Verdacht unter Freunden

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Spitz, Tanja

„Was ist denn heute mit den Jungs los? Sind die zu spät oder wir zu früh?"
„Keine Ahnung! Ich hab nur heute morgen eine SMS von Florian gekriegt, dass er heute nicht kommt. Aber von den anderen weiß ich nichts."
Die Mädchen schauten sich suchend um, aber noch immer war von den erwarteten Kameraden keine Spur. Beide waren 16 Jahre alt, hatten braune Haare, die über die Schultern fielen, waren gleich groß und fast identisch gekleidet. Von Weitem hätte man sie für Zwillinge halten können, doch wenn man näher kam, sah man die Unterschiede.
Lisa hatte tiefblaue Augen, während Lauras braune Augen im Vergleich dazu beinahe gewöhnlich wirkten. Lauras Gesichtszüge waren kantiger und ihr Mund wirkte zu groß. Lisas Haar war eine Spur feiner und schimmernder als das der Freundin. Laura war eine gut aussehende junge Frau, Lisa jedoch war auf eine natürliche und doch besondere Art attraktiv, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein.
„Da sind sie ja endlich!" Laura winkte, um die Jungs auf sich aufmerksam zu machen. Atemlos kamen Sven und Manuel angerannt.
„Pascal kommt gleich, den haben wir im Bus gesehen. Und Tobi kommt später. Wir sollen schon mal reingehen und ihm einen Platz freihalten." Lisa atmete auf. Tobias war ihr Exfreund, und seit sie mit ihm Schluss gemacht hatte, war es immer komisch, ihn zu treffen. Er verhielt sich zwar nicht mehr so feindselig wir direkt nach dem Ende, aber auch nicht gerade freundschaftlich. Trotzdem waren beide in der Clique geblieben. Mit der Zeit würde sich Tobi schon daran gewöhnen, dass Lisa jetzt mit Florian zusammen war, dessen war sie sich sicher. Und da Florian heute sowieso nicht dabei war, würde Tobi vielleicht sogar ein paar normale Worte mit ihr wechseln.
Pascal kam angerannt, in der einen Hand die Stadionzeitung, in der anderen Hand einen blau-weißen Schal. „Guckt mal, mein neuer Schal!" rief er freudig, „Scheiß-Bayern – das musste heute einfach sein!" Doch bevor er weiter erzählen konnte, drängte Sven: „Los jetzt, gehen wir in den Block, sonst verpassen wir noch das Aufwärmen."
Gemeinsam liefen sie vorbei an den Bier- und Würstchen-Ständen, und die Treppe zum Block Al des Wildparkstadions hinauf. Gerade noch rechtzeitig drückten sie sich in eine halbvolle Reihe hinein, als schon die Mannschaft des KSC unter donnerndem Applaus zum Aufwärmen auf den Platz lief.
Lisa und Laura, beide in blau-weißem Trikot, unterhielten sich über die Spieler und versuchten zu erkennen, wer in der Startelf war.
„Juhu, Maik spielt wieder!" freute sich Laura, die ihr Trikot mit der Rückennummer 3 hatte bedrucken lassen. Lisa hatte auch da eine Extratour fahren müssen: Sie hatte sich für die Nr. 77 Andreas Görlitz entschieden und musste jetzt ständig Fragen über sich ergehen lassen, wie sie bloß dazu kam, sich einen auszusuchen, der sowieso nur ein Jahr da sein würde.
Tobias tauchte erst kurz vor Spielbeginn auf, fand aber noch eine kleine Lücke zwischen Lisa und Pascal, in die er sich quetschte. Er lächelte Lisa siegessicher zu, winkte den anderen zu, dann pfiff der Schiedsrichter das Spiel an. Nur kurz überlegte Lisa, warum sich Tobi ausgerechnet neben sie hatte stellen müssen, doch dann ließ sie sich vom Spiel und der Stimmung mitreißen.
Mehrmals wurde sie im Gedränge gegen Tobi gedrückt, was dem seltsamerweise nichts auszumachen schien, ganz im Gegensatz zu sonst, wo er jeden Körperkontakt mit ihr vermied. Doch hier, in der aufgeheizten Atmosphäre im Wildparkstadion, umarmte er sie sogar beim Tor von Massimilian Porcello. Lisa wusste nicht, wie ihr geschah, und war fast froh, dass Florian nicht dabei war. Er wäre bestimmt nicht begeistert darüber gewesen, dass seine Freundin von ihrem Ex umarmt wurde!
