Der Tod eines Spielers

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Schlosser, Johannes

Beim Aufwachen fühlte Christian die Sonnenstrahlen auf seiner Haut und es war ihm unangenehm. Nein, diese Hitze wollte und wollte nicht vergehen; der wolkenlose hellblaue Himmel, auf den man im Frühling vergeblich wartete, hing bereits am oberen Rand des gekippten Fensters und war so durchsichtig, dass er sich Sorgen machte, der Atmosphäre könnte tatsächlich etwas fehlen.

„Es wird wieder einer dieser unerträglich heißen Tage", dachte er unausgeschlafen. „Das Thermometer steigt um die Mittagszeit sicherlich wieder weit über die in der Tagesschau versprochenen vierunddreißig Grad und die Wohnung wird sich erneut in einen Schmelzoffen verwandeln, um mich und alles um mich herum zur Weißglut zu bringen. Und, natürlich, wird der Name der Stadt abermals im Munde etlicher Meteorologen sein, die schadenfroh über die unerwartete subtropische Wetterlage berichten. Auch die langbeinige hübsche Frau, die mit ihren Maxi-Werten es eigentlich nicht nötig hätte, wird mit erhitztem Gemüt vor der roten Landkarte hin und her hüpfen und am Tagesende befriedigt den Meistbietenden preisgeben: „Karlsruhe war heute der heißeste Ort Deutschlands. „Gott im Himmel!"

Christian stand auf, öffnete das Fenster, um in die Wohnung die Kühle hereinzulassen, die sich über Nacht draußen unter den Bäumen versammelt hat, und von allem genervt polterte er im Bad herum. Dann ging er in die Küche, um den Tag so zu beginnen, wie es ihm, einem verspäteten Spießer, genehm war: Mit einer Tasse Kaffee und der Lektüre einer Zeitung, in der er nach Leichen für seinen neuen Krimi suchte. Sein Blick blieb auf der Titelseite haften; er las aufmerksam den breiten Artikel über die derzeitige Hitzewelle durch, so aufmerksam, als ob dort stehen würde, wie er diese verdammte Sonne für die nächsten sechs Tage abschalten könnte. Wie immer glänzte der lokale Journalist mit einer nur diesem Simpel eigenen Logik.

„Wenn ich so meinen Krimi schreiben würde, dann wäre der Hund des Zuhälters der eigentliche Brandanstifter und der Zuhälter selbst - ein unzurechnungsfähiges Wesen, das sich zusammen mit dem Caritas-Verband um das Wohl der ihm in der Brunnenstraße anvertrauten notbedürftigen Personen sorgt", dachte er zerstreut. „Wo blieb bloß die schöne Eiszeit mit den gut behaarten Mammuts? Alles fließt; alles ändert sich. Und alles steigt. Die Hitze im Sommer, das Hochwasser im Frühling, der Hochschnee im Winter und die Benzinpreise in den Pfingstferien. Und wenn es anders kommt, dann behaupten die, in der schmalen Glotze zusammengepferchten und durch Zwangsgebühren am Leben gehaltenen, gelifteten Scheinmenschen, dass auch die Extrema zunehmen werden."

Christian schaltete den Fernseher ein, den er als unangemeldetes Zweitgerät für seine beruflichen Zwecke frech von der Steuer absetzte und, ja, sie waren wieder da. Auch der indisch aussehende Professor, der just in diesen extrem heißen Tagen plötzlich auf der Mattscheibe auftauchte und alles mit einem, zum wärmeren Klima neigendem, gezinkten Würfel erklärte. Das Erscheinen des exotischen Professors mit dem magischen Würfel verblüffte ihn aufs Neue: Er schien wie ein Rückkehrer aus dieser vorhergesagten tropischen Zukunft zu sein, dessen Äußeres das Klima dort so anschwärzte, dass der Mann ungewollt zur Mahnung wurde – ihr werdet alle so aussehen, wenn ihr euch nicht ändert. Nun, Christian hatte während seiner Studienzeit nicht nur das große Waldsterben, die Nato-Nachrüstung und den Bau der Startbahn West in Frankfurt, sondern selbst Professor Grau in Karlsruhe überlebt, der auf der Nachprüfung mit der Frage nach zwei parallelen Geraden, die sich irgendwo im Unendlichen trafen, ihn wie mit einem Pfeil von der geliebten
Fridericiana abschießen wollte. Und da Herr Prof. Dr. Dr. Grau damals schon über einhundert real existierende Studenten auf seinem Gewissen hatte - was war da schon diese sich noch lange hinzögernde, surrealistische Erderwärmung? Wenn es bloß heute nicht so heiß wäre.

