Der Windsorknoten

Autor: Mummert, Claudia

Der Regen prasselte auf das Kopfsteinpflaster und bildete kleine Kronen aus Spritzwasser, das im Licht der wenigen Straßenlaternen an der Durlacher Stadtmauer silbern aufblitzte, so dass kleine Lichtermeere auf dem Gehweg entstanden. Es hätte ein schöner Anblick sein können, doch bei solch einem Wetter hat selten jemand einen Blick für das Schöne. Blitze flammten am Himmel auf, erhellten kurzfristig die Häuserfronten und ein Spiel aus Licht und Schatten verlieh der kleinen Gasse eine unheimliche Note. Das kurz darauf folgende Donnergrollen, das sich scheinbar genau hier zwischen den Häusern hindurchschob, verstärkte den beklemmenden Eindruck. Das Klappern ihrer schnellen Schritte wurde zusätzlich gedämpft durch das laute Geräusch der Wassermassen, die sich trommelnd auf den Dächern sammelten und dann rauschend durch die Dachrinnen und die Fallrohre zwängten. Gisela Reimers lief zügig zwischen den Häusern hindurch, den Kopf eingezogen und durch einen Regenschirm geschützt. Der restliche Körper aber war dem vom Wind gepeitschten Regen ausgesetzt, so dass ihre Kleidung bis weit über ihre ausladenden Hüften durchnässt war. Sie konnte den Schatten hinter sich weder sehen noch hören, der ihr geduckt und in gleichbleibendem Abstand schon seit einiger Zeit folgte. Ihre Nachtschicht bei der Post hatte um 5 Uhr geendet und sie war auf dem Heimweg. Zuhause würde sie ihrem Mann Frühstück machen, die Vesperdosen ihrer Kinder für die Schule richten und sich dann, wenn alle aus dem Haus waren, für ein paar Stunden hinlegen, wie sie es bereits seit ein paar Jahren tat, seit sie sich mit dem Eigenheim in der Jägerstraße überschuldet hatten.

Sie hatte nicht mehr allzu weit, nur noch zwei Straßenecken. Die ihr folgende Gestalt verringerte den Abstand. Jetzt könnte Gisela die Bedrohung sehen, wenn sie sich nur umdrehte. Aber das Gewitter lenkte sie zu sehr ab. Sonst war sie vorsichtiger, vor allem in solch unruhigen Nächten wie dieser. Jeder Blitz und der darauf folgende Donner ließen sie zusammenfahren.

