Rache für Hannele

Autor: Keßler, Patricia

„Der dort drüben – der war’s!“
Horst wendet bedächtig den Kopf, als er unerwartet Hanneles flüsternde Stimme hört. Sein Blick folgt ihrem zierlichen, leicht gekrümmten Zeigefinger, der vor seiner Nase in der Luft zu schweben scheint. Der junge Mann, der dort in der Ecke allein vor seinem Bier sitzt …? „Ach was, jung!“, schnaubt Hannele, aber Horst bleibt dabei, gemessen an seinem eigenen Alter ist der Kerl ein Grünschnabel, und wie fein der sich rausgeputzt hat: Im dunklen Anzug mit grauer Seidenkrawatte hockt er da in der Kneipe, noch dazu in einem rosafarbenen – einem rosafarbenen! – Hemd. Ein junger Schnösel, denkt Horst, hält sich für King Käs’ oder wer weiß was. Was der für schmutzige G’schäfte macht, will er gar nicht wissen. Aber ein Dieb? Ein Mörder?

„Bisch dir sicher?“, flüstert Horst zurück. Er sieht sich suchend um in der engen Eckkneipe. Nur zufällig ist er hier hereinspaziert, ein „B’süchle“ auf dem Friedhof hat er gemacht und einen Spaziergang mit Hannele. Sie liebt das tröstliche Blumenmeer, das sich am Fuß des Durlacher Turmbergs um die kleine Kapelle gruppiert.
In diesem Laden hier war er noch nie. Seine bevorzugten Stammkneipen liegen in der Durlacher Innenstadt, genauer gesagt: zwischen seiner Wohnung und den „G’schäftlen“, in denen er seine täglichen Einkäufe erledigt. Seit ihm der Krebs an der Prostata frisst, ist er schwach auf der Blase geworden. Also macht er seine „Päuslen“: eine im Café Susi auf dem Weg zur Bank. Eine in der Traube auf dem Weg zur Löwen-Apotheke. Eine im Kranz auf dem Weg zur Badischen Backstub’… Überall ist Horst wohlbekannt. Mit Hut, Stock und seinem leicht schwankenden Gang – den hat er natürlich nur wegen der Probleme im Mittelohr – marschiert er zur Theke, bestellt sich sein „Schnäpsle“ und zieht weiter zur Toilette. Bald darauf kehrt er voller Vorfreude zur Theke zurück, kippt den bestellten Kurzen, nie, ohne vorher ein fröhliches „Proscht!“ in die Runde zu werfen, und macht sich wieder auf seinen Weg. Jahrelang ist er allein gegangen; neuerdings begleitet ihn Hannele manchmal. Seither schäkert halt das junge Fräulein vom Bäcker nicht mehr so gern mit ihm, weil er, statt ihr zuzuzwinkern, mit Hannele streiten muss. „Was hasch jetzt do wieder für e Brot gekauft? Und was gucksch des Mädle so an? Du hasch’s nötig, du alter Simpel ...“ Niemand schimpft so schön wie das Hannele. Horst wird sich hüten, sich daran zu stören. „Hauptsach’, du bisch da.“

Selbstverständlich ist das nämlich nicht. Seit das damals mit ihrer Handtasche passiert war. So schwer war sie dabei gestürzt, dass sie sie ins Krankenhaus hatten stecken müssen. Im Alter brechen die Knochen schneller, und Hanneles Hüftgelenk war von der Arthrose trocken und brüchig gewesen. Wenn einen da so ein Kerl auf der harten Straß’ zu Fall bringt, hat das üble Folgen.

Fünf Jahre ist das jetzt her; Horst schüttelt den Kopf, als könne er seinen Kummer vertreiben wie ein störrischer Ochs eine lästige Muck’. Anzeige hatte er erstattet, aber „find du mal den Mischtkerl“, und wie hätte denn auch Hannele, nach dem Schreck und mit ihren alten Augen, den Dieb richtig beschreiben sollen? Zusammengeschrumpelt wie eine Dörrpflaume war sie auf dem Krankenhausbett gelegen. Und die Polizei? „ Oh, geh fort“, schimpft Horst, „die hocke doch bloß un kassiere ab, wenn emol so e aldes Vätterle mit ’eme Bierle z’viel im Schnecketempo im Auto ums Eck biegt. Aber sonscht?“ Am End’ hatte der Horst sei’m Hannele die Hand gestreichelt und ihr versichert: „Wenn ich den Sauhund erwisch, dann isch er hin.“

„Horst, ich bin ganz sicher – der war’s!“
Der besagte Schnösel, der Kerl, der Sauhund, sitzt noch immer reglos und glotzt in sein Bier. Hannele lächelt ihren Mann aufmunternd an. „Auf was wart’sch noch?“ Horst verschwendet keine weitere Sekunde mehr. Langsam, aber entschlossen geht er auf den anderen zu. Mit jedem seiner Schritte lässt er seine Frau ein Stückchen weiter hinter sich.

