Endspiel

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Wittmann, Georg

"Warum erinnerst du dich plötzlich an mich?", die Frage hängt unbeantwortet im Raum. "Warum zahlst du mir den Flug und den Aufenthalt? Warum?" Immer noch Schweigen. Die Spannung zwischen den Männern ist zum Greifen. Da werden sie abgelenkt. Die lauten Worte haben einen Gast aufmerken lassen. Überrascht rutscht er vom Barhocker und kommt mit sichtlicher Freude und Hochachtung an den Tisch der beiden Männer. "Könnte ich ein Autogramm bekommen? Bitte!", fragt er verlegen.

"Gib ihm schon ein Autogramm Carlos!", fordert der Schweigsame der seine Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen hat sein Gegenüber auf. Von dem Fan unbeachtet schiebt er ihm heimlich Bild und Kugelschreiber zu. Dankbar und zufrieden begibt sich der Autogrammjäger zurück zur Bar. "Deshalb!", gibt der Schweigsame endlich auf die gestellten Fragen antwort. Mit verständnislosem Ausdruck wird der Kugelschreiber über den Tisch zurück geschoben. "Carlos, ich verstehe dich nicht! Warum soll ich deine Bilder verschenken und signieren?"

"Kannst du noch lauter reden!", zischt der zurück. Der gemaßregelte lehnt sich über den Tisch und verzieht sein Gesicht zu einem breiten höhnischen Grinsen. "Das hätte ich mir doch denken können. Mein berühmter Bruder führt irgendetwas im Schild. Sogar in unserer Muttersprache befürchtest du Zuhörer?" Der zieht die Kappe noch tiefer in die Stirn, legt einen großen Schein auf den Tisch und steht auf. "Komm!" Ohne eine Antwort abzuwarten geht er mit von der Bar abgewandtem Gesicht aus der Altstadt-Kneipe. "Ich habe dich nicht kommen lassen, damit du mir gleich einen Strich durch die Rechnung machst! Bruder ich brauche dich! Du musst für mich spielen! Du bist von nun an ich .... Carlos! Mein Knie .... ich kann nicht mehr auf den Rasen. Aber ich habe vom KSC einen Millionenvertrag in der Tasche!", jubelt er und sieht sich erschrocken um. Mit beschwörender Stimme flüstert er: "Ein Viertel gehört dir! Du musst mir helfen! Das ist meine letzte Chance Geld zu machen!"
Jetzt ist es an dem Bruder, erschrocken stehen zu bleiben. "Einen double brauchst du? Für einen double-dealing! Ich fasse es nicht. Mein eigener Bruder begeht eine Betrügerei! Zurück zu unserem Leben als Straßenkinder?" Der Gerügte lacht und gibt seinem
Bruder einen freundschaftlichen Stoß vor die Brust. "Waren wir nicht ein gutes Team? Unseren ersten Fußball und später die Trikots und die ersten Stollenschuhe! Damals hattest du keinen Skrupel!"
"Das war etwas anderes, wir kämpften ums Überleben! Und wir brauchten einen Start! Den schafften wir uns durch den Straßenfußball! Aber jetzt! Nein ich mache da nicht mit!" Jetzt wird die Baseballmütze aus der Stirn geschoben. "Dass du mich im Stich lässt, damit habe ich nicht gerechnet. Soll ich morgen meinen Vertrag nehmen und sagen: "Meine Herren ich kann ihn nicht erfüllen! Meine Kniekapsel hat beim letzten Spiel einen irreparablen Schaden davon getragen! Ich steige aus! Hier ist der Vertrag!"

"Jetzt erinnerst du dich an mich! Warum hast du mich nicht zu dir hoch gehoben? Angst, ich könnte besser werden als du? Oder was sonst? Ein Wort von dir und ich hätte auch Karriere gemacht!" Carlos senkt verlegen die Augen. Dann spricht er lahm: "Du hast mich nie darum gebeten!" "Dass ich nicht lache! Vergessen hast du mich! Vergessen hast du meine Starthilfe die ich dir ohne Neid gegeben habe! Vergessen hast du, dass wir Brüder sind!"
Entschlossen wendet er sich verärgert ab und läuft los in Richtung seiner schäbigen Unterkunft im Dörfle. Carlos eilt hinterher zieht seine Kappe ab und schlägt sie dem davoneilenden auf den Kopf. "Stell dich nicht so an! Gut, ich habe einen Fehler gemacht! Jetzt brauche ich dich! Und ich bitte dich, helfe mir und ich mache alles was ich an dir versäumte wieder gut!"