Als sie die Schritte hinter sich endlich vernahm, war es schon zu spät. Sie wollte sich umdrehen, aber sie wurde bereits von hinten an den Haaren gepackt. Vor Schreck fiel ihr der Schirm zu Boden und drehte sich auf der Spitze wie ein Kreisel, bis er von ihren sich verzweifelt wehrenden Füßen eingeknickt wurde. Sie versuchte sich zu befreien, doch der feste Griff in ihrem langen, schwarzen Haar zog sie rückwärts zu Boden. Sie spürte die ausreißenden Haarsträhnen, die sich schmerzhaft von ihrer Kopfhaut lösten, bei jedem Versuch, sich drehen oder wenden zu wollen. Sie versuchte sich an den Selbstverteidigungskurs zu erinnern, den sie vor Jahren auf Anraten ihres Mannes in der damals noch in Durlach ansässigen Polizeischule besucht hatte. Sie wollte den Angreifer sehen, um einen Angriffspunkt finden zu können, aber der feste Zug nach unten hinderte sie daran, so dass sie vergeblich versuchte, ihr Haar festzuhalten. Mit einem dumpfen Schlag fiel sie auf den harten, kalten und nassen Steinboden. Den Schmerz der aufplatzenden Kopfhaut beim Aufprall bemerkte sie nicht. Endlich konnte sie ihren Angreifer sehen. Es war ein großer, dicklicher Mann mit Halbglatze und Brille, die auf einer knolligen, rot geäderten Nase saß. Er trug einen dunklen Lodenmantel, der bis zum obersten Knopf geschlossen war und dessen Kragen zum Schutz vor dem Regen aufgestellt war. Sie kannte den Mann nicht, hatte ihn nie zuvor gesehen. Es konnte nur eine Verwechslung sein oder ein böser Traum, aus dem sie doch hoffentlich gleich erwachen würde. Sie versuchte zu schreien, doch es wurde nur ein leises Ächzen, das in dem Rauschen des nahen Gullydeckels unterging. Sie versuchte sich aufzurichten, doch ihr Angreifer hatte sich auf sie gesetzt, packte sie bei den Handgelenken und stieß sie mit seinem ganzen Körpergewicht wieder zurück auf das Kopfsteinpflaster. Er blickte ihr direkt in die Augen, sie konnte den blanken Hass in seinem Gesicht sehen und ihr wurde klar, dass das hier keine Verwechslung war. Er wollte sie, warum auch immer. Er zog etwas aus seiner Manteltasche und da wurde ihr klar, dass es nur der seit Monaten gesuchte Frauenmörder aus der Region sein konnte. Sie hatte von ihm im Wochenblatt „Boulevard Baden“ gelesen, das jeden Sonntag in der Tür steckte. Er ermordete ausschließlich dunkelhaarige Frauen mittleren Alters, indem er sie bei Nacht mitten in der Stadt auf offener Straße zu Boden riss und sie mit einer Krawatte erwürgte. Die Krawatte band er anschließend fein säuberlich zu einem Windsorknoten, was ihm den Namen „Windsorkiller“ eingebracht hatte. Bisher gab es fünf Opfer im Karlsruher Raum, aber in Durlach hatte er bisher noch nicht zugeschlagen, was sie so leichtfertig bei der Wahl ihres Heimweges sein ließ. Es hätte sicherere Strecken von der Post zur Jägerstraße gegeben. Was hatten sie alles in „Boulevard Baden“ geschrieben. Ratschläge, wie man sich schützen konnte, Tipps für den sicheren Heimweg. Panisch wurde ihr klar, dass sie keine Chance gegen diesen Psychopathen haben würde. Sie dachte an ihre beiden Kinder und ihren Mann zuhause, die nichtsahnend in ihren Betten lagen und schliefen. Stille Tränen rannen über ihre Wangen bei dem Gedanken an ihre Familie, die sie nie wiedersehen würde. Und schon schmiegte sich die Krawatte um ihren Hals, wie eine Schlange. Ein leises, unheimliches Lachen ertönte, wie von einer Hexe aus einem Märchen. Gisela schloss die Augen und wartete auf den schrecklichen Moment, in dem die Schlinge zugezogen wird und die Luftröhre keinen Atemzug mehr in die Lungen vordringen ließ. Gisela hörte einen dumpfen Schlag, spürte aber keinen Schmerz und öffnete die Augen. Der Angreifer hatte den Kopf schräg gelegt, blickte sie fragend von der Seite an und schien zu überlegen. Der Gesichtsausdruck erinnerte sie an Kevin Spacey, der den fanatischen Mörder in dem Film „Sieben“ gespielt hatte. Der Mann mit dem teigigen Gesicht sah sie ausdruckslos an, so, als blicke er durch sie hindurch.

Da folgte noch ein dumpfer Schlag und Gisela sah seinen Kopf zur Seite wirbeln. Blut rann aus seinem linken Ohr und bildete ein bizarres Muster auf seiner mit Bartstoppeln übersäten Wange. Der Schlag musste ihn heftig getroffen haben, denn er gab einen langgezogenen Schrei von sich, wie ein wildes Tier. Er schlug seine Hände vors Gesicht und begann zu wimmern, während er zur Seite kippte und zusammengekauert auf dem Gehweg liegenblieb. Gisela konnte sich nicht bewegen, zu sehr steckte ihr der Schock noch in den Gliedern.

