Der Rosenkavalier

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Graf Gatterburg, Hunold

„Also Margitta, ich weiß nicht mehr weiter, ich zweifle an mir. Ich fühle mich wie vermauert, seh’ ich Gespenster oder Wirklichkeit?" Inspektor Haigerer saß im Sessel und starrte vor sich hin. „Also Gustav", beruhigte ihn seine Frau, „Verzähl’ mir mal die ganze Geschicht’, von Anfang an. Irgendwo wird sich schon eine Lösung, eine Antwort finden". Er zögerte etwas, lehnte sich zurück und schloss die Augenlider. „Hier", lächelte sie, „ein Gläsle Spätburgunder ist jetzt grad das Richtige für Dich." „Du hast Recht, Margitta." Er nahm einen kräftigen Schluck. „Man hängt, man klebt viel zu sehr dran." Dann begann er: „Also es handelt sich um Frau Alice Hengstpächer, wohnhaft in Durlach in der Bergstraße, in einer prächtigen Villa im Jugendstil mit Sandsteinfassade. Ihr Mann war Juwelier und starb früh. Sie hatte keine Kinder, aber drei Neffen. Der Wert ihrer baren Hinterlassenschaft wird auf drei Millionen geschätzt. „Das heißt", bemerkte sie, „jeder hat jetzt Aussicht, Millionär zu werden." Er nickte versonnen: „Vorausgesetzt sie starb eines natürlichen Todes." „Und da gibt es Zweifel?", meinte sie. „Ja daran liegt’s", rief er, „Sie war hoch in den Achtzig, aber sehr gesund, beweglich, gab Gesellschaften, war Präsidentin des musikalischen Verbandes, unternahm Wanderungen und Reisen." Er machte eine ausgreifende Handbewegung. „Wohnte sie allein?", fragte Margitta. „Nein", antwortete er, „Ihre Haushälterin ist Frau Lisette Lauber, eine tüchtige, aufmerksame und zuverlässige Person, die früher ein Hotel leitete." „Und was hat sie beobachtet und festgestellt?", wollte Margitta wissen. „Frau Hengstpächer lag auf dem Rücken in ihrem Bett. Ihr Mund war weit geöffnet, die Hände hielt sie in Abwehrhaltung neben ihrem Gesicht, ein großes Kissen war auf die Fußmatte gefallen. Die Obduktion ergab eindeutig, dass sie erstickte." „Ein Einbrecher war es nicht?", warf sie ein. „Es fehlte nichts. Geld, Wertsachen, Schmuck liegen unberührt in der Schublade. Eine Kassette stand auf der Kommode und keine Tür, auch nicht das eiserne Gartentor, wies den kleinsten Schaden auf." „Also kommt einer der Neffen in Frage", stellte sie fest. „Wir haben auch nicht den geringsten Beweis in der Hand. Die gingen dort bei ihrer Tante ein und aus, so dass Spuren von jedem gefunden wurden, und jeder hat ein Alibi. In jener Nacht war keiner von ihnen in Karlsruhe."
Haigerer zählte auf: „Manfred Hengstpacher, der Sohn ihres Bruders, 45 Jahre alt, lebt in Ettlingen als Tierarzt und war zur fraglichen Zeit mit seiner Frau in Offenburg bei der Pferdeschau Equimondo." „Dann kann er es nicht gewesen sein", stellte Margitta fest. Er überlegte: „Eher schon sein jüngerer Bruder Klaus. Dieser ist, wie sein Großvater, Juwelier und war bei einer Fachmesse in Frankfurt." „Aber mit dem Nachtzug...", meinte Margitta zweifelnd. „Genau so ist es mit Jürgen Haberfeld", stellte Haigerer fest, „dem Sohn ihrer Schwester. Er ist bei einer Bank, hat häufig in der Schweiz zu tun und übernachtete im Sporthotel in Pontresina." Er setzte hinzu: „Der eine wohnt in der Waldstadt, der andere seit der Trennung von seiner Frau im Hochhaus in Rüppurr." Er fuhr fort: „Die Finanzen der drei Herren..." „Sind anscheinend in Ordnung", unterbrach ihn Margitta und setzte hinzu: „Obwohl, eine Million!"

