Im Zeichen des fünften Elements

Autoren: Mutschler, Jessica & Hartmann, Nina

Ich hörte die quietschenden Reifen seines BMW Z4 vor meinem Wohnzimmerfenster. Leicht genervt über seine angeberische Geste verdrehte ich die Augen, schnappte meine Reisetasche und lief das Treppenhaus hinunter auf die Straße. Er stand auf der anderen Straßenseite und hielt mir den Kofferraum auf. Schon während ich über die Straße lief, meckerte ich: „Wenn du mir schon den Kofferraum aufhältst, könntest du auch meine Tasche einladen!“ Seufzend wollte er nach meiner Reisetasche greifen, doch ich zog sie schnell weg.
„Also, das kann ich jetzt auch selber machen, Lucas.“ Eigentlich nannten ihn immer alle Luc, doch wenn ich sauer oder genervt war, sagte ich Lucas, weil ich wusste, dass es ihn ein bisschen ärgerte. Dann hievte ich mein Gepäck in den Kofferraum. Er schmunzelte und meinte: „Steig endlich ein!“ Wir fuhren bei Freiburg auf die A 5. Von da an waren wir nur noch auf der linken Spur unterwegs. Irgendwann wandte ich meinen Blick von der Fahrbahn und schaute ihn von der Seite an. Er war ein Mann von 30 Jahren. Genau genommen 27, wie ich wusste, denn an diese Party vor einigen Wochen konnte ich mich noch lebhaft erinnern. Dies hatte ich vor allem meinem Kater am Morgen danach zu verdanken. Luc hatte sich seine blonden, kurzen Haare gestylt und der Anzug, den er trug, stand ihm gut, auch wenn ich ihn in seinen normalen, sportlichen Klamotten lieber mochte. Er bemerkte meinen Blick und sah mich aus den Augenwinkeln an.
„Was ist?“, fragte er. „Wo fahren wir noch mal hin?“, wich ich ihm aus. „Wir fahren ins Karlsruher Schloss, dort findet eines dieser langweiligen Bauunternehmertreffen statt. Und ich habe dich, liebe Leonie, mitgenommen, damit du mich unterhältst“, beantwortete er auch noch gleich meine zweite Frage.
Ich klappte meinen Mund wieder zu und warf ihm dafür einen „Das-sieht-dir-wieder-mal-ähnlich-Blick“ zu. Der Rest der Fahrt verlief weitgehend schweigend, da er sich auf die Fahrt konzentrieren musste.
An der Ausfahrt Karlsruhe-Durlach verließen wir die Autobahn, fuhren an einem Möbelgeschäft vorbei und folgten der Straßenbahnlinie.
Dann sahen wir auch schon durch die Seitenstraßen das Schloss. In eine der Straßen bogen wir ein und fuhren dann auf das große Schlosstor zu. Dort empfing uns schon ein Pförtner, der uns öffnete und uns zu einem freien Parkplatz wies. Wir parkten bei den anderen Autos zwischen einem Honda Civic und einem Mercedes SLK 350. Wir stiegen aus, nahmen unser Gepäck und schritten über den Kiesweg zum Eingang. Luc hielt mir die schwere Türe auf und wir traten ein. Kaum standen wir in der Eingangshalle, kam uns auch schon eine mollige Frau mit einer Schürze um den Bauch entgegen. Sie wirkte nicht besonders freundlich, als sie uns zur Begrüßung die Hand schüttelte und die Schlüssel für unsere Zimmer überreichte.
„Wenn Sie Ihr Gepäck abgeladen haben, kommen Sie in den Raum hier links.“ Danach stapfte sie zurück in die Küche, wo wir sie laut mit Geschirr scheppern hörten. Ich hatte das Zimmer Nummer 108, genau neben Lucs Zimmer (107). Der Raum war hell und freundlich eingerichtet. Links war ein kleines Bad und vor der Fensterfront, die eine herrliche Aussicht auf den Schlosspark bot, stand ein Doppelbett. Ich ließ mich auf die Tagesdecke fallen, schaute an die Decke und freute mich schon auf die kommenden Stunden. Auch wenn ich Luc nicht abgenommen hatte, dass er mich nur zur Unterhaltung mitgenommen hatte. Ich rätselte über den wahren Grund und entschied mich zwischen nervigem Ausquetschen und einfachem Abfüllen, als es an die Tür klopfte und Luc hereinschaute. Er machte die Tür ganz auf und kam herein. „Bist du fertig?“, fragte er.