Zögernd bleibt der Bruder stehen und dreht sich um. "In Ordnung ich bin dabei!" Erleichtert fällt Carlos ihm um den Hals und unterdrückt die Tränen die ihm in die Augen steigen. Alle Animositäten der letzten Jahre sind vergessen. Der Super Ballstar atmet befreit auf. Komm mit auf meine Suite im Queen-Hotel. Wir haben viel zu besprechen!"

Es wird eine lange Nacht. Kein Alkohol, keine Zigaretten. Die Brüder sind beide Spitzensportler. Schlank und durchtrainiert sitzen sie sich gegenüber und trinken das so angepriesene und hoch gelobte Karlsruher Hahnenwasser. Sie erzählen von vergangenen Zeiten, von den gemeinsamen sportlichen Erfolgen und die getrennten Fußball Karrieren. Plötzlich wirft Carlos oder ist es der Bruder den Kopf zurück und lacht bis ihm die Tränen die Wangen herunter laufen. "So weit hast du es gebracht! Was hast du nun von deinem ganzen Ruhm und Reichtum? Hier sitzen wir wie damals und trinken nur Wasser!"
Im gedämpften weichen Licht der Wandleuchte sind die Brüder nicht zu unterscheiden. Es sind eineiige Zwillinge. Carlos ist nicht zum Lachen zumute. Er sieht in sein Glas und dreht es ohne es zu wissen in den Händen. "Mir ist soviel Geld sinnlos durch die Hände geronnen ohne einen Gegenwert zu erhalten. Nicht einmal Freunde kannst du dir damit schaffen!", er blickt ernst auf. "Könnte ich nur die Zeit zurückdrehen!"

"Du brauchst nur deinen Millionenvertrag kündigen, dann sind wir wieder dort wo wir angefangen haben!", spricht der Bruder ernst. "Mir bleibt dann viel erspart!", setzt er noch hinzu. "Blödsinn, das wird mein Endspiel. Knie kaputt, Karriere kaputt! Nur der Ruhm bleibt mir noch!" "Und von dem kannst du nicht leben! Lange wird der Ruhm auch nicht anhalten. Aus den Augen aus dem Sinn!"
"Carlos, es wird Zeit mich einzuweihen wie ich mich zu verhalten habe, mit wem ich trainiere, wer in der Mannschaft ist. Du weißt schon ich will nicht, dass unser doppeltes Spiel auffliegt!", drängt nun der Bruder mit einem Blick auf seine billige Armbanduhr. Spontan zieht Carlos seine Kostbare aus und reicht sie hinüber. "Innen ist eine Widmung eingraviert. Lies sie, wenn dich jemand fragt, musst du auch wissen wie ich dazu gekommen bin!"

Nun gehen die Zwillinge an die Arbeit. Bilder werden angesehen. Namen erklärt. Trainingszeiten und all die anderen wichtigen Details durchgesprochen, damit der "Ersatz Carlos" nicht schon am ersten Tag aufläuft. Der Portier wundert sich, weshalb der berühmte KSC Fußballstar, über den er in einer großen Kolumne im Boulevard -Baden las, zu so früher Stunde das Hotel verlässt.

