Die tote Leiche lebt nicht mehr

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Zachmann, Diane

Ulrich Akermann, 27jährig, von Freunden einfach Uli genannt, raste über die B 10 hinweg in Richtung Karlsruhe, da die Autobahn blockiert war. „Bestimmt wieder ein Spanngurt, Sofa oder gar Känguru, das den ganzen Verkehr zum erliegen bringt!", brummte er vor sich hin, als schon wieder ein gelbes Ampellicht vor ihm auftauchte. Im Unterbewusstsein war ihm klar, ein Polizist steht nicht über dem Gesetz, selbst ein Inspektor der Mordkommission. Trotzdem in diesem Moment war ihm die „dunkellila Ampel" egal. Sein erster Mordfall! Nun der allererste seit seiner Versetzung von Pforzheim nach Karlsruhe. Erst als er den Totschlag an einem Kollegen aufklären konnte, wurde man auf ihn aufmerksam. Definitiv ist dies aber eine andere Geschichte, die der Kriminalinspektor, KI abgekürzt, Akermann in seinen Gedanken weit nach hinten schiebt. Genau wie seine Empfindungen beim Tod seines Kollegen. Er sieht mit seinen blonden Haaren, blauen Augen und seiner schlaksigen Figur mit seinen 1,92 Meter, nicht nur wie ein Sonnyboy aus, er spielt ihn auch, vor sich und vor allem jetzt vor seinen neuen Kollegen.
„Typisch Frau, zuerst großes Gespradel machen, und dann net do sei!", dachte er genervt, als er am Tatort ankam. Seine Vorgesetzte, Frau Kommissarin Daniela Block, war das genaue Gegenstück zu ihm. Eine kleine, eher verschlossene, doch auch energisch auftretende Person, Anfang vierzig. Sie hatte ihn aus dem Schlaf geschreckt. Jede Aufstehuhrzeit die nur eine Ziffer hat mochte KI Akermann noch nie, erst recht nicht an einem Montagmorgen um kurz vor 5. Zuerst das Gepiepse des Handys, dann eine schrille Stimme: Akermann, wir haben hier eine Morduntersuchung. Sie wissen schon, auf dem Messplatz in Karlsruhe, wo halt der Zirkus campiert. Der 56jährige Löwendompteur ist erschlagen worden. Ich bin schon vor Ort. Kommen sie schnellstens!"
Dieser stereotype Befehlston lies ihn zwar mürrisch, doch unverzüglich auf den Federn springen.
Nur Achselzucken erntete er beim Nachfragen des Verbleibs seiner Kollegin. Oberhaupt war er hier der einzige Polizeibeamte. War das alles nur ein morgendlicher Scherz? Ein Anruf in der Zentrale klärte ihn zumindest über die Fakten auf. Zuerst hatte man mehrere Meldungen bekommen, dass spazierende Löwen in Karlsruhe gesichtet wurden. Mit zunehmendem Tageszeit und zunehmenden Anrufen nahm man diese Hinweise ernst. So wurde eine Steife zum Zirkus geschickt, welche den Dompteur erschlagen im Käfig seiner Löwen vorfand, die Löwen fehlten jedoch. Sofort wurde eine Großfahndung nach den Löwen gegeben. Ein Herr Laszlo Sarközy der Helfer, des Dompteurs Lucyano Pildown, half der Polizei dabei. Bis jetzt ohne Erfolg. Nachdem alle Personalien aufgenommen waren blieb nur Kriminalkommissarin, KK abgekürzt, Block vor Ort zurück. Der erste augenscheinliche Befund hatte ergeben, dass der Fundort der Leiche wohl nicht Tatort war. Bestimmt wollte sie den wirklichen Tatort ausfindig machen, und natürlich am liebsten gleich den Täter mit.
Gut und nun? Panik machen und selbst verschwinden. Oh, was gäbe er jetzt für einen heißen schwarzen Kaffee. Nicht einmal ein Vesperbrot hatte er dabei. Karlsruhe, für den Moment war das gut, dann eventuell Frankfurt oder womöglich mal Berlin, wo der Bär tanzt, das waren KI Akermanns beruflichen Ziele. Hier im Moment tanzten nur lebendige, struppige Braunbären, so dass er beim vorbeigehen richtig erschrak. Peinlich, dass ihn dabei gerade der Dompteur Cemil Öztürk beobacht hatte-. „Warum denn so nervös? Haben sie erst mit dem Rauchen
aufgehört? Sehen sie mich an, ich finde es ganz einfach mit dem Nikotin zu brechen." Sprach es und zündete sich eine Kippe an. „Ganz einfach aufzuhören, mach es immer wieder, nach jeder Zigarette."