Einen Plan, den braucht er nicht. Er muss den Kerl ansprechen, irgendwie. Dann wird sich alles schon finden.
„Guten Tag!“
Der Schnösel guckt hoch, seine Augen schwimmen. Der Kerl ist betrunken. „Darf ma sich dazusetze?“
Der Betrunkene nickt gleichgültig: „Warum nicht? Nur zu.“
Oho, der spricht hochdeutsch, der isch net von hier, denkt Horst, ich muss mir Müh gebe, so zu schwätze, dass der mich überhaupt versteht.
„Ich tät nämlich gern mal mit dem Herrn reden!“, sagt Horst umständlich und rückt sich einen Stuhl zurecht.
Der Schnösel sieht jetzt amüsiert aus. „Nur zu“, sagt er noch einmal und schaut Horst diesmal mit einigem Interesse an, „ich bin allein. Du bist allein. Reden wir. Vertreiben wir uns die Zeit.“ Er spricht mit schwerer Zunge. Von wegen betrunken – besoffen ist der. Sternhagelvoll. Das vereinfacht die Sache.
„Pass mal auf, von wegen allein“, sagt Horst und wechselt dabei ebenfalls zum Du, „es ist nämlich so: Meine Frau Hannele, eben war sie noch hier und…“
„Ha!“, fällt ihm da plötzlich der andere ins Wort, „Du sagst es, genau so ist es: Eben war sie noch hier, jaja, sie sind immer gerade noch hier und plötzlich sind sie weg und du stehst da und hast keine Ahnung, warum. Was wollen sie bloß – sag du es mir, du musst doch Erfahrung haben in deinem Alter – WAS?“
Und noch während Horst sich erschrocken umblickt, denn er ist es nicht gewohnt, dass mitten am helllichten Tag einer so in der Kneipe rumbrüllt, winkt der besoffene Kerl die Bedienung herbei, bestellt Horst ein großes Pils und zwei doppelte Whiskey für sie beide, hält ihm eine weiche Hand hin: „Ich bin der Thorsten“, und beginnt ohne Umschweife, sein ganzes jämmerliches Leid vor Horst auszubreiten.
Verlassen wurde er, frisch verlassen, und jetzt werde er auch noch abgezockt, und dabei habe er doch verdammt nochmal nur einmal, nur einmal …! Und was das Beste dabei sei, das Beste!, sie hätte davon doch noch nicht einmal gewusst! Er selber habe sich verplappert in seiner Dummheit. „Ist es deshalb“, habe er sie gefragt, denn irgendeinen Grund müsse es doch dafür geben, dass sie ihn nicht mehr wolle, und da habe sie ihn starr angeschaut, und dann habe sie laut gelacht, ja, gelacht, und nun sei unwiederbringlich und ohne jede Hoffnung alles vorbei und sie rede nicht mehr mit ihm. Nie mehr. Nur über ihren Anwalt.
„Und jetzt“, Thorsten schreit schon wieder, „wie soll ich jetzt den Grund erfahren?“ Resigniert wischt er sich den Schweiß von der Stirne und legt auch gleich noch sein Jackett ab.

Horst hockt und guckt und ist fast froh, dass dieser Thorsten im Augenblick offensichtlich keine Antwort von ihm erwartet, denn das Einzige, was ihm dazu einfällt, ist: „An dem seiner Stell’ wär der Grund eigentlich meine kleinste Sorg’.“
Außerdem ist er auch froh, dass ihm der andere, der ihm so mir nix, dir nix ein Bier und einen Whiskey spendiert hat, dadurch trotzdem nicht sympathischer geworden ist.
Denn während Thorsten ihm nun groß und breit erzählt, wie toll doch mal seine Beziehung zu dieser schönen Sabina oder Sabrina – oder wie das Mädle auch immer heißt – gewesen sein muss, hat Horst keinesfalls vergessen, warum er eigentlich hier ist.
Seinem Hannele zuliebe ist er hier.
Ihr zuliebe hört er ihm ganz ruhig zu, diesem Aufschneider, diesem erbärmlichen Jammerlappen, den er für ein armes Schwein halten würde, wenn er nicht ein gemeiner Dieb wär’, ein Dieb und ein Mörder.