Haigerer stand auf: „Es war Mord. Nach meinem Gefühl war einer der Neffen der Täter. Alle Vernehmungen liefen ins Leere, alle Befragungen, Untersuchungen erbrächten besten Falles einen Verdacht, aber keinen Beweis." Margitta legte ihren Arm um ihn: „Dir dreht sich alles im Kopf. Fahr weg. Lobenfelding ist ein sehr schöner Ort, Erholungsbad. Mach einige Tage frei. Dieses Prospekt sieht gut aus, dort findest Du Klarheit. Die Routinearbeit läuft hier weiter. Im Zimmer der alten Dame wurde nichts berührt, Frau Lauber bewacht das Haus wie eine Löwin." Dann sagte sie entschlossen: „Heut Abend gehen wir essen und morgen früh sitzt Du im Zug."

"Wen-Gott lieb hat, dem geb’ er so eine Frau!", ging es ihm durch den Sinn, als die Bahnhofshalle mit ihrem Getriebe am Fenster vorüber glitt und er bald danach das freie Feld und den frischen Wald sah. Als er am spätem Nachmittag ankam, brachte ihn eine Taxi zu Hotel „Drei Kronen". Als er seinen Koffer auspackte sagte er laut: „Margitta hatte recht, so schön, so gemütlich hab ich es mir nicht vorgestellt." Er fühlte sich erleichtert, als er durch die breiten Gassen wanderte. „Ein Haus stattlicher als das andere", wunderte er sich, „und das Rathaus, welch heitere Pracht!“, rief er aus. „Sie sollten es erst einmal innen sehen", bemerkte ein Mann, „lauter Stuck, Bilder, Schnitzerei, vor allem im großen Saal!". Haigerer bedankte sich und wollte gehen. Jener aber sagte begeistert: „Schauen Sie dort die Kirche, eine der schönsten im Land!"

Während Haigerer auf die geschwungene, doppeltürmige Fassade zuschritt war es ihm, als fiele eine Last von seinen Schultern. „Drei verdächtige Neffen, ein möglicher Einbrecher, ein betrügerischer Unternehmer, von dem sie zuviel wusste." Er sah hinauf zu den rötlichen Abendwolken, die hoch über den Gesimsen und Figuren zogen.

Er hatte köstlich gefrühstückt, als ein helles, vielstimmiges Geläut erklang. „Das sind die berühmten Glocken unseres Münsters", erklärte der Wirt, „heut’ predigt der bekannte Jesuitenpater Franz Hellinger", setzte er hinzu, "die Akustik ist so gut, dass man ohne Lautsprecher jedes Wort hören kann."
Haigerer betrat die Kirche. Das Mittelschiff öffnete sich
zu einem hellen, weiten Oval. Dort setze er sich. Der Pater betrat, umgeben von vielen Ministranten, den Chor. Der wunderbare Klang der Orgel führte Haigerer in eine zauberhafte Stimmung. Der Pater, ein Mann von 35 bis 40 Jahren, stieg auf die Kanzel und seine kräftige Stimme erfüllte den Raum. Er hatte die Geschichte des Zöllners Zachäus vorgetragen. Nun erklärte er: „Wenn ich betrogen habe, erstatte ich vierfach." „Sehen Sie", fuhr er fort, „Viele Schäden oder Unrecht kann man wieder ersetzen oder gutmachen, aber", erlegte eine Pause ein, „niemals Mord! Der Mörder trägt das Kainsmal, in der Sage verfolgt ihn die Rachegöttin, im Sprichwort muss er an den Ort des, Geschehens, also zu seiner Tat zurückkehren."
Haigerer war in Gedanken versunken. Nach der Messe ging er in die Sakristei. „Ihr Thema hat mich sehr bewegt", sagte er, nachdem er sich vorgestellt hatte. „Kann ich gut verstehen", antwortete Hellinger, "kommen Sie doch heut Abend zum Essen, dann können wir darüber reden. Die geplante Sitzung fällt zum Glück aus. Passt Ihnen halb sieben?"
„Aber gern", gab Haigerer zurück, „nur wie find ich Sie in diesen Treppen, und Gängen?" „Bruder Engelbert", wendete er sich an den Küster, „Sie führen unseren Gast durch das Bauwerk." „Oh ja!", rief dieser, "kommet Sie nur!". Schon hatten die Beiden die herrliche Bibliothek besichtigt, den prächtigen Kaisersaal und die Kunstkammer, als sie den Park erreichten. Bruder Engelbert hielt inne. „Wissen Sie", begann er, „Abt Baumschlager war der Sohn eines armen Holzhackers. Er lernte bei einem Wechsler in Frankfurt das Geldgeschäft und trat dann in das damals hoch verschuldete Kloster ein. Er wurde Abt, ordnete die Finanzen und war ein ausgezeichneter Regent. Als der siebenjährige Krieg begann, schrieb er einen beschwörenden Brief an König Friedrich. Vergebens!"

