Die Farben

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Falke, Matthias

Ehrlich gesagt, ich hatte nicht damit gerechnet, eine Antwort zu erhalten. Für den Fall einer solchen erwartete ich einen abschlägigen Bescheid. Gab es nicht sogar eine Schweigepflicht? Bei Ärzten und Priestern setzen wir sie voraus, warum nicht auch bei Kriminalbeamten? Erst im Laufe meiner Recherchen fand ich heraus, daß die Ermittler sehr wohl ein Bedürfnis danach haben, von ihren Fällen zu sprechen. Natürlich gibt es einen Polizeipsychologen, der sich ihrer annimmt. Viele Inspektoren machen im Zuge ihrer Arbeit traumatisierende Erfahrungen, mit denen umzugehen sie erst lernen müssen. Aber oft ist es gar nicht das, woran der Laie denkt, wenn er sich die seelischen Belastungen der Tätigkeit in einer Mordkommission vorzustellen versucht. Es sind nicht, oder zumindest nicht ausschließlich und vorrangig, die blutüberströmten Leichen, die entstellten und verstümmelten Opfer, die Geiseln, die vor den Augen der Beamten erschossen werden, oder die traurigen Überbleibsel eines perversen Gewaltverbrechens, die den Polizisten und Kommissaren zu schaffen machen. Oft ist es etwas ganz anderes. Sie leiden unter der Schweigepflicht, der eigenen und der ihrer Betreuer. Sie leiden unter der Geheimhaltung, der ihre Arbeit notwendigerweise unterliegt, und dabei unter einem gelösten Fall noch mehr als unter einem ungelösten. Sie leiden unter ihrem Scharfsinn, der ihnen die komplexen Puzzles aus Autopsieberichten, Aussagen und Indizien zusammenzusetzen hilft und auf den stolz zu sein sich unter den gegebenen Umständen in der Regel verbietet. Sie gleichen einem Don Juan, der seine eintausendunddrei Ehebrüche - allein in Spanien - beichtet und der enttäuscht erfährt, daß der Priester ihm die Absolution erteilt, den Gegenstand der Sünde aber für sich behalten wird. Sie haben eine intellektuelle Meisterleistung vollbracht, womöglich unter persönlicher Lebensgefahr, und dürfen nicht damit renommieren. Die meisten von ihnen platzen vor Mitteilungsbedürfnis. Sie sind wie Kriegsteilnehmer, Seefahrer, Jäger oder Bergsteiger, die, einmal in Fahrt gekommen, nicht zu bremsen sind, was nächtelanges Erzählen angeht. Im allgemeinen halten sie sich jedoch, soweit der außenstehende und atemlose Zuhörer das zu Beurteilen vermag, mit Aufschneiderei zurück. Die besondere Nüchternheit ihres Berufes, in dem es um Exaktheit, Faktentreue und messerscharfe Kombinationsgabe geht, mag das mit sich bringen.

Hier setzte mein Projekt an. Ich erhielt die Erlaubnis, mit ausgewählten Kommissaren zu sprechen, und zwar ausdrücklich zu dem Ziel, ihre Erlebnisse, auf daß sie nicht für immer im Polizeibericht vermoderten, der Öffentlichkeit zu übergeben. Selbstverständlich wurden die Namen von Opfer, Tätern und Beamten geändert und alle Schauplätze wurden unkenntlich gehalten. Ich bekam nur Zugang zu Fällen, die wenigstens fünf Jahre zurücklagen, und durfte nur mit Inspektoren sprechen, die mittlerweile pensioniert oder an eine andere Dienststelle versetzt waren. Aber trotzdem bekam ich in kürzester Zeit ein erkleckliches Dossier zusammen, von dem nun Auszüge der interessierten Öffentlichkeit übergeben
werden mögen. Für den Druckkostenzuschuß danke ich der Stelle für Öffentlichkeitsarbeit bei EUROPOL, angesiedelt in der Brüsseler Zentrale.

Wir trafen uns in einem kleinen Pub in einer der südlichen Vorstädte. Es war ein nebliger, naßkalter Novemberabend. Man führte uns an einen Tisch, der eben Platz genug für unsere drei Gläser und den Aschenbecher bot. Das Innere der Kneipe war so verraucht, daß der Nebel, der draußen durch die Straßen zog, dagegen licht und alles andere als undurchdringlich wirkte. Inspektor Doug Scott — wie wir ihn einmal nennen wollen — trug ausgetretene Gesundheitsschuhe, eine abgewetzte Cordhose mit glänzenden Knien, ein farbloses Flanellhemd und eine uralte, nach nassem Hund riechende Lederjacke. Er war unrasiert und hatte sein schütter werdendes Haar seit wenigstens acht Tagen nicht gewaschen. Natürlich rauchte er Kette - er hatte den tabakseligen Treffpunkt vorgeschlagen -, und im Laufe der Unterhaltung leerte er ein halbes Dutzend Pinter ölig dunklen Ales.
Lea Gorani trug ein aufreizendes grauschillerndes Minikleid, dunkle Nylons und hochhackige Pumps. In ihrem antimonschwarz getönten Haar glitzerten silberne Strähnchen, die aus ihren stahlhellen Augen Funken zu schlagen schienen. Sie trank ununterbrochen Espresso und wedelte jedes einzelne Mal, daß Scott den Rauch ausblies, in einer mechanisch gewordenen Empörung vor ihrer gepuderten Nase herum. Sie war seine Assistentin, aber sie hätte seine Tochter sein können. Andererseits gaben sie auch gut ein altes zänkisches Ehepaar ab. Ich habe den Bericht geglättet und in der dritten Person wiedergegeben. Tatsächlich war es so, daß sie einander bei jedem Satz ins Wort fielen, über Fakten stritten, vermeintliche Irrtümer korrigierten und sich gegenseitig vorwarfen, keine Ahnung zu haben und von klinischer Vergeßlichkeit geplagt zu sein. Dennoch kamen ihre Erzählungen, nach vielen Katarakten und Mäandern, doch erstaunlich einhellig ins Ziel. Sie sprachen von derselben Sache. Nur waren sie wie Feuer und Wasser, vielleicht auch wie Yin und Yang, wie die Komponenten eines Superklebers, wie Komplementärfarben, die sich bissen und die einander zu strahlendem Weiß ergänzten.