Christian wendete sich wieder der Zeitung zu und stieß endlich auf die richtige Stelle:

Gestern am frühen Morgen fand ein Jäger im Waldstück nördlich des Schlossparks und unweit der Friedrichsallee eine männliche Leiche, die eine Kopfverletzung aufwies. Geistesgegenwärtig rief der Jäger sofort die Polizei, die daraufhin den Ort absperrte und eine Spurensicherung vornahm. Wie die Kriminalpolizei mitteilte, konnte die Identität des toten Mannes noch nicht geklärt werden. Für Hinweise....

„Ist ja interessant! Mal hören, was Dieter dazu zu sagen hat." Christian wählte eine Nummer.
„Was ist mit der Leiche in der Friedrichsallee?" fragte er ohne Einleitung, denn sie kannten sich lange genug, um auf das zeitraubende „Guten Morgen, wie geht es dir und hast du auch so schlecht geschlafen?" zu verzichten.
„Die, mit dem Kopfschuss?" fragte Dieter. „Tot ist sie."
„Wurde inzwischen die Identität festgestellt?"
„Rudolf Schwarz. Ein Karlsruher."
„Hast du etwas Interessantes für mich?"
„Nein, aber woran arbeitest du gerade?"
„An der nächsten Leiche. Sie liegt tief im Brunnen und oben sucht einer verzweifelt nach dem Mörder."
„Im Brunnen, aus dem man nur den Himmel sehen kann? Ist das eine Metapher, an der Dr. Scholl an unserem Gymnasium so viel Freude hatte? Nein? Aber wo gibt es heute noch Brunnen? Lass sie doch endlich vom stillgelegten Turm des ehemaligen Badenwerks fallen und im Sturzflug den Namen des Mörders in die frostige Luft
schreien. Der Gärtner hat mich gesto-o-o-oßen!"
„Und wonach soll dann mein Kommissar die anschließenden hundert Seiten suchen? Nach dem Ziegenbock?"
„Deine Sache. Also, pass auf, dieser tote Rudi gehörte der Boule-Szene an. Na du weißt schon, das sind die, die jeden Nachmittag im Schlosspark eine ruhige Kugel schieben."
„Einige davon kenne ich. Kannst du mir den Toten näher beschreiben?"
„Kann ich. Ist, oder war ein ziemlich kräftiger Bursche; einen Meter fünfundachtzig groß, schwarzes Haar, schwarze Augenbrauen, blaue Augen, schöne gerade Nase, keine Spur eines Bauchansatzes, einundfünfzig Jahre alt. Sieht aus wie ein edler spanischer Pirat von einem hölzernen Schiff."
„Dada?" fragte erstaunt Christian zurück. „Ist es Dada?"
„Du kennst ihn? Die zwei, die ihn identifiziert haben, haben auch von einem „Dada" gesprochen."
„Bist du sicher, dass es Dada ist?"
„Woher soll ich das wissen? Es ist der, den die Zwei aus der Boule-Szene unter „Dada" und wir, von der Kripo, unter „Rudolf Schwarz" führen."
„Wisst ihr schon, wer der Täter ist?"
„Nein. Aber wir werden ihn kriegen. Heute kommen die Ergebnisse der DNA-Analyse aus dem Labor. Die Methode ist fantastisch. Was willst du tun, wenn keiner mehr deine Krimis liest, weil sie sich überlebt haben?"
„Leichen sterben nie aus", stellte Christian fest und noch bevor Dieter reagieren konnte, legte er auf.
„Nun, der gut aussehende schwarzhaarige Dada ist tot, aber was ist schon dabei? Es erwischt jeden”, dachte Christian. „Die Kugel rollt weiter. Ich habe ihn nur flüchtig gekannt. Ab und zu auf der Parkbank gesessen und ihm beim Spiel zugeschaut. Dada war ein Prachtkerl. Groß, sonnegebräunt und mit ewig spitzbübischen, spielsüchtigen Augen."
So war es. Zwei oder drei Mal hatte sich Christian mit ihm auch etwas länger unterhalten, doch dessen Geschichten waren so abenteuerlich, dass Christian schnell die Lust am Zuhören verging.
„Wer könnte ihn getötet haben?" dachte er und überlegte geschäftig, welchen Mörder er diesem Spieler geben könnte; erinnerte sich aber rechtzeitig, dass der Mord tatsächlich geschah.