Nun schloss er das Tor einer Kapelle auf. „Hier rechts", erklärte er, „diese Marmorfigur stellt den trauernden Frieden dar und die Gruppe links zeigt die blinde Gerechtigkeit. Sie zieht dem Mars die Maske vom Gesicht und dahinter", er führte Haigerer nahe daran, „eine Mörderfratze."

Haigerer bedankte sich bei seinem Führer. Er schlenderte durch das hübsche Städtchen, erstieg eine Anhöhe und blickte weit über die Hügel bis zum Gebirge.

„Ah, da sind Sie ja", begrüßte ihn der Pater am Abend und erklärte: „Wir sind hier im weltlichen Teil des Klosters, dazu gehört auch der Kaisersaal." „Den hat mir der Bruder schon gezeigt", antwortete Haigerer. „Auch das Paar mit der Rose?", fragte Hellinger, „nicht?" Dann kommen Sie mit. Er stellte seinen Gast an das Ende des Raumes und fragte: „Was sehen Sie, wie sieht die Rose aus, die der Herr der Dame reicht?" „Nun", war die Antwort, „schön und rot." „Gehen Sie nach links", forderte er auf. „Ganz dünn und blass", rief Haigerer erstaunt. „Und jetzt nach rechts." „Oh! Ganz voll und üppig!". Die Herren sahen sich an: „Was ist Schein, was ist Wirklichkeit?", fragten sie. "Oh!", rief da die Haushälterin, „da sind Sie, ich hab Ihnen den Sherry im Salon serviert. „Im weltlichen Teil des Klosters", lächelte Haigerer und der Pater schmunzelte.

"Vielen Dank für die Einladung", er hob sein Glas. Dann fragte er: "Dieses Portrait, ist das der berühmte Abt?" „So ist es", war die Antwort, „der Holzhackersohn als Fürst über die Abtei und sieben Dörfer. Links sieht man das Kloster, rechts das einfache Holzhaus." „Aus dem er stammte", ergänzte der Gast.

„Die Forellen sind angerichtet!" rief es aus dem Speisezimmer. Beim Essen erzählte Hellinger: „Dieser Abt lebt heute noch im Gedächtnis der Menschen hier als Retter des armen Dieners." Haigerer sah fragend auf. „Es ist etwas für Sie", fuhr der Erzähler fort, „ein reicher Herr wurde erschlagen in seinem Bett gefunden und man glaubte dem Diener nicht, dass die Münzen, die man bei ihm entdeckte, vor seiner Kammertür gelegen hatten. Zufällig war der Abt in diesem Ort. Er stellte fest, dass eine Leiter an das Fenster gelehnt worden war, ließ Fußabdrücke mit Gips ausgießen, fand in einem Rosenstrauch einen abgerissenen Knopf und die Leiter auf einer Tenne. „So schmeiß ich mein Zeug nicht hin!", sagte zornig der Bauer. Der Abt ließ Plakate drucken, auf denen stand: „An seinem Mantel fehlt ein Knopf und er schmeißt sein Zeug hin." Eine Magd kam vom Markt, wo sie das Plakat gesehen hatte, zurück in ihr Gasthaus. Dort kehrte ein Fremder ein und schmiss seinen Mantel ohne Knopf auf eine Bank. Die Magd gab ihm einen Schlaftrunk, „Und er erwachte im Gefängnis", ergänzte Haigerer. „Ja", antwortete Hellinger, „der arme Diener kam frei und die Magd erhielt eine hohe Belohnung." „Merkwürdig ist", überlegte Haigerer, „oft treten bei Mördern nach der Tat deren Gewohnheiten besonders hervor." „Da haben Sie Recht", meinte der Pater, „und ich weiß nicht, wie einem solchen Menschen zu helfen wäre." „Da hab ich es besser", war die Antwort, „Muss ihn nur festnehmen."
„Im Salon steht eine Flasche Spätburgunder für die Herren" meldete die Haushälterin." Dann genießen wir den weltlichen Teil des Klosters", lachte Hellinger. „Morgen Abend kommen Sie sicherlich zum Konzert", verabschiedete er seinen Gast, „Gern", er hob die Hand, „Nochmals vielen, vielen Dank"
In befreiter, gelöster Stimmung ging er zu seinem Hotel.