Ich wollte gerade antworten, da ging die Zimmertür gegenüber auf und ein weiterer Gast trat heraus. Er hielt kurz inne und rief: „Luc? Bist du das?“ Luc drehte sich um. Er grinste und begrüßte den braungebrannten Mann. „Nico! Lange nicht mehr gesehen. Wie geht’s dir? Darf ich dir meine Begleitung vorstellen? Das ist Leonie.“ Ich stand auf und ging zu ihnen. Nico hielt mir seine Hand hin und ich schüttelte sie höflich. „Freut mich, Sie kennen zu lernen.“
Danach gingen wir zusammen runter in den Raum, in den uns die Haushälterin gewiesen hatte. Dort warteten schon die vier restlichen Gäste mit Sektgläsern in der Hand. Luc und Nico wurden von den anderen drei Herren freundschaftlich begrüßt. Es schien, dass sie sich schon lange kannten. Die vierte Person war eine schwarzhaarige, zierliche Frau. „Darf ich euch Leonie vorstellen? Sie ist meine Begleitung“. „Ach was! Du bist auch schon vergeben?!“, tönte es von einem dunkelblonden, mittelgroßen Herren in einem roten Ohrensessel. Er trat vor und streckte mir seine Hand entgegen. Sofort schlug mir der Zigarettenrauch entgegen. Auch die Rolex an seinem Handgelenk fiel mir sofort ins Auge. „Ich bin Christian Eichner. Du darfst mich aber gerne Chris nennen.“ „Chris! Machst du dich hier etwa an Lucs Freundin ran?“, rief ein weiterer Mann. Scheinbar betrachteten mich hier alle als Lucs Freundin. Ich fragte mich, ob Luc ihnen das erzählt hatte. Der Sprecher wurde mir als Florian Stoffeldt vorgestellt. Der letzte Gast im Raum hieß Dean Carnell. Er saß mit seiner Verlobten Victoria auf einer schwarzen Ledercouch. Luc erzählte mir, dass sie sich alle schon seit ihrer Schulzeit kannten. Jeder von ihnen war Leiter eines eigenen Bauunternehmens, das sie von ihren Vätern geerbt hatten. Die einzige Ausnahme war Nico, der seine Firma selbst aufgebaut hatte. In diesem Moment kam die Haushälterin herein und drückte Luc, Nico und mir jeweils ein Sektglas in die Hand. „In einer halben Stunde gibt es Abendessen im großen Saal“, verkündete sie noch. „Mann! Ist die gruselig!“, kam ein Kommentar von Florian, nachdem sie außer Hörweite war. „Schatz, ich bin müde; ich würde mich gerne noch etwas hinlegen. Kommst du mit hoch?“, meinte Victoria zu Dean. Die beiden standen auf und machten sich auf den Weg in ihr Zimmer, das in einem anderen Teil des Schlosses lag. Als Chris dann draußen eine rauchen gehen wollte, gingen auch wir.

Ich lief Richtung Eingang, wo dieser Möchtegern-Bauunternehmer stand. Mir war es egal, wer von diesen Idioten zuerst dran glauben würde, doch er hatte sein Schicksal nun selbst gewählt und besiegelt. Ich huschte in den Schatten der Bäume, bevor er mich sehen konnte, und beobachtete ihn von dort aus heimlich. Meine Hände zitterten unkontrolliert vor Anspannung. Endlich würde ich meine Rache bekommen. Zu lange hatte ich auf diesen Augenblick warten müssen. Ich würde mich für alles rächen, was sie mir angetan hatten, und genau auf die gleiche Weise. Zu meinem Glück zündete er sich noch eine zweite Zigarette an, sonst hätte ich meine Chance verpasst. Kurz bevor er fertig geraucht hatte, rief ich: „Entschuldigen Sie, könnten Sie mir kurz helfen?“ und trat aus den Büschen hervor.

