Das Schicksalspäckchen

Autor: Gentner, Wolfgang B.

Es war einer dieser typischen Donnerstagabende, kurz vor Beginn des jährlichen Weihnachtstrubels. Vom nahen Autobahnzubringer drängten sich die Fahrzeuge auf der Durlacher Allee. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite versuchten ebenso viele Autofahrer ihre Fahrzeuge aus Karlsruhe hinauszubewegen. Es war ein kalter, aber klarer Tag gewesen und die Sonne begann bereits ihren Rückzug, um der hereinbrechenden Dunkelheit über der Fächerstadt Platz zu machen. Hell erleuchtet bot das große Möbelhaus, das seit Jahrzehnten dem von der A 5 kommenden Besucher wie ein moderner Leuchtturm den Weg nach Karlsruhe wies, der heraufziehenden Dämmerung die Stirn. Einzig der zur Durlacher Allee hin etwas tiefer liegende Hof, der den Verwaltungstrakt des Möbelriesen begrenzte, bot einen Ort der Ruhe. Ringsherum dröhnten Motoren, huschten Lichter vorbei und bewegten sich Menschenmassen hin und her.

Kurt Schwarz trat aus dem Licht des Eingangs in den Hof und blieb unschlüssig stehen. Das Gespräch war nicht gut gelaufen. Er hatte sich auf eine Stellenanzeige in der Sonntagszeitung ‚Boulevard Baden’ beworben und tatsächlich, trotz seiner 58 Jahre, wider Erwarten einen Termin zum Vorstellungsgespräch erhalten. Mit großen Erwartungen war er zum Termin erschienen, umso größer war nun seine Enttäuschung, da ihm im Laufe des Gesprächs klar wurde, dass seine Chancen, diese Stelle zu bekommen, bei Null lagen. Sein Gesprächspartner, ein Herr Pfleger, wahrscheinlich noch keine 30 Jahre alt, hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass seine Bewerbung für die ausgeschriebene Stelle als Disponent keinerlei Chance hatte, er ihm aber alternativ eine Stelle als Möbelverkäufer auf Provisionsbasis im Bereich rustikaler Garderoben und Kleinmöbel anbieten könne. Über das Fixum, eine lächerlich kleine Summe, könne er durch die Provisionen zu einem „sehr interessanten Gehalt“, wie sich Herr Pfleger ausdrückte, kommen.

Nun stand er da, im schwarzen Mantel und Anzug aus besseren Zeiten, die er noch als Erstverkäufer eines renommierten Herrenausstatters in der Karlstraße erworben hatte, seine lederne Aktentasche mit den Unterlagen eines über vierzigjährigen Berufslebens unter dem Arm, und wusste nicht weiter. In drei Monaten würde das Arbeitslosengeld auslaufen und er würde Hartz IV beantragen müssen. In seiner kleinen Eigentumswohnung, die er vom verbleibenden Erlös des Verkaufs seines Elternhauses gekauft hatte, würde er bleiben können; aber seine Ersparnisse würde er aufbrauchen müssen.

Die Scheidung von Marianne vor 13 Jahren und die damit verbundene finanzielle Belastung hatten ihn gezwungen, das elterliche Haus zu verkaufen, um seine Exfrau auszahlen zu können. Gottlob hatte sie dafür auf den Unterhalt verzichtet. Er war froh, in dieser Situation nur für sich sorgen zu müssen. Er reckte sich etwas und blickte zur Durlacher Allee hinauf, dabei versuchte er die trüben Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Sein Blick fiel kurz auf einen der Fußgänger oben auf der Straße, der sich im Schein einer Straßenlaterne von den anderen für einen Augenblick abhob. Mit der Pudelmütze tief im Gesicht und einem viel zu großen Parka am Körper wirkte er auf Kurt für den Augenblick unter der Laterne wie die Vision der eigenen beklemmenden Zukunft, die es zu vermeiden galt. Kaum war die Gestalt aus dem Lichtkegel entschwunden, atmete Kurt tief durch und wandte sich nach rechts. Über eine Rampe erreichte er den Kundenparkplatz des Möbelhauses. Im obersten Stockwerk befand sich das Restaurant, in dem er schon öfters einen Kaffee, manchmal, wenn er keine Lust hatte, nur für sich zu kochen, auch ein preiswertes Mittagessen zu sich genommen hatte. Es war ziemlich voll und er benötigte einige Minuten, um den Kaffee aus dem Automaten zu bezahlen und einen freien Tisch zu finden.