Mit vielen Besuchern schritt Haigerer die breite Treppe hinauf zum Kaisersaal. Die Musiker stimmten ihre Instrumente und fröhliches Geplauder füllte den Raum. „Sind Sie Herr Haigerer?", fragte ein Ordner, „Dann bitte hier, Ihr Platz." Da saß er zwischen der Prominenz, und Pater Hellinger lächelte verschmitzt und stellte ihn vor als Sicherheitsberater. „Die gemalte Kuppel über mir..." Die Musik begann und alle schönen Ereignisse des Tages zogen an ihm vorüber. Als der letzte Beifall verklungen war, rief eine laute Stimme: „Im Refektorium ist das Büffet eröffnet!" Schon gab es ein heiteres Gedränge und die Gläser klangen. „Bei einem solchen Fest", bemerkte Hellinger zu Haigerer, „sind die Menschen offen und gelöst, vergessen ihre Sorgen, verstellen sich nicht, lassen alle Vorsicht fallen." „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein", zitierte ein Studienrat. „Sehen Sie nur, das Fürstenpaar lacht mit den Metzgersleuten und der Schlosser stößt mit dem Landrat an." „Ein Mörder?", Haigerer schob den Gedanken zur Seite und nahm ein Glas Sekt.

Am nächsten Morgen rief er Margitta an und berichtete seine Erlebnisse Dann fuhr er fort: „Ich werde gleich den Fidelis beauftragen, dass er mit Maria Trautwaler kommt. Professor Schober ist doch jetzt Vorsitzender des musikalischen Verbandes. Dieser möge sofort eine Gedächtnisfeier für Frau Hengstpächer veranstalten. Es spielt eine blinde Künstlerin auf der Querflöte und dem Flügel." „Am besten im Gästehaus der Universität, ich werde mich gleich dafür einsetzen", meinte Margitta.
"Ich muss im Hintergrund bleiben, mich kennt man, besonders die drei Herren. Sie meinte, auf der Einladung wird stehen, dass deren Anwesenheit von besonderer Bedeutung sei". Staatsanwalt Sachsenbach, der die Untersuchung leitete, und dem Haigerer seinen Plan erklärt hatte, unterstützte das Vorhaben mit Klugheit und Kraft. Schon drei Tage später konnten sich die Geladenen in den schönen Räumen in der Engesserstraße versammeln.

Professor Albert Schober hielt eine bewegende Ansprache. Er hob die Verdienste der Verstorbenen für das Kulturleben der Stadt hervor und sah sich in der Pflicht, in ihrem Sinne weiter zu wirken. Nun stellte er Maria Trautwaler vor und führte sie zum Flügel. Er reichte ihr die silberne Querflöte, die sie an ihre Lippen setzte. Die Zuhörer waren bewegt. „Ihre Töne sind wie Lichtstrahlen", meinte eine Dame nachdem die Melodie verklungen war. Sie setzte sich und griff in die Tasten und spielte das Andante mit Variationen A Dur von Mozart. Die Zuhörer waren berührt und ergriffen. Der Beifall war verklungen. Maria stand auf. Der Professor reichte ihr einen Rosenstrauß und führte sie. Er machte sie mit verschiedenen Gästen bekannt.