Trotz der Niederlage des KSC war die Stimmung im Stadion gigantisch, nur Lisa machte sich Gedanken um Florian. Wo war er nur? Warum hatte er ausgerechnet heute keine Zeit gehabt, beim Spiel gegen Bayern München, auf das er sich schon seit Wochen gefreut hatte? Seine SMS war mehr als dürftig gewesen. „Kann heute nicht zum Spiel kommen. Trotzdem viel Spaß." Das war alles gewesen. Kein „Ich liebe dich", keine Mir sehen uns" und schon gar keine Erklärung für sein Fernbleiben. Auf ihre Antwort-SMS hatte er nicht reagiert, und wenn sie seither versuchte, ihn anzurufen, ging immer nur die Mailbox an. Sie nahm sich vor, ihn am Abend zu Hause anzurufen.
Doch dazu sollte es nicht kommen. Auf dem Nachhauseweg durch den Hardtwald mussten die Jungs wie üblich austreten und verzogen sich in die Büsche. Sven war der penibelste von allen und ging immer ziemlich tief in den Wald hinein, damit ihm auch wirklich keiner beim Pinkeln zusehen konnte. Lisa und Laura warteten ungeduldig, bis die Jungs ihr Geschäft verrichtet hatten, als plötzlich ein durchdringender Schrei zu hören war. Sven! Alle jagten so schnell wie möglich an die Stelle, wo sie ihn vermuteten. Zitternd stand er da. Auf dem Boden vor ihm, halb vergraben und mit Blättern bedeckt, lag ein lebloser Körper mit dem Gesicht nach unten. Im Hinterkopf klaffte ein riesiges Loch, das mittlerweile geronnene Blut war überall verschmiert.
„Wir müssen die Polizei rufen.” sagte Manuel bemüht ruhig und fischte sein Handy aus der Hosentasche.
„Scheiße!" murmelte Laura.
Lisa sank flüsternd auf den Boden. „Florian!"
Sie konnte es noch immer nicht fassen. Es war nach Mitternacht, Lisa lag in ihrem Bett, aber sie würde heute Nacht kein Auge zutun. Die Ereignisse waren nur so auf sie eingestürzt. Zuerst die Enttäuschung über Florians SMS, dann die Aufregung beim KSC-Spiel, der Schock, als die Clique ihren Freund ermordet gefunden hatten und zuletzt die Wut darüber, dass die Polizei zu glauben schien, einer von ihnen könnte etwas mit Florians Tod zu tun haben.
Und das Schlimmste war, dass sie nicht weinen konnte.
Drei Tage später war Florians Mörder noch immer nicht gefunden. Es waren keine Fingerabdrücke gefunden wurden, keine Waffe oder sonstiges. Florian war nicht ausgeraubt worden, sein Geldbeutel mit Münzen und Scheinen, Bankkarte, KSC-Dauerkarte und vielen Zetteln und einem Foto von Lisa war vollständig bei ihm gefunden worden. Nur sein Handy war und blieb verschwunden. Wenn die Polizei darauf anrief, erreichten sie nur die Maibox. Lisas Handy war einen halben Tag konfisziert worden, um alle SMS zu lesen, die sie und Florian ausgetauscht hatten, auf der Suche nach einem Hinweis. Alle Freunde waren ausgiebig befragt worden. Vergebens.
Die Clique diskutierte ständig darüber, wer es gewesen sein könnte, aber natürlich kamen sie nicht weiter. Wenn es der Polizei schon nicht gelang...
Manuel erwies sich als Lisas bester Halt. Er hatte Florian am längsten von allen gekannt, seit dem Kindergarten waren sie befreundet gewesen. Gemeinsam mit Manuel konnte Lisa am besten trauern. Nicht einmal ihre Freundin Laura war in diesem Fall eine Hilfe, obwohl sie ständig versuchte, Lisa auf andere Gedanken zu bringen.
Am Mittwoch Abend trafen sich die Freunde bei Sven, um das Auswärtsspiel des KSC in Frankfurt im Fernsehen anzusehen. Keiner folgte so richtig dem Spiel, jeder saß mehr in Gedanken versunken da und starrte auf den Fernseher, keiner jubelte ausgelassen über den Siegtreffer.
Nach dem Spiel fuhren Tobias und Pascal mit ihren Mofas nach Hause, während Manuel Lisa und Laura noch ein Stück begleitete. Alle drei wohnten nicht weit voneinander entfernt. Laura verabschiedete sich als erste, doch als Lisa vor Manuels Haus tschüß sagen wollte, bat er sie, noch kurz mit nach oben zu kommen.