Thomas Gleiwitz, in seinen Kreisen allgemein nur als ‚Tomahawk’ bekannt, war zum ersten Mal in Karlsruhe. Bisher hatte sich sein Wirkungskreis nördlich der Mainlinie befunden. Außer den Kleidern, die er am Leibe trug, besaß er noch eine Sporttasche mit Textilien zum Wechseln, 56 Euro in bar, ein Springmesser sowie eine geladene Pistole, die er gleich nach seiner letzten Haftentlassung auf dem Bahnhof in Osnabrück von einem alten Bekannten erworben hatte. Von seinen 54 Lebensjahren hatte er über 20 in allen möglichen Justizvollzugsanstalten, wie sie offiziell hießen, verbracht. Angefangen mit kleinen Diebstählen als Jugendlicher bis zum schweren Raub als Erwachsener. Allein hatte er nie gearbeitet, zuerst in einer Gang, dann später bei den Banküberfällen im ländlichen Raum und zuletzt bei dem Tankstellenraub immer mit einem Komplizen.

Jetzt hatte er keinen Komplizen mehr. Entweder waren sie noch im Knast, bereits tot oder hatten sich zu so was wie ehrbaren Bürgern gemausert. Letztendlich wollte er aber nur nicht wahrhaben, dass er in diesem Geschäft inzwischen nichts mehr zu suchen hatte. Nun hatte es ihn nach Karlsruhe verschlagen. In Osnabrück, seinem letzten festen Wohnsitz, war er von seinem Bewährungshelfer so gegängelt worden, dass er sogar eine Festanstellung in einer Spedition antreten musste, so dass er es nicht mehr aushielt. Ein holländischer Trucker, der in der Spedition 17 Paletten für Basel lud, hatte ihn kostenlos bis Karlsruhe mitgenommen. Nun war er hier und plante seinen letzten Coup. Nachdem ihn Joop, der Trucker, an der Autobahnausfahrt rausgelassen hatte, war ihm zuerst, wie jedem Ankommenden, das Möbelhaus ins Auge gefallen. Er wusste sofort, das würde sein größtes und letztes Ding. Von seinem letzten Geld hatte er sich in einer billigen Pension in Durlach, nahe des Bahnhofs, eingemietet, war täglich zum großen Kubus, den das Möbelhaus bildete, gegangen und hatte die Örtlichkeiten ausgekundschaftet.
Inzwischen kannte er jedes Detail vor und im Möbelhaus genau. Auch hatte er die Gewohnheiten der Kassenbelegschaft und die genaue Übergabe des Geldes durch Mitarbeiter des Hauses und einer Geldtransportfirma ausgespäht. Der Coup konnte steigen.
Thomas ‚Tomahawk’ Gleiwitz hatte sich die frühen Abendstunden eines Donnerstag im November für seinen Überfall ausgesucht. Hier war am meisten los, somit viel Geld in den Kassen und die hereinbrechende Dämmerung würde seine Flucht erleichtern.
Er hatte die Pension am frühen Abend verlassen und sich mit einer Skimütze auf dem Kopf und einem etwas zu weiten Parka in Olivgrün in Richtung Karlsruhe auf den Weg gemacht. Sobald das Gebäude in Sichtweite lag, achtete er kaum noch auf den Weg, sondern schaute immer in Richtung des Objekts seiner Begierde. In Höhe des Verwaltungstraktes fiel sein Blick auf einen gutgekleideten älteren Mann, der augenscheinlich gerade das Verwaltungsgebäude verlassen hatte und noch für einen Augenblick im Lichtschein der Eingangstüre erkennbar war. Für ‚Tomahawk’ erschien er für den Augenblick, den er im Lichtkegel der Tür stand, wie die Vision seiner eigenen bevorstehenden Zukunft.
Mit etwas kräftigeren Schritten ging ‚Tomahawk’ weiter, fest entschlossen, seinen letzten Coup durchzuziehen. Vor dem Haupteingang des Möbelriesen angekommen, blieb er kurz stehen, orientierte sich mit Blicken rundherum über die Situation und betrat den Tatort. An einigen Ständen mit weihnachtlichen Geschenkideen in der Nähe der Kassen blieb er stehen und tat so, als würden ihn die Auslagen interessieren. In Wirklichkeit beobachtete er aus den Augenwinkeln den Kassenbereich, um einen günstigen Zeitpunkt für seinen Überfall auszunutzen.