Eine Stimme sprach zu ihr: „Ich bin Manfred Hengstpächer, der Neffe." Er nahm ihre Hand. „Das ist mein Bruder Klaus." Dann hörte sie: „Jürgen Haberfeld, der dritte Verwandte." Beim Klang dieser Worte erfasste sie ein eigenartiges Gefühl. „Figuren können Sie erfühlen. Ich sammle solche und ertaste sie gern." Sie spürte seinen Atem und merkte, dass er sie anfasste. „Ihre Kunst sprach mich an", klang es in ihr Ohr. „Ich musste um Luft ringen, konnte mich nicht befreien." Maria empfand eine Disharmonie, einen Fehlton, einen Unklang. Da hob sie ihre Hand. Das war das vereinbarte Zeichen. „Wem winken Sie?" Es war eine etwas lauernde Frage. „Meinem Fahrer, er soll meine Flöte einpacken", erklärte sie. Margitta trat heran: „Die Herren werden entschuldigen, aber es ist Zeit für die Abreise." Beifall ertönte, als die Damen zur Tür schritten.

Schon am nächsten Abend saß Fidelis Schäufelin beim Essen im Sporthotel in Pontresina. Er hatte den ganzen Tag recherchiert und Wichtiges entdeckt. Nur war ihm unklar, wie man eine Strickleiter vom Balkon des Zimmers 122 herablassen konnte ohne dass diese bemerkt worden wäre. „Zehn Meter sind es", überlegte er, „Mit einer Stange?" Dann stieg er in sein Auto, fuhr über den Julierpass nach Chur und nahm den Nachtzug nach Karlsruhe. Nur mit dem Fahrrad konnte er unauffällig nach Durlach kommen", hatte Haigerer überlegt. So radelte Fidelis durch den Oberwald, während die Nacht herabsank. Aue hatte er bald erreicht, dann nahm er die Badener Straße und stellte dann sein Rad vor der Villa in der Bergstraße ab. Er öffnete das eiserne Gartentor ging langsam um das Haus herum, stellte sich die Tat vor, wie die alte Dame vergeblich nach der Klingel getastet hatte um Frau Lauber zu rufen, die im oberen Stock wohnte.

Eine halbe Stunde später schloss er sein Rad hinterm Hauptbahnhof ab und wollte eben die Halle betreten, als ihn eine Frau ansprach: „Na, junger, schöner Herr, noch so allein, wie wär’s mit uns zwei?" Er sah in ihr geschminktes Gesicht, lachte ein bisschen und erklärte: „Keine Zeit, muss auf den Zug." Er hörte noch: „Schade", ging mehrere Schritte und drehte plötzlich um. „Hören Sie", redete er die Frau an, „ich bin von der Polizei." „Oh, oh!..." „Keine Sorge", beruhigte er sie, „es geht um Mord." „Aber ich doch nicht..." „Der Täter ist wahrscheinlich mit dem Rad gekommen, so wie ich. Sie haben ihn, so wie mich, vielleicht angesprochen." „Huh, aber wie soll ich wissen, ob so ein Typ ein Mörder ist?" „Ein Mann, der eben einen Mord begangen hat, benimmt sich oft ungewöhnlich." Die Frau betrachtete ihn mit großen Augen. „Was sagen denn sonst die Männer?" fragte er. „Oh, die meisten sind ja ganz nett." Sie lächelte. „So wie Sie. Manche sind sachlich `Nein danke´. Einer hat mich mal angepredigt, das war ulkig!" „Und vor etwa zehn Tagen?" „Oh ja, der wurde frech `Geh mir aus dem Weg Du Hure´ dabei hab ich ihn gar nicht angesprochen, nur geguckt." „Das könnte er gewesen sein", sagte Fidelis mit fester Stimme, „Sie sind jetzt eine wichtige Zeugin, geben Sie mir Ihre Adresse." Er notierte diese. „Und...", er legte den Finger auf seine Lippen. „Klar, ich bin doch jetzt wichtige Zeugin!"