Horst hat noch immer keinen Plan; er muss auf Hanneles Hilfe hoffen. Hannele war immer die Hellere von ihnen beiden, sie war schon als junges Mädle klug, in ihr helles Köpfle hat er sich verliebt damals. Eine Schönheit ist sie nie gewesen, aber hübsch und lustig und gescheit. Er hingegen, der Schüchterne: Wie hatte er mit sich gekämpft, bis er es gewagt hatte, sie zum Tanzen aufzufordern! Er kannte sie ja kaum. Und als sie mit ihm getanzt hatte – ja, tatsächlich, mit ihm! – da hatte er die ganze Zeit den Mund nicht aufgekriegt. Um überhaupt was zu sagen, hatte er am Ende rausgepresst: „Das rothaarige Mädle dort drüben, isch des eigentlich deine Schwester?“
Natürlich hatte Hannele da fälschlicherweise gedacht, er sei gar nicht an ihr interessiert. „Was willsch denn von ihr?“, hatte sie ohne Umschweife gefragt, und da war Horst knallrot angelaufen und hatte gestammelt: „Ich hab gedacht ... sie könnt’ mich dir vorstellen ...“ Noch als sie miteinander verheiratet waren, hatten sie zusammen darüber gelacht.

„Des Dorlacher Traumpaar“, so hatte man sie genannt: Horst und Hannele. Hannele und Horst. Dass sie damals ihn genommen hatte! Schon als halbe Kinder hatten sie sich gekannt, und sie hatte ihm immer gefallen. Dann hatte er in den Krieg müssen, und als er zurückkam, hatte er geglaubt, sie sei längst verheiratet. Aber sie war noch frei. Für ihn, ihr Leben lang.

Und nun sitzt er hier allein mit diesem Sauhund.
Losbrüllen könnt’ er und mit dem Stuhl auf ihn einschlagen, aber Horst sitzt ganz ruhig da, nur ein bisschen kalt ist ihm, von innen raus.
Die Polizei ist keine Lösung. Am End’ kann man dem Schwein nix beweisen, oder die Sach’ gilt als verjährt, und außerdem, wenn für die nix dabei rausspringt, da machen die doch eh keinen Finger krumm.
Und er hat Hannele was versprochen.
Horst taxiert Thorstens Schultern unter dem rosafarbenen Hemd. Kräftig ist der nicht, da kann er, der Alte, noch ganz gut mithalten mit seinen Muskeln von der regelmäßigen Gartenarbeit. Der Kerl ist zwar grad mal halb so alt wie er, aber immerhin stinkbesoffen. Wenn ihm nur nicht so leicht schwindlig würd’, dann würd’ er es mit dem noch aufnehmen.
Bei der Wehrmacht hat Horst schießen gelernt, aber wo sollte er jetzt eine Waffe hernehmen? Ein guter Schütze ist er eh nie gewesen, seine Hand hat zu sehr gezittert, damals schon. Heut’ wäre es noch schlimmer.

Und wenn er eine andere Waffe hätte?
Sein Gehstock? Horst betrachtet skeptisch den geschwungenen Knauf. Nein, das haut nicht hin.
Besser wär’ eine Keule. Oder ein Stein. Ratlos blickt Horst vom Aschenbecher zum Bierkrug.
Aber ob das reichen würd’? Ein Schlag übern Kopf, und der Kerl fällt tot um: Sowas gibt’s doch nur im Film.
Wo runterschubsen müsst’ man den. Oder wo reinschubsen. „Na also“, flüstert Hannele in Horsts Kopf, „da hasch’s doch. Lass dir was einfallen. Bisch doch net blöd.“
Und dann hat Horst eine Idee.

Es wird auch Zeit: Thorsten ist am Ende. Seine Augen laufen über, sein letztes Bier ist halb leer. „Sag du’s mir, Horst“, lallt er, „das Geheimnis: Wie klappt es mit den Frauen?“
„Das Geheimnis“, sagt Horst laut und fällt vorübergehend in den Dialekt zurück, „isch Folgendes: Du brauchsch eine Frau, die in dich verliebt isch. Eine Frau, die immer verliebt bleibt in ihr’n Mann, ein Leben lang, und der Mann auch in sie. So einfach isch des.“
Und dann beginnt Horst seine Geschichte. Es strömt einfach aus ihm heraus, nicht mal lügen muss er.
Horst und Hannele. Hannele und Horst.