Da ich mich vor dem Abendessen noch duschen und umziehen wollte, ging ich in mein Zimmer und befahl Luc, draußen zu bleiben. Nachdem ich fertig geduscht hatte, zog ich mir eine etwas elegantere Jeans und eine weiße Bluse an und machte mich daran, meine Haare zu fönen. Bis diese allerdings trocken waren, war über eine Stunde vergangen. Ich überprüfte vor dem Spiegel an der Garderobe noch einmal mein Aussehen. Plötzlich öffnete sich die Tür und Luc trat mit einem Pfeifen ein. „Schick, schick!“, kam es von ihm. Ich schaute ihn skeptisch an. „Ist die Dame bereit zu gehen?“, fragte er mit einem bedeutungsvollen Blick auf die Uhr. Ich sparte mir einen Kommentar und folgte ihm aus dem Zimmer. Als wir im Speisesaal ankamen, waren bereits alle bis auf Chris da. Wie ich mir schon gedacht hatte, waren Victoria und ich die einzigen, die sich umgezogen hatten. Luc und ich setzten uns nebeneinander an den Tisch, gegenüber von Victoria und Dean. Kaum saßen wir, kam die Haushälterin mit einem großen Topf herein und fragte: „Sind nun alle da?“ Dann füllte sie, ohne eine Antwort abzuwarten, jedem Suppe auf seinen Teller. „Fehlt nicht noch einer?“, bemerkte Victoria. „Der Raucher … dieser … ähm, wie hieß der noch – ach ja, Chris.“ Der männliche Teil am Tisch grinste. „Hoffentlich ist er nicht schon wieder beim Duschen eingeschlafen!“, meinte Florian scherzhaft, was der Rest noch lustiger fand. Dean ließ sich zu einer Erklärung herab, da Victoria, Nico und ich es natürlich nicht verstanden: „Das ist ihm einmal passiert, als unsere Väter uns vier zu einem ähnlichen Treffen mitgenommen haben.“
Jetzt ließ auch ich mich zu einem kleinen Schmunzeln hinreißen. „Ihr vier?“, fragte Victoria verwundert. „Ja“, antwortete Dean „wir kennen uns zwar alle schon seit dem Kindergarten, aber Nico ist erst später in das Geschäft eingestiegen“. Dann löffelten wir unsere Suppe.
„Was machst du eigentlich so?“, fragte mich Florian, während die Haushälterin die Suppenteller abräumte. „Ich studiere Biologie. Ich habe ein Jahr unterbrochen, weil ich im Ausland war.“, antwortete ich und lud mir etwas Salat auf den Teller. Wir unterhielten uns den ganzen Abend beim Essen, doch Chris tauchte nicht mehr auf, vielleicht war er ja tatsächlich eingeschlafen.
Als das Dessert kam, stand Nico auf und verkündete: „Ich gehe jetzt doch mal nachsehen, wo er steckt. Er verpasst ja den ganzen Abend.“ Nach einigen Minuten kam er wieder herein – ohne Chris. „Auf seinem Zimmer war er nicht“, sagte er, noch bevor jemand fragen konnte. „Wir sollten noch draußen nach ihm suchen gehen“, meinte er, „kommt jemand mit?“ Da wir anderen auch schon fertig waren mit dem Dessert, gingen wir mit nach draußen. Mittlerweile war es dunkel und bedenklich kühler geworden. Wir verteilten uns im ganzen Schlossgarten und riefen vergeblich nach ihm. Ich stand gerade unter einer dichten Baumgruppe und versuchte in der Finsternis etwas zu erkennen, da durchdrang plötzlich ein lautes Knacken die Stille. Ich fuhr erschrocken herum und starrte auf den Busch hinter mir, doch nichts rührte sich.
„Hat irgendjemand ihn gefunden?“, schallte Nicos lautes Rufen zu mir herüber. Ich löste mich aus meiner Erstarrung und lief in die Richtung, aus der Nicos Stimme kam. Als ich ihn gefunden hatte, waren auch die anderen bereits bei ihm. Keiner hatte Chris gefunden. Da kam Florian eine Idee: „Wir könnten ihn doch auf seinem Handy anrufen. Als erfolgreicher Geschäftsmann müsste er es immer bei sich haben.“ Er wählte schnell Chris’ Nummer und tatsächlich fing in der Baumgruppe neben uns gedämpft ein Handy an zu klingeln. Geschlossen rannten wir in die Richtung des Tones. In der Dunkelheit erkannten wir kaum, wohin wir rannten. Nach einigen Metern hörte ich hinter mir Dean stolpern und im gleichen Moment schrie Victoria entsetzt auf. Ihr Schrei hallte durch den ganzen Park. Sofort blieben wir stehen und drehten uns um. Dean rappelte sich gerade wieder auf und Victoria starrte auf das, worüber er gestolpert war.