Kurt Schwarz saß derweil einige Stockwerke über ‚Tomahawk’ und hing über einer Tasse Kaffee seinen Gedanken nach. Ganze zwei Jahre hätte er noch einen Job gebraucht. Dann wäre er 60 und die erste von zwei Lebensversicherungen wäre fällig. Mit dem Geld könnte er die Zeit bis zu seinem 65. Lebensjahr gut überbrücken. Dann die Rente und die zweite Lebensversicherung. Vor einem Jahr war die Zukunft noch gesichert. Jetzt, mit Hartz IV vor Augen, war daran nicht zu denken. Er versuchte bereits zu sparen, wo es ging. Anschaffungen standen Gott sei Dank nicht an, er hatte alles, was er brauchte. Am wöchentlichen Stammtisch übernahm er keine Tischrunden mehr und begnügte sich mit einem Radler, dem billigsten Getränk auf der Karte. Die Tageszeitung hatte er abbestellt, seine Informationen kamen nun allein aus der ‚Boulevard Baden’, die sonntags kostenlos im Briefkasten lag. Einzig der Verzicht auf sein geliebtes Theaterabonnement fiel ihm schwer. Zwei Jahre musste er noch überbrücken, das musste doch zu machen sein. Seine neue Nachbarin hätte er gerne mal zum Essen eingeladen. Eine Endvierzigerin, Slavia Gruber, hatte sich ihm letzte Woche vorgestellt. Es hatte an der Tür geklingelt. Missmutig war er öffnen gegangen. Slavia hatte in der Tür gestanden und ihm eine augenscheinlich gebrochene Gemüsereibe vor die Nase gehalten. Wie sie erklärte, war sie neu zugezogen und wollte gerade selbstgemachte Reiberdatschi machen, als ihre Küchenreibe den Geist aufgab. Was Kurt sofort auffiel, war das rollende ‚rrr’ in Slavias Stimme. Sein Missmut verfl og und er half ihr mit seiner Reibe aus. Natürlich aus Edelstahl und nicht ein solches Plastikgelumpe wie Slavias ‚Rrreibe’.
Weihnachten stand vor der Tür. Eine Gemüsereibe wäre doch ein Geschenk, das seinen Kostenrahmen nicht überschreiten würde und Gelegenheit bot, mit seiner Nachbarin in Kontakt zu treten. Eine gute Idee, fand Kurt und trank die Tasse mit dem nur noch lauwarmen Rest Kaffee leer. Er verzog leicht das Gesicht, lauwarmer Kaffee war nicht sein Geschmack. Er nahm das Tablett auf und schob es in einen der bereitstehenden Geschirrwagen. Eine noch bessere Idee kam ihm. Warum bis Weihnachten warten, Nikolaus war doch früher.

