Im Zeichen des fünften Elements Teil 2

Die schwarze Tinte auf dem Blatt war vom Regen etwas verwischt. Aber man konnte die Worte noch gut erkennen:

Nach gestern, aber noch vor morgen
wird das Spiegelbild des Dritten zerfließen.
Gezeichnet
Das fünfte Element

Nervös sahen wir uns an. Wir wussten beide, was das zu bedeuten hatte, und dass uns „das fünfte Element“, wer immer sich auch dahinter verbergen mochte, noch lange nicht in Ruhe lassen würde. Wir stürmten die Treppen hinunter, zu den anderen, um ihnen die schreckliche Nachricht mitzuteilen. Sie sahen auf, als wir hereinstürmten. Jeder hatte sich in einen Sessel fallen lassen. Fragend sahen sie uns an. „Hier! Diesen Zettel haben wir bei Florians Leiche gefunden. Es scheint, als wolle er bald ein drittes Mal zuschlagen“, erklärte ich ihnen und gab Dean und Victoria den Zettel, die ihn zögernd und mit entsetzter Miene entgegennahmen. Auch Nico hatte keine guten Neuigkeiten: „Die Telefonleitung im Schloss ist tot und unsere Handys funktionieren auch nicht.“ „Wir dürfen uns nicht mehr trennen, denn sonst hat der Mörder erreicht, was er wollte“, stellte Luc fest. Ich stand immer noch unschlüssig im Raum und kam mir völlig fehl am Platz vor. Es schien, als sei ich gefasster als die anderen. Ich hatte die Toten heute zum ersten Mal getroffen und mich hatte daher kaum etwas mit ihnen verbunden. Wahrscheinlich hatten auch Victoria und die Haushälterin sie nie zuvor gesehen, doch solche Sachen schienen sie mehr mitzunehmen, als mich. Da ich nicht weiter mitten im Raum stehen wollte, setzte ich mich neben Luc. Die Morde ließen mich einfach nicht los. Was hatten die Botschaften eigentlich zu bedeuten? Gut, die erste konnte ich jetzt verstehen. Es schien immer einen Hinweis auf die Zeit des Verbrechens zu geben. Ich überlegte fieberhaft, doch ich war mir nicht sicher, was „nach gestern und vor morgen“ bedeuten sollte. Zwischen gestern und morgen lag normalerweise heute.
Außerdem: Was hieß „wird das Spiegelbild des einen zerfließen“? Spiegeln konnte man sich nur in einem Spiegel oder in Wasser. Das Wort „zerfließen“ deutete in meinen Augen eher auf Wasser hin. Das war doch zum Verrücktwerden! Bei der ersten Botschaft waren ja die Worte „wird den Boden unter den Füßen verlieren“ geschrieben. Das machte jetzt Sinn. Schließlich hing Florian ja am Turm. Warum hatte sich der Mörder den Decknamen „das fünfte Element“ zugelegt? Vor allem, wer sollte als Nächstes sterben und warum? Was hatten die fünf, ich war mir jetzt sicher, dass sich der Mörder auch an Nico, Luc und Dean rächen wollte, Schlimmes getan, dass auch nur einer von ihnen den Tod verdient hatte?
Wir saßen eine ganze Weile in dem kleinen Raum und mit der Zeit wurden Victoria und die Haushälterin müde und schliefen ein. Während ich noch über die Morde nachdachte, merkte auch ich, wie sich die Müdigkeit über mich legte. Der Tag war anstrengend gewesen. Ich wollte wach bleiben, aber meine Augenlider wurden immer schwerer und mein Kopf fiel schließlich zur Seite. Ich hörte noch, wie Luc und Dean sich leise unterhielten, dann schlief ich ein.

