Angerichtet

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Arzt, Hans-Christian

Der Botanische Garten war bis zum Schlossplatz in gleißendes Licht getaucht. Die Rotoren der Hubschrauber durchschnitten knatternd die laue Spätsommerluft. Polizei und Bundesgrenzschutz hatten die ganze Umgebung abgeriegelt und das Blaulicht der Rettungsfahrzeuge spiegelte sich gespenstisch im Wasser des Schlossgartensees wieder. Tausende Schaulustige hatten sich eingefunden, um dem einmaligen Spektakel beizuwohnen.
Durch sein Fernglas beobachtete Herr Ulmer um 22:15 Uhr wie eine dick vermummte Gestalt mit einem runden Gegenstand das Bundesverfassungsgericht verließ und kurz darauf in einem gepanzerten Lieferwagen verschwand. Er musste an den Artikel denken, der vor wenigen Wochen im Boulevard Baden erschienen war. Die Gefahren des Terrorismus waren in letzter Zeit gestiegen und auch in Deutschland waren verdächtige Zellen religiöser Fanatiker dem BKA schon seit geraumer Zeit bekannt. Mehrere Verdächtige waren auch schon verurteilt und abgeschoben worden. Es war nur nahe liegend, dass ein Zusammenhang zwischen Gerichtsbarkeit und Fanatismus bestand und dies hier die Folge des Aufeinandertreffens von Gewalt und Gerechtigkeit war. Doch die wahren Hintergründe konnte er nicht erahnen.

Bereits am Abend zuvor saß der Präsident des Bundesgerichtshofs Prof. Dr. Hase zusammen mit den Richtern Blos, Speerwarth und Pfingstfroh in einem Nebenraum des Bundesgerichtshofs im ehemaligen Palais des Erbgroßherzogs und spielten Skat. Nebenbei diskutierten sie nochmals die Entscheidung über die Offenlegung der Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten. Als Vertreter des Volkes ist der Mandatsträger verpflichtet Auskünfte zu erteilen, die zumindest darüber befinden, dass ein Interessenkonflikt zwischen unterschiedlichen Tätigkeiten vermieden wird. Angaben über die Höhe der Einkünfte war nur Wasser auf die Mühlen der Neider.
Es sei denn, Geld würde zum Maßstab für Gerechtigkeit werden.
Blos hatte keinen Bock mehr über ein Thema zu diskutieren dessen Tatsachenentscheidung bereits vollzogen war. Er hatte sich „Im Namen des Volkes" entschieden, einfach, indem er sich der wahrscheinlichen Meinung des Volkes angeschlossen hatte. Er war gewählter Meinungsträger zu einem Volksentscheid. Wem war er Rechenschaft schuldig? Dem Parlament oder dem Volk?
Blos hatte gerade einen Grand mit Dreien verloren, nachdem er sich verschmissen hatte. „Für heute habe ich genug. Tut mir leid meine lieben Kollegen aber ich kann mich heute einfach nicht mehr konzentrieren."
Das verständnisvolle Nicken seiner Mitspieler gab ihm Recht. Seitdem ihn der Anruf aus der Tierklinik erreicht hatte, dass sein geliebter Dackel plötzlich eingegangen war und seine Frau untröstlich sei, war es mit der Ruhe vorbei.
Nachdem er sich ein Taxi bestellt hatte zog er seinen leichten Trenchcoat an und verließ das Palais. Zu allem Überdruss hatte es angefangen zu regnen.

Noch in der gleichen Nacht erreichte den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Prof. Dr. Blatt ein beunruhigender Anruf.
„Mein Mann ist bisher noch nicht zu Hause eingetroffen.", hörte er die verzweifelte Stimme von Frau Blos.
„Das hat er noch nie gemacht." Blatt spührte, wie sich in seinem Hals ein Klos bildete.
„Er hätte mich bestimmt angerufen. Bitte helfen Sie mir."
Blatt räusperte sich. Die Ziffern seines Weckers zeigten 3:21 Uhr.
„Ich werde sofort die Bereitschaft informieren. Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen Frau Blos. Bestimmt findet sich eine ganz plausible Erklärung.", versuchte er sie zu beruhigen.
„Sobald ich Näheres erfahre rufe ich Sie zurück." Er legte den Hörer auf. Jedes weitere Wort wäre in diesem Augenblick fehl am Platz gewesen. Prof. Dr. Blatt wählte die Nummer des Polizeipräsidiums.