„Zupf mir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß," seufzte er unzufrieden, ging durch die Wohnung, schloss überall die Fenster, zog die Rollläden herunter; isolierte sich damit von der grellen Außenwelt und umgab sich im Dunkeln endlich mit seinen erdachten Krimifiguren, eines davon er heute zum Mörder machen wollte. Wer sollte es sein? Das Dienstmädchen, das eine Liebesaffäre mit dem unmündigen Sohn des Schlossherren hatte, oder doch der ehrwürdige alte Herr, der zur späten Stunde, nach einem Glas Wein, auch der fleischlichen Sünde nicht abgeneigt war? „Berücksichtige die neuapostolischen Leserbriefe", warnte ihn eine innere Stimme. „Für neun Euro neunzig glauben sie, auch das Recht erworben zu haben, dir in langen, ausschweifenden Briefen ihre krankhafte Fantasiewelt aufdrängen zu müssen. Es sind die, die sonntags in der Kirche ganz vorne sitzen und unparteiisch penibel darauf achten, dass Jesus bibelgerecht von den tüchtigen Römern zum x-ten Male abgeschlachtet wird. Der Mord muss, ihrer Meinung nach, ohne jegliche Spur abgewickelt werden; die Handlung, am besten auf einem dampfenden venezianischen Schiff, oder zumindest während einer langen, lockeren Urlaubsreise stattfinden und die meisten Darsteller sollen eine ordentliche christlich-soziale Erziehung genossen haben. Einige Gutbetuchte sollen dabei sein, aber bitte keine ganz Reichen, die sind unrealistisch; und bitte, nur einige von ganz unten, aber nicht die ganz armen, davon gibt es zu viele. Nur solche, die einen ungesunden Drang haben, schnell an Geld zu kommen."

