Nordstadt - Mordstadt ???

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Von Hahn, Helma

Hauptkommissar Bernd Sachs stand am Fenster seines Dienstzimmers an der Ecke der Ladenzeile in der Tennesseeallee in Karlsruhe und sah dem bunten Treiben zu, das sich draußen abspielte. Es war Dienstag, der 10. April, morgen sollte der Sperrmüll abtransportiert werden, und heute schon stellten die Anwohner alles an der Straße ab, was ihnen überflüssig oder unbrauchbar erschien. Kaum hatten sie etwas herbeigeschleppt, kamen auch schon die "Wühler" und stellten alles auf den Kopf. Jede Kiste wurde durchsucht, jeder Karton umgedreht, ob sich nicht noch etwas Brauchbares fände.
Sachs beobachtete gerade eine ältere grauhaarige Frau, die mühsam durch den abgelegten Unrat stapfte und furchtbar schimpfte. "Die auch noch!" murmelte Sachs in seinen nicht vorhandenen Bart. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Noch ehe er seinen Kugelschreiber aufgehoben hatte, klingelte es an der Tür. Sicherheitshalber fragte er: "Wer ist da?", aber er wußte bereits, das konnte nur SIE sein, Miss Marple, wieer sie insgeheim nannte. Und tatsächlich, als die Tür aufging, stürmte die grauhaarige Dame in sein Büro und ging gleich auf ihn los. "Da müssen Sie doch etwas unternehmen!" schrie sie. Ihre Haare standen wirr um den Kopf herum. "Man kann sich ja die Beine brechen! Überall auf dem Gehweg liegt das Zeug herum. Da ist kein Meter mehr Platz, kein Durchkommen!" Sachs machte eine beruhigende Geste und bot ihr einen Sitzplatz an.
"Da misse mer erscht mal e Protokoll mache," versuchte er die Situation zu entschärfen. Aber da kam er bei der streitbaren Frau nicht gut an. "Was heißt hier: Protokoll machen? Möglichst noch nach meinem Namen und meiner Anschrift fragen, was? Sie kennen mich doch! Sie sollten rausgehen und auf dem Bürgersteig für Ordnung sorgen. Das ist Ihre Pflicht! Das verlange ich als steuerzahlender Bürger!" - "Moment mal," sachte Sachs ruhig.
"Sie sind schon lange in Rente und bezahlen gar keine Steuern!" -"Also daran können Sie sich zumindest erinnern," fuhr ihn die alte Dame an. "Mein geklautes Fahrrad haben Sie aber noch nicht wieder gefunden, und den Dieb schon gar nicht! Von dem ebenfalls entwendeten Bonsai, den mir einer von der Fensterbank gestohlen hat, ganz zu schweigen!" -
Bernd Sachs fühlte sich etwas in die Enge getrieben, ließ sich aber nichts anmerken. "Jetzt beruhigen Sie sich bitte! Sie wissen doch genau, daß ich hier den ganzen Tag Dienst mache. Da will ich nicht noch in meiner Freizeit vom Hardtwald bis zum alten Flugplatz hinter jeden Busch schauen, ob dort Ihr Fahrrad liegt. Und Ihr Bonsai muß sehr schön gewesen sein, sonst hätte ihn ja keiner mitgenommen. Also hat jemand seine Freude dran. Das sollten Sie dem jetzigen Besitzer einfach gönnen. Es hat kein Menschenleben gekostet, und Sie haben doch noch viele Pflanzen, die sie versorgen können. So schätze ich Sie jedenfalls ein."
Seine ruhige Art übertrug sich tatsächlich auf die Besucherin. Aber einen Nachschlag mußte sie ihm doch noch geben. "Dann sorgen Sie wenigstens vor Ihrem Revier für Ordnung und Sauberkeit! Der Sperrmüll wird doch erst morgen abgeholt. Und wie sieht das heute schon aus. Wenn da abends oder nachts jemand heimkommt, kann er über den Mist stolpern und sich was brechen!"

  • "ja, ja, ich schicke gleich den Hausmeister raus, der soll dafür sorgen, daß der Krempel nicht auf dem Gehweg rumfliegt."
  • "Dann kann ich ja wieder gehen, " sagte die alte Damen mit Bedauern in ihrer Stimme.

Sachs brachte sie noch bis zur Tür und verabschiedete sich von ihr.