Gleichzeitig, nur einen Seufzer entfernt, im Wohnwagen des Mordopfers. Mit einem Brechreiz und hämmernden Schädel erwacht KK Block. Instinktiv greift sie an die eine Stelle am Hinterkopf, von der ein stechender Schmerz selbst bis zu den hintersten Zahnreihen ausgeht. Blut! Es ist jedoch nicht das Betrachten der blutigen Hand, die sie erschaudern lässt. Sie erblickt etwas viel schlimmeres! Unweigerlich schaudert ihr ganzer Körper, schon beim Verdacht, dass ihre Augen sie nicht betrügen. Kann es wirklich sein, dass überall vor ihr räkelnde Schlangenkörper unterschiedlichster Größe, Form und Farbe sind? Nur schnell raus! Sie zögert, bei dem Gedanken was ihre eigene Bewegung bei den Schlangen auslösen könnte. Werden sie beißen? Was tun, ohne auf eines dieser windenden kleinen Knäule zu treten? KK Block nimmt einen tiefen Atemzug und flitzt zur Tür. Das darf nicht wahr sein, die Tür ist fest verschlossen! Erst jetzt wird ihr bewusst, dass im Wohnwagen nur spärliches Licht ist. Alles von Außen verriegelt. Da es die Behausung des Toten war, wird wohl kaum jemand rein kommen. Was sind das für Schlangen? Sollten die nicht Angst vor ihr haben und sich vor Menschen verkriechen? Hatte sie einen besonderen Duft an sich? Alles verloren glaubend, richtig gehend panisch schreit sie, so hell und hoch wie nie in ihrem Leben zuvor, auch hämmert sie ununterbrochen an die Tür. Wie lange überlebt man einen Schlangenbiss? Selbst wenn sie augenblicklich gerettet würde, gab es in Karlsruhe ein Gegenserum? Wie viele verschiedene Schlangengifte es wohl gibt? All solche Gedanken durchfuhren in Blitzeseile ihr Gehirn, während sie immer noch Lärm macht. Doch das ganze bringt nur ein, dass sie vor Schmerzen erschöpft zusammensinkt. So sitzend kommen ihr die Schlangen noch zahlreicher und größer vor, vor allem näher. Will jedes einzelne Kriechtier ihre Nähe suchen? Sind Schlangen Aasfresser? Riechen sie ihr Blut? Sie dämmert ein.
KI Akermann flirtete, oh pardon, verhörte mit Charme die Showgirls. Etwas Freude muss man sich schließlich in jedem Beruf erhalten. Sie sehen auch zu entzückend aus, mit ihren Bikiniteilen, die mit einem Hauch hautfarbenen Stoff verbunden sind, überall bis zum Dekolleté glitzern winzige Strass-Steinchen in regenbogenfarben.
„Eine Frau als Mörderin?"
„Vielleicht war's eine aus dem Publikum, die seine ständigen Anzüglichkeiten beim Programm übel nahm."
Die „Girls" übertreffen sich mit anzüglichen Geschichten über ihn. Ob wohl alle der Wahrheit entsprachen? Was konnte KI Akermann glauben?
,Er war doch aber ziemlich alt", gab er zu bedenken.
„Er war so ein charismatischer Mann."
„Du darfst auch nicht seinen Wagemut bei der Dressur vergessen:"
„Da schmilzt halt jedes Frauenherz hin."
KI Akermann hörte hinter sich ein unangenehmes Knacken, so dass er den Blick von den angenehm aussehenden Weiblichkeiten zu einem weißhaarigen, ganz in schwarz angezogenen, steinalten Mann richtete. Unaufhaltsam spielte er mit seinen Fingergelenken. „Gestatten, der „Lustige Listige Ludwig Leitner“. Früher mal Priester, doch jetzt mach ich die Wunder selber. Und wo kommen sie her? Aus Rosenheim?", dabei zog er hinter Akermanns Ohren Rosen hervor, alles kicherte, selbst der Kriminalinspektor.