Christian schaute auf. Was ist mit ihm heute bloß los? Nein, er hatte zu nichts Lust. Es war zu heiß. Und im kühlen Wald hatte nachts jemand einen ihm bekannten Menschen ermordet. Verdammte Realität! Und wer zahlt die Miete? Scheiß drauf. Dada hat es auch getan und jetzt freut es ihn wahrscheinlich, dass er sich zu Lebzeiten nicht vom Vermieter hat verrückt machen lassen. Wieder dachte Christian über seine wirren Erzählungen nach. An die Absprache, die Dada als Achtzehnjähriger mit zwei seiner Freunde traf und die er angeblich als einziger mit Dreißig einhielt. Am vereinbarten Tag stand nur er im Hafen von Hamburg. Zuvor hatte er, ein technischer Zeichner, in Karlsruhe eine Firma gegründet und mit dieser, vereinbarungsgemäß, innerhalb von zehn Jahren die abgemachte Million erwirtschaftet. In DM versteht sich. Vom Hafen ging er ohne die irgendwo auf den Hinterhöfen des Lebens stecken gebliebenen, verdösten Kameraden direkt nach Las Vegas, wo er seine Nächte am grünen Spieltisch verbrachte. Dann erschien er, etwas später, im Cabriolet und mit einer Liz auf dessen Beifahrersitz in Paris, wo sie in einem Prachthotel wohnten und er in den zahlreichen Spielhallen der Stadt seine heißen Nächte verbrachte. Was zwischen diesem glänzenden Auftritt in Paris und dem grauen Dasein in Karlsruhe lag, konnte Christian nicht genau heraushören. Auch seine letzte Arbeitstätigkeit blieb im Dunkeln. Mal sagte er, dass er einen Transporter fuhr, mit dem er Geld zu Banken transportierte. Dann wiederum behauptete er, dass es nicht Geldsäcke, sondern vergeistigte Mitarbeiter des Forschungszentrums waren, die er zu Seminaren fuhr, aber alles nur des Geldes wegen. Im Übrigen war er Künstler und irgendwo, in einer Bauernscheune lagerten seine Bilder, die er ein Mal im Jahr an einem unbekannten Ort ausstellte und die dort entdeckt werden sollten. Dann fügte er, ehrlich wie der Geld und geistiges Kapital ausfahrende Künstler nun einmal war hinzu, dass er am Tage zuvor in einen Laden einkehrte, wo Frauen nur darauf warteten, ihn mit Wurst und Speck zu versorgen und mit welchem Genuss er diese kostenlose Gabe verspeiste. Er hatte etwas von der Leichtigkeit eines farbigen Afrikaners, der am Urlaubsstrand einen Affen machend Gürtel und Hüte verkaufte und damit sofort zum Liebling aller Kinder avancierte, während ihre Eltern um sie herum gelangweilt im Sand lagen und sich grimmig und bissig vom Arbeitsstress des vergangenen Jahres erholten. Dada hatte etwas, was ihn von der Masse abhob, und es lag sicherlich nicht nur an seinem gepflegten Hochdeutsch und seiner klaren Ausdrucksweise, mit denen er seine Gedanken unter den werfenden Pöbel streute. Bei den Spielern genoss er den ihm gebührenden natürlichen Respekt, doch Dada war nicht ihr Anführer. Dazu hatte er keine Lust. Genauso, wie er es damals zuletzt satt hatte, Chef in seiner Firma zu spielen, vorausgesetzt, die Geschichte war seinerseits nicht von vorn bis hinten frei erfunden, was leider zu befürchten war. Immer wenn es Streitereien unter dem Spielerfußvolk gab, hielt er sich vornehm zurück, zwinkerte Christian ein Mal sogar mit einem Auge zu, so wie es einer tut, der über diesen kleinlichen weltlichen Dingen stand. Doch Dada kreiste nicht wie ein Adler über diesen nebensächlichen Kleinigkeiten - beim Spiel war er immer voll dabei und mittendrin. Er war der erste, der am frühen Nachmittag im Schlosspark mit einem Satz Kugeln und Staubtuch erschien und er war es, der mit der Ungeduld eines Kindes auf das Eintreffen der nächsten Spieler wartete, die mit der Lässigkeit von Straßenkötern nacheinander am Spielort