Der Mann am Boden stieß unartikulierte Laute aus, die seinen Hass und die aufkeimende Wut erkennen ließen. Gisela suchte mit den Augen nach dem Verursacher der Schläge und sah eine schlanke, zierlich wirkende junge Frau mit blondem Pferdeschwanz, die mit dem Fuß ausholte und mit aller Kraft zutrat. Sie traf ihn mit der Spitze ihrer festen Lederhalbschuhe am Brustkorb. Obwohl der Tritt durch seine Armhaltung etwas gedämpft wurde, jaulte er auf. Giselas Blick traf den seinen und er lächelte sie aus blutunterlaufenen Augen an. Er flüsterte ihr zu: „Ich krieg’ dich.“ Ein Schauer durchlief ihren Körper. Der nächste Tritt traf ihn seitlich am Kopf, und ein weiteres feines Rinnsal aus Blut, diesmal vom Mundwinkel, vermischte sich mit dem Regenwasser. Er lächelte noch immer. Die beherzte junge Dame holte ein drittes Mal aus, wurde aber abrupt zurückgerissen. „Sofort aufhören. Sie sind verhaftet.“ Blitzschnell drehte sie sich um und stand in einer Kampfposition da, wie Gisela sie nur aus dem Fernsehen kannte. Da stand ein Polizist, die rechte Hand auf dem geöffneten Pistolenhalfter, in der Linken ein Funkgerät. „Aber er, er hat mich doch ... sie wollte doch nur ... er ist der ...“, schrie Gisela, die endlich zu einer Regung fähig war, aber noch immer am Boden lag und vor lauter Aufregung keinen vollständigen Satz zustande brachte. Das kampfbereite Fräulein machte einen Schritt vorwärts und wollte etwas sagen, worauf der Wachtmeister die Pistole zog. „Hände hoch und keine Bewegung mehr. Und Ihnen habe ich schon einen Krankenwagen gerufen“, fügte er in beruhigendem Ton hinzu, doch der Ordnungshüter hatte nicht mit Gisela gesprochen, sondern sein Blick ruhte auf dem zusammengekauerten Bündel, das neben ihr wimmernd am Boden lag. Während er Giselas Retterin weiter mit der Waffe in Schach hielt, meldete er über Funk einen gewaltsamen, vermutlich gescheiterten Raubüberfall mit Verhaftung der Täterin.

Gisela traute ihren Ohren nicht und versuchte, dem Gesetzeshüter, der sie doch beschützen und den vermeintlichen Serienmörder dingfest machen sollte, die Lage der Dinge zu erklären. Mit weinerlicher Stimme sagte sie: „Aber er hat doch mich angegriffen. Er ist der ...“ Er unterbrach sie schroff: „Nichts aber. Ich habe Sie lange genug beobachtet. Ich habe genau gesehen, wie Ihre Freundin hier auf den wehrlosen Mann eingetreten hat, der sich bereits am Boden krümmte. Ich kenne solche Frauen, wie Sie. Machen den ganzen Abend die Männer an, lassen sich von ihnen aushalten und auf dem vermeintlichen Heimweg schlagen sie die überraschten Gönner nieder und rauben sie aus. Sie kommen mit aufs Revier. Und für Sie ist Hilfe ...“ Er erstarrte und blickte sich suchend um. Die beiden Frauen sahen sofort die Ursache für seine Verwirrung. An der Stelle, an der eben noch das gekrümmte Häufchen Elend gelegen hatte, war nichts mehr als eine kleine blutige Pfütze. Sie sahen sich in alle Richtungen um, doch von dem Mann im Lodenmantel war nichts mehr zu sehen. Er war still und heimlich verschwunden, während der Polizist den Frauen seinen Standpunkt klargemacht hatte.
„Sie Idiot, “ schrie die Blondine ihn an. „Jetzt ist er weg. Das war der Frauenmörder. Ich hatte ihn bereits und Sie lassen ihn einfach laufen, weil Sie meinen, ich sei eine, eine ... ach, das darf doch alles nicht wahr sein.“ Sie stampfte mit dem Fuß auf und bespritzte den Uniformierten mit einem Schwall Regenwasser aus der Pfütze. Durch die erneute Bedrohung straffte er seinen rechten Arm und hielt die Pistole fest umklammert. „Jetzt hören Sie mir mal zu. Mein Name ist Charlotte Krüger und ich bin Kriminalhauptkommissarin der Soko Windsor. Ich hole jetzt ganz langsam meinen Ausweis aus der Innentasche und Sie behalten die Nerven.“ Sie zog langsam ihre Polizeimarke aus der Tasche und hielt sie dem sichtlich irritierten Wachtmeister direkt vor die Nase.
Er ließ die Pistole sinken und trat verlegen von einem Bein aufs andere. Sie wusste, dass er sich fragte, wie er diesen Fehler ungeschehen machen könnte. Er räusperte sich und war sichtlich erleichtert, als er das Martinshorn hörte und seine Kollegen im Streifenwagen angefahren kamen, gefolgt von dem Notarztwagen.