Aus dem Boden ragte ein bleicher Arm. Mir gefror das Blut in den Adern, als ich darauf herabsah. Dean und Victoria waren einige Schritte zurückgewichen und sie klammerte sich ängstlich an ihrem Verlobten fest. Ich war die erste, die sich wieder bewegen konnte. Ich schritt langsam und vorsichtig auf den Arm zu. Sofort fiel mir die Rolex am Handgelenk ins Auge. Kein Zweifel. Es war Chris´ Uhr. Ich wollte ihm die Uhr abnehmen, um den Puls zu fühlen, doch noch bevor ich sie losgemacht hatte, spürte ich, dass es hoffnungslos war. Seine Hand war bereits kalt. Zu spät!“, sagte ich mit erstickter Stimme zu den anderen. Ich sah, dass Lucs Gesicht sich leicht verzerrte. Ich versuchte Tränen zu unterdrücken. Eigentlich hatte ich mich auf ein schönes Wochenende gefreut, doch das entsprach nun ganz und gar nicht meiner Vorstellung. „Was ist das?“, fragte Florian zaghaft und deutete auf einen weißen Zettel, der neben dem Arm auf dem Boden lag und schwach das Mondlicht reflektierte. Ich hob den Zettel vorsichtig auf. Er war mir vorhin gar nicht aufgefallen. Ich faltete das Stück Papier auf. Darauf war mit schwarzer Tinte Folgendes geschrieben:

Einer von euch wird das Licht nicht mehr sehen,
weil er bald den Boden unter den Füßen verlieren wird.
Gezeichnet
Das fünfte Element

Wir sahen uns verständnislos an. Keiner hatte den rätselhaften Text auf dem Papier verstanden, aber eines war uns allen klar: Diese Nacht war noch lange nicht zu Ende.
„Ich will hier nicht mehr bleiben“, wimmerte Victoria ängstlich.
„In Ordnung. Lasst uns zurück ins Schloss gehen“, flüsterte Dean. „Ich denke, wir sollten lieber die Polizei rufen und sofort von hier verschwinden“, widersprach Luc. Keiner hatte etwas dagegen einzuwenden. Wir machten uns auf den Weg zurück zum Schloss, um unsere Sachen zu packen und der Haushälterin Bescheid zu sagen. Als wir durch die Tür traten, kam sie uns schon entgegen. Sie sah uns an, dass etwas nicht stimmte. Doch bevor sie fragen konnte, hatte Luc schon gesagt: „Einer von uns wurde heute Nacht da draußen ermordet. Wir holen unsere Sachen und verschwinden dann. Das sollten Sie übrigens auch besser tun.“ Sie wurde bleich um die Nasenspitze. Wir gingen die Treppe nach oben.
„Wir treffen uns am runden Brunnen wieder“, organisierte Nico. Wortlos taten wir, was er gesagt hatte; an der Treppe trennten wir uns, denn einige hatten ihre Zimmer im Ostflügel. Auch ich ging in mein Zimmer und packte meine Kleidung ein. Hätte ich sie doch bloß gar nicht erst ausgepackt. Im Zimmer gegenüber werkelte auch Nico. Nachdem ich meine Utensilien aus dem Bad geholt hatte, schlüpfte ich in eine wärmere Jacke und stellte mich in den Flur zwischen den Zimmern, wo auch schon Luc und Nico warteten. Schweigend gingen wir die Treppe herunter, nur unsere Schritte hallten durch den Korridor. Die Mienen meiner beiden Begleiter waren angespannt.