eintrödelten. Dada zeichnete dann im Staub mit seinem süchtigen, zittrigen Zeigefinger eiligst den ersten Kreis, von dem aus sie die kleine hölzerne Kugel auswarfen, die sie schlicht „Sau" nannten. Sie spielten in zwei Gruppen und sie spielten um Geld. Der Einsatz hatte aber nur rein symbolischen Charakter und war vor einigen Jahren noch eine harte altgermanische DM, der notgedrungen und sich der politischen Lage des Schlossparks anpassend, ein moderner christlicher Euro folgte. Wenn Dada am Werfen war, konnte man sehen, wie stark ihn das Spiel in seine Bahn zog. Es ging ihm nicht um das Geld, obwohl auch er die gewonnenen Moneten stolz und etwas verschmitzt in seiner Brusttasche verschwinden ließ, nein, es ging ihm um das Spiel selbst, um die Leidenschaft, die Boule in ihm auf eine erkennbar unnatürliche Weise entfachte. Es drehte sich bei ihm dann alles nur um den Wurf der auf Hochglanz polierten Metallkugel, die in einem kurzen Bogen seine magische Handfläche verließ; um das metallische satte „Klack", das seinem Wurf folgte, und das in ihm etwas Wildes auslöste, wie es der spleenige Glanz in seinen Augen verriet. Mit diesem animalischen Blick und mit vorschriftsmäßig nebeneinander gestellten Beinen verfolgte er auch das Rollen der hohlen Kugel, die er kunstvoll um etwas vorbei zu schieben versuchte: Um einen Baum, der im Wege stand; um einen leichten Sandhügel, der die Kugel stark abzubremsen drohte; um die gegnerische Metallkugel, die sich breit machend den Weg zur begehrten „Sau" versperrte. Wenn Christian ihn so unauffällig beobachtete, dann kam ihm immer wieder der Gedanke, dass Dada in diesen Augenblicken wie eine Sonnenblume auflebte, die man endlich aus dem dunklen Keller ans Tageslicht brachte. Es war die kleine hölzerne Kugel, nach der er seinen Kopf ausrichtete und es war dieses Boule-Spiel, aus dem er sein Lebenselixier zog und in das er über beide Ohren tauchte. Die Realität um ihn herum schien dann zu einer Zwangsvorstellung zu verkommen: Die grünen Bäume, die volltrunken mit sattem Grün unnütz herumstanden; das unwirklich in der Nähe schimmernde märchenhafte Schloss, in dem keiner wohnte und das deswegen seine Außenseiten ausbreitete, als ob es einen einfangen wollte; das uniformierte junge Mädchen mit dem Jungen, die gerade ziellos durch den Schlossplatz schlenderten und mehr einem Liebespaar als Polizisten glichen – all das war nur eine falsche Fassade, eine kunstvolle Bühnendekoration für sein mystisches Spiel. Auch die Passanten im Park schien er aus den Augenwinkeln nur als Statisten wahrzunehmen und er schaute beim Werfen immer erstaunt auf, wenn einer dieser Ignoranten unerwartet zum real stattfindenden okkulten Spiel Stellung nahm. Diese psychologische Beobachtung hätte der frisch Ermordete aber lachend und abfällig für Unfug erklärt. Wie alles, was ihn nicht interessierte: Die französische Revolution, die Einkommensteuer, Alice Schwarzer, Dalai Lama. Es existierte nur das Boule-Spiel, um das sich sein wirres Dasein wie ein Propellerflügel rotierte und selbst, wenn er nicht am Werfen war, beobachtete er penibel die Würfe anderer Spieler, zuckte dabei mit der rechten Hand, ging zu „Sau", um sich als erster das Ergebnis anzuschauen und ließ als Zeichen der Bewunderung hin und wieder zwei seiner Kugeln aneinander klicken. Dieses applaudierende Klicken begleitete meistens die Würfe eines anderen, eines hageren Kroaten, der immer gewann und der während eines Spiels mehrmals entsetzlich schreiend die Nerven verlor, weil sein Spielpartner diese hölzerne Sau wieder ein mal unbeabsichtigt ins Jenseits beförderte.