Blos stand noch keine Minute am Straßenrand als die Scheinwerfer des Taxis seinen Körper erfassten. Er öffnete die Fondtür und ließ sich erschöpft in den weichen Ledersitz fallen. „Durlach, Wolfweg 44 bitte." Der Taxifahrer nickte und fuhr los. Nachdem er die Kriegsstraße verlassen hatte bog er in die Kapellenstraße ein und von dort über das Durlacher Tor in den Konrad Adenauer Ring. „Sie fahren den falschen Weg!", bemerkte sein Fahrgast. „Das glaube ich nicht.", antwortete der Fahrer. „Halten Sie sofort an!", befahl ihm Blos. „Wir sind gleich da.", beruhigte ihn der Taxifahrer und wurde langsamer. Zwischen Unigelände und Wildparkstadion brachte er seinen Wagen zum stehen und schaltete das Licht aus. Bleiben Sie ganz ruhig, dann passiert Ihnen auch nichts." „Was soll das?", fragte Blos mit belegter Zunge. „Das werden Sie noch früh genug erfahren." Plötzlich hatte der Mann hinter dem Lenkrad eine Waffe auf seinen Fahrgast gerichtet. „Steigen Sie aus, aber langsam wenn ich bitten darf." Die auffordernde Bewegung des Waffenlaufs war unmissverständlich. Blos öffnete die Tür und stieg aus. „Drehen Sie sich mit dem Gesicht zum Wagen.", forderte er den verängstigten Richter auf. „Wenn Sie Geld wollen..." Doch anstatt einer Antwort traf ihn der Knauf der Waffe am Hinterkopf. Lautlos sackte Blos in sich zusammen.

„Wann hat Richter Blos das Gerichtsgebäude verlassen?" Die große Wanduhr im Polizeipräsidium zeigte inzwischen auf sechs Uhr als der stellvertretende Polizeipräsident der Fächerstadt diese Frage stellte.

„Das muss so gegen 23:00 Uhr gewesen sein.", antwortete der Pförtner des Bundesgerichtshofs pflichtbewusst.
„Befanden sich noch andere Personen zu diesem Zeitpunkt im Gebäude?"
„Kurz nach Herrn Blos hat Herr Dr. Hase zusammen mit Herrn Speerwarth und Pfingstfroh das Haus verlassen. Sonst habe ich niemanden gesehen."
„Ist Ihnen in der Zeit als sich die Herren im Haus befanden irgend etwas ungewöhnliches aufgefallen?"
„Nein es war alles wie immer. Weder fremde Personen, noch sonst irgend etwas was man als auffällig hätte bezeichnen können."
„Das war alles für den Augenblick was ich von Ihnen wissen wollte. Danke, Sie können gehen."
„Wir werden gleich den genannten Personenkreis zu diesem Fall befragen.", platzte Frau Schwerhecke, ihres Zeichens Polizeipräsidentin der Residenzstadt in die Befragung.
Doch noch etwas anderes platzte in diesem Augenblick herein.
Die Nachricht über das Auffinden eines bewusstlosen Taxifahrers mit Platzwunde am Kopf, der sich in der Nähe des Wildparkstadions aufgehalten haben musste. Das Fahrzeug stand etwa dreihundert Meter vom Fundort des Verletzten entfernt. Der Geschädigte war noch nicht vernehmungsfähig. Die Spurensicherung hatte ihre Arbeit bereits aufgenommen.

Die Befragung der drei Richter durch einen Kriminalbeamten hatte auch nur wenig Neues gebracht. Lediglich, dass er ein Taxi bestellt hatte, da er so schnell wie möglich nach Hause wollte, weil sein Dackel gestorben war.
„Möglicherweise ist das Taxi des Verletzten das Gleiche, in dem der Richter verschwunden ist. Dann müssen wir das Schlimmste befürchten.", stellte Frau Schwerhecke fest.
„Warten wir ab, bis wir die Fingerabdrücke haben, dann wissen wir mehr."
Es war bereits nach neun Uhr, als ein anonymer Anrufer die Freilassung des Kalifen von Köln und mehrerer seiner Anhänger verlangte. Ansonsten müsste ein Richter sterben. Es gab wohl nur einen Richter, um den es sich hierbei handeln konnte.