Als wir die Eingangstür öffneten, sahen wir auch schon Victoria, die allein am Brunnen saß und ängstlich umher blickte. Sie fuhr auf, als sie uns kommen sah. „Wo ist Dean?“, fragte Nico alarmiert. „Er war noch nicht fertig. Aber er hat gesagt, er kommt gleich nach.“ Sie zuckte nervös mit den Schultern. Wir setzten uns zu ihr auf den Rand des Brunnens und schauten in den Himmel. Es waren inzwischen dicke Wolken aufgezogen und eine kühle Brise fegte durch den Garten. Der Turm erhob sich finster über dem Schloss. Es würde sicher noch ein Gewitter geben. Die Haushälterin war mittlerweile auch hinzugekommen, mit nicht mehr Gepäck als einer kleinen Handtasche. In diesem Moment kam auch Dean mit seiner Sporttasche zu uns herübergelaufen. Jetzt fehlte nur noch Florian.
Plötzlich zuckte ein Blitz über den Himmel. Erschrocken wandten sich alle Blicke empor. Alle erstarrten, das Bild, das sich uns vom Turm bot, hatte sich in unsere Netzhaut gebrannt. Kurz unter der Aussichtsplattform baumelte ein menschlicher Körper! Die Gliedmaßen hingen schlaff herab und der Wind bewegte die Gestalt sachte hin und her. Victoria stieß einen gellenden Schrei aus, riss sich panisch aus Deans Umarmung los und rannte mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen in Richtung Schlosstor davon.
Fast gleichzeitig sprang auch Luc auf und machte sich zurück zum Schloss auf. Doch ich hielt ihn zurück, denn im selben Moment rannten Dean, Nico und die Haushälterin Victoria hinterher.
„Wir dürfen uns jetzt nicht trennen!“, redete ich eindringlich auf ihn ein und zog ihn mit zu den anderen. Victoria war nun bereits am Tor und rüttelte verzweifelt daran. Es war geschlossen. „Der Pförtner muss es schon abgeschlossen haben“, ließ sich die Haushälterin vernehmen. Ihre Wangen waren aschfahl geworden. Dean war es endlich gelungen, Victoria halbwegs zu beruhigen, so dass sie nicht mehr wie besessen am Tor rüttelte.
„Bevor wir jetzt alle durchdrehen, sollten wir erst einmal auf den Turm gehen und nachsehen, was passiert ist“, schlug Luc ruhig vor. Es war erstaunlich, wie er so ruhig bleiben konnte. Denn auch ich spürte langsam Panik in mir aufsteigen. Doch im Moment war es tatsächlich das Beste, was wir tun konnten. Also gingen wir zusammen, wieder mit unseren Sachen, zurück ins Schloss.
Wir gingen in das gemütliche Zimmer, in dem wir uns am Mittag vor all diesen schrecklichen Ereignissen aufgehalten hatten. Luc brannte darauf, auf den Turm zu steigen und nach Florian, um den es sich wohl handeln musste, zu schauen. Auch wenn es unwahrscheinlich war, den Mörder noch zu erwischen. Er fragte herum, doch ich war die einzige, die sich bereit erklärte, mit hinauf zu steigen.
Auf dem Weg sagte keiner von uns ein Wort, nur unseren schnellen Atem hörte man, als wir uns an den Aufstieg machten. Oben angekommen öffneten wir die Türe und traten auf die Plattform hinaus. Das Gewitter war inzwischen in einen heftigen Regenguss übergegangen. An einer Stange des Geländers war ein dickes Seil festgebunden, an dem Florians toter Körper hing.
Luc fasste das Seil und versuchte, ihn hochzuziehen. Das schlüpfrige Seil rutschte ihm allerdings immer wieder durch die Hände. Ich sah einen verzweifelten Ausdruck in seinen Augen. Sanft legte ich ihm die Hand auf die Schulter und redete beruhigend auf ihn ein: „Komm, lass es, Luc. Wir rufen die Polizei, die wird sich darum kümmern.“Er drehte sich zu mir um und Tränen standen in seinen blauen Augen. „Warum er?“ Seine Stimme klang matt. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte oder wie ich ihn trösten konnte. Verlegen sah ich zur Seite, das Seil hinab. Da fiel mir ein Zettel ins Auge, der am Seil hing. Vorsichtig beugte ich mich über das Geländer und griff nach dem Stück Papier. Es ließ sich leicht lösen. Luc schaute mir interessiert über die Schulter.

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