Charlotte ging zu Gisela und half ihr aufzustehen. „Ist alles in Ordnung? Sind Sie schwer verletzt?“ Sie führte sie zu den Sanitätern, vorbei an Herrn Hauptwachtmeister Dinkel, der sichtlich verlegen zur Seite trat und seinen Kollegen den Sachverhalt zu schildern versuchte. „Frau Krüger, Sie haben mir das Leben gerettet, wie kann ich Ihnen jemals danken?“ Charlotte lächelte Gisela an: „Dass Sie leben, ist mir Dank genug.“ Die Platzwunde an Giselas Kopf musste genäht werden, so dass sie in die nahe Paracelsusklinik gefahren wurde. Charlotte versprach ihr, nachzukommen, da sie noch einige Fragen hatte.

Als der diensthabende Arzt das letzte Pflaster an Giselas Ellbogen befestigte, betrat Charlotte Krüger die Notaufnahme. Sie sah müde aus. Gisela betrachtete sie aufmerksam, denn in der dunklen Straße hatte sie nicht allzu viel von ihr erkennen können. Sie war um die 30 Jahre alt und hatte stechende grüne Augen, die aufgeweckt und forschend erst Gisela, dann den behandelnden Arzt betrachteten. „Und, wie geht es unserer Patientin?“ Ehe Gisela antworten konnte, erklärte Dr. Schröder, dass es sich nur um leichte Verletzungen handelte, wie die Platzwunde am Kopf sowie etliche Prellungen und Blutergüsse, aber keine bleibenden körperlichen Schäden zu befürchten seien, da die vermutete Gehirnerschütterung nicht vorlag. „Aber wie es ohne Sie, Frau Krüger, ausgegangen wäre ... sehen Sie hier die Würgemale. Er war kurz vor seinem Ziel.“ Gisela deutete auf ihren Hals und erst in diesem Moment begriff sie, wie knapp sie dem Tod entronnen war. Sie begann zu zittern und zu weinen. Dr. Schröder gab ihr eine Beruhigungsspritze und bat Charlotte um ein Gespräch unter vier Augen. Er erklärte ihr, dass die Patientin unter schwerem Schock stünde und eine Befragung momentan aus psychologischer Sicht nicht anzuraten sei, zumal der Mörder ihr gedroht habe, sie sich doch noch zu holen. Ob und wie sie dieses Trauma je verarbeiten könnte, läge nicht mehr in menschlicher Hand. Er bat sie jedoch, alles daran zu setzen, den Mörder dingfest zu machen. Das sei die einzige Möglichkeit für Gisela Reimers, jemals wieder ein einigermaßen normales Leben führen zu können, da erfahrungsgemäß diese Todesängste nicht nachlassen, solange die Täter nicht gefasst seien. Charlotte versprach, ihr Bestes zu tun sowie einen Polizisten als Sicherheit abzustellen und Giselas Familie zu benachrichtigen.

Charlotte wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann der Täter wieder aktiv werden würde. Sie musste ihm zuvorkommen. Aus dem kurzen Gespräch im Krankenwagen mit Frau Reimers wusste sie, dass es nicht mehr Informationen über den Mörder gab als ihre eigenen Beobachtungen. Vielleicht würde ein Phantombild in den Zeitungen einen brauchbaren Hinweis geben. Und vielleicht fand die Spurensicherung Hinweise auf den Täter, es gab genügend DNA-Spuren seines Blutes. Sie konnte momentan nur abwarten.