Thomas ‚Tomahawk’ Gleiwitz sah seine Chance gekommen. Gerade hatte ein älteres Ehepaar an Kasse 3 ein neues Wohnzimmermöbel angezahlt. Einen fünfstelligen Betrag, bar, ohne Karte. Mit dem, was in den vergangenen zwei Stunden seit der letzten Teilentnahme wieder von den Kassiererinnen in bar eingenommen wurde, musste eine fast sechsstellige Summe in den Kassen sein.
Gleiwitz ging auf die dem Innenraum am nächsten gelegene Kasse zu, drängelte sich an einer älteren Frau vorbei, dabei zog er sich die Skimütze über das Gesicht und griff nach der Pistole in seiner Tasche. Es waren nur wenige Sekunden vergangen, seit er sich vom Stand mit den Kerzen gelöst hatte, bis er neben der Kassiererin stand, ihr den Lauf seiner Pistole an den Kopf hielt und laut schreiend das Bargeld forderte. Mit der freien Hand hatte er aus der anderen Tasche eine zusammengeknüllte braune Plastiktüte hervorgezogen, die er auf die Kasse warf. Nicht alle Umstehenden reagierten sofort. An den beiden äußeren Kassen wurde weiter kassiert, während an den beiden inneren Kassen alle Beteiligten erstarrten.
Die ältere Dame, an der sich Gleiwitz vorbeigedrängelt hatte, löste sich als Erste aus ihrer Erstarrung. Mit einem schrillen Gekreische machte sie die bisher vom Geschehen Ausgeschlossenen auf den Überfall aufmerksam. Plötzlich wurde es laut und unruhig. Andere Leute schrien ebenfalls auf, wieder andere liefen im Foyer vor den Kassen ziellos umher oder versuchten hinter den Ständen einen Schutz zu finden. Andere Personen, die den Kassenbereich bereits passiert hatten, kamen neugierig näher oder rannten in Richtung Ausgang.
‚Tomahawk’ Gleiwitz herrschte die Kassiererin nochmals an, die daraufhin die Kasse öffnete und begann, Fünf-, Zehn- und Zwanzig- Euro-Scheine in die Plastiktüte zu packen. ‚Tomahawk’ verlor die Geduld. Mit einem Griff zog er die Hundert-Euro-Scheine aus der Lade und reichte sie der Kassiererin, die sie zitternd in die Plastiktüte stopfte. ‚Tomahawk’ hielt derweil die Pistole weiterhin auf die verängstigte Frau an der Kasse gerichtet, hatte die obere Geldlade herausgerissen und nach hinten geworfen, dass das Kleingeld nur so durch die Luft fl og. Mit einem Nicken seines Kopfes bedeutete er der Kassiererin, die bereits gebündelten Hundert-, Zweihundert- und Fünfhundert- Euro-Scheine in die Plastiktüte zu packen. Langsam, aber folgsam kam sie seiner wortlosen Aufforderung nach.
Gleiwitz versuchte zwar den ganzen Raum im Blick zu behalten, um gegen Überraschungen gewappnet zu sein, doch für einige wenige, aber entscheidende Sekunden war seine Aufmerksamkeit voll auf die Kasse und die Mitarbeiterin des Möbelhauses gerichtet, so dass er mit dem Rücken zu Fensterfront und Ausgang den Streifenwagen der Polizei nicht wahrnehmen konnte, der an der Außenseite des Möbelhauses langsam vorbeifuhr. Ein reiner Zufall, denn Siggi Fischer und seine Kollegin Karin Müller, beide Polizeiobermeister, hatten ihre tägliche Route geändert, um sich an einem der Stände vor dem Möbelmarkt mit einem Bratwurstweck zu versorgen, der dort nicht nur besonders schmackhaft, sondern, wie in der Werbung des Möbelhauses zu lesen war, auch für einen Euro besonders günstig war. Siggi suchte nur noch eine Stelle, an der er mit dem Streifenwagen kurz halten konnte, während seine Kollegin den Einkauf tätigte. Vor dem Eingang hätte er beinahe einen Mann überfahren, der direkt vors Auto lief und, als er den Streifenwagen der Polizei als solchen wahrnahm, mit wilden Armbewegungen nach innen zeigte. Die Dämmerung versuchte sich bereits mit aller Macht durchzusetzen und so konnten die beiden jungen Polizisten das Geschehen in dem hell erleuchteten Verkaufsraum von ihrer Position aus wie auf einem riesigen Bildschirm im Autokino verfolgen. Karin Müller war die erste der beiden Polizisten, die in dem Gewirr ‚Tomahawk’ mit seiner Vermummung und der Pistole registrierte. Mit dem Worten ‚Ein Überfall – hol Verstärkung!’ öffnete sie die Türe und eilte mit gezogener Dienstwaffe in Richtung Eingang. Ihr Kollege schaute ihr besorgt hinterher, während er mit einer Hand das Funkgerät bediente, um die Zentrale zu informieren, und mit der anderen Hand Blaulicht und Sirene einschaltete. Ein Fehler!
Vielleicht wäre es Karin Müller gelungen, Gleiwitz zu überwältigen, aber das unbedachte Einschalten des Blaulichts mit dem durchdringenden Geheul des Martinshorns machte diese Möglichkeit zunichte. Gleiwitz fuhr herum, sah das Polizeifahrzeug direkt vor dem Fenster und wirbelte in Richtung Eingang weiter. Polizeiobermeisterin Müller trat gerade durch die Tür. Instinktiv und ohne zu überlegen, hob ‚Tomahawk’ immer noch überrascht seine Pistole und feuerte in Richtung der jungen Beamtin. Die Kugel pfiff über ihren Kopf hinweg. Einer solchen Situation noch nie gegenübergestanden, fühlte sich Karin Müller völlig überfordert. Ohne Kunden oder Beschäftigte des Möbelhauses zu gefährden, konnte sie nicht zurückschießen und das Glas um sie herum bot ihr keinerlei Deckung. Etwas hilfl os blieb sie leicht geduckt im Eingangsbereich stehen, ihre Dienstwaffe auf Kasse 4 gerichtet, und rief immer wieder ‚Polizei’.