„Ich komme aus Pforzheim."
Ah, kenn ich. War gleich nach dem Krieg dort, da war noch ganz Pforzheim ein Warenhaus."
Ha, gab es da so viele Schmuggler?”, wollte verschmitzt KI Akermann wissen.
„Sie meinen die Pforzheimer vom Schmuggler zum Schmuck? Nein! Pforzheim war ein Warenhaus, denn man sagte mir: „Schau da war'en Haus, dort war'en Haus." „Oh, es war bis zu achtzig Prozent zerstört." glaubte sich KI Akermann aus seinen Geschichtsunterricht zu erinnern.
„Leider hatten die Flugblätter der Alliierten recht „Pforzheimer ihr in eurem Loch, wir kriegen euch doch." – Weiß Gott, gut Ding will Weile haben."
Akermann bezog die letzte Aussage auf das heutige schmucke Aussehen seiner Heimatstadt.
„Sie waren echt Pfarrer?" zwinkerte KI Akermann „Lustig Listig Ludwig Leitner" zu. Auf einmal wirkte er gar nicht mehr so lustig listig als er zur Antwort gab: "Das ganze Leben ist doch eine Illusion..."
Ihr anregendes Gespräch über früher und heute wurde in dieser Sekunde von einer verführerisch aussehenden Halbnackten unterbrochen.
„Herr Polizist, was tun sie eigentlich? Stellen sie sich vor, alle meine Tiere sind weg!" „Na ja, vielleicht geben sie mit den Löwen eine Party", grinste er ihr keck entgegen, und erntete bei allen, außer der angesprochenen, einen Lacher. Sie konterte: „Nein, die komplette Autobahn wurde gesperrt." „Dann weiß man jedenfalls, wo sie sind", mischte sich Leitner ein. "Ich frage: wo sind meine Schlangen? Steh'n sie gefälligst auf und tun sie was für mein Steuergeld!" Verdutzt wiederholte er nur: „Die Löwen auf der Autobahn?" Anscheinend war das für alle Umstehenden kein Grund zur Aufregung: „Die Autobahn ist ja von hier aus nicht weit. Sicher wollen die auch mal eine Sightseeingtour durch Baden machen." Mit diesen treffsicheren Worten erreichte sie, dass man ihr ernsthaft zuhörte, als sie ihr Weh über die Vermissten klagte und zur allgemeinen Suche aufrief. Auch KI Akermann begibt sich widerwillig auf die „Safari".
Die einzige die genau erzählen konnte, wo sich die ganze Schlangenmeute aufhielt, lag bewegungslos zwischen den Gesuchten. Würde man sie endlich finden? Alles Durchsuchen? Nicht so einfach, da stehen große graue Riesen im Weg. Muss der Elefantendompteur gerade jetzt den Dickhäutern Auslauf verschaffen? Vor der Tür zum Kapellmeister hat jemand die Kamele angebunden. Finster blickend scharren sie mit ihren neu beschlagenen Hufen, so dass das kleine Funken fliegen. Kann sich hierbei das Stroh nebenan entzünden? Da kommt ja der Herr Kapellmeister Zoglowek. Er führt an der Hand ein weiteres braunes Wüstentier, während er gleichzeitig vergnüglich die Erkennungsmelodie eines allsonntäglichen Krimis pfeift. Fehlanzeige, nichts Auffälliges im Wohnwagen, das heißt, keine Schlangen. Interessanterweise ist Herr Kapellmeister Zoglowek auch der Ehegatte der „Kamelfrau Suleika". Von der Schlangenbeschwörerin Delila erfährt Akermann, dass „die Kamelfrau", wie Suleika abschätzig von ihr genannt wird, nicht nur die schaukelnden auf und ab Bewegungen auf den Rücken ihrer vierfüßigen Kamelle genoss. Ein Hinweis auf ein Tatmotiv ?
Komplett ist der ganze Zirkusplatz mit allen bewohnten Wohnwagen auf den Kopf gestellt. Ohne Ermittlungserfolg! Was ging hier vor?