„Ich habe ein paar Bilder von Florian gefunden, wenn du sie haben willst?!"
Sie zögerte nur eine Sekunde, dann ging sie mit Manuel hinein.
Lisa setzte sich auf das Bett, das tagsüber ein Sofa war, während Manuel einen Stoß Fotos von seinem Schreibtisch holte. „Hier, du kannst gern alle haben, oder du suchst dir die raus, die du möchtest." Lisa betrachtete die Bilder nacheinander. Florian und Manuel in der Grundschule, Florian und Manuel an Fasching als Cowboys verkleidet, Florian und Manuel im Freibad, die ganze Clique im KSC-Outfit. Das war erst letztes Jahr gewesen. Lisa hatte einen Abzug des Fotos in ihrem Zimmer an der Pinnwand hängen. Bei vielen Bildern musste sie lächeln, aber die wollte sie nicht haben. Das waren Erinnerungen von Manuel an seinen besten Freund. Nur das letzte, Florian und sie selbst hinter zwei riesigen Eisbechern, das würde sie mitnehmen. Das war ein toller warmer Tag gewesen, noch keine drei Wochen her. Warum hatte es nicht so bleiben können? Eine Träne rollte über ihre Wange. Manuel legte den Arm um sie, streichelte sanft ihre Schulter und machte zum Glück keine Anstalten, die Träne abzuwischen.
Es tat so gut, sich an jemanden anlehnen zu können, der das gleiche fühlte. Lisa schniefte zweimal, dann sah sie Manuel an. Doch bevor sie etwas sagen konnte, beugte er sich zu ihr und küsste sie. Nur ganz sacht. Sie ließ es geschehen.
Irgendwie fühlte es sich richtig an.
„ihr habt was?"
„Wir haben uns nur geküsst!" Lisa sah ihre Freundin Laura entschuldigend an. „Es ist doch nichts passiert. Wir sind auch nicht zusammen oder so. Es war einfach... es hat sich halt so ergeben." „Trotzdem! Kaum ist der eine weg, kommt schon der nächste. Was machst du nur mit den Kerlen?"
„Ich mach doch dar nichts mit denen. Und mit Manuel sowieso nicht. Es ist einfach nur Florians bester Freund."
„VVar."
„Was?"
„War Florians bester Freund."
Die Freundinnen saßen in Lisas Zimmer, im Schneidersitz auf dem Bett. An der Wand dahinter hing das Bild der Clique, das Lisa gestern auch bei Manuel gesehen hatte. Direkt daneben hatte sie das Eiscafe-Bild gepinnt, das sie als einziges mitgenommen hatte.
„Weißt du eigentlich, dass ich auch mal in Florian verknallt war?" fragte Laura.
„Das hast du mir nie erzählt!"
„Das war, bevor du mit ihm zusammen gekommen bist. Ist ja jetzt auch nicht mehr wichtig!"
„Natürlich ist es wichtig! Wenn ich das gewusst hätte..." Lisa ließ das Ende offen. Was hätte sie dann gemacht? Hätte sie Tobi nicht verlassen,
um mit Florian zusammen zu sein? Nein, musste sie ehrlicherweise zugeben. Florian hatte sie gewollt, nicht Laura. Und sie hatte sich in ihn verliebt.
„Siehst du!" Es war, als hätte Laura ihre Gedanken erraten.
Um sich abzulenken, besuchten Lisa, Laura, Manuel, Sven, Tobias und Pascal am Freitag das KSC-Abschluss-Training. Lisa und Manuel waren überein gekommen, den anderen nichts von den Küssen zu erzählen, zumal daraus nicht mehr entstehen würde, und Lisa hatte Laura das Versprechen abgenommen, nicht zu sagen, dass sie es bereits wusste.
Das Verhältnis zwischen Lisa und Manuel war noch ein bisschen distanziert, was aber keiner der anderen bemerkte. Sie standen möglichst weit von einander entfernt, warfen sich aber immer wieder kurze unsichere Blicke zu. Es herrschte noch nicht wieder das freundschaftliche Verhältnis wie vorher.
Das Training war fast zu Ende, als Tobias plötzlich Lisa anstieß. „Du, Lisa, ich habe mich gefragt, ob wir nicht wieder... ich meine, jetzt, nachdem Florian tot ist... willst du nicht wieder... zu mir zurückkommen?" Lisa warf den Kopf herum, brachte aber kein Wort heraus. Statt dessen rief Laura schrill: „Spinnst du?"