Die Rechnung der Brüder geht auf. Carlos beobachtet heimlich wie sein Bruder in seine Rolle schlüpft und die vorsehbaren und noch mehr die unvorhersehbaren Hürden mit Bravour meistert. Er selber ist bei seiner Observation eigentlich zu lange auf den Beinen. Aber sein Kniegelenk macht ihm keine Probleme. Er ist ein disziplinierter Sportler und hält sich an die Anweisungen seines Arztes. "Immer sachte auftreten. Keine schnellen abrupten Bewegungen oder sich sonstigen stressigen Anstrengungen aussetzen."
Carlos lebt nun mit den Papieren seines Bruders im Dörfle, wie die Karlsruher diesen Stadtteil aus einem für ihn nicht erkennbaren Grund nennen. Ihm gefällt es hier. "Ich fühle mich hier wohl und sollte unsere Täuschung nicht auffliegen, wird es meine zweite Heimat!", denkt er, denn bisher hat noch niemand den geringsten Verdacht geschöpft. Im Gegenteil, Carlos passt ausgezeichnet in das KSC Team. Als Mittelstürmer hat er einen siebten Sinn, der ihn immer im rechten Augenblick am richtigen Ort sein lässt. Ball annehmen und links oder rechts dem Flügelmann zuspielen. "T000r, T000r, T000r!"
Carlos wird bewundert und nach jedem Spiel das siegreich in die KSC Annalen eingeht, wird er stürmischer gefeiert. Der Wechsel ist perfekt! Erkennt der echte Carlos neidlos an. "Warum habe ich ihm nicht früher die Chance gegeben, wir wären ein unschlagbares Team an der Spitze jeder Elf geworden! Jetzt ist es zu spät!", muss er mit Wehmut erkennen. "Wir sind vom Alter her über unseren Zenit und es wird höchste Zeit zum sauberen Aussteigen. Nicht mit Drogen am Erfolg kleben wollen! Fair Play! Sauberen Sport! Für den habe ich gelebt. Was ich jetzt mache ist ein Betriebsunfall an dem niemand Schaden nimmt! Wenn mein Bruder weiterhin zu Höchstleistungen aufläuft!"

Carlos der gefeierte Star kann es selbst kaum glauben. Er wollte seinem Bruder beweisen: "Ich war dir schon immer ebenbürtig!" Nach jedem Sieg treffen sie sich im Geheimen und freuen sich die Aufzeichnungen des Spiels anzusehen. Jetzt wird viel diskutiert und Fehler werden aufgezeigt und der echte Carlos gibt sein Wissen und seine Erfahrung weiter. Die anfängliche Antipathie ist verschwunden. Nur noch der Erfolg bestimmt ihr Beisammensein. Er schweißt sie wieder zusammen, sie sind ein Herz und eine Seele, wie sie es waren bis Carlos entdeckt wurde.

Eines Tages wird Carlos beim window-shopping durch das neue Kaufcenter am Rondellplatz, unsanft angerempelt. Verzweifelt greift er nach einem Halt und reißt beinahe einen alten Mann zu Boden. Der rücksichtslose Passant verschwindet in der Menge und fährt die Rolltreppe hämisch grinsend zum Parkdeck hoch. Carlos stützt sich auf das Geländer zum Innenhof und versucht seinen Schmerz unter Kontrolle zu bekommen. Seine Kappe wird fürsorglich aufgehoben. Er zieht sie schnell tief in die Stirn. Niemand hat in dem gestrauchelten mit schmerzverzerrten Gesicht sich aufrappelnden Südländer den berühmten KSC Stürmer erkannt.

Carlos humpelt nach Hause und liegt die nächsten Tage müßig in seinem kleinen Zimmer herum. Mit dem Handy hat er von seinem Missgeschick dem Bruder berichtet. "Pass auf dich auf. Ich hatte das Gefühl ich bin mit Vorbedacht so hart umgerannt worden! Er hat bestimmt in mir, dich Carlos den KSC Stürmer gesehen!" Sein Bruder lacht nur. "Du siehst Gespenster! Wer will schon was von mir? Wenn der Kerl mich als Stürmer ausschalten will bedarf es mehr als ein harmloser Zusammenstoß! Und wer sollte dich, in deiner Maskerade erkennen?"

Doch Carlos bleibt skeptisch. "Wenn ich nicht verwechselt worden bin, dann war es auf meinen Bruder abgesehen! Was weiß ich eigentlich von ihm? Wir haben jahrelang keinen Kontakt gehabt. Wenn ich an das höhnische Gesicht denke, steckt da mehr dahinter!" Als er wieder seine Spaziergänge aufnimmt achtet er heimlich auf etwaige Verfolger und er soll sich nicht getäuscht haben. "Der selbe Kerl verfolgt mich und da ist noch eine Frau!" bemerkt er nach einigen Tagen. "Die beschatten mich!"