Übel wäre es, falls sich der Mörder nicht unter den Artisten befindet, denn bei solchen Veranstaltungen in Karlsruhe kommen nicht nur Einheimische, sondern Gäste aus den umliegenden Land- und Stadtgemeinden. Sogar noch von weiter her, Japaner, Amerikaner, Russen usw. hat man schon als Zuschauer gehabt. Was soll er tun? Wo ist überhaupt seine Vorgesetzte? Sollte sie ihm sagen was zu tun ist. Im Präsidium ist sie zwischenzeitlich auch nicht aufgetaucht. Dort hatten sie inzwischen die Personalien aller Befragten ausgewertet. Der Polizeihauptmeister Kurz werde damit zu ihm geschickt. „Mmh, sie hat vor meinem Eintreffen alle
verhört? Vielleicht auch den Mörder, der sie womöglich zum Schweigen brachte?", bei diesem Gedanken beschlich ihm ein ungutes Gefühl.
Nachdenken, über den Fall, „Nur net hudle.", dass hat sie ihm immer empfohlen. „Herr Akermann, Zeit hat man nicht, die muss man sich nehmen.", mit diesen Worten hatte sie ihn oft genervt. Dies im Sinn und die Sonne des Junifrühmorgens auf der Haut spürend, fand KI Akermann einen friedlichen Platz zum gedanklichen Aufrollen des Falles. Was für Fakten gab es bis jetzt? Wer hatte ein Motiv diesen Frauenheld umzubringen? Schon hatte er das Gefühl sich im Kreis zu drehen. Ein mit östlichem Akzent redender Mann in Clownskleidung riss ihn aus seiner gedanklichen Ermittlungsarbeit.
Von uns war es keiner!" Akermann erkannte den Jugendlichen: "Ah, Otto. Hab Sie nur an ihrer Stimme erkannt, sehen jetzt völlig anders aus." „Ja, so erkennt mich nicht mal Mama. Möchten sie auch eine rote Nase? Dieses kleinste Kostüm der Welt, macht aus jedem einen klügeren Menschen. Das würde ihnen bestimmt helfen, uns zu verstehen. Wir Artisten sind alle Zirkuskinder. Wir legen großen Wert auf Traditionen. Werte, die anderswo vergessen oder verworfen, werden hier bei uns bewahrt. Einer ist für den anderen da. Hier ist alles im Guten."
„Wie ich hörte war der Ermordete kein Guter."
„Er spielte seine Rolle, als Chef und Dompteur bei den Löwen wie auch bei den Menschen."
„Ich dachte dieser Zirkus ist eine GmbH. Jeder hat einen Anteil, und jeder Mitspracherecht?"
„Ja, das stimmt. Doch es gibt immer einen Oberbestimmer. Wissen sie man braucht viel Mut, viel — wie sagt man? Mit Selbstwissen"
„Selbstvertrauen?"
„Ja!"
„Und die Frauengeschichten?"
„Das war für ihn mehr ein Spiel. Ein Zeigen der Dominanz. Löwe eben. Das Gerücht ging um, er hätte mit jeder Frau hier schon ein Verhältnis gehabt, wie halt ein echter Löwe im Rudel. Doch man erzählt viel, auch dass er genau Buch geführt hat über sein Liebesleben."
„Das wäre aber interessant, um eine mögliche Täterin zu finden."
„Eine Frau war das nicht. Frauen töten mit Gift."
„Eine Löwennummer ist doch unbedingt notwendig für das Programm. Was wird aus den Löwen werden?"
„Da gibt es genug Verrückte, die die übernehmen. Lucyanos Assistent, der Wilde Ungar und Delila, die Schlangenfrau. Lucyano hat sich nie groß um die Pflege der Tiere gekümmert."
Den Wagen des Opfers hatte er bei seiner Durchsuchung auslassen müssen. Das amtliche Siegel durfte nicht so einfach wieder abgerissen werden. Aber er konnte sich ja immer noch mit „Gefahr im Verzug" aus der Verantwortung reden. Gut, das Otto mit ihm zum Wagen ging. Einen Zeugen kann man immer brauchen. Beide stehen vor der Tür, als Akermann bemerkt das das Wichtigste fehlt.
„Wo ist der Schlüssel?"
„Den muss ihre Kollegin haben. Doch unser Lustig Listiger Ludwig Leitner" bekommt jedes Schloss auf, ohne Schaden zu machen. Ich hol ihn!"