„Da," beruhigte dann Dada sachlich den vom Kroaten angeschissenen Spieler und zeigte ihm mit dem Finger auf einen Punkt, „da, hätte die Kugel stehen bleiben müssen."

Angeblich hat dieser ständige beruhigende Hinweis ihm auch zu seinem nach Afrika schreiendem „Dada" verholfen.

Christian schaltete kurzerhand den PC aus. Die Realität ging vor. Er schloss die Wohnung mit der in ihr weilendem baldigen Mörder ab, holte verstohlen aus dem Keller sein rostiges Damenfahrrad, dessen Sattel ihn noch als jungen knochigarschigen Studenten zur Mensa getragen hatte und machte sich auf den Weg. Er radelte an der riesigen, angeschnittenen Betonkugel des Informatik-Institut vorbei, dann bog er nach rechts und schon war er auf der breiten Allee, die er vor Jahren als „Schlossparkzubringer" taufte. Unterwegs überholte er eine tief schnaufende, überhitzte Oma, die mehr auf das an der kurzen Leine neben ihr herlaufende Hündchen als auf den Verkehr dahinter achtete, so dass Christian nacheinander fast die Oma und das unscheinbare Hündchen überfuhr, was ihm zu seinem Entsetzen eine kurzfristige sadistische Befriedigung bereitete. Das ihm nachfolgende, laute Schreien und verstörte Jaulen ließ die entgegenkommenden Radler aufhorchen und verständnislose, zu allem bereite Gesichter machten, so dass er froh war, das enge Tor zu passieren, das die Einfahrt in den begehrten Sektor markierte. Die Hitze hatte dem Schlosspark nichts angetan. Die dichten Bäume standen immer noch in Saft und Kraft; der grüne weite Rasen empfing ihn mit seinen obligatorischen Studenten obendrauf, die regungslos und wie Schollen in der Pfanne ihre platten, schuppenlosen Körper in der Sonne anbrutzelten. Er vernahm den Geruch von Bratöl in der Luft, doch seine Verwunderung wich von ihm, als er feststellte, dass er am Schlossrestaurant vorbeifuhr, in das einzukehren er sich seit seinen Studentenzeiten vornahm und von dieser Absicht ihn immer etwas abhielt. An der Rückseite des Schlosses, auf dem etwa einen Meter höher gelegenen Platz saßen stolz und steif wie auf einer Bühne zahlreiche ergraute Personen, die sich bei Unmengen von Kaffee und Kuchen solide über die darunter liegenden brutzelnden Studenten unterhielten.

Auch ich war mal jung", hörte er im Vorbeifahren eine vornehme ältere Dame sagen, „aber für Geld – nie."

Er bog um das Schloss und blieb vor dessen Frontseite stehen. Auch hier war alles wie gehabt, nur das Gelb des Riesengebäudes glänzte ungewöhnlich intensiv im grellen Licht. Die Pracht des Baus hob sich dadurch heraus, hob sich empor, wurde endlich zum leuchtenden badischen Zentrum, was die italienischen Baumeister wohl auch beabsichtigten, wenn sie bloß nicht in ihren Oberlegungen die Leuchtkraft der im Schwabenland aufgehenden Sonne überschätzten. Christian kurvte um die Bäume, die mit der Genauigkeit von Millimetern voneinander entfernt standen und, sich der Bedeutung des Ortes bewusst, zackige, kronenartige Schatten auf den sandigen Boden warfen. In einem dieser Schatten, dem sie etwas Staub beimischten, spielten regelbewusste und auf die Bedeutung des Ortes kackende Boule-Spielkumpanen. Christian erkannte den Werfenden. Es war Dutschke, der vor Jahrzehnten eine wichtige Rolle in der linken Szene von „Cafe Wien" spielte und just am dortigen Tresen zu diesem damals sehr berühmten Namen kam, der aber heute neben seiner schlaffen Hand das einzige war, was an diesem Spieler noch links blieb. Übervorsichtig und wie ein rohes Ei warf er die Kugel. Als sie, wie früher seine Steine, nicht dort landete, wohin er sie warf, suchte er verwundert seine Taschen ab. „Feuerzeug", sagte er missbilligend und den ans Tageslicht beförderten Gegenstand betrachtend. Als ob dieses kostenlos erworbene Privateigentum den Flug der Kugel beeinflusst hätte. Christian erinnerte sich, was Dada diesbezüglich ein Mal sagte: „Diesen schlechten Tänzer stören die eigenen Eier."