Margrit Ebert lächelte vor sich hin. Sie hatte sich nicht abweisen lassen, sie hatte sich wieder mal durchgesetzt! Sie wußte, was sich gehörte, was man tun durfte, und was man besser lassen sollte. Und das erwartete sie auch von ihrer Umgebung.
Frau Ebert wohnte nun bereits seit zehn Jahren in der Nordstadt und kannte hier jeden Stein, jeden Hund, jeden Baum. Sie betrachtete den jungen Stadtteil von Karlsruhe als ihr Revier und hielt stets die Augen offen, ob nicht jemand nach ihrem ungeschriebenen Gesetz sündigte. Als Komplizen bzw. Helfer hatte sie sich den jungen Polizeihauptkommissar Sachs erkoren, den sie kennengelernt hatte, als sie den Diebstahl ihres Fahrrades melden mußte. Er erinnerte sie ein wenig an ihren Enkel Juliau, und sie versprach sich von ihm Beistand in jeder Lage.
Da sie nun schon mal in der Ladenzeile war, ging Frau Ebert noch mal kurz zum Türken rein und kaufte sich eine Melone. Dann holte sie sich noch ein leckeres Hefeteilchen zum Kaffee in der Bäckerei neben dem Polizeirevier und machte sich dann auf den Heimweg. Nicht über Stock und Stein, aber über Fahrradgerippe, Computerleichen, Kartons mit Weihnachtskugeln und Kästen voller Besteck, das schon leicht angerostet war sowie über echte und unechte Perserteppiche stakste sie nach Hause. Vom Polizeirevier aus gesehen, wohnte sie im zweiten Wohnblock auf der rechten Seite. Als sie dort um die Ecke bog und auf ihren Hauseingang zuging, grüßten sie die jungen Familien, die mit ihren Kindern im Planschbecken oder im Sandkasten spielten. An manchen Stellen glusterte schon die Grillkohle. Das würde wieder ein schöner Grillabend werden, warm genug war es in diesem April bereits. Und die Nachbarn benutzten jede Gelegenheit, um im Freien zu essen. Man konnte ja nicht wissen, ob es einen schönen Sommer geben würde. Vielleicht war der ungewöhnlich warme Frühling das einzig Schöne in diesem Jahr.
Margrit Ebert betrat das Haus durch den mittleren Eingang. Schon seit längerer Zeit war ihr hier ein durchdringender Geruch, um nicht zu sagen Gestank, aufgefallen, den sie sich nicht erklären konnte. Unter der Treppe, die in die Kellerräume und in die Waschküche führte, breitete sich dazu noch eine Pfütze aus, die jeden Tag größer wurde. Und jeden Tag stank es schlimmer. Unter der Kellertreppe war nur ein Kinderdreirad abgestellt. Das stand vor der einfachen Holztür, die den Zugang zu einer Nische unter der Treppe abschloß.
Eigentlich hatte Frau Ebert hier nichts zu suchen. Wenn überhaupt hier jemand nach dem rechten sehen sollte, dann war das der Hausmeister. Außerdem war die Tür unter der Treppe nur etwa einen Meter hoch. Wollte man den Raum betreten, der sich dahinter befand,müßte man sich bücken. Und bücken konnte sich Frau Ebert nicht mehr so gut.
Die Zeit verging, es wurde Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Der Hausmeister polterte im Flur und drosch auf das Eisengeländer ein, damit auch jeder im Haus hörte, daß er da war. Aber sonst tat sich nichts. Die Pfütze unter der Treppe wurde immer größer und bedeckte schon fast die ganze Fläche zwischen Wand und Treppengeländer.
"Bis zum Montag warte ich noch," sagte sich Frau Ebert. "Dann schau ich nach!" nahm sie sich vor, während sie mit ihrer Schmutzwäsche an der stinkenden Pfütze vorbei in die Waschküche ging. Da sie alleinstehend war, mußte sie nur einmal in der Woche ihre Wäsche waschen, was sie meistens mit einem Gang hinter das Haus verband, um ihre Hortensien zu begießen. Der Weg durch den Keller war kürzer als um das ganze Haus herum.