Thomas ‚Tomahawk’ Gleiwitz hatte sich nach dem ersten unbedachten Schuss in Richtung der Beamtin wieder gefasst. Er riss der Kassiererin die Plastiktüte mit dem Geld aus der Hand und rannte an den vom ersten Stock in Richtung Kasse gelockten neugierigen Kunden vorbei zur Treppe zum nächsten Stockwerk.

Genau dort befand sich mit einigen anderen Kunden auch Kurt Schwarz. Auf der Etage mit ihren verwinkelten und mit allerlei Küchenutensilien vollgestellten Regalen verloren sich die Kunden untereinander schnell aus den Augen. Auch hatten die meisten, so auch Kurt, nichts von dem Überfall wenige Meter unter ihnen mitbekommen. Er stand in einer unübersichtlichen Ecke und betrachtete fachmännisch verschiedene Gemüsereiben, die vor ihm an Haken baumelten. Gleiwitz hatte, nachdem er sich in den ersten Regalen außer Sichtweite jeglicher Beobachtung wähnte, die Skimütze vom Kopf gerissen und einen Blick in die Plastiktüte mit der Beute riskiert. Nicht ganz so viel wie erwartet, die zweite Kasse musste er ja sausen lassen, aber nicht schlecht. Hastig sortierte er die Geldbündel und losen Scheine so, dass sie möglichst wenig Platz in der Tüte einnahmen. Einen Blick rundum, niemand zu sehen. Gleiwitz stellte die Tüte ab, nahm die Pistole aus der Parkatasche und legte sie daneben. Dann zog er hastig den Parka aus und ließ ihn auf den Boden fallen. Eine schwarze Motorradjacke mit auffälligen orangefarbenen Streifen kam zum Vorschein. Er öffnete den Reißverschluss der Jacke ein wenig, griff in eine Innentasche und zog eine Brille heraus, die er sofort aufsetzte. Ein Dreiecktuch, der Musterung nach augenscheinlich einmal im Besitz von Jassir Arafat gewesen, das er um den Hals schlang, verwandelte ihn vollends. Die Pistole in die Tüte, nochmals einen Blick rundum, wieder niemand zu sehen. Langsam schlenderte Thomas Gleiwitz durch die Regalgänge. Kurt hatte sich gerade für eine der Gemüsereiben entschieden. Es handelte sich um das kleinste Modell einer Serie, die im oberen Preissegment angesiedelt war. Der Preis sprengte zwar etwas seine Vorstellungen, aber bevor er den Mist mit den Kunststoffteilen nahm – für Frau Gruber sollte es schon was Besseres sein.
Für Gleiwitz kam Kurt in seiner einsamen Ecke gerade recht. Er rempelte ihn von der Seite kurz an. Mit einem ‚Entschuldigen Sie!’ wandten sich beide Männer einander zu. Darauf hatte ‚Tomahawk’ Gleiwitz gewartet. Mit einem kleinen Schritt nach vorne, der ein Stolpern simulierte, rammte er Kurt seinen Ellenbogen in den Solarplexus. Kurt verlor das Bewusstsein. Die Gemüsereibe glitt aus seinen Fingern und die Aktentasche fiel zu Boden. Wie von einer Axt gefällt – genau dieser Schlag hatte Gleiwitz seinen Spitznamen eingebracht, fiel Kurt hinterher. Mit einem Griff hatte der Angreifer Kurts Aktentasche geschnappt, sie geöffnet und seine Plastiktüte und die Pistole darin verstaut. Kurt begann gerade wieder zu atmen und versuchte sich aufzurichten, als Gleiwitz den Verschluss der Tasche zuschnappen ließ und sie neben Kurt auf den Boden stellte. Mit geheuchelter Hilfsbereitschaft stützte er Kurt, der sich keuchend erhob. Dabei entschuldigte sich Thomas ‚Tomahawk’ Gleiwitz fortdauernd und überzeugte so Kurt, dass es sich bei dem Zusammenstoß um einen zufälligen und unbeabsichtigten Unfall gehandelt hatte. Er reichte Kurt noch hilfsbereit seine Aktentasche und die Gemüsereibe und verabschiedete sich, nicht ohne sich nochmals zu entschuldigen. Dann schlenderte er in Richtung der Bildergalerie, die sich eine halbe Etage höher befand, davon.