„Wie schön“, wimmert Thorsten dazwischen, „bis dass der Tod sie scheidet!“
„So war’s“, nickt Horst und achtet bewusst nicht auf die Träne, die neben seiner rotgeäderten Nase anschwillt, „genau so, und so wäre es auch noch heut’, wenn nicht das Unglück passiert wär’, und davon erzähl’ ich dir draußen, du gehst doch noch ein Stück mit mir? Tu ’nem alten, einsamen Mann den Gefallen. Ich find net oft jemand zum Reden.“
Horst lässt eine zweite Träne hinunterrinnen, die kommen halt einfach so von selbst, und beobachtet dabei den anderen, den sein eigenes Leid so weichgeklopft hat, dass er ihm vor Rührung nichts wird abschlagen können.
„Nur ein Stück die Pfinz entlang“, sagt Horst, „ich wohn’ ganz nah, und wenn du magst, zeig ich dir, wo ich mein Hannele das erste Mal geküsst hab.“ Natürlich war das ganz woanders, aber war’s nicht wunderschön, Hannele, und erster Kuss bleibt erster Kuss.

„Na klar“, ruft Thorsten – gezahlt hat er schon, lumpen lässt er sich nicht, der Dieb – „komm, Horst, hak’ dich ein, ich bring’ dich heim, und das letzte Bier, das nehmen wir mit!“

Draußen ist es Nacht geworden. Schwankend ziehen sie los: zwei aneinander festhängende Gestalten, die eine schlaksig, die andere stämmig und ein wenig krumm; rechts und links, an der jeweils freien Hand, baumeln die halbleeren Bierkrüge.
Ein paar Meter geradeaus, dann rechts den dunklen Weg hinunter in Richtung Pfinz. Es ist kalt geworden; außer ihnen ist kein Mensch unterwegs.
„Hier“, Horst weist zur Obermühle, „da hinten, da hab ich sie geküsst, mein Hannele. Damals. Jung war’n wir, viel jünger noch als du heut’.“
Dort hinter dem alten Mühlhaus beginnt der untere Kiesweg, der  25 direkt am Fluss entlangführt. „Früher gab’s den noch net, im Gras sind wir gesessen...“

Thorsten sagt nicht mehr viel, er muss sich auf seine Schritte konzentrieren. Horst ist das nur recht. Jetzt ist er dran mit Erzählen:
„Vor fünf Jahren war’s, mitten auf der alten Weingartner Straße. Da fährt so ein Dreckskerl mit dem Fahrrad ganz nah von hinten an sie ran und grabscht nach ihrer Handtasche. Mitten am Tag! Und keiner da, um ihr zu helfen! Mein Hannele hat’s zu Boden gerissen. Er wollt’ nur ihre Tasche, aber die hat sie nicht hergeben wollen. Geschrien hat sie, und er hat nach ihr getreten und die Tasche gepackt und ist davon, ohne sich nochmal umzusehn. Da hat sie gelegen, ohnmächtig vor Schmerz. Bis da mal einer kam, der ihr geholfen hat!“ Horst blickt scharf zu Thorsten hinauf, aber der starrt nur geradeaus und verzieht keine Miene. Der Saukerl.
Horst redet sich in Rage: „Ins Krankenhaus haben sie sie bringen müssen! Das Hüftgelenk zersplittert, und einen Schock hat sie auch gehabt.
,Hannele‘, hab ich gesagt, ,warum hasch denn net losg’lasse‘, und sie hat geweint: ,Horst, da hab ich des Geld für dei G’schenk zu unsrer Goldene Hochzeit drin g’habt, des konnt ich dem Kerl doch net lasse!‘ So war mein Hannele.
Aber vorm Krankenhaus hat sie eine Heidenangst gehabt, wo doch schon meine alte Schwiegermutter selig immer gesagt hatte: ,Ins Krankehaus, geh mer fort – wenn do erscht neikommsch’, do kommsch’ nur mit de Füß’ zuerscht wieder naus!‘
Das Hannele hat ja eigentlich nix Lebensbedrohliches gehabt. Aber der Schock und die Angst, und dann hat sie so lang operiert werden müssen wegen dem komplizierten Bruch … Eigentlich ist alles gut gegangen bei der Operation, aber sie hat nicht an das Glück glauben können.
Am übernächsten Tag, wie ich sie hab besuchen wollen, hat sie im Bett gelegen, dünn wie ein Stecken und weiß wie ein Leintuch. Wie aus Wachs.
Sie hatte alles überstanden, aber der Lebenswille hatte sie einfach verlassen. ,Sowas kommt vor in dem Alter‘, hat mir der Arzt gesagt, „da konnte man nix mehr machen, sehn Sie, aber friedlich eingeschlafen ist sie, Ihre Frau. Sie hat nicht leiden müssen.“
Was wusste der von Hanneles Angst vor dem Krankenhaus? Nie hab ich sie allein lassen wollen, gelacht hat sie deshalb über mich. Und dann, als sie mich gebraucht hätt’, bei dem Überfall und nachts im Krankenzimmer, da war ich nicht da.“