Langsam öffnete ich die Augen, das Licht im Raum, in dem ich mich befand, war gedämpft. Nach wenigen Sekunden erkannte ich den gemütlichen Raum im Schloss direkt neben dem Eingang. Ich lehnte an der Schulter meines Nachbarn. Ich hob den Kopf und sah in Lucs Gesicht. „Wieder wach?“, fragte er. Ich nickte, setzte mich gerade hin und sah auf die große Standuhr. Es war bereits kurz vor zwölf.
Nach wenigen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, da niemand etwas sagte, stand Nico auf. „Ich müsste mal zur Toilette.“, sagte er und wollte gehen. Dean erkannte, wie leichtsinnig Nicos Vorhaben war, und kam mit. Victoria warf ihm einen ängstlichen Blick zu. Nico öffnete die Tür und beide verschwanden. Dann war es wieder still. Nur das dunkle Schlagen der Uhr war zu hören. Sie schlug 12-mal. Plötzlich wusste ich, auf welche Zeit der Mörder in seiner Botschaft angespielt hatte. Er meinte genau Mitternacht. Diese wenigen Sekunden zwischen gestern und morgen. Doch woher wollte er wissen, dass genau zu dieser Zeit zwei von uns sich vom Rest entfernt hatten. Hatte er es einfach nur auf Verdacht geschrieben? War etwa einer der zwei der ... Nein, daran wollte ich gar nicht erst denken. Oder hatte er es gar nicht auf Dean und Nico abgesehen, sondern auf uns?
„Was ist los?“, riss mich Lucs Stimme aus den Gedanken. Er hatte bemerkt, dass ich kerzengerade auf dem Sofa saß. „Er ... er hat Mitternacht gemeint“, sagte ich schockiert. Luc konnte mir nicht folgen: „Wer er?“ „Na, der Mörder. In der ersten Nachricht war gemeint, bevor der Mond aufgeht. Das ist eine relativ große Zeitspanne, wenn man sie mit Mitternacht vergleicht.“ Luc sah mich verständnislos an. Auch Victoria und die Haushälterin sahen zu mir herüber. Ich versuchte es ihnen zu erklären: „Wir sagen doch immer 24 Uhr, aber die digitalen Uhren zeigen 00 anstatt 24! Und 00.00 Uhr ist der kurze Moment zwischen heute und morgen.“ Jetzt schienen auch die anderen mir folgen zu können. „Ich muss Dean warnen“, stieß Victoria hervor. Bevor einer etwas sagen konnte, war sie aufgestanden und aus dem Raum gelaufen. „Bleiben Sie doch hier!“, rief ihr die Haushälterin hinterher. Doch sie hörte es nicht mehr. „Die Frau stürzt sich noch ins Verderben“, sagte Luc und wir stürzten ihr hinterher. Wir liefen den langen Korridor entlang. Victoria war einige Meter vor uns. Sie riss die Tür zur Herrentoilette auf. Die Frau hatte vielleicht Nerven. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Mittlerweile hatten wir sie eingeholt und sahen in den Vorraum, wo sich die Waschbecken befanden. Mir stockte der Atem. Alle Wasserhähne waren aufgedreht, die Abflüsse zu und das Wasser schwappte bereits über den Beckenrand. Dean lag auf dem Rücken zwischen ihnen. Regungslos. Nico war in sich zusammengesunken und lehnte an der Wand direkt neben der Tür.
Er hatte eine Platzwunde am Kopf.
Victoria stürzte zu Dean. Sie kniete neben dem Leichnam auf dem nassen Boden und schluchzte hemmungslos. Verzweifelt streichelte sie Deans bleiche Wangen und weinte herzzerreißend. Luc und die Haushälterin stürmten zu Nico hinüber. Sie gingen mit ihm zu einem der Waschbecken, während sie ihn, jeder auf einer Seite, unter den Armen stützten. „Was ist passiert?“, drängte Luc auf Nico ein. „Nico! Was ist passiert? Du musst es uns sagen! Es geht um unser Leben!“. Doch Nico gab nur ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich.
Plötzlich fühlte ich eine kalte Hand auf meiner Schulter. Erschrocken fuhr ich herum und erwartete fast, den Mörder hinter mir zu haben, aber es war nur Victoria. Sie hielt mit zitternder Hand einen kleinen weißen Zettel, der mir nur zu bekannt vorkam. Mit leiser, schwankender Stimme las sie vor. Beim Klang der drohenden Worte auf dem Zettel verstummten alle:

Kurz bevor der Spuk zu Ende ist,
muss der vierte Stern verglühen.
Gezeichnet
Das fünfte Element