Um drei Uhr öffnete ihm, wie vereinbart, der Nachtportier des Sport-Hotels die Tür. Dann fiel er hundemüde in sein Bett.
Wenig später berichtete er dem Staatsanwalt und Herrn Haigerer. Dieser meinte: „Den unwiderleglichen Beweis, dass Haberfeld am Tatort war zur fraglichen Zeit, haben wir noch nicht. „Wohl können wir eine Probe von Erde vom Parkplatz in Pontresina mit Partikeln von seinem Auto vergleichen", meinte Schäufelin, „und das von ihm benutzte Rad untersuchen". "Dazu haben wir die Zeugenaussage dieser Frau", überlegte der Staatsanwalt. „Wir schauen uns noch mal das Haus, den Tatort an", sagte Haigerer nachdenklich, „vielleicht..." „Ja, tun Sie das", bekräftigte Sachsenbach, „viel Glück." Dann fragte er: „Wie können denn die Beamten sein Fahrrad erkennen und finden?" „Wenn es irgendwo lehnt, wie hingeschmissen, dann ist es seines, dieses sollen sie untersuchen", war die Antwort.
Frau Lauber führte die beiden Herren in das Schlafzimmer. „Nichts, aber auch gar nichts wurde verändert", erklärte sie mit fester Stimme. Haigerer lobte: „Das ist sehr, sehr gut und ganz richtig." Er betrachtete das Bett von Fußende her und murmelte: "So sieht es aus wie immer." Dann stand er links. „Nun schmal und schlicht." Er schritt nach rechts. „Jetzt voll und geöffnet." Sein Blick fiel auf einen Polstersessel, auf dem zusammengerollt der Morgenrock lag. „Halt! nichts anfassen!" rief Frau Lauber. Aber Haigerer legte schon den flauschigen Stoff auseinander. „Ja, was ist das?“ entfuhr es ihm. Er hob eine etwa spannengroße Porzellanfigur empor. Es war eine Dame im himmelblauen Reifrock mit gepuderten Locken. Ihre Hand lag offen auf ihrem Schoß. „Ja, das gehört doch dort in das Kästle", rief Frau Lauber. „Dort legte Frau Hengstpächer das Paar hinein, weil am folgenden Morgen die Putzhilfe kommt, damit sie es nicht runterschmeißt. Aber wo ist der Mann?" Haigerer und Schäufelin sahen sich an: „Den werden wir gleich haben", versicherten sie und schon eilten beide zum Auto.

Haigerer rief den Hausmeister des Hochhauses in Rüppurr an: „Hier spricht Inspektor Haigerer, wir haben einen richterlichen Durchsuchungsbefehl für die Wohnung Haberfeld. Wir erwarten sie in wenigen Minuten am Eingang." „Ich werde mit dem Schlüssel dort sein", war die Antwort.
Gleich darauf standen die drei Männer in dem Appartement. Schäufelin öffnete einen Kasten im Vorraum. Stiefel, Rucksack, Wanderstöcke purzelten ihm entgegen „Was ist das?", rief er. Er zog eine Rolle auseinander und ließ sie los. „Das ist eine Strickleiter mit Schnappmechanismus, die hat er an den Balkon gebunden", stellte er fest. Haigerer bewegte die verglasten Flügel eines Schrankes. Da standen Elefanten, Tänzerinnen, Tiger, Jäger, eine Badende und schräg in der Ecke die Porzellanfigur, der Herr in Kniehosen und grünem Frack mit der Rose in der Hand. „Das reicht", stellten die Beiden fest, bedankten sich beim Hausmeister und fuhren zum Staatsanwalt.

Dieser setzte Tag und Stunde einer Versammlung aller Beteiligten in der Villa Hengstpächer fest. Die drei Neffen saßen neben ihren Anwälten im geräumigen, eleganten Salon. Die Zeugen, Sachverständigen und die Kriminalbeamten nahmen Platz. Staatsanwalt Sachsenbach eröffnete die Sitzung mit den Worten: „Meine Damen und Herren, wir haben uns versammelt, um die Umstände des Todes der verehrten Frau Alice Hengstpächer zu untersuchen. Wir wollen uns zu ihrem Gedenken erheben. Er fuhr fort: „Die Beamten und Sachverständigen haben hervorragende Arbeit geleistet. Der Tagesablauf der Herren Manfred und Klaus Hengstpächer wurde sorgsam untersucht und zwar bis in die Stunden der Nacht. Alle Aufenthalte und Tätigkeiten liegen offen." Die beiden Brüder und ihre Anwälte zeigten sich zufrieden. „Den Tages-und Nachtverlauf von Herrn Jürgen Haberfeld wird nun Herr Inspektor Haigerer darstellen."