Im Handumdrehen stand nicht nur der Meister der Magie, vor dem Wohnwagen des Ermordeten, sondern, die ganze Zirkusfamilie. Fast meditativ öffnete „Lustig Listig Ludwig Leitner" das Schloss. Flugs wurden alle Zuschauer von der nächsten Überraschung abgelenkt. Kaum war das Schloss entriegelt, da plumpste ihnen doch wirklich der bewegungslose Körper der Kommissarin, entgegen.
„Schlangen!? Ist sie tot?”, schrie geschockt mit rotem Kopf KI Akermann. Doch die Schlangendame blieb cool. „Von einer Schlange getötet zu werden ist fast unmöglich. Es gibt zwar überall Schlangen, na außer Irland, Neuseeland und andere Inselchen, sowie Gebiete mit Dauerfrost. Doch von den fast 3000 bekannten Arten sind weniger als 200 für den Menschen gefährlich. Im Wohnwagen ist keine von den 200 dabei." Die Umstehenden hatten derweil ihre eigenen Gedanken: „Ist die auch tot?"
„Sieht aber richtig scheiße aus!"
„Sie blinzelt."
„Oh, Ruhe sie will was sagen!"
„B-a-d", sie holte in einer Millisekunden Atem um die restlichen Silben aussprechen zu können, so erledigt war sie.
„k-a-p-p"
„Was sagt siel'
Langsam kam wieder Kraft in ihren Körper, und sie wiederholte: „Badkapp! Wo warst du solange?"
„Trotz Anschuldigungen und Zurechtweisungen, sind das die schönsten Worte, die ich heute von Ihnen höre. Mann bin ich froh! Sie leben! Gut das sie keine Ophidiophobie haben."
„Bitte red' deutsch. Mein Kopf..."
„Gut, dass sie nicht Angst vor Schlangen haben, meinte ich."
„Jetzt wohl nicht mehr."
„In ihren Dauerwellen bewegt sich was!"
„Naturlocken! Red nicht, mach's weg das verdammte Vieh!"
„Das ist kein Vieh. Die möchte sich nur verkriechen. Möchten sie das nicht auch manchmal?", die Schlangenbeschwörerin muss es ja wissen.
Rührend kümmerte man sich um die Kommissarin. Jeder brachte etwas Aufpäppelndes. So kam auch KI Akermann zu seinem schwarzen Kaffee. Etwas verdutzt wegen der Volksmenge um ihre Kollegen herum, erschienen die Streifenpolizisten. Da sie die Situation nicht einordnen konnten überspielten sie es mit förmlicher Beflissenheit: „Hier Frau Kommissarin, der Ausdruck mit den vorbestraften Personen."
„Ah, danke. Noch was?", der Beamte hielt immer noch einen ausgedruckten Text in der Hand. „Nun, äh, das soll ich ihnen geben. Den Toten gibt es gar nicht mehr!" „Was?", diese rhetorische Frage, löste Frau Block, nach einem Blick auf das Schreiben, mit dem Befehl ab: „Herr Ludwig Leitner, kommen Sie bitte mit uns!"
Ein Murren ging durch die Runde. Als Leitner vortreten wollte, stellte sich schnell die Artistenriege schützend vor ihn. „Keine Angst, wir wollen ihn nicht verhaften, nur befragen", beruhigte die Kommissarin die Anwesenden.
„Was ist hier los?", raunte KI Akermann ihr zu. Abwimmelnd gab sie ihm einfach das Schreiben, und richtet ihre Stimme lieber an Leitner: „Sollen wir Sie hier vor allen befragen?". Verwirrt hörten alle seine Worte: „der Bedrückte hat lauter böse Tage, der Frohgemute hat ständig Feiertag". Glaubt mir, der weise Sprücheschreiber hat Recht. Mir konnte niemand meinen Frohsinn rauben, weil ich immer wahrheitsliebend war, auch jetzt." Die schützende Menschenwand um ihn wich. „Hier weiß jeder, dass ich fast mein halbes Leben hinter dicken Gefängniswänden verbracht habe."