Es roch nach modriger Erde als Richter Blos wieder zu sich kam. Seine Augen erblickten nicht einmal den Schimmer eines Lichts. Nur die Sterne in seinem Kopf dröhnten schmerzvoll in seinem Schädel. Als seine Hand den Kopf berührte, spürte er das angetrocknete Blut in seinem schütteren Haar. Sein Gehirn begann zu arbeiten. Nach dem Skatspiel wollte er gleich nach Hause um die näheren Umstände zum Tot seines treuen Jagdhundes zu erfahren und die Trauer mit seiner Frau zu teilen. Er war in ein Taxi gestiegen, konnte sich aber nur noch an die Umrisse der Gestalt des Taxifahrers erinnern. Irgendwie kam ihm diese Person bekannt vor. Auch die Stimme meinte er schon gehört zu haben. Aber was hatte dieser Mensch vor, und in was für einem Gemäuer befand er sich hier?
„Hallo!", rief er laut. „Ist hier jemand?" Doch er vernahm nur den Schall seiner eigenen Stimme. Vorsichtig stand er auf und tastete sich vorwärts. Seine Hände berührten die feuchtkalte Fläche einer Betonwand. Langsam bewegte er sich an der Mauer entlang. Doch nachdem er sämtliche Ecken abgeschritten hatte, konnte er nicht den Spalt einer Öffnung entdecken. Doch wenn er hier herein gekommen war, musste es auch einen Ausgang geben. Er dachte angestrengt nach. Der Raum maß in etwa sechs auf acht Meter und der Boden war nicht betoniert. Nicht einmal ein Lichtschalter schien sich in diesem Raum zu befinden. Und als Nichtraucher hatte er nicht einmal Streichhölzer um seine Umgebung zu erkunden.
Er begann laut um Hilfe zu rufen. Doch kein Laut drang durch die dicken Mauern nach außen.

„Wir müssen unbedingt das Innenministerium benachrichtigen! Das Ganze nimmt größere Ausmaße an als ich erwartet hatte." Die Präsidentin des Polizeipräsidiums konnte nicht länger die Verantwortung über diesen mysteriösen Fall übernehmen. Das BKA war die einzige Institution die hier weiterhelfen konnte.
Es war gegen Mittag als die ersten BKA Mitarbeiter die Lufthansamaschine auf dem Baden-Airport verließen und mit Sirene und Blaulicht so schnell wie möglich nach Karlsruhe fuhren, um einen Krisenstab einzurichten.

Eine weitere Mitteilung der Erpresser beim Röser Verlag hatte inzwischen die zuständigen Mitarbeiter in helle Aufregung versetzt. Wie in einem Ameisenhaufen verbreitete sich die Nachricht vom Vorhandensein eines Sprengsatzes in einem Karlsruher Gebäudekomplex. Auch ein Ultimatum wurde genannt. Heute Abend zwanzig Uhr.

„Und das auch noch in der Museumsnacht wo viele tausend Besucher sich in unseren Ausstellungsgebäuden aufhalten werden." Oberbürgermeister Wimpels blasser Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes und sein Oberlippenbart zitterte leicht als diese Feststellung über seine Lippen kam.

Als ihn die Hiobsbotschaft erreichte, hatte auch er sich unverzüglich ins Polizeipräsidium begeben um die Geschehnisse aus erster Hand zu erfahren. Er war bestürzt und sauer zugleich. Wie konnte es jemand wagen seine „viel vor Stadt" auf diese Art und Weise zu verunglimpfen. Nun ja Karlsruhe würde schon zeigen was dahinter steckt.

„Wir müssen sämtliche öffentlichen Einrichtungen sofort schließen. Dann werden wir Straßensperren errichten und Sicherheitszonen einrichten. Notfalls muss die Innenstadt evakuiert werden. Auch die Postgalerie und das ECE-Center müssen umgehend geschlossen werden. Mein Gott, dass ich so etwas noch erleben muss. Wenigstens hat der KSC heute kein Spiel." Der OB war außer sich und schien dennoch gefasst. Er war froh, dass nun der Ball beim Bund lag. Nicht Karlsruhe war das Opfer sondern der Rechtsstaat.