Er fühlt sich wieder zurück versetzt in seine Kindheit und Jugendzeit als sie im permanenten gefährlichen Territoriumsstreit mit anderen Jugendbanden lagen. Er verwirft sofort den Gedanken sich der Polizei anzuvertrauen. "Wie mache ich denen verständlich, warum ich den Pass von meinem Bruder benutze! Das kann ich ihm nicht antun. Es ist schon zuviel, wenn ich ihn bei den bevorstehenden Spielen mit dieser Geschichte belämmer! Da muss ich selber durch!" Als die Brüder sich wieder treffen, wehrt Carlos lachend ab: "Es war nur ein Hirngespinnst! Da gibt es niemand, der es auf dich oder auf mich abgesehen hat!"

Durch die Auswärtsspiele die Carlos als Fan begleitet, vergisst er das Erlebnis und seine Befürchtungen. Niemand will ihnen etwas. Keine Gefahr für den berühmten Spieler Carlos mit der green card oder dem pseudo Carlos, dem Urlauber mit gültigem Passport aber keiner Aufenthaltsgenehmigung. Der KSC geht von Sieg zu Sieg. "Ein Team wie in den 50 er Jahren!", erzählen sich die alten Karlsruher Herren und denken mit Wehmut an die Zeiten als sie jung waren und Fans, Fans , Fans...

Dann kommen die Helden, die Badener, die Briganten wieder zurück. Stürmisch bejubelt und in den Kolumnen aller Zeitungen und Blätter. Und immer noch hat niemand bemerkt dass Carlos nicht der Carlos ist den sie eingekauft haben. Die Zwillingsbrüder sehen sich trotzdem vor. Aber sie haben schon beinahe den Rollentausch vergessen. Nur schade, der echte Carlos kann bei den Feiern nicht dabei sein oder er muss sich im Hintergrund halten. Er ist deshalb nicht eifersüchtig und nicht neidisch auf seinen Bruder der sich diese Ehren selber verdiente.

Carlos kennt die Euphorie, den Jubel, den Trubel, die Enttäuschungen, den Katzenjammer und die Einsamkeit die oft hinterher die Spieler überfällt. Das ist die Kehrseite der Medaille, die von den Fans und von der Öffentlichkeit nicht registriert wird. "Wie oft habe ich mich aus Verzweiflung in ein Abenteuer gestürzt. Ein Fressen für die Paparazzi, die Klatschspalten der Regenbogenpresse und eine Niederlage für mein Privatleben. Wo sind die Jahre geblieben, die Frauen die so schnell aus meinem Leben verschwanden wie sie eingetreten sind?"

Carlos wundert sich über seine Gedanken. Mit der Baseballkappe tief in der Stirn ist er ein freier Mensch. Niemand will etwas von ihm. Kein Blitzgewitter der Fotografen, keine ständigen Anhänger die eine Intimsphäre, ein Privatleben unmöglich machen. "Ich habe es nun geschafft! Das kommt mir erst jetzt, weil ich aus dem Fokus bin! Mein Bruder hat diese Erkenntnis noch vor sich! Es fragt sich nur wie lange es andauert bis ihm Ruhm und Ehre über den Kopf wachsen!" Carlos sitz gemütlich auf der Bettkante und betrachtet die Bilder, die er auf den Tribünen geschossen hat, im Notebook. Da überläuft es ihn eiskalt. Seine Haare sträuben sich und er blickt ungläubig auf die Aufnahme. "Das ist der Kerl!"