Es war nur noch das Tropfen des Wassers zu hören. Ich bekam Angst. Angst um Luc! Langsam regte sich Nico wieder. Die Haushälterin und Luc hatten ihn auf einen trockenen Fleck am Boden gesetzt, wo er sich an die Wand lehnen konnte. An dieser zog er sich jetzt ächzend hoch. Sofort war Luc zur Stelle und half ihm hoch.
Ich nahm mir eines der Papiertücher neben dem Waschbecken und wischte ihm das Blut von der Stirn. „Ich … es ging alles so schnell. Ich bin in eine der Kabinen gegangen. Dann hörte ich, wie das Wasser anfing, in die Waschbecken zu laufen und als ich zurück in den Vorraum kam, stand dort ein Mann. Ich konnte ihn nicht richtig erkennen. Er hatte sich einen Schal vor sein Gesicht gebunden und war ganz in Schwarz gekleidet. Dean lag mit dem Kopf bereits in einem der Waschbecken. Ich wollte auf den Unbekannten losgehen, doch er traf mich mit seiner Faust direkt im Gesicht. Ich taumelte zurück und schlug mit dem Kopf an die Türkante. Dann flüchtete er durch die Tür. Ich wollte Dean helfen, doch ich konnte nicht. Mir wurde schwarz vor Augen“, es fiel ihm sichtlich schwer, darüber zu reden. „Es tut mir leid, Victoria.“ Sie schwankte und klammerte sich an der Haushälterin fest. „Wer sagt mir, dass du die Wahrheit sagst?“, giftete Victoria. „Woher weiß ich, dass du mich nicht anlügst? Vielleicht hast du die anderen ja auch umgebracht. Vielleicht bist du der Mörder, nach dem wir alle suchen, und hast dich nur selbst verletzt, damit der Verdacht nicht auf dich fällt.“ Victoria wurde total hysterisch und wäre in ihrer Wut auf Nico losgegangen, hätte die Haushälterin sie nicht zurückgehalten.
„Wir sollten zurückgehen. Es ist nicht gut, wenn sie diesen Anblick ertragen muss“, riet sie, nachdem sie Victoria von Nico weggezerrt hatte und diese sich schluchzend in ihre Arme fallen gelassen hatte.
„Wir brauchen einen Verband, die Blutung lässt sich so nicht stoppen“, sagte ich mit einem Blick auf Nico. „Gut. Lasst uns jetzt zurückgehen. Dann holen Leonie und ich den Verbandskasten“, bestimmte Luc. Victoria ging neben der Haushälterin her und hielt immer noch weinend ihre Hand. „Glaubst du auch, dass ich schuldig bin?“, fragte Nico mich leise mit gesenktem Kopf.
Ich schaute auf. „Nein, ich glaube, du bist unschuldig. Du hast ein Alibi für den zweiten Mord, auch wenn mir das ganze Geschehen ein Rätsel ist. Verzeih’, was Victoria dir an den Kopf geworfen hat. Sie ist natürlich wütend und traurig, weil ihr Verlobter umgebracht wurde. Ich würde wahrscheinlich auch nicht anders reagieren.“
Wir fanden den Raum so vor, wie wir ihn verlassen hatten, und ich machte mich zusammen mit Luc auf den Weg zur Abstellkammer. Wir gingen schnellen Schrittes die Treppen empor in den ersten Stock und liefen den langen Flur entlang; Luc zählte laut die Nummern der Zimmer mit. Endlich hatten wir die Abstellkammer 101 gefunden. Luc blieb draußen vor der Tür stehen, während ich hineinging, um den Verbandskasten zu suchen. Ich drückte auf den Lichtschalter, die Lampeflackerte kurz, dann gab es einen leisen Knall und die Sicherung sprang heraus. Fluchend musste ich mich im Dunkeln durch die Abstellkammer wühlen. Die Luft war furchtbar staubig hier drinnen. Ich tastete mich an den Regalen entlang, auf der Suche nach dem Plastikkoffer.
Plötzlich hörte ich, wie die Tür hinter mir ins Schloss fiel und den letzten Lichtschimmer verdeckte. „Luc?“, fragte ich unsicher, aber niemand antwortete. Einen Moment blieb ich regungslos stehen, dann suchte ich tastend die Tür. Plötzlich fühlte ich eine starke Hand, die meinen Arm festhielt, dann presste mir jemand ein feuchtes Tuch vor Mund und Nase. Ein süßlicher, schwerer Geruch stieg mir in die Nase. Ich versuchte mich zu wehren, doch mein Körper wurde immer schwerer und ich konnte nicht mehr klar denken. Ich wurde bewusstlos und sank zu Boden.