Zwei Tage später, am späten Nachmittag, läutete Charlottes Handy. „Hallo? Hier ist Gisela Reimers.“ „Ist Ihnen noch etwas eingefallen? Wir haben bisher leider noch keine Ergebnisse der Spurensicherung vorliegen; wir erwarten sie aber in den nächsten Stunden. Und den Hinweisen auf das Phantombild gehen meine Kollegen nach.“ „Ich weiß auch nicht so recht, ob es wichtig ist. Ich erinnere mich an einen Geruch, der mir bekannt vorkommt.“ „Was für ein Geruch?“ „Er roch irgendwie nach Finanzamt ... ist das albern? Aber er roch wie unser Finanzamt Durlach. Irgendwie nach Akten, Büro und Finanzamt eben.“ Charlotte fand das überhaupt nicht albern. „Frau Reimers, vielleicht hilft uns das wirklich weiter, ich muss da nur was überprüfen. Ich komme nachher bei Ihnen in der Klinik vorbei. Bis später.“ Charlotte setzte sich an ihren Computer und startete ihre Internetsuchmaschine. Falls er tatsächlich Finanzbeamter in Durlach war, gab es vielleicht ein Foto. Sie gab einige Daten ein und blätterte nach kurzer Zeit eine Bildergalerie der Finanzämter im Raum Karlsruhe durch. Es war nur eine kleine Hoffnung, denn nach Akten riechen konnten auch viele andere Personenkreise. Doch kein Bild zeigte denTäter, wie sie sich erhofft hatte. Einen Versuch war es wert gewesen. Enttäuscht schaltete sie den Computer aus und wählte die Nummer ihres Kollegen bei der Soko, erzählte ihm von dem vermeintlichen Geruch und bat, dies bei der Auswertung der Phantombildhinweise zu berücksichtigen. Dann rief sie bei der Spurensicherung an, aber auch hier gab es nichts Neues. Der Täter war bisher in keiner Datenbank registriert, dafür stimmten seine Spuren mit den vorangegangenen Morden überein. Charlottes Gemütszustand fiel auf den Nullpunkt. Wenn nun das Phantombild auch nichts Weiteres ergab, standen sie ganz am Anfang. Was wussten sie bisher? Der Täter musste die Gewohnheiten der Opfer kennen, vermutlich auch ihre Arbeitsstellen, wahrscheinlich ihre Anschrift sowie auf alle Fälle ihre Zeiten für den Heimweg. Nur, woher bekam er diese Details? Welche nach Akten riechenden Personen hatten Zugriff auf diese Informationen? Finanzamt lag da tatsächlich recht nahe. Und die Gewohnheiten konnte er durch Beobachtungen herausfinden. Die restlichen Informationen bekäme er durch die Steuererklärung. Aber es könnte sich auch um Polizei oder Ärzteschaft handeln. Das brachte sie alles nicht weiter.

Sie fuhr in die Klinik, um sich nochmal mit Frau Reimers zu unterhalten. Der Arzt hatte grünes Licht für die Befragung gegeben, mit dem Hinweis, die Fragen sehr dezent und vorsichtig zu stellen.

Gisela Reimers lag blass in ihrem Bett und lächelte Charlotte schwach entgegen. Sie stand noch immer unter starken Beruhigungsmitteln. „Sie haben ihn noch nicht, oder?“ Charlotte schüttelte müde den Kopf. „Wir wissen nicht, wo wir suchen sollen. Wenn wir nicht einen Hinweis von der Öffentlichkeit bekommen, finden wir ihn nicht. Aber es steht noch immer ein Beamter vor Ihrer Tür, es kann Ihnen also nichts passieren.“ Gisela zog eine verächtliche Grimasse, lächelte aber dabei. Da klingelte Charlottes Handy. „Frau Krüger, ich glaube, er ist auf dem Weg zu Gisela.“ Herr Reimers war ganz aufgeregt. „Wer?“, fragte Charlotte. „Der Mörder! Meine Tochter erzählte mir gerade, dass vor etwa 15 Minuten ein Mann bei uns angerufen hatte und sich nach Gisela erkundigte. Nichts ahnend erzählte ihm Mona, dass Gisela in der Paracelsus-Klinik liege, worauf der Mann sagte: „Dankeschön. Dann hole ich sie mir jetzt.“