„Läuft es nicht, Dutschke?"
Der Mann, in dessen Adern das Bier längst die vor Zeiten lodernde Revolutionsglut für immer auslöschte, schaute vorsichtig von seinem Feuerzeug auf. Dann überlegte er, zu welcher Klasse der Nichtschaffenden er den Fragenden einordnen sollte. „Christopher?" entschloss er sich.
„Christian", verbesserte er, „Was ist mit Dada geschehen?"
„Tot."
„Das habe ich gelesen, aber wer hat ihn umgebracht?"
„Frage ich mich auch. Er hatte keine Feinde und auch zu nichts eine politische Meinung. Ab und zu nur harmlos gelästert, aber dafür bringt man doch keinen Menschen um, oder?" wandte er sich an die anderen. Die Spieler unterbrachen ihr Treiben und versammelten sich um die Bank.
„Weiß jemand, was Dada gestern getan hat?" fragte Christian in die Runde. „Gestern war er bereits tot", sagte der dicke Gustav, den die Spieler nur „Gugl" nannten. „Er ist am Samstagabend aus der Wohnung gegangen und sonntags in aller Frühe hat ihn ein Jäger aus Friedrichstal tot im Wald gefunden.
„Aus Linkenheim", verbesserte ihn Dutschke. „Es war die Friedrichstaler Allee, aber der Jäger kam aus Linkenheim."
„Woher weiß du das?" fragte Gustav verdächtig zurück.
„Ich habe den mir gleichgesinnten Jäger heute Morgen bei der Polizei gesprochen. Außerdem jagte er nicht an jenem früher Morgen, sondern radelte dort. Und, weil er mal musste, ging er in den Wald und hätte fast den toten Nichtshabenden angepinkelt. Er sagte, die Leiche hatte ein kleines Loch an der rechten Schläfe." „Von ihm hat es wohl auch die Presse erfahren", dachte Christian und wandte sich dann an Gustav:
„Woher weiß du, dass Dada samstags die Wohnung verließ?"
„Wer soll es sonst wissen?” fragte mürrisch der Dicke zurück, „Dada hat bei mir gewohnt. Er ging um halb acht und kam nicht mehr zurück. Die Polizei war gestern da und hat an all seinen Sachen herumgeschnüffelt. Aber viel hatte er ja nicht."

Jetzt erinnerte sich Christian. Ja, Dada war zu Gustav gezogen, weil der Dicke einen Schlaganfall hatte. Und dies nicht, weil Dada ein barmherziger Samariter war, nein, der freischaffende Künstler konnte sich durch die ominösen Transportfahrten auf einmal keine Bleibe mehr leisten. Als Gegenleistung für das kostenlose Wohnrecht verabreichte er Gugl die täglichen Spritzen. Es entstand damals ein kurzer Streit unter den Spielern, weil Gugl mit Links nicht weit genug werfen konnte und Dada setzte kurzfristig durch, dass bei der Spielteilnahme des Halbgelähmten die „Sau" nicht weiter als fünft Meter ausgeworfen werden durfte. Sie ließen es zu, obwohl nach ihren Regeln sechs bis zehn Meter vorgeschrieben waren und auf den Bruch einer Beule-Regel normalerweise die Todesstrafe stand.
„Hat er dir gesagt, wohin er gehen wollte?" fragte Christian.
„Nein", antwortete Gustav. „Er hat mir nie gesagt, wohin er geht."
„Hatte er Freunde?"
"Uns alle", sagte betroffen der Kroate, der vor und nach dem Spiel eine der liebenswürdigsten Erscheinungen im Karlsruher Schlosspark war. Nach Oliver Kahn, der vor kurzem unerwartet mit einer Blondine hier, vor dem Schloss, auftauchte und unbeabsichtigt einem zerstreuten Rottweiler ins Ohr biss.
„Hatte er irgendwelche Freunde, die er besuchte?" änderte Christian die Frage. „Nein. Er hat sich selbst genügt."
„Hat jemand ihn besucht?"
„Nein", wiederholte Gustav, „Nur ab und zu kam diese schöne Frau und blieb eine Zeit lang in seinem Zimmer."
„Was für eine Frau?"
„Prellwitz," erinnerte er sich nach einer Weile.
„Weißt du, wo sie wohnt?"
„Nein", sagte er, „aber Dada behauptete, dass aus ihrem Fenster die Pyramide zu sehen ist."