Ich erwachte, als ein heller Lichtstrahl auf mein Gesicht fiel. Ich versuchte meine Augenlider zu heben. Es gelang mir nur mit Mühe. Drei Gestalten machten sich an mir zu schaffen. Sie zerrten an meinen Armen und trugen mich hinaus in das helle Licht. Es brannte mir in den Augen, ich wollte zurück in das wohlig weiche Dunkel, aus dem sie mich gerissen hatten. Ich machte den Mund auf, um ihnen das zu sagen, doch es kam nur müdes Gemurmel heraus. „Leonie, wach auf! Was ist passiert?“, drängte eine der Gestalten auf mich ein. Was wollten die bloß von mir? Sie zogen mich hoch auf meine Beine. Als diese mich nicht tragen wollten, stützten sie mich. Sie brachten mich in einen Raum und legten mich auf eine schwarze, weiche Couch. Am liebsten wäre ich wieder eingeschlafen, doch sie drängten weiter auf mich ein und mein Bewusstsein kehrte langsam zurück.
Ich versuchte mich daran zu erinnern, was zuvor geschehen war. Ich war von irgendjemandem betäubt worden. Von Luc? Ich erzählte den anderen, was passiert war, doch den Verdacht gegen Luc ließ ich lieber weg. „Wir müssen Luc finden, bevor es zu spät ist“, stellte Nico fest. „Wer weiß, was dieser Verrückte da draußen mit ihm anstellt.“ Ich bat die anderen, die dritte Botschaft des fünften Elements noch einmal für mich zu wiederholen. Victoria tat mir den Gefallen und las sie noch einmal vor:

Kurz bevor der Spuk zu Ende ist,
muss der vierte Stern verglühen.
Gezeichnet
Das fünfte Element