Die Erkenntnis, der Unheimliche war in seiner Nähe, lässt Carlos' Hände zittern. "Sogar im fremden Stadion bin ich nicht vor ihm sicher!", fieberhaft gleiten seine Finger über die Tastatur. Er zoomt den Ausschnitt größer. "Das Weib ist auch dabei!" Nun holt er alle gespeicherten Bilder sorgfältig auf den Monitor. Was er befürchtete, bestätigt sich. Bei verschiedenen Auswärtsspielen kann er das Verfolgerpärchen entdecken. Im Wildparkstadion findet er die Beiden, sogar unter den Fans die ihren Idolen beim Training zuschauen. Ein geeignetes Bild der Frau zoomt er bis das Gesicht den Monitor ausfüllt. "Diese rassige Schönheit ist mir schon richtig vertraut ", murmelt er bewundernd.
Er kann den Morgen kaum erwarten. Sein Bruder nimmt die Entdeckung gelassen hin. "Fans begleiten dich doch rund um den Erdball! Du musst nicht alles so ängstlich sehen!" Er nimmt seinen Bruder in den Arm. "Bildhübsch soll sie sein! Da bin ich ja froh, den Weiberheld Carlos vertreten zu können!" Der ist noch völlig durch den Wind. "Ich sorge mich um dich und du gibst nur dumme Späße von dir. Aber mir kommt es vor, als kenne ich das Teufelsweib!" Nachdenklich und sein Bein schonend, setzt er sich.
Er getraut sich den ganzen Tag nicht aus seinem Zimmer. Erst zum Abendessen besucht er den Kaiserhof. Dort tritt er als Carlos auf. Hier fühlt er sich durch die gegenüberliegende Polizeistation relativ sicher vor seinen Verfolgern. Später läuft er zur Pyramide, die belebte Kaiserstraße entlang und auf dem kürzesten Weg zu seiner Absteige. Dann wartet er bis es dunkelt, um seinen Bruder im Queens- Hotel zu besuchen.

Mehrmals versucht er vergeblich mit seinem Bruder Kontakt aufzunehmen, entweder kommt das Besetztzeichen oder das Handy ist ausgeschaltet. Er wird ungeduldig. Er will seinen Bruder nun mit dem Bildmaterial überzeugen. Endlich bekommt er Kontakt. "Wo bist du denn? Ich versuche dich schon stundenlang anzurufen!", die aufgeregte Stimme lässt den Gerügten beschwichtigen. "Nur keine Panik, was ist es jetzt schon wieder?" "Wach endlich auf, du bist in Gefahr! Ich zeige dir die Bilder!" Am anderen Ende herrscht langes Schweigen. "Bist du noch dran?" "Carlos, komm in einer Stunde mit dem Laptop vorbei!", flüstert der Fußballstar mit belegter Stimme.

Carlos wartet ungeduldig bis es Zeit ist aufzubrechen. Er löscht das Zimmerlicht und sieht vorsichtig hinter dem Vorhang auf die Straße. Drunten gehen trotz später Stunde Menschen vorbei. Niemand drückt sich herum um den Ausgang zu beobachten. Aufatmend und etwas beruhigt nimmt er seinen PC und verlässt das Zimmer. Auf der Straße blickt er suchend umher. Dann eilt er mit hinkenden Schritten durch die nächtlichen Straßen. Er will hinüber zur Ettlinger Straße die belebt ist. Am Jazzclub vorbei kommt er zur Adlerstraße. Erst dort bemerkt er den Verfolger. Oder ist es nur wieder seine Angst die ihn in allem Gefahr erkennen lässt?
Er zögert und dann ist er sich todsicher. "Er ist es!", stöhnt er und ändert spontan seine Richtung. Er eilt so schnell es ihm möglich ist mit großen Schritten die Adlerstraße entlang in Richtung Südstadt. Am kleinen Park der durch die Steinstraße begrenzt wird holt der Verfolger auf. Nun versucht Carlos zu rennen. Er will die Fußgänger - Unterführung hinüber zum Theater und durch die Südstadt zum Hotel flüchten.
Der Verfolger treibt ihn vor sich her. Carlos ist nun völlig in Panik. Er fühlt sich dem Fremden völlig ausgeliefert. Er wechselt das Notebook in die andere Hand. Mit einem Aufschrei lässt er beinahe das wertvolle Stück fallen. Mit seinem kaputten Knie hat er den PC gerammt. Ein Blick über die Schulter zeigt das hämische Gesicht, das er so gut kennt. "Was willst du von mir?", ruft er und eilt weiter. Nur mit Mühe weicht er einem nächtlichen Passanten aus. Anstelle sich unter dessen Schutz zu begeben, eilt er die Treppe hinunter.
Seine Schritte klingen hohl in dem spärlich beleuchteten Gang der unter der Kriegsstraße durchführt. Nun hallen die Schritte des Verfolgers wie Keulenschläge in den Ohren von Carlos. Jetzt hat er die erste Stufe erreicht die nach oben führt. Ein scharfer Schmerzensschrei entringt sich seinem Mund, als er mit dem kranken Bein über die Stufe stolpert. Er strauchelt, das Notebook klappert auf die Stufe. Er lässt es liegen und ist schon zwei Stufen höher. Nun wird er am Arm festgehalten. Er dreht sich um und tritt mit seinem gesunden Bein zu. Der Verfolger wird durch den Tritt rückwärts geschleudert. "Gestrecktes Bein ohne gelbe Karte !" kichert Carlos hysterisch und bückt sich nach seinem Laptop.