„Bitte, Frau Krüger, Sie müssen meine Frau schützen.“ „Ich schicke Ihnen einen Kollegen. Bitte bleiben Sie zuhause mit Ihren Kindern. Ich werde mein Möglichstes tun. Und ich verspreche Ihnen, dieses Monster zu schnappen.“ Frau Reimers sah Charlotte ängstlich fragend an. Ihre Augen hatten sich vor Angst geweitet, als sie das Gespräch verfolgte. „Ich muss ehrlich zu Ihnen sein. Er scheint auf dem Weg hierher zu sein. Aber wir sind hier sicher.“ Dann ging alles ganz schnell. Charlotte wollte vor der Tür nach dem Beamten sehen, um ihm einige Anweisungen zu geben, doch als sie die Tür öffnete und einen Schritt nach draußen trat, bekam sie einen Schlag ins Gesicht, der sie zurück in das Zimmer schleuderte. Sie fiel rückwärts zu Boden und ehe sie sich versah, war der Mann über ihr und schlug ihr erneut mit der Faust ins Gesicht. Sie sah nur noch rote und schwarze Punkte. „Erst kommst du dran. Du musstest dich ja unbedingt einmischen. Die da drüben hat noch Zeit.“ Er legte seine Hände um ihren Hals und drückte zu. Charlotte begann zu röcheln und versuchte verzweifelt, sich zu wehren, doch von den Schlägen war sie noch ganz benommen und das Gewicht des Mannes hielt sie fest am Boden. Sie spürte, wie ihre Lungen schmerzhaft versuchten, sich Sauerstoff zu beschaffen. Vor ihren Augen wurde es schwarz und ihr Körper erschlaffte. Gisela hatte sich inzwischen mühsam aus dem Bett erhoben und schlug ihm die einzige Waffe, die sie finden konnte, die schwere Bettpfanne, über den Kopf. Er sackte in sich zusammen, ließ von Charlotte ab und kroch auf den Knien auf Gisela zu. Sie hob erneut die Bettpfanne, doch ehe sie wiederholt zuschlagen konnte, fiel ein Schuss. Der Mann kippte vornüber und blieb leblos am Boden liegen. Gisela ließ die Metallschüssel langsam sinken und blickte in Charlottes Gesicht. Charlotte legte ihre Waffe neben sich und rieb sich den Hals. Hustend sagte sie: „Frau Reimers, Sie haben mir das Leben gerettet.“ Und Gisela antwortete: „Ja, Frau Krüger, jetzt sind wir quitt.“

Charlottes Handy klingelte. Es war ihr Kollege von der Soko. „Wir wissen, wer es ist. Es ist Andreas Finke aus dem Finanzamt Durlach. Er wurde auf dem Phantombild erkannt. Wir haben seine Wohnung überprüft und dort seine seit mindestens drei Monaten tote Mutter gefunden. Sie saß mit einem Windsorknoten um den Hals im Sessel seines Wohnzimmers. Er scheint so ein Ödipussi zu sein. Die gefundenen Fotos in der Wohnung zeigen alle seine Mutter. Mittleres Alter, langes dunkles Haar und ausladende Hüften. Auf alle Fälle ist er sehr gefährlich.“ Charlotte lächelte Gisela an und antwortete ihrem Kollegen: „Wir haben ihn erledigt. Ihr könnt ihn abholen.“ Ohne auf weitere Fragen zu warten, legte sie auf und ging auf Gisela zu. „Ich bin Charlotte.“ „Und ich bin Gisela.“ Sie hakten sich unter und traten lächelnd auf den Flur hinaus. Sie waren auf dem Weg zur Caféteria, während der Sicherheitsbeamte mit einer Platzwunde am Kopf auf der Toilette gefunden wurde.