„Wegen den Mord an Thomas Müller, hier bekannt als Lucyano Pildown?" „Ja, den angeblichen Mord. Wissen sie ich war ein Priester, ich liebte meine Gemeindemitglieder wirklich. Damals lechzte jeder nach ein bisschen Freude. Mit Fingerfertigkeit und Arbeiten mit winzigen Bällen und einfachen Spielkartentricks fing
ich als Zauber an. Alle waren zufrieden mit mir. Da bestellten Thomas Müller mit Hertha Klein bei mir das Aufgebot. Er war als Weiberheld bekannt, doch ich freute mich, da ich dachte, er hätte sich geändert. In den folgenden Wochen hörte ich viele verzweifelte Beichten von Mädchen, denen er nicht nur das Herz gebrochen hatte. Hertha war ein anständiges Mädchen, ich kannte sie schon als Schulkind. Dieser Thomas Müller würde sie nur unglücklich machen. Bestimmt würde er niemals mit den Frauengeschichten brechen. Diese Gewohnheit war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. „Kann ein Löwe leben ohne zu brüllen?", würde er gesagt haben. Ich erzählte Hertha alles über ihren Thomas. Sie lies die Hochzeit daraufhin platzen. Später hieß es, ich hätte den Mord für sie getan. Thomas hatte wohl rumerzählt, ich wäre an der geplatzten Hochzeit schuld. Zu Hause, bei Passau, da spielt sich allerlei Vergnügen auf der Donau ab. Wegen des Erfolges meiner Zauberei, wurde ich wohl größenwahnsinnig. Ein Kahn hob vom Hauptschiff eine Kiste mit mir drin über den Wasserspiegel, ein Helfer im Beiboot zündete die Kiste an. In dem Moment da das ganze Publikum mit Entsetzen auf das Feuer sieht, dass alles auslöscht, steh ich wieder auf dem Hauptdeck. Meine Attraktion! Thomas überredete mich, nur einmal auch diesen Trick machen zu dürfen. Ich dachte, er wolle so bei einer neuen Flamme Eindruck schinden, und das sich dadurch auch unser Verhältnis bessern würde. Er hat mich reingelegt! Für die Außenstehenden muss es gewirkt haben, als sei er in der Kiste verbrannt. Auch wurden menschliche Überreste gefunden. Alle seine Geliebten bezeugten, dass er nicht schwimmen konnte. Selbst ich glaubte fest an seinen Tod. Er muss aber zum Ufer zurück geschwommen sein, oder verkleidet oder versteckt auf dem Boot geblieben sein. Das hat er nie verraten und jetzt hat er sein dunkles Wissen mit in den Tod genommen. Niemand hat damals zu mir gehalten, alle haben sie mich verteufelt. Selbst meine Verwandten und so genannten Freunde wollten nichts mehr von mir wissen, sie schämten sich nur meiner. Damals haben sogar die Kinder nach mir Steine geworfen. Für die blutjunge Hertha war wohl der tägliche Spießrutenlauf im Ort und die öffentliche Aufmerksamkeit zuviel. Noch vor Prozeßbeginn wurde sie tot in der Donau gefunden. Es hieß sie habe freiwillig den nassen Tod gesucht um für immer bei ihrem geliebten Thomas sein zu können." „Wie haben sie ihn überhaupt gefunden?"
,Zufall! Als drei Zirkusse meine Bewerbung als Zauberer abgelehnt haben stellte ich mich hier vor. Er war mir nun wirklich was schuldig! 30 Jahre meines Lebens gestohlen, für nichts. Nur weil ich Hertha die Wahrheit über ihn sagte, und sie ihn daraufhin nicht mehr heiratete, hat er mich reingelegt."
„War ihm dies nicht verdächtig als sie hier auftauchten?"
„Nein. Ich stellte fest, dass ich auch Schuld trug. Ich habe das Beichtgeheimnis quasi gebrochen. Die Justiz hat mir keine Gerechtigkeit verschafft."
„Sie haben es also in die eigene Hand genommen?"
„Nein! Wo denken sie hin? In solchen Bahnen denk ich nie. - Ich wollte schon sehen wie er lebt, ob er immer noch der Casanova ist, wie einst. Doch um andere Frauen zu schützen. Ich habe keinen Hang zur Rache, glauben sie mir!"
„Na, Herr Pildown bzw. Müller ist tot."