Carlos richtet sich auf und wirft einen letzten Blick auf den Gegner der mit dem Rücken auf dem Gang liegt und mit den Beinen auf der Treppe. Dann setzt er den Fuß auf die nächste Stufe und will weiter flüchten. Er zögert und betrachtet den Körper des Liegenden. Der
rührt sich nicht. Behutsam dreht sich Carlos um und steigt die Stufen hinunter. Er kennt die faulen Finten aus dem Sport. Den Verletzten markieren gehört dazu. "Will der mich in Sicherheit wiegen? Will er mich näher locken?" Schon will sich Carlos entfernen. Dann kommt es ihm doch sonderbar vor wie ruhig der Angreifer liegt. Immer auf dem Sprung nähert er sich vorsichtig.

Jetzt kann er das Gesicht erkennen. Offene Augen starren unbeweglich an die Decke und der Mund ist in einem unhörbaren Schrei erstarrt. "Bewusstlos!", will sich Carlos beruhigen, aber er weiß es besser. Er kniet neben der Gestalt und will den Herzschlag untersuchen. Da sieht er die Brieftasche. "Jetzt will ich wissen wer du bist!", zischt er und zieht sie aus der Jackentasche und blickt in die starren Augen. Seine Hände zittern. "Der ist tot!", schreit er.
Carlos blickt wild um sich und sieht dort wo sie herkamen einen Mann stehen. Die beiden blicken sich an. Langsam steht Carlos auf. Ihm wird die Ungeheuerlichkeit des Augenblickes bewusst. "Ich habe ihn umgebracht!", spricht er entsetzt. "Ich habe einen Menschen zu Tode getreten!", mit wirrem Blick von der leblosen Gestalt zu dem schweigend verharrenden Zuschauer greift er sich ins Haar. Seine Baseballkappe fällt herunter. Er lässt sie liegen und rast wie von Sinnen, humpelnd jeden Schmerz vergessend, die Treppe hoch.

Auf der anderen Seite kommt er nach wenigen Metern in das beleuchtete Areal vor dem Theater. Überall laufen Menschen herum. "Theaterpause!", keucht er und blickt sich um. Hinter ihm taucht der Zeuge seiner Tat aus der Unterführung auf. Der winkt ihm zu und macht Zeichen er soll stehen bleiben. Das Rufen kann er nicht verstehen. Überall sprechen die paarweise herum wandelnden Theaterbesucher. Er humpelt weiter und mischt sich unter die Menschen. Der Zeuge ist nicht mehr zu sehen. Nun läuft er unauffällig hinüber an den Taxis vorbei in die Wilhelmstraße, die direkt zu seinem Ziel führt.