Die beiden Polizeiobermeister Siggi Fischer und Karin Müller hatten inzwischen die angeforderte Verstärkung erhalten. Das Gebäude war abgeriegelt, aber der zuständige Einsatzleiter wollte kein Risiko für die Kunden und Angestellten im Gebäude eingehen und hatte daher fürs Erste darauf verzichtet, mit den Beamten das Möbelhaus zu durchsuchen. Per Lautsprecherdurchsage ließ er die Kunden informieren, dass eine Evakuierungsübung der Feuerwehr und der Polizei unter Realbedingungen ablaufe und daher alle Kunden das Gebäude zügig, aber ohne Hast, über den Hauptausgang verlassen sollten. Wie in diesen Fällen üblich, kam die Mehrheit der Kunden dieser Aufforderung nach. Bevor sie jedoch die Kasse passierten, wurden alle Taschen und Behältnisse von Beamten durchsucht, die wiederum von Kollegen in schusssicheren Westen und mit Maschinenpistolen gesichert wurden. Einige Meter dahinter stand der Einsatzleiter mit seiner Kollegin Karin Müller, der Kassiererin und einigen weiteren Zeugen der Geschehnisse, die alle die Kassen passierenden Kunden eingehend musterten. In kürzester Zeit hatte sich vor jeder der Kassen eine kleine Schlange gebildet, Kinder quengelten und die ersten Kunden zeigten Unverständnis für die Übung von Polizei und Feuerwehr zur Evakuierung des Gebäudes. Frech stand Thomas Gleiwitz in der zweiten Reihe und wartete auf seine Abfertigung. Mit scherzenden Worten ließ er sich von einem Beamten durchsuchen und konnte dann, ohne von einem der Zeugen erkannt worden zu sein, das Gebäude verlassen. Vor dem Möbelhaus, es war schon recht dunkel, suchte er sich auf dem Parkplatz einen großen Van, der ihm Deckung bot, und hoffte, dass der ältere Mann im dunklen Mantel als Unverdächtiger mit der Beute das Möbelhaus verlassen konnte. Er würde ihm dann folgen und bei günstiger Gelegenheit die Beute wieder abnehmen. In der Dunkelheit kein Problem für Gleiwitz.