Anfangs wußten sie überhaupt nicht, was sie davon halten sollten. Der Schuß war aus der Nähe abgegeben worden. Bei der Waffe handelte es sich um eine großkalibrige abgesägte Schrotflinte, mit der man einen Elefanten hätte in ein Mobile verwandeln können. Das Opfer war durchsiebt. Seine Silhouette an die Wand genagelt. Der Schuß war aus Hüfthöhe und nur wenigen Schritt Entfernung abgegeben worden, so daß das Negativ des Opfers, das im Todesschreck die Arme hochgerissen hatte, überlebensgroß an der groben roten Ziegelmauer prangte. Das Fresko eines Gekreuzigten, mit seinem Blut gemalt. Eine schwarze Halo umgab wie ein negativer Heiligenschein das Abbild von Kopf und Oberkörper. Die Wucht der Salve war so groß gewesen, daß sie einzelne Steine aus der Wand gesprengt hatte. Von der Leiche war nicht mehr viel übrig. Ein durchlöcherter Sack, eine mottenzerfressene Hülle, aus der das Blut von tausend Wunden leckte. Inspektor Scott stand grübelnd vor dem grausige Menetekel, dem Zeichen an der Wand, dem Schattenriß eines Menschen mit waagerecht ausgebreiteten Armen. Den Passanten, den der Täter über den Haufen geschossen hatten, hatte er vielleicht nur als Folie benötigt, als Schablone, um sein schlichtes Bild zu gewinnen, rot auf rotem Grund. Das konnte bei der Verhandlung,
falls es je zu einer kommen sollte, bedeutsam werden. Scott machte sich einen Vermerk.
Die Waffe fand sich unweit des ausgebluteten Körpers. Natürlich wies sie keinerlei Fingerabdrücke oder sonstige Spuren auf. Man hatte es mit einem Profi zu tun. Wenn auch mit einem sehr eigenwilligen. Während Lea die Spurensicherung überwachte, fuhr Scott ins Dezernat und grübelte über dem Motiv des Täters, für den man mittlerweile eine eigene SoKo eingerichtet hatte. Aktenzeichen: Der Gekreuzigte.

An dieser Stelle unterbrach die Assistenten die Ausführungen ihres Vorgesetzten. Ich hatte mich selbst schon ein wenig gewundert, hatte den Bericht aber nicht unterbrechen wollen. Jetzt meinte Lea Gorani, Scott sei mit der Tür ins Haus gefallen und habe mit dem zweiten Mord der bewußten Serie zu erzählen begonnen. Ich brachte daraufhin meinen Einwand an, ob man denn wegen eines einzelnen Verbrechens eine Sonderkommission ins Leben rief und warum man ihr einen Namen gab, der sich im Nachhinein vielleicht als voreilig erwies. Möglicherweise war ja alles auch ganz anders, die Kreuzesform der Silhouette, und eventuell auch diese selbst, war ganz zufällig entstanden. Brachte man sich da nicht auf selbst auf eine falsche Fährte?
"Sie werden schon sehen", brummte der Inspektor, bestellte ein neues Bier und zündete sich eine Zigarette an. „Hinterher ist man immer schlauer—"
Der Mord an der Ziegelmauer war der zweite Fall gewesen, mit dem Scott und Lea betraut worden waren. Ihn mit dem ersten in Zusammenhang zu bringen, fiel nicht schwer. Er hatte sich erst vor wenigen Tagen zugetragen und zwar in einem vornehmen Villenviertel des Westends. Das Milieu hatte zwar mit den Docks, in denen man den Ziegelmann gefunden hatte, nichts zu tun, aber bestimmte Umstände dieses Verbrechens, die der Leser gleich erfahren wird, deuteten darauf hin, daß es sich bei beiden Morden um ein und denselben Täter zu handeln schien.

Man hatte die Tote in der riesigen Villa gefunden. Es handelte sich um die Tochter Gordon Ventures, des Chefs der Firma Celera Creations, der mit seiner Frau über das Wochenende verreist gewesen war. Die einundzwanzigjährige Tochter Eleanor war allein im Haus gewesen. Ihre Leiche lag unbekleidet auf dem Boden des Swimming Pools, der sich im Keller des mondänen Anwesens befand. Der Pool enthielt kein Wasser. Die Tote lag mit ausgebreiteten Armen auf den kobaltblauen Fliesen. Das Blut, das aus ihrem Hinterkopf geströmt war, bildete einen schwarzen Hof um Kopf und Oberkörper. Sie sah wie eine Gekreuzigte mit dunklem Heiligenschein aus. Die Autopsie ergab, daß die tödlichen Verletzungen nicht von einem Sturz in das nur sechs Fuß tiefe Becken rühren konnten, zumal sie dann nicht in der Mitte des Pool zu liegen gekommen wäre, exakt auf dessen Längsachse ausgerichtet, die abgespreizten Arme penibel an den rechteckigen Fliesen orientiert. Es mußte sich um ein Verbrechen handeln. Der Leichnam war nachträglich arrangiert worden. Natürlich gingen die Ermittler zunächst von einem Sexualdelikt aus. Aber der Körper der Ermordeten wies keine diesbezüglichen Spuren auf. Er war makellos, schlank, solariumsgebräunt, von ansprechenden Proportionen. Splitternackt und unerträglich schön lag die Direktorentochter in der schwarzen Aura ihres Blutes.
Scott spielte versonnen mit seinen wulstigen Lippen, auf denen Tabakkrümel klebten, als er sich das Bild in Erinnerung rief. Es war, als ob er selbst im Nachhinein den inneren Blick kaum davon lösen konnte.