Der Portier an der Rezeption greift sich verwundert an die Stirn. "Wo kommt denn Carlos plötzlich her? Der hat sich doch gerade Champagner auf die Suite bringen lassen! Ist wohl die Treppe herunter, in der Tiefgarage seinen PC holen. So wie der aussieht, hätte er besser den Fahrstu ... !" Er unterbricht sein Murmeln. Eine Gruppe Hotelgäste lenkt ihn ab und Carlos verschwindet im Fahrstuhl. Dem geht die Fahrt nicht schnell genug in die obersten Etagen. Ungeduldig wartet er auf das Öffnen der Schiebetür und dann eilt er den Gang entlang und klopft ungestüm an die Tür. Er bemerkt nicht, dass die nächste Suitentür einen Spalt weit aufsteht und nun vorsichtig zugezogen wird.

"Bist du ganz von Sinnen solch einen Lärm zu machen?", herrscht ihn sein Bruder an. Carlos gibt keine Antwort und sinkt leichenblass in den nächsten Sessel. "Wo hast du deine Kappe! Jeder weiß, dass ich im Haus bin! Du bringst uns in Schwierigkeiten!" Carlos winkt müde ab. Sein Notebook hat er immer noch in der einen und die fremde Brieftasche in der anderen Hand. "Ich muss fort! Sofort fort!" "Nun mal langsam. Wir wollten doch die Bilder von deinem eingebildeten Verfolger ansehen! Und jetzt willst du fort?"
"Es .... gibt - - -.keinen .... Verfolger... mehr!", kommt es abgerissen und kaum hörbar über die Lippen von Carlos. "Habe ich es dir nicht gleich gesagt, alles nur ein Hirngespinst!", lacht der Bruder befreit auf. "Kein Hirngespinst ich habe ihn umgebracht!", stöhnt Carlos und will seine Hände vor das Gesicht schlagen. Da bemerkt er die Brieftasche des Verfolgers. Hektisch will er sie öffnen und sie fällt aus seinen zittrigen Händen und kommt neben dem PC zu liegen. Schnell bückt sich sein Bruder, der nun selber blass geworden ist.

Er hebt sie auf und wirft einen Blick auf das Bild. "Du musst noch in dieser Stunde Karlsruhe verlassen!" "Du glaubst die Polizei wird ihn schon gefunden haben!", entsetzt blickt Carlos mit irren Augen hoch. "Schlimmer, der Kerl ist ein bekannter Auftragskiller! Und du bist
mit dem fertig geworden?", ungläubiges Staunen zeichnet sich in dem Gesicht des Bruders ab. "Er hat.... sich das Genick.... gebrochen! Die Treppe... es war ein Unfall... ich gehe zur Polizei und.. !" "Keine Polizei!", nun ist es an dem Bruder zu erschrecken. "Du verstehst nicht, die arbeiten nie allein!" "Das Weib gehört dazu! Ich habe es doch gleich gewusst!" stöhnt Carlos.