„Im Handgemenge! Nicht mit Absicht. Meine kleine Luisa, die bei den „Fliegenden Fledermäusen" ein Mäuschen ist, auf die hatte er es abgesehen. Luisas Vater ist Flieger in dem Trapezakt, der kann sich keine Sorgen um seine Tochter leisten. So was ist tödlich. Doch Pildown warf schon seine Schlingen aus, da ein Kompliment, dort eine kleine Aufmerksamkeit. Gestern durfte sie mit ihm ihre eigene Nummer ansagen. Sie ist erst vierzehn! Ist der Gedanke daran nicht schon Strafbar!"

„Na, soweit ist unser Rechtssystem noch nicht." Meint KK Block lapidar, anders als KI Akermann, der zusehends ungeduldiger wird: „Was soll der Schmus, kommen sie zur Sache wie haben sie ihn ermordet?"
„Gar nicht! Jedenfalls nicht vorsätzlich. Ich kam zu ihm, und wollte in Ruhe mit ihm reden. Doch er ist – nun, war- ein Choleriker, der kein Widerwort akzeptierte. Er wollte mich aus dem Wohnwagen schieben, das wollte ich mir nicht mehr bieten lassen. Im entstehenden Handgemenge stürzte er unglücklich nach hinten, – ich wollte seinen Tod wirklich nicht! Doch was wollen sie mit mir jetzt machen? Verhaften? Nur weil die tote Leiche Müller nun wirklich nicht mehr lebt?"
„Der letzte Schliff der Tat war ja das Vertuschen, Herrn Pildown in seinen eigenen Löwenkäfig zu legen. Sollte wohl gefressen werden?", mit diesen Worten bewies KI Akermann, dass er den totalen Durchblick hat. Seine Vorgesetzte, die mit als erste vor Ort war, gab zu bedenken:" Herr Leitner, sie sind doch gar nicht körperlich in der Lage, die mindestens 90 kg Gewicht des Toten zu bewegen. Wer hat ihnen geholfen? Und bestimmt wollen sie mir auch einreden, dass sie mich niederschlugen und den Wohnwagen mit Schlangen füllten?" Da sich der Blick Leitners senkte, wendete sie ihren Blick reihum. Im Kontrast zu Leitner erwiderte jeder ihren Blick fest und klar. Die Polizisten wussten, dass sie gegen diese geschlossene Wand nicht ankommen würden. Nur, wenn er sie in einzelne Stücke zerlegt, dann vielleicht. So bekamen alle separat einen Termin auf dem Kriminaldezernat. Vorher ließen sie sich noch von Leitner den Tathergang bis in alle Einzelheiten am Tatort zeigen. „Kleinste Blutspuren hat man zwar an der Stelle, die sie bezeichnen gefunden, doch ob die die tödliche Wunde hier entstand ist nicht eindeutig." erklärte KK Block, worauf Leitner gelassen meinte: "Kennen sie einen Arzt der sich aufs Genauste festlegt? Für mich und die Justiz starb er vor langer Zeit. Wollen sie mich festhalten, weil Müller nicht mehr lebt? Das kann nicht ihr Ernst sein! Thomas Müller hatte naturwissenschaftliche Fächer studiert, sein Name sagte schon aus, dass er ein Nichts ist."
Die Nachmittagsvorstellung musste nicht nur wegen den immer noch fehlenden Löwen entfallen. Bis dahin, hatte man leider noch nicht alle einzeln befragen können. Es war ein zähes ringen um Worte. Alle hatten zur Tatzeit des Mordes, zweieinhalb Stunden nach der Vorstellung, geschlafen. Zirkusluft verschafft anscheinend einen gesunden tiefen Schlaf. So gab es nichts Handfestes an Beweisen, Spuren, Zeugenaussagen und ähnlichem. Das einzige war die Aussage von Ludwig Leitner. War er glaubwürdig, oder deckte er irgendjemanden? Er nahm alles ohne die Spur Angst zu zeigen auf sich.
Die Abendsonne leuchtete in den wärmsten Farben, das Zelt füllte sich mehr denn je, als der Kapellmeister einen Einzugsmarsch dirigierte. War wirklich heute ein Mitglied dieser freudigen Zirkusfamilie ermordet worden, und dies von einem Teil davon?