Der Anblick war blasphemisch. Eine unbekleidete junge Frau in der Pose des Gekreuzigten. Und doch ging von dem Arrangement ein Stilwille aus, der dem Inspektor sagte, daß er es mit keinem primitiven Menschen zu tun hatte. Mit einem Täter von äußerster Brutalität, mag sein, aber auch mit einem Mann, der einen Blick für ästhetische Wirkungen und ein Gespür für theatralische Effekte hatte. Was das Geschlecht des Täters anging, war Scott sich ziemlich sicher. Nicht nur, daß das Mädchen mit großer Kraft erschlagen und über eine größere Strecke transportiert worden war, sprach dafür. Ihre Lage schien eine geradezu religiöse Verehrung auszudrücken. Daß sie entkleidet, aber nicht mißbraucht worden war, ließ auf einen Mörder mit eigenwilligen, aber strengen Moralvorstellungen schließen. Scott vermutete einen hochintelligenten Psychopathen, möglicherweise einen verkannten Künstler. Er machte sich einen entsprechenden Vermerk.

Als sie den Bericht des zweiten Falls, der eigentlich der erste gewesen war, abgeschlossen hatten, ließen sie eine Pause entstehen. Scott orderte ein Ale. Lea zerbrach mit ihren langen Fingernägeln säuberlich eine Süßstofftablette in zwei Hälften und versenkte die eine davon in dem dritten Espresso, den sie im Laufe dieses Abends zu sich nahm. Ich fragte mich, wie sie jemals wieder schlafen können würde. Aber offensichtlich gehörte das zu ihrem Job. Sie war gegen das Koffein genauso abgestumpft und unempfindlich wie ihr Chef gegen das Nikotin und den Alkohol.

Sie sahen mich schweigend und erwartungsvoll an. Ich begriff, daß sie mich musterten. In ihren Augen flackerte der Stolz, von dem ich eingangs sprach. Sie wollten mir die Chance geben, eine Hypothese zu äußern, und aalten sich in dem Vergnügen, schon zu wissen, wie es weiterging, wie die Serie sich fortsetzte, und in dem Bewußtsein, die Verbrechen aufgeklärt zu haben. Sie waren Künstler, aber eben nachschaffende Künstler. Wenn der Mörder wie ein Komponist war, der seine Spuren bewußt arrangierte, waren sie die Dirigenten, die diese Partituren sorgfältig studierten und nicht zu unrecht stolz darauf waren, wenn sie den Geist, aus dem sie geschaffen worden waren, nachempfunden hatten. Sie mußten sich in einen Täter hineinversetzen wie ein Musiker in Bach oder Beethoven, um zu ergründen, was den Autor bei der Abfassung des Werkes bewegt hatte. Scott fragte mich herablassend, ob ich eine Idee hätte. Ich fühlte mich bei meiner intellektuellen Ehre gepackt und begann für einige Sekunden fieberhaft zu überlegen. Aber dann sah ich ein, daß ich diese Konkurrenz nicht gewinnen konnte. Es war also besser, sich ihr gar nicht erst zu stellen. Ich winkte ab und forderte sie auf, in der Erzählung fortzufahren.

„Mit dem dritten Fall", begann Lea Gorani, „ist es so eine Sache..."
Es war ein sonniger Spätherbsttag. Zwar war es seit einiger Zeit schon sehr kalt. Die Bäume standen im letzten Farbenrausch von gelb und rot vor dem klaren blauen Hirnmel. Aber es lag schon mehr des bunten Laubes in großen Haufen um die Stämme, als noch an den Asien hing. Überall in den Parks waren Gemeindearbeiter damit beschäftigt, die abgefallenen Blätter zusammenzurechen. Es hatte ein paar
Nächte mit scharfem Frost gegeben. Die Seen in den Grünanlagen waren zugefroren. Dennoch war es tagsüber, solange die Sonne schien, noch mild. Scott und Lea hatten sich im Regent's Park getroffen, um die beiden Fälle durchzusprechen. Sie schlenderten zwischen den Tiergehegen und den Wiesen dahin. „Im Büro", erklärte sie, „kann man über einen aktuellen Fall nicht frei nachdenken. Ständig klingelt das Telefon oder man wird sonst-wie abgelenkt. Außerdem hat man die Fotos und die Autopsieberichte vor sich liegen, die einen immer in bestimmte Richtungen zu drängen scheinen."