Eine Stunde später verlässt Carlos über die Hintertreppe heimlich das Queens - Hotel. Er geht zum Tullabad und am Stadtgarten entlang zum Hauptbahnhof. Dort nimmt er ein Taxi, das ihn zum Baden - Airport bringt. Mit dem ersten Flugzeug am frühen Morgen ist er unterwegs in die Heimat. Sein Bruder hat über das Internet die verschiedenen Flüge gebucht und beglichen.
Es war ein herzlicher aber auch trauriger Abschied. Carlos Endspiel ist vorüber. Nun muss er untertauchen. Sein Bruder hat nicht für möglich gehalten, dass seine Tätigkeit als Informant für die Internationale Drogenfahndung aufgedeckt würde. "Nun ist das südamerikanische Kokain - Cartel hinter dir her! Bruder es tut mir so leid!" Diese letzten Worte klingen Carlos in den Ohren auf seiner Flucht in die Anonymität.
Als Carlos aus dem Zimmer seines Bruders tritt, wird die Tür der Nachbarsuite vorsichtig einen Spalt geöffnet und als er sich umdreht wieder zugezogen. Er wird durch den Spalt beobachtet wie er den Gang entlangläuft und am Treppenabgang verschwindet. Nach einem kurzen Zögern öffnet sich die Tür und eine Frau in Neglige' huscht heraus und pocht sachte an die Tür des berühmten Spielers.
Die öffnet sich sofort. "Bist du von Sinnen! Wenn Carlos nochmals zurück kommt?" flüstert der Bruder ängstlich. "Deeer! Der hat doch die Hosen gestrichen voll! Nun kannst du seinen Platz einnehmen!", kichert die teuflisch schöne Frau. "Und du hast deine Rache weil er dich benutzt und fallen gelassen hat. Ich sorge mich nur um deinen Bruder. Carlos behauptet ihn umgebracht zu haben!" "Pedro hat mich schon informiert. Er hat die perfekte Leiche gespielt, bis ihn dummerweise einer der Theaterbesucher aufschreckte!"
"Juan, nun können wir heiraten!", schnurrt sie wie ein Kätzchen und umarmt den Geliebten. "Keine Namen, das haben Carlos und ich auch durchgehalten!" Er schafft weiter an dem Verschluss der Flasche. "Gewöhne dich an Carlos... Juan gibt es nicht mehr! Der ist nun aus dem Spiel! Nein ich muss erst noch meine Absteige im Dörfle bezahlen und auschecken!" "Mein Bruder hat Carlos' Kappe!" Plopp fliegt der Champagnerkorken durch das elegante Zimmer. "Dann kannst du Pedro den Pass zurück geben. Ich dachte mich trifft der Schlag! Wenn Carlos den Namen gelesen hätte, wäre ihm sofort eingefallen , weshalb du ihm so bekannt vorkommst! Sant'e Carmen!"
"Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!" erstaunt blickt mich meine Frau an. "Ich würde noch lauter sprechen!", raunt sie. "Ist doch wahr! Siehst du die drei Südländer! Ein Herz und eine Seele! Dem in der Mitte bin ich nachgerannt!" zische ich aufgebracht. "Was faselst du!" Meine Frau bleibt stehen und schaut mich kopfschüttelnd an. "Das ist der Kerl, der den anderen gestern während unserer Theaterpause trat!" Jetzt ist es an meiner Frau zu stutzen. Das Trio bleibt vor dem Kaiserhof stehen. Sie sprechen angeregt miteinander.
"Das kann nicht sein!", lacht meine Frau. "Na hör mal, ich hab ihn doch genau gesehen! Und den anderen auch, der nun langsamer die Stufen hinterher steigt. Das ist der Kerl der am Boden lag und als ich nach ihm sehen wollte, wie von Furien gehetzt davon sprang!" Meine Frau tätschelt meinen Arm. "Georg mit dir geht deine Fantasie wieder einmal durch!" Sie zieht mich mit wissendem Blick weiter. "Ich werde dich nochmals losschicken, mein Opernglas aus dem Handschuhfach zu holen!"
"Du glaubst mir nicht!" Ich bleibe empört stehen. "Natürlich glaube ich Dir!", schmeichelt sie mit hintergründigem Lächeln. "Du solltest anstelle deiner Bücher mehr Zeitungen lesen!", grinst sie nun offen. "Was soll das nun wieder?", frage ich verständnislos. "Der Mittlere ist ein berühmter Fußballspieler!" "Ein Fußballer? Der konnte doch kaum laufen!", nun bin ich perplex. "Siehst du, und wenn du mir nicht glaubst, dann werfe einen Blick in unsere Boulevard - Baden!"
Beleidigt konnte ich kaum abwarten nach Hause zu kommen um die Sportkolumne aufzuschlagen. "Das ist er!", rufe ich überzeugt. "Und morgen bereitet er als Mittelstürmer die Treffer unserer Elf vor!", grinst sie im Bewusstsein recht behalten zu haben. "Ich wusste gar nicht, dass du dich so gut auskennst!", staune ich. "Zeitungen lesen mein Lieber und nicht nur als Surfer den Wetterbericht ob der Winkel zwischen einem Hoch und Tief auf Sturm hindeutet!

"Mir ging die Sache nicht aus dem Sinn. Nicht umsonst haben mir die Knie gezittert als ich diese Szene beobachtete. Sonst schreibe ich nur Märchen aber diesmal muss ich mir den Schreck von der Seele schreiben. Mir hört ja doch keiner zu!"