Bei den letzten Worten ist Horst stehen geblieben; jetzt macht er einen wankenden Schritt auf einen großen flachen Stein zu, der das Pfinzufer markiert.
Thorsten, der falsche Hund, wankt hinterher und drückt unbeholfen Horsts Arm. „Du konntest doch nichts dafür!“
Beide Männer blicken ins Wasser, dorthin, wo ein weiterer Stein den Flusslauf unterbricht, von kleinen Wellen glucksend umtanzt. Dann wendet sich Horst ab und tritt einen Schritt zurück.
„Ich weiß“, sagt er ins Dunkel hinein, „und weißt du, was ich ihr versprochen hab, als ich sie das letzte Mal gesehen hab? Ihre Hand hab ich gehalten, und dabei hab ich ihr gesagt: „Wenn ich den Sauhund erwisch, dann isch er hin.“

„Jetzt!“, hört er Hannele sagen.
Horst blickt zögernd auf Thorsten, der noch immer selbstvergessen in die Pfinz starrt und dabei leise hin- und herwippt, von den Zehenspitzen auf die Fersen und wieder zurück.
„Hannele! Bisch dir ganz sicher? Ich mein’...“
„Horst! Komm in d‘ Gäng’!“
Horst schluckt und hebt langsam den Arm mit dem Bierkrug.
„Los, hau druff! JETZT!“
Da holt er Schwung und schlägt zu, mit aller Kraft und allem Mut, schlägt zu, so fest er kann. Ein dumpfes Geräusch, und Thorsten sackt zu Boden.
Da liegt er nun auf dem flachen Stein, als schliefe er seinen Rausch aus. Unter ihm murmelt die Pfinz.
Das war viel einfacher, als Horst sich das vorgestellt hat. Am liebsten würde er jetzt weggehen, so schnell er kann, ohne sich noch einmal umzudrehen. Aber das darf er nicht; der Kerl könnte ja noch leben, und er hat seiner Frau was versprochen.
Also fasst er nach dem reglosen Körper und schiebt mit all seiner verbliebenen Kraft. Viel hat er nicht mehr übrig, beim Schlag hat er sich ziemlich verausgabt; aber es geht voran. Zentimeter um Zentimeter. Endlich verliert der schwere Leib das Gleichgewicht und kippt über den Felsrand in den Fluss. Ein lautes Klatschen, und da liegt er kopfunter und dümpelt im seichten Wasser.
Der Scheißkerl, der Sauhund, der Dieb. Hanneles Mörder. Horst ist schweißnass und erschöpft.

Zu Hause wartet sein warmes Bett. Sein Ehebett.
Mit schweren Schritten schlurft er davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Er schwankt dabei viel stärker als sonst, denn seinen Stock, den hat er in der Kneipe vergessen.

Am nächsten Morgen fühlt sich Horst krank. Erst am Nachmittag zwingt er sich, aufzustehen; er muss auf den Friedhof. Zu Hannele. „Ich hab’s g’schafft! Der Saukerl isch G’schichte. Na, was sag’sch jetzt?“
Hannele lächelt rätselhaft, schüttelt den Kopf und zuckt mit den Schultern. Aber sie gibt keine Antwort.
Am Friedhofausgang kommen ihm zwei junge Männer entgegen, einer lang und schlaksig, dem anderen wölbt sich ein stattlicher Bauch über dem Gürtel.
„Naja, Horscht, was heißt hier jung“, meldet sich Hannele zu Wort.
„Was willsch“, sagt Horst und blinzelt ihr zu, „als mir zwei geheiratet habe, war’n die noch gar net auf der Welt!“
Die Männer steuern direkt auf Horst zu und bleiben vor ihm stehen. Der Dickere von beiden spricht ihn höflich, aber bestimmt an:
„Sind Sie Horst Weiler?“ Noch bevor Horst den Mund öffnen kann, stößt ihn Hannele in die Seite: „Horst, der Dicke dort, der war’s! Diesmal bin ich mir ganz sicher!“