Der genannte Akt der Einschwingung, wenn die Ermittler versuchen, sich in den Täter einzufühlen, um herauszufinden, wie er tickt, gelingt auf einem Spaziergang besser, oder auch, wie Scott noch anfügte, abends in einem Pub. Die meisten seiner Fälle hatte er in seiner Freizeit gelöst, nachts an einer Bar oder zuhause vor dem Fernseher, wenn das strenge, zielgerichtete Denken abgeschaltet war. Dann fiel es einem plötzlich wie Schuppen aus den Augen.
Sie schlenderten also durch den Park. Am Vormittag waren sie auf Eleanors Beisetzung gewesen und hatten ihrem Vater kondoliert. Im Anschluß an die Zeremonie hatten sie sich mit Gordon Venture unterhalten können, der sich tief getroffen gezeigt hatte, was ihn aber nicht daran hinderte, bald in Tönen der Begeisterung von seiner aktuellen Arbeit zu berichten. Ein Schutzhaltung, wie Lea vermutete, während Scott darüber nur die Nase rümpfte.

Auf der Brücke über dem Gehege der Brachiopoden blieben sie stehen und sahen zu den vorzeitlichen Ungetümen hinunter, die dreißig Fuß unter ihnen dahinstapften. Ihre Hälse reichten bis zum Brückengeländer herauf. Man hatte die Pfeiler der Brücke ihren bulligen Schultern und den darauf ansetzenden zwanzig Fuß langen Hälsen nachempfunden. Ihre Zahl wurde durch die Stahlpfeiler zu einer Herde multipliziert. Vielleicht war es deshalb, daß sie sich oft und gerne in der Nähe der Brücke aufhielten, obwohl ihnen ein riesiges Arreal von mehreren hundert Hektar zur Verfügung stand. Sie hatten auch herausgefunden, daß die Passanten bald die Scheu vor ihnen verloren hatten und sie gerne fütterten. Obwohl ein ausgewachsener Bulle über achtzig Tonnen wog, war sein Schädel doch kaum größer als der eines Ponys, und so war es speziell für die Kinder ein Vergnügen, ihnen kleine Büschel Laubes zwischen die stumpfen Stiftzähne zu stecken, wenn die kleinen, etwas dümmlich wirkenden Köpfe über dem Geländer auftauchten. Sie ahnten ja nicht, daß die schlanken Hälse, auf denen die zierlichen Schädel saßen, sechs Stockwerke unter das Niveau der Brücke hinunterreichten und zu Urtieren gehörten, die das Gewicht afrikanischer Elefantenbullen um das Zehn- bis Zwölffache übertrafen.

"Es ist schon ein paar Jahre her", unterbrach Lea an dieser Stelle Scotts fortlaufenden Bericht. „Vielleicht erinnern Sie sich nicht mehr daran. Man kann es heute auch kaum noch nachempfinden, aber damals waren die Iguanodonten, Donnerechsen und Apathosaurier, die man erstmals für einen Tierpark nachgeschaffen hatte, die Sensation."
Scott wollte ihr das Wort abschneiden und seine Erzählung wieder aufnehmen, aber sie ließ sich das Heft nicht aus der Hand nehmen.
„Das ist wichtig für das Verständnis des gesamten Falls", beharrte sie. „Damals tobte in der Öffentlichkeit der Streit zwischen Kreationisten und Evolutionisten. Die zum Leben erweckten Tiere, die seit
Jahrmillionen ausgestorben gewesen waren, führten zu erbitterten ethischen und politischen, und natürlich auch zu religiösen Debatten."
Sie starrte mich aus ihren funkelnden stahlblauen Augen durchdringend an, und ich beeilte mich zu nicken. Ich konnte mich an die fruchtlosen Diskussionen gut genug erinnern. Die Parteien waren unversöhnlich. Die einen warfen den anderen vor, sie spielten Gott, während die anderen den einen ihre Rückwärtsgewandtheit vorhielten. Die Atmosphäre war emotional aufgeladen, um nicht zu sagen vergiftet. Wer in die Kirche ging, wurde als Fundamentalist verschrien, während die Klonexperimente heillos mit Abtreibung und Euthanasie in eins geworfen wurden.
Lea nippte am Espresso.
„Nur, damit sie eine Ahnung von der Stimmung haben, die gerade herrschte. Das Atmosphärische gehört zu einem Fall dazu wie die Tatortanalyse und das psychologische Täterprofil."
Scott brummte unwirsch. Er wollte den Bericht fortsetzen. Ich wandte ihm meine Aufmerksamkeit zu.

Sie hatten eine Weile den Passanten und Kindern zugesehen, die die friedlichen Sauropoden fütterten. Die langgezogene Brücke, die den halben Park durchquert, brachte sie an den östlichen Ausgang. Sie verließen Regent's Park und traten auf den großen Vorplatz hinaus, Regent's Street Ecke St.Paul's [alle diese Angaben sind wie gesagt geändert worden]. Es war ein sonniger Tag. Lea trug einen zitronengelben Strickpullover.

Sie zog, als Scott an diese Stelle kam, entschuldigend die Augenbrauen hoch. So hatte man es damals eben. Sie legte jetzt allerdings wert darauf, daß es sich um einen echten Versace gehandelt habe. Scott verwahrte sich gegen diese abermalige Unterbrechung. Jetzt waren sie wie ein Ehepaar, das von der Geburt ihres ersten Kindes erzählt, und Lea riß das Wort an sich und setzte eine Miene auf, die besagte, daß immerhin sie es war, die den gemeinsamen Nachwuchs zur Welt gebracht hatte. Scott seufzte und atmete tief durch. Mit resigniertem Ausdruck widmete er sich seinem Pinten und gab ihr dadurch zu verstehen, daß sie die Sache selbst zuende bringen könne.