Es war ein Anhaltspunkt! In Ägypten waren die Pyramiden zwar größer, dafür war aber die winzige badische Kopie, die sorgsam mit schweren Ketten umzäunt wurde, damit sie nicht wie so vieles in Karlsruhe über Nacht im tiefsten Schwabenland verschwand, einzigartig. Christian stieg auf sein Damenrad und radelte los. Das Schöne an Karlsruhe war, dass man hier überall mit dem Fahrrad hinkam. Das Schlechte an Karlsruhe war, dass auf der Kaiserstraße das Radfahren vor Jahren streng verboten wurde. Angeblich wegen der im Keller des Rathauses durchgeführten Untersuchung, wo die Stadtväter ergötzt feststellten, dass der Gelbfüßler seine Hinterbeine bereits so weiterentwickelte, dass er wieder zu Fuß gehen konnte. Infolgedessen wurde das in Karlsruhe erfundene Fahrrad stillschweigend als Rückschritt in der Entwicklung des Badensers gewertet und schnell übertrugen sie die Gedankenwelt der höheren Etagen auf die Kaiserstraße: Entweder zu Fuß, oder mit Blaulicht. Doch Karlsruhe war anders! Christian schaute sich vorsichtig nach den grünen Marsmännchen um, die immer zur falschen Zeit diese steinige Landschaft aufsuchten und fuhr dann Slalom um die weinigen Fußgänger, die wie Esel in der prallen Sonne stehen blieben und kurz vor ihrem Sonnenschlag ihr Leben mit einem dumpfen Blick ins Schaufenster zu beenden lechzten. Nach wenigen Minuten war er am Marktplatz und natürlich erinnerte er sich beim Anblick der kleinen, eingeketteten Pyramide sofort wieder an seinen Studienfreund aus Russland, den er damals an dieser historischen Stelle so herzerfrischend reinlegte. Christian konnte sich noch an jedes einzelne seiner damals gesprochenen Worte erinnern.

„Hier, unter der Pyramide und unter Panzerglas liegt unser Stadtgründer, der große Karl", erklärte damals Christian feierlich dem aus Sibirien stammenden Aussiedler. „Er ist nicht so schön wie euer Lenin, dafür aber viel älter. Es gibt separate Eingänge für Männer und Frauen. Eintritt wird nicht verlangt und der Andrang, wie du selbst sehen kannst, ist enorm."

Daraufhin verschwand der neugierige, gottverlassene Russe unter der Erde und als er wenige Sekunden später wieder mit einem verdutzten Gesicht auftauchte, krümmte sich Christian vor Lachen. Seitdem hatte er nie wieder so gelacht. Wo ist dieser aberwitzige Fremde jetzt? Wo ist der Sibirier, der mit den Jahren ein immer besseres Deutsch sprach, so dass man ihn kurz vor dessen Uni-Abschluss nicht mehr von einem normalen Menschen unterscheiden konnte? Die letzte Nachricht kam vor drei Jahren in Form einer Postkarte, auf die der arrogante assimilierte Ingenieur stolz hinkritzelte, dass er Vertriebsleiter einer Firma in Bremen sei und Spritzgussmaschinen in alle Welt exportiere. Auch nach Malta, wo er jetzt, glücklich und braungebräunt, am Strand liege. „Grüße den Karl", stand zum Schluss auf der billigen Postkarte und etwas weiter und fetter : „Arschloch!"

Christian kettete sein antikes Schmuckstück am Eisengeländer des unter der Erde verschwindenden Toiletteneinganges fest - gerade über der Stelle, unter der seinerzeit der gläserne Sarg vom mumifizierten Karl gesucht wurde. Dann schaute er etwas ratlos auf die Häuser um ihn herum und schlenderte entschlossen zur nächsten Eingangstür, wo er die Namen auf den Schildern studierte. Es verging etwa eine halbe Stunde, bis er, endlich, an einem Seiteneingang das gesuchte „Prellwitz" entdeckte. Er klingelte.

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