In der folgenden Nacht konnte Frau Ebert nicht schlafen. Es störte sie alles, sogar die Fliege an der Wand. Draußen schrien die Käuzchen, und im Haus gab es Geräusche, als würde jemand durchs Treppenhaus schleichen. Frau Ebert kannte die Hausbewohner alle und wußte, daß niemand von ihnen Nachtwandler war. Krank war zum Glück auch niemand. Aber sie hatte ganz deutlich gehört, daß die Haustür ins Schloß fiel. Das war auch so eine Unsitte, die sie nicht gut fand: Die Haustür war nie abgeschlossen. Mit einem kräftigen Ruck am Türgriff konnte jeder ins Haus gelangen. Aber auf sie hörte ja keiner!
Samstag Früh wachte Frau Ebert auf und fühlte sich wie zerschlagen. Gleichwohl stand sie um 7.3o Uhr auf, wie sie das jeden Morgen tat. Das hatte sie noch aus der Zeit ihrer Berufstätigkeit beibehalten. Schlafen konnte sie ohnehin nicht mehr. Sie erledigte ihre Hausarbeit und ging nach einem ausgiebigen Frühstück und der Lektüre ihrer Morgenzeitung zum Einkaufen in den neuen Supermarkt.

Bei der Rückkehr vom Einkaufen stellte sie fest, daß der Gestank aus dem Keller nun bis ins Hochparterre gelangt war. "Das wird ja immer schlimmer," murmelte sie und grüßte den Flurnachbarn freundlich, der gerade aus seiner Tür getreten war. Er schien den eigenartigen Geruch nicht wahrzunehmen. Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken.
Den restlichen Tag füllte Frau Ebert mit den üblichen Wochenendaktivitäten einer pensionierten Beamtin aus. Sie putzte die Treppe (Das macht ja sonst keiner!), kochte sich mittags ein Süppchen (Auch im Alter sollte man auf sein Gewicht achten!), und nachmittags erprobte sie ein neues Kuchenrezept, das sie bei Tim Melzer im Fernsehen gesehen hatte. Einen Obstkuchen ohne Teigboden: Dazu wurden Kekse zerkrümelt und zusammen mit flüssiger Butter in eine Backform gefüllt. Sie bildeten die Basis für einen leckeren Obstbelag, den man auch noch mit Schlagsahne krönen konnte.
Ihre Wohnung hatte sie bereits am Freitag geputzt, so daß sie sich auf einen ruhigen Abend freuen konnte. Heute war im MicadoKulturhaus Konzert angesagt. Margrit Ebert freute sich schon lange auf dieses Flötenkonzert. Nicht nur auf den Kunstgenuß, sonder auch darauf, beim Konzert Nachbarn und Bekannte aus der Nordstadt wiederzusehen. Das Kulturhaus Micado in der Kanalstraße war immer ziemlich gut besucht. Leider fingen die Konzerte immer erst gegen 21.00 Uhr an und dauerten meist bis in die Nacht, so daß Frau Ebert im Dunkeln heimgehen mußte, was sie ungern tat. Vermutete sie doch hinter jedem Busch oder hinter jedem abgestellten Auto mindestens einen Handtaschendieb wenn nicht gar einen Mädchenhändler oder gar einen Mörder, der es besonders auf ältere Damen abgesehen hatte, die nächtens alleine durch die Gegend liefen. Nur der Kunstgenuß lockte sie ab und zu hinaus ins feindliche Leben, und nach einem Konzert oder einer anderen Aufführung im Micado-Kulturhaus fühlte sie sich frisch und jung, fast wie neu.
Der Sonntag war total verregnet. Es blieb Frau Ebert nicht viel anderes übrig als sich mit einer Turnfreundin zu Kaffee und Kuchen zu treffen. Apropos Turnfreundin: Montags und freitags traf sich Frau Ebert mit Gleichgesinnten, also mit Leuten, denen daran gelegen war, auch im Alter fit und gesund zu sein, im Kanalweg in der MARK zur Sturzprophylaxe. Unter Anleitung einer Physiotherapeutin wurden hier Übungen zum Muskelaufbau und Gleichgewichtstraining absolviert. Die Übungsstunden wirkten sich ausgesprochen förderlich auf das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe aus, und es hatten sich bisher schon diverse Freundschaften ergeben, die auch privat gepflegt wurden.
An diesem Montag ging Frau Ebert also erst einmal in die MARK zum Training. Fast hätte sie die Schweinerei in ihrem Keller vergessen, aber als sie heimkam, stank es im Treppenhaus wieder so durchdringend, daß sie gleich daran erinnert wurde, daß sie sich ja etwas vorgenommen hatte.