Sie standen auf dem Platz und sahen unschlüssig in die Sonne. Sie wußten nicht, wohin sie sich nun wenden sollten. In der Analyse des Falles (der beiden Fälle) waren sie keinen Schritt weitergekommen. Es war früher Nachmittag. Aufs Revier zurückzugehen, verspürten sie beide keine Lust. Sie überlegten, ob sie in der Nähe essen gehen sollten. Etwas irritierte sie. Ständig blendete sie etwas. Es herrschte lebhafter Verkehr und die Sonne, die in dieser Jahreszeit schon tief stand, spiegelte sich in Windschutzscheiben, Außenspiegeln, Sonnenbrillen. Aber es war kein reiner Zufall, der sie narrte. Es war, als versuche sie jemand zu ärgern. Irgendwo saß jemand mit einem Spiegel und blinkte sie unablässig an. Während sie die Augen beschatteten, um nach dem Übeltäter Ausschau zu halten, sah Scott wie zum ersten Mal an diesem Tag Leas Pullover. Plötzlich rastete in seinem Gehirn etwas ein. Das letzte Puzzleteil fügte sich ins Bild. Die Patience ging auf. Am Stereoskop schoben sich die beiden verschwommenen Ansichten der ersten beiden Fälle übereinander, sie wurden klar, und im selben Augenblick erlangten sie auch Tiefe. Er
empfand einen tödlichen Moment intellektueller Befriedigung, der sofort dem Bewußtsein äußerster Gefahr wich.
„Zieh das aus!", herrschte er sie an.
Sie hatte die Hand über die Augen gelegt und starrte ihn verständnislos an. Ein Lichtreflex glitt schmerzhaft über sie hin. Sie blinzelte.
"Den Pullover", schrie er. „Zieh ihn sofort aus!"
Sie glotzte überrumpelt und wich, als er an ihrem Kleidungsstück zu zerren begann, reflexartig zurück. In einer impulsiven Ausgleichsbewegung riß sie die Arme hoch. Dann blendete sie etwas. Scott ließ sie los und griff nach seiner Dienstpistole. Er spürte, wie nackte Panik in ihm aufrauschte. Wieder strich ein Lichtfleck über sie beide hinweg. Er warf sich herum. Grelle Lichtflecke tanzten über die Fassade des Bürogebäudes auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Sie bewegten sich in wilden Zickzacksprüngen über den ganzen Flügel, frei über die Etagen wandernd. Das konnte nicht die Herkunft des Reflexes sein.
Lea hielt den Saum ihres Pullovers, an dem er gerissen hatte, in der Hand und sah verstört an sich hinunter. Langsames Begreifen malte sich über ihre versteinerten Züge.
„Oh mein Gott...", stöhnte sie.
Sie sah sich hilfesuchend um. Der Platz bot keine Deckung. Frei standen sie im hellen Sonnenschein. Sie begann sich aus dem Pullover zu winden, blieb mit dem Kopf stecken und verhedderte sich mit ihrer Handtasche. Der Lichtfleck fokussierte sich auf sie zu.
Scott half ihr ungelenk. Inzwischen waren einige Passanten auf sie aufmerksam geworden. Ein Verkehrspolizist wurde stutzig, fixierte sie und stiefelte mit langen Schritten auf sie zu. Ein älterer Mann im Trenchcoat bedrängte eine junge Frau, riß ihr auf offener Straße den Pullover herunter und fuchtelte dabei mit einer Pistole herum.

Lea grinste süffisant, an dieser Stelle der Erzählung, und schlürfte amüsiert ihren Espresso.

„Bleiben Sie weg!", brüllte Scott verzweifelt. Mit der Dienstwaffe hielt er die Passanten und den Kollegen von der Verkehrswacht auf Distanz, während er zugleich versuchte, sich in der Lichtung der Lichtreflexe schützend vor seine Assistentin zu stellen. Aber aus welcher Richtung kamen sie eigentlich?
Lea hatte den Pullover über den Kopf gezogen und schleudert ihn von sich. Im gleichen Augenblick brannte eine Stichflamme daraus hervor. Es war wie die verpuffende Explosion eines alten Blitzlichtes. Mit einem Schrei duckte sich Lea unter der Flamme, die über sie hinwegfuhr und den verkohlten Pullover zwei Schritte hinter ihr aufs Pflaster brannte. Er bildete eine verrenkte Kreuzform und war von einem kreisrunden schwarzen Hof umgeben. Scott visierte aufs geratewohl die Gegenrichtung an und gab ein paar Schüsse ab. Die Passanten flohen wie ein aufgeschreckter Taubenschwarm.

"Das war knapp", meinte ich und lehnte mich zurück. „Ihnen ist nichts passiert?" Lea Gorani lächelte maliziös.
Nur der Schreck", meinte sie. „Und ein Versase-Pullover für hundertneunundsechzig Pfund." Scott zuckte mit den Achseln.