Kurt Schwarz hatte sich ebenfalls in eine der Schlangen vor der Kasse eingereiht. Gerüchte gingen um, dass es gar keine Übung sei, sondern nur ein Vorwand. Ein Bankräuber sei im Gebäude, meinte eine Frau vor ihm. Quatsch, widersprach ein junger Mann, Drogen seien auf der Toilette gefunden worden. Kurt beteiligte sich nicht an den Vermutungen. Sein Bauch schmerzte noch von dem Zusammenstoß eine Etage höher. Endlich kam er an die Reihe. Er zahlte die Gemüsereibe und bekam sie in einer kleinen Tüte verpackt überreicht. Dann stand er vor einem Polizisten, der ihn höfl ich aufforderte, die Arme zu heben und die Beine zu spreizen. Kurt stellte die Tüte und seine Aktentasche ab und tat, wie ihm geheißen. Wie im Flughafen scherzte jemand von hinten. Der Beamte tastete Kurt von oben bis unten ab, richtete sich auf und bat Kurt, seine Aktentasche zu öffnen. Kurt griff danach und wollte den Riegel beiseite schieben, als sich dieser etwas verklemmte. Kein Problem, da es Kurt schon öfter passiert war, aber er musste etwas fummeln. Kurt fingerte am Verschluss herum, als nebenan ein Tumult losbrach. Anscheinend wollte eine Frau nicht, dass ihre Handtasche durchsucht wurde. Der Beamte und Kurt schauten neugierig hinüber, die Unruhe legte sich wieder. Durch diese Unterbrechung schien der Polizist aber vergessen zu haben, dass Kurt seine Aktentasche ja noch gar nicht geöffnet hatte. Mit einem „Bitte weiter, der Nächste“ entließ er Kurt aus dem Kassenbereich.

Gleiwitz‘ Plan schien aufzugehen. Kurt ging schnurstracks auf den Ausgang zu und verließ das Möbelhaus. Er überquerte den Parkplatz und wandte sich nach rechts, den Gehweg hoch, um dort über die Straße und an die Straßenbahnhaltestelle Richtung Innenstadt zu gelangen. Einige Meter, bevor er den Übergang erreichte, sprang die Ampel auf Grün und die dort wartende Menschenmenge eilte hinüber. Kurt begann seine Schritte zu beschleunigen, da mit ihm auf gleicher Höhe bereits seine Straßenbahn fuhr, mit der er unbedingt noch mitfahren wollte. Die Aktentasche unter dem Arm und die Plastiktüte mit Slavias Geschenk in der Hand erreichte er noch die Tram und konnte als einer der letzten Fahrgäste in die überfüllte Bahn steigen, bevor sich die Türen schlossen und der Zug anfuhr.

Mit Erleichterung hatte Thomas ‚Tomahawk’ Gleiwitz Kurt aus dem Haus kommen sehen und folgte ihm in einigem Abstand. Als Kurt zu laufen begann, um die Bahn noch zu erreichen, versuchte Gleiwitz Schritt zu halten, bemerkte aber sofort, dass er es nicht mehr rechtzeitig vor der Rotphase über den Fußgängerüberweg schaffen würde. Geistesgegenwärtig änderte er seine Richtung und versuchte unterhalb des Fußgängerüberwegs die vielbefahrene Straße zu queren. Zwei der drei Fahrspuren hatte er geschafft. Die Geschwindigkeit des schwarzen, schweren Geländewagens unterschätzte er jedoch.

Kurt saß in der Küche an dem kleinen Esstisch und hatte eine dampfende Tasse Kaffee vor sich. Er hatte kaum geschlafen. Das Radio lief seit einigen Minuten und dudelte Musik vor sich hin, die ihm eigentlich auf die Nerven ging. Die Musik verstummte, einige Verkehrsmeldungen folgten und dann die Nachrichten des Tages, die ein Sprecher sachlich vortrug. Nur eine Meldung interessierte Kurt wirklich:

„Gestern Abend kam es in einem bekannten Karlsruher Möbelhaus zu einem spektakulären Überfall. Ein der Justiz seit langem bekannter krimineller Mann raubte die Kasse und konnte der Polizei nach einem Schusswechsel entwischen. Auf der Flucht wurde er von einem Auto erfasst und einige Meter mitgeschleift. Der Mann war sofort tot. Von dem erbeuteten Geld fehlt bislang jede Spur. Nach Aussage des Möbelhauses wurde eine Summe von 43.510,00 Euro erbeutet.“ Kurt blickte lächelnd auf die Geldbündel neben sich. „Stimmt!“, murmelte er und nahm einen Schluck dampfenden Kaffee.