Im Flur des Mietshauses war nichts zu hören, als Frau Ebert die Treppe zum Keller hinabstieg. Sie stellte das Dreirädchen beiseite, das die Tür blockierte. Leise öffnete sie die nur angelehnte Brettertür, die den Verschlag unter der Treppe abschloß. Die Öffnung war so niedrig, daß sie sich auf die Knie begeben mußte. Während sie an der Wand links nach einem Halt suchte, ging plötzlich das Licht in dem Gelaß an. Sie hatte zufällig den Lichtschalter berührt. Der Gestank war hier noch schlimmer als im Flur, aber Frau Ebert ließ sich nicht beirren. Vorsichtig lugte sie um die Ecke. Der Anblick verschlug ihr fast den Atem. Hier lagen haufenweise leere Weinflaschen und Bierdosen umher. An der gegenüberliegenden Wand war ein praller Schlafsack zu sehen, in dem offensichtlich jemand lag und schlief. Däs vermutete Frau Ebert jedenfalls. Aber sehen konnte sie weiter nichts.
Das reichte ihr auch. Vorsichtig kroch sie wieder zum Ausgang zurück und zwängte sich durch den Türspalt. Beim Aufrichten war sie darauf bedacht, sich nicht den Kopf anzustoßen. Sie schloß vorsichtig wieder die Tür und stellte das Dreirad so, wie es vorher gestanden hatte. Dann versuchte sie sich erst einmal zu beruhigen. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen.
Es war ja auch keine Kleinigkeit, im eigenen Haus, im eigenen Keller einen Toten zu finden. Daß da eine Leiche lag, war
Frau Ebert völlig klar. Wäre der Mensch noch am Leben, hätte er doch auf das Licht reagieren müssen. Sie mußte sofort und ohne Umweg zur Polizei! Mit zitternden Knien machte sich Frau Ebert auf den Weg. Nachbarn, die zufällig vor dem Haus auf der Wiese saßen, wunderten sich, daß die sonst so freundliche Frau sie nicht grüßte. Aber Frau Ebert hatte nur einen Gedanken: Die Leiche mußte aus dem Haus, die roch ja schon.
Also eilte sie mit wackelnden Knien und fliegendem Atem in Richtung Polizeirevier. Sie klingelte ungestüm an der Eingangstür. Durch die Gegensprechanlage fragte jemand nach ihrem Begehr. Frau Ebert erkannte die Stimme von Hauptkommissar Sachs. Aufgeregt schrie sie ihren Namen in die Gegensprechanlage. Sachs entgegnete trocken: "Ja, ist denn schon wieder Sperrmüll?", drückte aber doch auf den Türöffner und ließ Frau Ebert ein.
Gegen ihren sonstigen Auftritt wirkte Frau Ebert heute eher kleinlaut. Das -machte Hauptkommissar Sachs stutzig. "Bei uns im Keller liegt eine Leiche," berichtete Frau Ebert stockend. "Sie müssen bitte mit mir kommen und die Sache untersuchen!"
Sachs schätzte die Arbeit in diesem ruhigen Revier sehr. Hier wurde höchstens ab und zu ein Fahrrad geklaut, Vandalismus an der Straßenbahnhaltestelle begangen oder Hausfassaden durch Graffiti verunziert. Aber ein Mord in diesem Stadtteil? Möglich war ja bekanntlich alles. Also entschoß sich der Hauptkommissar, Frau Ebert nach Hause zu begleiten und sich die Leiche einmal anzusehen.

In Augenschein zu nehmen, sozusagen, bevor er die Spurensicherung bestellte. Er setzte Frau Ebert behutsam in seinen Dienstwagen und fuhr umgehend in Richtung Sportplatz davon. Vor dem zweiten Wohnblock parkte er vor dem Abstellplatz der Mülltonnen und half Frau Ebert aus dem Auto. Er begleitete
die Frau zu ihrem Hauseingang. Sie lief mit trippelnden Schritten vor ihm her und schien zu fliegen. Er hatte ihr dieses Tempo nicht zugetraut und kam kaum hinterher. Die Nachbarn, die noch immer auf der Wiese saßen, sahen verwundert auf das sonderbare Paar. Ob Frau Ebert verhaftet war, sagten ihre fragenden Blicke. Was die sonst so freundliche Frau wohl angestellt haben mochte. Im mittleren Eingang öffnete Frau
Ebert die Tür und lief weiter in den Flur, der zum Keller führte. "Da unten ist es, gleich hier um die Ecke," Frau Ebert zeigte dem Polizeibeamten den Weg. Sie wies auf die Tür, die noch immer durch das Kinderdreirad blockiert war.
