean-Philippe und dem Feuerwehrmann einordnen, erwischte aber dessen Ferse. Dieser stolperte nach rechts und prallte mit Jean-Philippe zusammen. Jean- Philippe kam aus dem Gleichgewicht und stürzte recht unkontrolliert und äußerst unsanft zu Boden. Er spürte einen leichten Stich in seinem rechten Oberschenkel. Dort hatte er sich selbst die Nadel gesetzt. Aber noch viel schlimmer schmerzte sein linkes Bein. Es dauerte nicht lange, da kamen zwei Sanitäter, um ihm zu helfen. Was war mit dem Mann los? Jean-Philippe schwitzte, wie er noch nie geschwitzt hatte. Er sah sein Ende kommen.

Zwei Wochen früher.
Jean-Philippe musste wissen, ob das Pfeilgift auch wirken würde, und er hatte zwei vortreffliche Versuchskaninchen gefunden. Max und Moritz, das Katzenpärchen der Mattisons. Moritz hatte bereits seine Testinjektion bekommen und sich mit einem leisen „Miau“ aus der hiesigen Welt verabschiedet. Jean-Philippe kraulte den kleinen Max, der nicht zu begreifen schien, dass auch er sich am Ende seines letzten Lebensabschnittes befand. „Schau, was der Onkel hat.“ Jean- Philippe setzte die kleine Nadel an und injizierte das Gift. Max, der kleine Kater, schaute verzweifelt, wollte instinktiv flüchten und sprang vom Tisch. Doch bevor er auf dem Boden aufkam, war er seinem Brüderchen in den Katzenhimmel gefolgt. „Mes chats? Hallo, lebt ihr noch?“ Jean-Philippe hob den toten Kater hoch, um ihn zu betrachten. Er legte ihn neben Moritz. Es bestand kein Zweifel, das Gift hatte gewirkt. Das hätte er nun wirklich nicht geglaubt, dass man so etwas im Internet ersteigern könnte. Er verpackte beide Katzen in einer Plastikfolie und warf sie in die Mülltonne.

Während des Laufs
Anton Eisinger hatte zwar mitbekommen, dass etwas Ungewöhnliches passiert war, hatte aber festgestellt, dass sich schon zahlreiche Zuschauer um die Verunglückten kümmerten, und so konnte er seinen Lauf ungehindert fortsetzen. Jetzt befand er sich in der dritten Runde. Die Schnellsten waren bereits seit einigen Minuten im Ziel. Aber die Zuschauer harrten noch für die Letzten aus. Sabine Mattison lief ihre Bestzeit und wartete erschöpft auf Anton, der einiges später ankam. Er freute sich schon auf die Belohnung. Insgesamt gab es beim Lauf 15 Ausfälle, wobei es den Riesen vom AMW-Tooling-Team am schlimmsten getroffen zu haben schien. Sanitäter konnten bei ihm zwar nur eine Verstauchung feststellen, aber der Mann weinte und schrie, er müsse sterben. Da er in seiner Panik so wild um sich geschlagen hatte, musste man ihn festbinden und er wurde nach Karlsruhe in die Klinik gebracht. Sein Todeskampf war rein psychischer Natur, denn das Gift war zu schwach und verursachte nur eine kleine Schwellung. Das Team der AMW-Tooling GmbH wurde Dritter in der Gruppenwertung, noch vor dem Team „Feuerwehr 2“, und hatte den internen Firmenwettbewerb erneut für sich entscheiden können.

Einige Zeit später.
Nirgends konnte Anton besser abschalten als beim Laufen. Am Wochenende lief er immer mit Sabine an der Alb entlang in Richtung Busenbach. Detlef Mattison war für zehn Tage auf Geschäftsreise in China und Australien. Sabine und Anton liefen den langen Anstieg an den Schrebergärtchen vorbei. Als sie oben waren, sahen sie schon von weitem einen sehr großen Mann auf sie zulaufen …