Ich dachte fieberhaft nach, was die Lösung dieses Rätsels sein könnte, aber ich kam nicht darauf. Auch die anderen überlegten. Nach etlichen Minuten warf Nico nervös einen Blick auf seine Uhr und erklärte: „Es ist bereits halb eins! Ich ertrage es nicht mehr, untätig herumzusitzen und über dieses Rätsel nachzugrübeln!“
Da klickte etwas in meinem Kopf. Was hatte Nico gesagt? Halb eins? Ein Uhr; das war das Ende der Geisterstunde! Kurz bevor der Spuk zu Ende ist… es war kurz vor eins gemeint!
Aber was konnte der Rest bedeuten? Ich rief mir noch einmal die anderen Botschaften ins Gedächtnis. Jede von ihnen enthielt einen Hinweis auf die Tatzeit und auf den Tathergang. Und jede von ihnen war unterzeichnet mit dem Namen Das fünfte Element!
Mir wurde plötzlich alles klar.
Die Morde waren nach einem bestimmten Muster geschehen. Chris war der Erste gewesen, bei ihm hatte es noch keine Botschaft gegeben, sonst wäre mir das Ganze vielleicht schon früher aufgefallen. Chris war begraben worden. Dort hatten wir den ersten Zettel gefunden. Auf ihm hatte gestanden, dass einer von uns bald den Boden unter den Füßen verlieren sollte: ein Hinweis auf Luft. Dean war heute Nacht ertränkt worden.
Der Täter ging nach dem Muster der Elemente vor.
Und jetzt fehlte nur noch ein Element: das Feuer. Natürlich! Verglühen – wenn das nicht auf Feuer hindeutete. Luc musste also an einem Ort sein, wo es Feuer gab oder mit dem man Feuer verband. Die übrigen Drei hatten bemerkt, wie sich mein Blick aufgehellt hatte. „Was ist, Leonie? Ist dir noch etwas Wichtiges eingefallen?“, fragte Nico. Sie musterten mich gespannt. „Ja! Ich habe einen Verdacht, wo Luc ist und nach welchem Muster der Mörder vorgeht.“ Dann wandte ich mich an die Haushälterin: „Gibt es hier einen Holzofen? Oder eine andere Feuerstelle?“ Sie sah mich verwundert an und zuckte dann mit den Schultern: „Ja, in der Küche – einen Herd – aber ansonsten … Nein, nicht dass ich wüsste.“ „Los! Wir müssen in die Küche, dort finden wir auch Luc. Wenn wir Glück haben, mit dem Täter“, rief ich, stand von der Couch auf und lief den Flur entlang Richtung Küche. Die anderen folgten mir ohne Zögern. Beim Laufen erklärte ich ihnen, wie ich darauf gekommen war und wie ich die Botschaften interpretierte. Ich stieß die Tür zur Küche auf. Nichts. Vor uns lag ein steriler, weißer Raum, aber kein Tatort. Wir sahen uns kurz um, doch als die Haushälterin sagte, es sei seit ihrem letzten Aufenthalt hier nichts verändert worden, schwand mein letztes Fünkchen Hoffnung. Würde ich Luc je wieder sehen? Oder war er selbst der Mörder seiner Freunde? Ich weigerte mich, das zu glauben. Grübelnd gingen wir zurück in den Gang. Da ergriff Nico das Wort: „Wo ist hier der Heizungskeller? Dort könnte Luc schließlich auch sein.“ Die Haushälterin nickte kurz, dann sagte sie:
„Kommt mit. Ich zeige euch den Weg.“
Wir liefen einige Meter weiter, wo wir zu einer unauffälligen Tür kamen, hinter der sich die Treppe zum Keller verbarg. Die Haushälterin wollte gerade den Schlüssel hervorholen, doch die Tür war bereits offen. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Wir waren also auf der richtigen Spur. Eilig hasteten wir die Treppe hinunter. Modriger Geruch stieg uns in die Nase und das dämmrige Licht ließ den Weg noch unheimlicher erscheinen.
Wieder kam eine Tür, auch diese war bereits offen. Wir kamen in einen unordentlichen Lagerraum. „Los! Der Heizungsraum ist hier hinten“, rief die Haushälterin und deutete auf eine Tür auf der anderen Seite des vollgestellten Raumes. Wir liefen weiter und platzten in den Raum hinter der Tür.
Sofort schlug mir der ätzende Geruch von Benzin entgegen. In der Mitte des Raumes stand eine Person in schwarzer Kleidung, die sich über einen Holzstuhl beugte. Darauf saß Luc. „Luc!“, kreischte ich. Der Unbekannte wandte sich zu uns um. „Keinen Schritt näher“, drohte er und hielt uns ein Feuerzeug entgegen. Jetzt erst bemerkte ich, woher der beißende Benzingestank kam: Auf dem Boden war eine riesige Benzinlache.
„Herr Vandom!“, rief eine Stimme hinter mir. Es war die Haushälterin. Sie hatte den Mörder identifiziert. Jetzt kam er auch mir bekannt vor. Das war der Pförtner.
Nico trat vor und versuchte, ihn zu beruhigen: „Hören Sie, legen Sie das Feuerzeug weg. Das bringt doch alles nichts. Machen Sie das Ganze nicht noch schlimmer.“
„Pah! Ich habe nichts mehr zu verlieren. Diese Bauunternehmer haben mir vor 35 Jahren meine ganze Familie genommen, das zahle ich ihnen heim“, rief er wutentbrannt. „Aber vor 35 Jahren war Dean doch noch gar nicht auf der Welt!“, warf Victoria verzweifelt ein. „Ich rede ja auch nicht von diesen verwöhnten Bengeln, sondern von ihren Vätern. Sie haben damals unsere halbe Siedlung abgerissen, nur um ein Einkaufszentrum zu errichten. Sie haben uns von einem auf den anderen Tag auf die Straße gesetzt. Hätte sich damals meine Mutter nicht für mich und meine Schwester geopfert, wären wir beide auf der Straße gelandet. Sie hat oft bis in die Nacht gearbeitet. Irgendwann wurde meine Schwester drogenabhängig und brachte sich mit 16 um. An diesem Tag habe ich mir geschworen, dass ich mich an diesen grausamen Menschen rächen werde und ihnen das Liebste wegnehmen werde, das sie besitzen.“
„Legen Sie das Feuerzeug weg“, schrie Nico. Die Situation drohte zu eskalieren. In diesem Moment zog Luc seinem Entführer mit seinen Beinen, dem Einzigen, was er noch frei bewegen konnte, die Füße weg. Vandom verlor das Gleichgewicht und prallte bäuchlings auf dem Steinboden auf. Das Feuerzeug flog ihm aus der Hand.
Nico und ich stürzten uns auf ihn und hinderten ihn am Aufstehen, Victoria und die Haushälterin befreiten Luc von seinen Fesseln. Dann ging alles schnell. Nico und ich zwangen den Täter aufzustehen und zerrten ihn hoch in die Abstellkammer, in der ich niedergeschlagen worden war. Wir rangen ihm die Schlüssel für das große Schlosstor ab, ehe die Haushälterin die Tür der Kammer gut verschloss. Nico erklärte sich bereit, Wache zu halten, und die Haushälterin beschloss, in die Stadt zu fahren und die Polizei zu verständigen. Ich lief die Treppe hinunter in den Raum neben der Eingangshalle, wo Luc und Victoria waren.
Als Luc mich sah, lächelte er mir zu. Er saß auf der Couch und sah noch etwas blass aus. Ich setzte mich neben ihn und er legte einen Arm um mich. „Danke, du hast mir das Leben gerettet!“, flüsterte er mir ins Ohr. Ich lächelte zufrieden zurück und legte meinen Kopf an seine Schulter.