„Ihr Hund ist ja am Leben!" Der BKA Beamte war überrascht als Frau Blos die Tür öffnete und der Dackel den Fremden Eindringling lautstark ankläffte.
„Wieso soll Wolfi nicht am Leben sein?", fragte sie verdutzt.
„Unseren Ermittlungen zufolge ist Ihr Dackel verendet. Ihr Mann bekam kurz bevor er das Gerichtsgebäude verlassen hat einen Anruf mit entsprechendem Hinweis. Aber jetzt...? Jetzt bekommt der Fall ein neues Gesicht. Möglicherweise wurde der Anruf nur getätigt um den Aufenthaltsort Ihres Mannes zu erfahren. Das würde auch den Taximord erklären."
„Einen Mord?" Die Farbe entwich aus ihrem Gesicht.
„Nicht Ihr Mann.", beschwichtigte der Beamte die Frau des Richters. „Es handelt sich um den Taxifahrer. Wir vermuten allerdings, dass Ihr Mann nicht unweit vom Tatort festgehalten wird."
„Kann ich irgend etwas tun, um meinem Mann zu helfen?" Ihr Gegenüber dachte kurz nach während er vom Dackel argwöhnisch beobachtet wurde. Dann deutete er plötzlich auf das struppige Tier. „Der Hund! Vielleicht kann Ihr Hund die Spur des Entführten aufnehmen. Wo haben Sie die Hundeleine. Ich werde Ihren Dackel gleich mitnehmen. Wir dürfen keine Zeit verlieren."
„Ich komme aber auch mit. Ohne mich geht der Hund nirgendwo hin." Frau Blos war schon damit beschäftigt die Leine am Halsband von Wolfi zu befestigen und sich den Mantel überzuziehen. Dann fuhren sie ins Präsidium, um die weitere Vorgehensweise festzulegen.

Die Sterne funkelten immer wieder durch den Wolken verhangenen Himmel und der auffrischende Wind brachte die Blätter der Bäume zum rauschen. Eine dunkle Gestalt huschte nach Deckung suchend durch den Botanischen Garten. Unter seinem weiten Umhang trug er kaum sichtbar einen runden Gegenstand. Den Schatten ausnutzend, bewegte er sich auf das Bundesverfassungsgericht zu. Dann blieb er kurz stehen und drückte auf einen Knopf an seiner Uhr. Auf dem Display erschien die Zeit. Es war jetzt 0:17 Uhr. Er musste sich beeilen. Vielleicht war das Verschwinden des Richters inzwischen aufgefallen oder sie hatten das leere Taxi entdeckt. Wenn sie die richtigen Schlüsse ziehen würden, konnte es kritisch werden. Das Gerichtsgebäude war ihm bereits vertraut. Schließlich hatte hier vor kurzem eine Verhandlung stattgefunden, von deren Ausgang er persönlich betroffen war. Im Eingangsbereich auf der Schlossseite patroullierten zwei BKA Beamte mit ihren Maschinenpistolen. Er zog sich eine Sturmhaube über und setzte seine getönte Brille auf. Dann zog er den kleinen Sender aus der Tasche und drückte die Taste, die dafür sorgen würde, dass die Wachen abgelenkt waren. Aus Richtung des Schlosses ertönten plötzlich laute Stimmen. Hilfe- und Drohrufe hallten zum Gerichtsgebäude herüber. Unentschlossen gingen die beiden Wachen aufeinander zu und unterhielten sich kurz. Dann griff einer der beiden nach seinem Funkgerät, während sich der andere dem Ort näherte, aus dem die Schreie ertönten. Plötzlich hörte er einen Schuss gefolgt von einem Aufschrei. Er beschleunigte seinen Schritt.
Die Zeit der Ablenkung hatte dem nächtlichen Besucher ausgereicht, unbemerkt in das Gebäude einzudringen und den mitbrachten Gegenstand gegen einen gleichartigen auszutauschen. Die Bilder der Überwachungskameras würden zwar seine Gestallt festhalten, aber der Ort, an dem er den Sprengkörper platzierte war nicht erfasst. Noch bevor der Wachmann den Kassettenrekorder entdeckt hatte war er wieder aus dem Gebäude verschwunden.