„Wir ließen das Gebäude umstellen und bis auf die letzte Besenkammer durchsuchen. Nichts. Die Untersuchung ergab, daß es sich um keinen gewöhnlichen Spiegel gehandelt haben konnte, sondern um einen speziellen Parabolspiegel, der das Sonnenlicht zu bündeln vermag. Der Täter hat es punktgenau auf sie abgebrannt. Es besaß, nach Auskunft unserer Experten, die Energie einer leichten Strahlenwaffe. Wir gingen aufs Revier, um die Sache ins Protokoll zu nehmen. Dann trennten wir uns und gingen nach Hause. Lea bot man Personenschutz an. Aber sie wies das von sich. Sie ging davon aus, daß der Täter es nicht auf sie als Person abgesehen hatte. Er hatte ein weiteres seiner perversen Zeichen setzen wollen."
Der Inspektor warf sich in seinem unbequemen Stuhl nach hinten und fuhr sich mit den Fingern durch das fettige 1 laar. Er nahm einen tiefen Zug Ale und sah mich dann wieder in dieser lehrerhaften Weise an. jetzt wird es nämlich interessant", sagte er und kaute grimmig auf dem Filter seiner erloschenen Zigarette.
Während Lea nach Hause ging, verbrachte er den Abend in einem seiner Lieblingspubs. Er versuchte sich eine Entspannung anzutrinken, in der sich die Dinge manchmal von selbst fügen. Aber die Erlebnisse waren noch zu jung, er war zu dicht in sie verwickelt gewesen, als daß er ohne weiteres auf die distanzierte Analyse hätte umschalten können.
Seine Überlegung war in etwa die: Würde der Täter den Vorfall vom Mittag „gelten" lassen? Offenbar arbeitete er an einer Serie von Zeichen. Worin bestand für ihn das Wesentliche dieser Zeichen? In der Setzung des Kreuzes oder in der Tötung einer Person? Lea war am Leben, der Anschlag war vereitelt worden. So gesehen war der Täter möglicherweise enttäuscht. Nichts ist schlimmer als ein sensibler Künstler, der eine ausgefeilte Vision, die er sich umständlich zurechtgelegt hat, nicht verwirklichen konnte. Wie würde er nun weiter vorgehen? Würde er das Zeichen als ungültig empfinden und versuchen, es zu wiederholen? An der gleichen Stelle, auf die gleiche Person? \Was war das lerlium Comparalz . onis der drei Attentate? Vielleicht war es voreilig gewesen, Lea allein und ohne Schutz nach Hause gehen zu lassen? Offenbar hatte es auch mit den Farben zu tun. Würde der nächste-beste, x-beliebige Passant, der einen gelben Regenmantel trug, für die Vereitelung des Zeichens herhalten müssen? Und wenn das Zeichen als gegeben akzeptiert wurde, welches war das nächste? Wie setzte sich die Reihe fort? Worauf zielten diese bunten Kreuzesperversionen? Obwohl er irgendwann ziemlich betrunken war, kam Scott zu keinem Ergebnis. Er beglich seine Rechnung und torkelte nach Hause. Inzwischen hatte es zu schneien begonnen.

Am nächsten Morgen trafen sie sich im Büro. Sie brachten die Akten auf den neuesten Stand und gaben ein paar Sicherheitshinweise durch. Der Platz am Regent's Park wurde überwacht. Streifenpolizisten wurden angewiesen, auf gelbe Regenmäntel oder andere auffallende Kleidungsstücke zu achten und ihren Trägern zu empfehlen, sie zu verhüllen oder auszuziehen. Der Dekanatsleiter rief an und fragte, ob sie verrückt geworden seien. Es ginge ihm ganz gut, gab Scott zurück, von einem leichten Hangover mal abgesehen. Aber sie hätten es mit einem Serientäter zu tun — zwei Morde und ein Mordversuch innerhalb weniger Tage —, der zwar raffiniert, aber eben nicht ganz normal zu nennen sei.

Was die Streifenpolizisten anging, so hatten sie nicht viel zu tun. Es schneite den ganzen Tag weiter. Als habe der Herbst noch einmal alle Farbenpracht aufgeboten, zu der fähig war, um sich daraufhin endgültig zu verabschieden, war der Dreiklang des roten und gelben Laubes und des blauen Himmel verschwunden und hatte dem Schwarz-Weiß des Winters Platz gemacht.
Nachdem sie den Papierkram erledigt hatten und weil ihnen auf dem Revier die Decke auf den Kopf fiel, entschlossen sie sich ungeachtet des ungemütlichen Wetters zu einem weiteren Spaziergang. Sie gingen in den Hyde Park, der ihrem Büro am nächsten lag. Die Wiesen und Hügel waren unter dichtem Schnee verschwunden. Die Bäume starrten als entlaubte Vogelscheuchen in den wattigen Himmel, aus dem es unablässig weiterschneite. Auf den Seen übten sich die Schlittschuhläufer. Eine Großdemonstration der Evolutionisten wetterte gegen die „Christlichen Fundamentalisten" und setzte sich für die weitergehende Genforschung ein. Es herrschte eine zugleich gereizte und gedämpfte Stimmung. Der Schnee schien alles zuzudecken. Aber unter der Oberfläche brodelte es. Der Demonstrationszug trampelte eine Schneise in den Schnee. Kinder spielten Schneeballschlacht und bauten Schneemänner.

Scott und Lea unterhielten sich über die Farben. Rot, Blau und Gelb. Die drei Grundfarben. Gesetzt, der Täter beabsichtigte tatsächlich, die Reihe fortzusetzen, wie würde er nun weitermachen? Es gab nur diese drei Grundfarben. Kämen als nächstes die Mischfarben dran? Grün, Braun, Orange? Es konnte alles sein. Unmöglich, irgendetwas vorauszuberechnen, vorherzusehen, geschweige denn, das nächste Verbrechen auf diese Weise zu verhindern. An einer Wegetafel blieb Scott stehen.
„Sie wissen schon", erläuterte er. „Auf der einen Seite ist es ein Stadtplan, auf der anderen ein Metronetz. In der Mitte ist jedesmal ein roter Punkt: You are here!"
Ich nickte und fragte Lea mit einem raschen Seitenblick, wozu das wichtig sei. Sie schmunzelte nur und schüttelte den Kopf.