Dieser begann: „Herr Haberfeld fuhr mit dem Auto nach Pontresina..." „Er fuhr mit der Bahn!", unterbrach der Anwalt. „Diese Erde", erklärte der Sachverständige, „wurde vom Schutzblech des Autos und vom Parkplatz genommen. Beide Proben sind völlig identisch." Haigerer berichtete weiter: „Er begab sich zum Bahnhof. Als dort ein Zug einlief, ging er mit den anderen Reisenden zum Vorplatz und nahm ein Taxi mit dem er zum Hotel fuhr. Der Taxifahrer erkannte seinen Gast auf dem Photo." Er legte eine Pause ein. „Er aß früh zu Abend, fuhr mit seinem Wagen nach Chur und nahm den Zug nach Karlsruhe. Mit dem Fahrrad erreichte er rasch das Haus in der Bergstraße, öffnete das eiserne Gartentor, und lehnte das Rad an einen Rosenstrauch. Dieser kleine Zweig...", ein Beamter der Spurensicherung zeigte diesen, „...fand sich am Gepäckträger. Er passt genau an einen Ast der Rose." „Dann", nahm Haigerer das Wort, „schlich er in das Haus und in das Zimmer, warf das große Kissen auf das Gesicht der Schlafenden und presste es fest mit einem Besenstiel bis das Opfer erstickt war." Der Anwalt hob die Hand. Frau Lauber aber erklärte empört „So schmeiß ich mein Zeug nicht hin, wie der Besen in der Kammer lag!" „Bald danach", ging der Bericht weiter", hatte er den Bahnhof erreicht, ging zum Eingang, wo er eine Frau beleidigte." Er gab ein aufforderndes Zeichen. „Ja!", klang es empört, „er sagte zu mir `geh mir aus dem Weg, Du Hure´, wie kommt der zu einer solchen Behauptung?" Haigerer half ihr: „Das ist doch eine schwere Beleidigung." „Ich hab gleich gesehen, dass die auf den Strich geht." „Also waren Sie in Karlsruhe am Bahnhof und nicht im Hotel in Pontresina", stellte der Staatsanwalt fest. Haberfeld stotterte. „Dennoch", rief der Anwalt" gibt es keinen Beweis, dass mein Mandant im Schlafzimmer der alten Dame war. „Als Mann von Welt", er lächelte vieldeutig, „war er viel eher in einer ganz anderen Räumlichkeit mit einer, wie soll ich sagen", er senkte die Stimme, „ihm zugeneigten Bekannten, aber über solche Geheimnisse schweigt ein Herr mit...sagen wir savoir vivre. Das erklärt auch seine Taktik in Pontresina, samt seiner alpinistischen Kletterkunst. Wenn er Ihnen gegenüber", er verneigte sich vor Nizzi, „einen unpassenden Ausdruck wählte, was ihm sicherlich sehr leid tut, so zeigt das seine starke Beanspruchung", er räusperte sich, „in diesem Bereich. Für das Fahrrad wählte er einen sicheren Platz. Sein Verhalten war ungewöhnlich, aber erklärbar. Seine Anwesenheit in Durlach musste völlig unbemerkt bleiben und durfte von niemandem, besonders von einer bestimmten Person, bemerkt werden. Es gibt also keinen Beweis, keinen Zeugen für die Behauptung, mein Mandant sei in der Tatnacht im Zimmer der alten Dame gewesen."

Diese Worte erweckten Eindruck und die Hörer waren still. Sie blickten nun erwartungsvoll zu Sachsenbach und Haigerer Dieser sprach mit gehobener Stimme: „Es gibt einen Zeugen!" Er stellte die Figur auf den Tisch. „Er ist der Zeuge, der Rosenkavalier!"