Im Polizeipräsidium überschlugen sich inzwischen die Ereignisse. Frau Speerecke, ihre Abteilungsleiter und das BKA waren gerade dabei, die Einsätze zu koordinieren, als der nächste Anruf die führenden Köpfe an den Rand eines Kollapses brachte.

„Soeben ist eine Bombendrohung eingegangen. Möglicher Weise ist jemand in das Hauptgebäude des Bundesverfassungsgerichts eingedrungen. In der Nähe wurde ein Rekorder gefunden, der wahrscheinlich der Ablenkung gedient hat.", konstatierte Frau Speerecke. „Wir müssen den Gebäudekomplex von Oben bis Unten durchsuchen. Spürhunde, Spengmittelbeseitigung, die ganze Palette. Und vor allem will ich wissen, wieso ich die Nachricht über die Vorkommnisse vor dem Schloss erst jetzt erhalte." Frau Speerecke atmete hörbar aus. Der Leiter des BKA hatte sich inzwischen mit Frau Groß samt Dackel und mehreren Beamten in ein Nebenzimmer begeben.

„Falls ihr Mann noch in der Nähe sein sollte, haben wir noch die Chance, über den Fundort des Taxis an ihren Mann heranzukommen. Nehmen sie eine Hundertschaft Polizisten und durchstreifen sie den Wald, falls der Hund anschlägt. Zum Glück ist die Sonne bereits aufgegangen. Vergesst nicht die Terroristendatei mit den Fingerabdrücken im Taxi zu vergleichen. Außerdem, wo bekommt man hier etwas zu essen, und einen starken Kaffee? Ist die angeforderte Spezialeinheit zur Terrorbekämpfung unterwegs?"

Von weitem hörte man das unmissverständliche Knattergeräusch mehrerer Hubschrauber. „Das müssten sie bereits sein", bemerkte OB Wimpel und schaute zum Fenster hinaus. Unter „Viel vor" hatte er sich eigentlich etwas anderes vorgestellt.

Als die Streife vor dem Schloss den Radiorekorder entdeckt hatte, dachte er zunächst an einen üblen Scherz eines jener Briganden, deren trockener Humor nicht gänzlich unbekannt war. Er ließ ihn stehen und begab sich zu seinem Ausgangspunkt zurück.
„Was war los", wollte sein Kollege wissen.

„Irgend so ein Scherzbold hat wohl jemandem einen Schrecken einjagen wollen." Damit ließen sie es bewenden und setzten ihren Kontrollgang fort.

Von der Beiertheimer Allee, dem Sitz des Polizeipräsidiums, bis zum Tatort war es nicht weit. Noch stand das Taxi an seinem Fundort, und die Kripo war damit beschäftigt, das Fahrzeug gründlich zu untersuchen. Wolfs war nun Schnüffelhund. Der treue Dackel fing tatsächlich an zu bellen, als er den Geruch seines Herrchens wahrnahm. Sein Schwanz wedelte freudig hin und her. Dann senkte sich seine Schnauze auf den Boden und er zog mit allen Vieren sein Frauchen samt Anhang hinter sich her in den Wald. Als Jagdhund war er ausgebildet worden, doch würde er außer Kaninchen und Wildschweinen auch sein Herrchen finden können? Immer weiter zog er sein Gefolge durch das Gehölz mit der Nase am Waldboden wie eine Straßenbahn auf den Schienen nach Herrenalb. Schon nach einigen hundert Metern blieb er kläffend vor dem verschlossenen Eingang eines Bunkers mitten im Hardtwald stehen.

„Mach den Eingang frei", befahl der Leiter der Suchmannschaft. Kaum, dass das Hindernis beseitigt war, kam ihnen ein vom Sonnenlicht geblendeter Richter erleichtert entgegen.

Nachdem die finstere Gestalt ihr Vorhaben erfolgreich ausgeführt hatte, begab sie sich genauso unauffällig aus dem Gefahrenbereich, wie sie eingedrungen war. Niemand würde den wahren Hintergrund der Tat erfahren, sobald er die nächste Nachricht verbreitet hatte. ,Ein zufriedenes Grinsen huschte über sein Gesicht, als er an die verdutzten Richter denken musste, die bald vor dem Scherbenhaufen ihrer Gerechtigkeit stehen würde. Er griff sich in die Tasche und spürte das Ticket das ihn wieder in seine vertraute Umgebung zurück bringen würde. Nichts würde sich für ihn geändert haben, außer dass seine Rachegelüste befriedigt waren.