Scott verharrte vor dem Plan. Es war ein Glaskasten. Er war von Reif und angewehtem Schnee bedeckt. Der darin hängende Plan fast unlesbar. Vielleicht, schoß es ihm durch den Kopf, haben wir uns auch zu sehr auf die Farben konzentriert. Er starrte auf den Stadtplan. Dann, ganz langsam, in dem er die Tatorte mit der Fingerspitze auf der gefrorenen Scheibe markierte, begann er laut nachzudenken.
„Hier draußen im Westend war der Villenmord, der blaue Swimmingpool. Da oben in den Docks die Ziegelmauer, ziemlich weit im Norden. Und gestern waren wir am Ostausgang des Regent's Parks, ganz hier drüben."
Er verband die Punkte miteinander. Sie bildeten ein regelmäßiges Dreieck. Scott schüttelte den Kopf.

Lea nahm wieder das Wort.
„Ich weiß noch", sagte sie. „Wie es mich in diesem Augenblick zu frieren begann. Und das lag nicht an dem Schnee und dem Winterwetter. Scott hatte recht. Wir hatten uns bis dahin zu sehr auf die Farben fixiert. jetzt schossen sie zu einem Bild von geometrischer Strenge zusammen. Wir hatten uns von der Oberfläche blenden lassen. Jetzt sahen wir die verborgene Struktur."
Aber wie würde es weitergehen? Die einzige Chance, den Täter zu fassen, bestand darin, Ort und Zeitpunkt seines nächsten Anschlages vorauszuahnen und ihn im Vollzug der Tat zu stellen. Bis dahin blieb er ein anonymer Spinner in einer Zehn-Millionen-Metropole, in der es von verkannten Künstlern und unentdeckten Genies nur so wimmelte. Dennoch standen sie vor einem Problem. Die Reihe der Grundfarben ließ sich ebensowenig fortsetzen wie das Dreieck, das Scott auf die Scheibe gezeichnet hatte und das von einer geradezu unheimlichen Symmetrie und Perfektion war.
„Vielleicht", wandte Lea ein, „ist das Zeichen mit dem Dreieck noch nicht abgeschlossen. Vielleicht ist es nur die Spitze und der Querbalken des Kreuzes. Die Villa und der Park die beiden Hände des Gekreuzigten, die Ziegelmauer in den Docks sein Kopf. Dann fehlten noch die Füße. Der weit nach unten ausgezogenen Längsbalken."

Sie versuchten die Konstruktion in diesem Sinne zu vervollständigen. Aber wenn der Täter wirklich beabsichtigte, den Gekreuzigten maßstabsgetreu auf die Stadt zu projizieren, würde er das vierte Verbrechen tief im Süden stattfinden lassen müssen, jenseits der Endhaltestelle des U-Bahn-Systems. Scott stapfte im Schnee herum und rauchte eine Zigarette. Ein paar Gegendemonstranten zogen an ihnen vorbei. Sie trugen Tafeln mit Bibelzitaten und wissenschaftsfeindlichen Parolen. Scott sah leer durch ihren Zug hindurch und wartete, bis sie vorüber waren. Plötzlich verengten sich seine Augen. Er warf seine Zigarette in den Schnee und drang auf die Demonstranten ein. Einem jungen Mann, der in der Mitte der Gruppe ging, entriß er sein Schild. Es zeigte die symbolische Darstellung Jehovas. Das alte Zeichen des Illuminatenordens, das sich auch auf der Dollarnote findet. Scott schlug sich vor die Stirn.
Während Lea auf der Stelle trat, um sich zu wärmen, und seinem Treiben dabei in zunehmender Verwirrung zusah, kehrte er keuchend an den Stadtplan zurück und wischte darauf herum. Die Demonstranten setzten ihren Weg verunsichert fort.
„Hast du dieses Bild gesehen?", rief Scott aufgebracht.
Lea hatte es gesehen. Sie starrte auf den Plan.
„Oh mein Gott!", entfuhr es ihr zum zweiten Mal in vierundzwanzig Stunden.