Sachs hob das Rädchen beiseite und öffnete vorsichtig die Tür. Dazu mußte er sich tief bücken. Frau Ebert riet ihm: "Sie gehen besser in die Knie. Und ganz links an der Wand ist ein Lichtschalter!"
Da Sachs in der Dunkelheit nichts sehen konnte, rutschte er auf Knien etwas weiter in den Verschlag hinein und tastete nach dem Lichtschalter. Denn war erst einmal nichts zu hören und zu sehen. Frau Ebert wurde ganz ungeduldig. Schließlich kam Sachs rückwärts wieder aus dem Verschlag heraus und stand auf. Aus seiner Hosentasche zog er dünne weiße Gummihandschuhe und zog sie über. "Aidshandschuhe!" stellte Frau Ebert für sich fest. Der Hauptkommissar bückte sich und kroch erneut in den Verschlag. Es rumorte ein wenig. Flaschen klirrten, Dosen schepperten. Dann kam Sachs wieder zum Vorschein. Er richtete sich auf und fragte: "Sie haben doch sicher in ihrer Wohnung einige von diesen großen blauen Müllsäcken, nicht wahr?" Frau Ebert erschrak. "Ja," sagte sie, sonst nichts. "Dann holen Sie mir doch bitte einen davon!" bat der Polizist.

Frau Ebert machte sich auf den Weg zu ihrer Wohnung. Vor der Wohnungstür mußte sie erst einmal verschnaufen, weil ihr Herz so raste. Endlich schaffte sie es, den Schlüssel ins Schloß zu stecken und die Tür zu öffnen. In der Küche wickelte sie von der Rolle mit den blauen Müllsäcken einen ab. Sie hielt diese Mülltüte mit ausgestreckten Armen vor sich und murmelte: "Da paßt doch niemals eine Leiche rein!" Dann lief sie wieder in den Keller. Als sie an der Haustür vorbeikam, sah sie, daß die Nachbarn im Pulk vor dem Hausein
gang standen und diskutierten.
Frau Ebert reichte im Keller den Müllsack an Hauptkommissar Sachs weiter. Er nahm den Sack und zog sich gleich wieder in den Kellerverschlag zurück. Drinnen klapperte und schepperte es wieder, am Ende kam Sachs mit vollem Müllsack und einem Haufen Lumpen zum Vorschein. "Also, eine Leiche ist da nicht drin," erklärte er der verdutzten Frau. "Hier hat sich wohl für einige Nächte ein Logiergast einquartiert. Als es draußen so warm wurde, hat er die gastliche Stätte wieder verlassen und all seine Habe zurückgelassen, einschließlich dem Leergut."
Frau Ebert schaute auf den Berg Kleider, den Schlafsack und den Müllsack voll mit leeren Flaschen und Bierdosen. "Ich habe es aber doch gerochen!" behauptete sie und sah den Polizeibeamten trotzig an. "Ja," sagte der. "Ihr Schlafgast hatte wohl keine Lust, zum Pinkeln aufzustehen, also hat er es im Keller einfach laufen lassen. Wahrscheinlich hat es sogar ihm zu arg gestunken, da ist er abgehauen. Und das haben sie gerochen, das ist doch normal, daß man das riecht. Das läuft ja schon durch den ganzen Flur. Jetzt schütten wir mal einen Eimer Wasser drüber, dann verläuft sich die Sache irgendwann."
Frau Ebert wäre am liebsten vor Peinlichekit im Boden versunken. Hauptkommissar Sachs beruhigte sie aber und sagte: "Gut, daß Sie mich geholt haben. Allein hätten Sie doch nichts machen können. Wolle mer froh sein, daß des so glimpflich abgange isch! Tote welle mer koine in der Nordstadt, des meine Sie doch auch, oder?"
Frau Ebert nickte zerknirscht und schlich die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Die Nachbarn standen im Kreis um den Hauseingang herum und warteten, was nun passierte. Als Hauptkommissar Sachs mit dem Müllsack und den Klamotten aus dem Keller kam, riefen einige: "Ach, deshalb hat das so gestunken!" Sachs brummelte vor sich hin: "Und Ihr habt wohl denkt: Verfrore sind schon viele, aber verstunke isch noch koiner!"