In Karlsruhe wird Unruhe entstehen, sobald die öffentliche Ordnung unordentlich geworden ist, und die Gerechtigkeit wird ihren eigenen Weg suchen, wie ein Sprengkörper der alles in Frage stellt. Die Öffentlichkeit wird aufhorchen sobald Allah seinem Funken gezündet hat.

„Alla gut!" Irgendwann musste ja dieser Wahn den Ort der Gerechtigkeit erreichen. Aber warum nicht friedfertig?

„Tun wir, was getan werden muss. Schützen wir den Menschen vor der Unmenschlichkeit!" Worte aus dem Mund von Innenminister Schräuble, die in diesem Augenblick dem Leiter des BKA ans Ohr drangen.
Karlsruhe war zugeschnürt wie eine geschlossene Auster.

„Wir werden den Täter ausfindig machen und die Bombe entschärfen, bevor sie Schaden anrichten kann." Schräuble war sich seiner Sache sicher.

Alles was laufen konnte lief und alles was hören konnte horchte. So dauerte es auch nicht lange, bis klar war, dass der Gegenstand der die Explosion hervorrufen würde, sich im Gebäude des Bundesverfassungsgerichts befinden musste. Doch wer waren diese Verbrecher? Bisher gab es weder Aufschluss über die Herkunft der Täter noch über den Sinn ihres Handelns. Erleichtert wurde das unversehrte Auffinden des Richters aufgenommen. Schließlich war auch er es, der den entscheidenden Hinweis auf den wahrscheinlichen Aufenthaltsort der Bombe geben konnte. Und was noch viel wichtiger war, - er glaubte seinen Entführer erkannt zu haben. Nachdem er das Fehlen seiner Zugangskarte und des dazu gehörenden Schlüssels zum Gerichtsgebäude festgestellt hatte war klar, dass der Täter diesen Ort aufgesucht hatte. Die gesuchte Person war dem Richter bereits bei einer früheren Begegnung aufgefallen. Die Figur, die Stimme, die leicht abstehenden Ohren, der kurze Haarschnitt und das sichere Auftreten und vor allem die markante Uhr. Das konnte nur einer sein: Scherz.

„Es war Scherz, der mich entführt hat."

"Meinen Sie den Bundestagsabgeordneten der wegen der Offenlegung...?"

„Genau den." antwortete Groß noch bevor sein Gegenüber den Satz ausgesprochen hatte. Die Maschinerie des BKA lief auf Hochtouren und noch am Baden-Airport konnte die verdächtige Person festgenommen werden.

Nachdem sich auch die Terroristen nicht mehr gemeldet hatten war klar, dass Scherz den gesamten Staat an der Nase herumgeführt hatte. Sein Schweigen zu den Anschuldigungen gab ihnen recht, oder wie wir es aus vielen Krimis kennen:
„Ohne meinen Anwalt sage ich nichts."

Jetzt galt es nur noch so schnell wie möglich die Bombe zu finden.

Die Skulptur „Die Gerechtigkeit" des Bildhauers und Künstlers Andre Bucher war etwas aus dem Lot geraten. Die Kugel hatte das Zentrum ihres Seins verlassen und drohte vom Sockel zu kippen, was Dank des aufmerksamen Hausmeisters gerade noch verhindert werden konnte. „Die Kugel fisch riet im Lot" hatte er trocken bemerkt als das Sprengkommando das Gebäude betreten hatte.

Dank dieses wertvollen Hinweises eines waschechten Karlsruhers konnte die Katastrophe gerade noch mal verhindert werden.

Dennoch fragte sich Herr Ulmer, nachdem er am darauf folgenden Wochentag Boulevard Baden gelesen hatte, wie es sein konnte, dass das Rechtverständnis von Täter und Opfer so gar nicht zueinander passen wollte. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass „Recht" überhaupt nicht einfach zu begreifen war. Was dem einen Recht war, war dem anderen vielleicht Link?