Scott vervollständigte die Zeichnung auf dem Reif des Wegweisers. Das Dreieck, und in der Mitte das Auge Gottes. Es entsprach genau der Lage des Parks im Zentrum der Stadt, im Schnittpunkt der Winkelmitten des Dreiecks, das von den ersten drei Verbrechen aufgespannt worden war. „Genau hier", sagte Scott. „Beziehungsweise..."
Er schnitt den Park noch einmal präziser an. Dann begann er zu laufen. Dabei zog er das Telefon aus der Tasche und rief das Dezernat.
„Den Park räumen!", hörte Lea, die Schwierigkeiten hatte, im Schnee hinter ihm herzukommen. „Und besonders die Eislauffläche. Lassen Sie sie sofort räumen!"
Sie rannten durch den winterlich verschneiten Park. Das kleine Häuflein der Bibeltreuen hatten sie bald überholt. Dann eilten sie am ungleich größeren Zug der Pro-Demonstration vorbei. Schließlich erreichten sie den zugefrorenen See, auf dem Hunderte von Menschen, hauptsächlich Kinder und jugendliche, Schlittschuh liefen. Scott stürmte in das Kassenhäuschen, hielt dem entgeisterten Kassierer die Dienstmarke vor die Nase, angelte mit der anderen nach der Anlage, von aus die ganze Fläche beschallt
wurde, und drehte den Regler herum. Es wurde totenstill, wo zuvor noch laute Diskomusik gehallt hatte. Lea hielt den Kassierer in Schach und erklärte ihm in aller Eile, worum es ging, während Scott das Mikrophon nahm.
„Hier spricht die Polizei", krächzte seine übersteuerte Stimme über das Eis. „Verlassen Sie sofort die Eisfläche. Lebensgefahr! Verlassen Sie sofort..."
Es war ein dumpfes Dröhnen. Wie wenn etwas ungeheuer Schweres zur Erde gefallen wäre. Die Schlittschuhläufer hatten zögernd in ihren Kreisen und Pirouetten innegehalten. Die ersten begannen mit stakenden Bewegungen dem Ufer zuzustreben. Vor dem Kassenhäuschen fuhren zwei Einsatzwagen vor. In diesem Augenblick war eine unterirdische Erschütterung zu spüren. Ein Beben unter den Füßen wie von einer fernen Detonation oder als hätte es in der U-Bahn eine Explosion gegeben. In Panik flohen die Menschen von der Eisfläche. Es war ein Bild von großer mathematischer Schönheit. Die weiße Ebene, von schwarzen Punkten übersät, die sich, als wäre ein magnetisches Feld angelegt, zentrifugal zu den Rändern bewegten. Eine einzelne Person blieb genau in der Mitte der kreisrunden Fläche stehen und hob langsam die Arme.
Scott lief auf die Polizisten zu, die aus dem Einsatzwagen sprangen.
„Wenn die Stadt das Dreieck ist", rief er ihnen zu, „und der Park das Auge, dann ist der See seine Pupille und..."
Sie glotzten ihn wortlos an. Scott verstummte und starrte auf den Mann, der im Zentrum der sich leerenden Fläche stand. Er hatte die Arme waagerecht ausgestreckt. Die Erde schwankte unter ihren Füßen. Dann zerbarst das Eis.

Am Tisch war eine lange Pause eingetreten. Die Kellnerin kam und nahm eine neue Bestellung auf. Wir warteten, bis wir wieder vor vollen Gläsern saßen. Ich schaltete das Diktaphon ab, das ich zur Sicherheit hatte mitlaufen lassen. Scott prostete mir zu und steckte sich eine weitere Zigarette an. Lea schlug die Beine übereinander und warf die zweite Hälfte der Süßtablette in ihren Espresso.
„Gab es Opfer?", fragte ich nach einer Weile.
„Ein paar Leute bekamen nasse Füße", sagte Scott. „Aber nichts ernstes. Allerdings hatten wir Glück. Wenn wir nur zehn Sekunden später gekommen wären, hätte die Explosion, die die Eisfläche zum Zerspringen brachte, Hunderte von Menschen ins eisige Wasser gestürzt. Dann hätte es sicherlich auch einige Tote gegeben."
„Und der Täter?", hakte ich nach.
„Er trug Schuhe mit Bleisohlen", erklärte Lea. „Es war der Mann, der in der Mitte der Eisfläche stehenblieb. Taucher von Scottland Yard fanden ihm am Grund des Sees, aufrecht stehend, die Arme ausgebreitet, in der Pose des Gekreuzigten. Er war selbst sein letztes Opfer. Das letzte Zeichen hatte er selbst gegeben."
Ich nickte stumm.
„Es war, wie ich gesagt hatte", warf Scott mit selbstgefälligem Grinsen ein. „Ein gescheiterter Künstler, zweimal von der Akademie geflogen, eine völlig verkrachte Existenz. Er sah das ganze als Performance
an.
„Aber", sagte Lea, „er war bereit, sich dafür hinzugeben."
Ich nickte abermals und versuchte, mich von der traurig-pathetischen Stimmung, die mich erfüllte, nicht überwältigen zu lassen. Ein Genie, dessen Werk den eigenen Tod in Kauf nimmt!
"Er war ein Genie", sagte Scott ganz sachlich. „Dazu gehört die Mischung aus Planung und Improvisationsvermögen. Die Sprengsätze im See mußten schon etliche Tage vorher versenkt worden sein. Das Wasser war seit mehr als einer Woche zugefroren. Andererseits konnte er nicht mit Leas gelbem Pullover rechnen. Er mußte sich auf das einstellen, was sich ihm an diesem Mittag bot. Vermutlich war es reiner Zufall, daß er mit seinem Strahlenspiegel just auf die Beamtin zielte, die gerade an der Aufklärung seiner ersten beiden Morde arbeitete."
„Und die Farben", fragte ich. „Diese Fährte ging also in die Irre?"
Die beiden zwinkerten sich zu. Ein zufriedenes Lächeln malte sich auf ihre sonst so unterschiedlichen Züge. Auch sie waren Künstler, die gerade eine Meisterleistung abgeliefert hatten. Jetzt holten sie gemeinsam zum letzten Tusch aus.
„Auch die Farben", sagte Scott pfiffig, „wiesen uns den Weg. Die Reihe der Grundfarben läßt sich nicht fortsetzen. Aber man kann sie übereinanderblenden. Daß der Täter etwas von Optik versteht, hat er mit seinem Parabolspiegel bewiesen. Wenn man weißes Licht durch ein Prisma schickt, fächert es sich zu den Farben des Spektrums auf; wenn man die drei Grundfarben addiert, ergeben sie reines Weiß, die Farbe, die alle anderen enthält. Das war das Weiß des Schnees. Daß es an diesem Tage schneien würde, konnte der Täter nicht wissen. Aber er konnte in seine Planung einbeziehen, daß es irgendwann im Spätherbst Frost und Schneefall geben würde. Beides brauchte er für seine Abschlußnummer. Und dann verstand er zu warten, bis der rechte Augenblick gekommen war. Auch das zeichnet ihn aus."