Tobias druckste herum. „Na ja, ich dachte... du warst doch eh nicht lange mit ihm zusammen... aber wir zwei..." Er wandte sich an Lisa und beachtete Laura gar nicht. „Mir tut es auch leid, was mit ihm passiert ist, aber das mit uns war doch viel mehr. Willst du nicht wieder zu mir zurück kommen?"
Endlich hatte Lisa sich gefasst, während Laura neben ihr immer noch tobte und von Pascal zurück gehalten werden musste. In ruhigen Worten erteile sie Tobias eine Abfuhr und ging mit gesenktem Kopf davon, während es in ihr wütete.
Wie kam Tobi nur auf so eine hirnrissige Idee? Und das gerade so kurz nach Florians Tod! Als ob sie so schnell wieder umschwenken würde! Sie merkte nicht, wohin sie ging, Hauptsache weg von Tobias. Unbewusst wählte sie den schon hundert Mal gegangenen Weg in Richtung Schlosspark. Laura holte sie ein, hakte sich bei ihr unter und brachte sie wortlos nach Hause.
Samstag Nachmittag, 15.30 Uhr. Bundesliga. Aller Trauer zum Trotz fand sich die Clique zum Spiel KSC-Dortmund ein. Nur Manuel fehlte. Keiner wusste etwas von ihm, er hatte bei niemandem abgesagt. Lisa machte sich große Sorgen. „Was ist, wenn ihm das gleiche passiert wie Florian?"
Die anderen versuchten sie und sich selbst zu beruhigen, doch als Manuel beim Anstoß immer noch nicht aufgetaucht war, kramte Lisa ihr Handy aus der Tasche. Die Mailbox sprang an. „Hier ist Lisa. Es ist jetzt
halb vier, das Spiel hat gerade angefangen, und du bist nicht da. Wir machen uns Sorgen. Wo bist du? Meld dich schnell bei einem von uns!" Danach versuchte sie, sich auf das Spiel zu konzentrieren.
Die Minuten verstrichen, kein Anruf ging ein. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und rief bei Manuels Eltern an.
„Machst du Witze? Der muss doch bei euch sein! Ist doch schon um halb eins in voller Montur aus dem Haus gegangen, gleich nach dem Mittagessen. – Ist er nicht bei euch?"
„Nein."
Lisas Herz krampfte sich zusammen. War es eine Vorahnung oder nur die pure Angst? Sie stopfte das Handy in die Tasche und drängelte sich durch die Massen von Fans im Block nach oben zum Ausgang. Das Spiel war ihr auf einmal total egal. Sie stürmte die Treppe hinunter und war schon auf dem Weg Richtung Schloss, als sie Tobias schreien hörte-. „Lisa! Warte! Ich bin mit dem Mofa da, ich fahr dich!"
Ohne inne zu halten drehte sie sich um, lief neben Tobi hinaus auf den Adenauerring. Sein Mofa stand nicht weit entfernt am Waldrand.
Sie kamen zu spät. Vor Manuels Haus standen schon die Polizeiautos. Auch Manuel war erschlagen worden, seine Eltern hatten ihn im Geräteschuppen der Nachbarn gefunden. Sie standen unter Schock. Manuel selbst hing über ein paar Gartenstühle gebeugt, die riesige Kopfwunde ließ sogleich die Todesursache erkennen. Sein KSC-Trikot war blutverschmiert.
Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche brach Lisa zusammen.
Wieder befragte die Polizei alle Freunde. Alle übrig Gebliebenen.
Lisa sah verzweifelt von einem Polizist zum anderen. Auch sie konnte sich keinen Reim auf Manuels gewaltsamen Tod machen. Erst Florian, jetzt Manuel, wer sollte der nächste sein?
Sie erzählte den Polizisten, dass die beiden seit Kindertagen die besten Freunde gewesen waren. Die Frage nach Drogen verneinte sie klar.
Als die Polizisten gingen, blieb Lisa traurig und ratlos zurück. Als sie nach einer Stunde wieder kamen, saß sie noch in der gleichen Position auf dem Sessel wie zuvor. Ihr Kopf war wie leer gefegt, sie konnte keinen Gedanken fassen. Nur Manuels und Florians Bilder geisterten vor ihrem inneren Auge herum.
„Von deiner Freundin Laura haben wir erfahren, dass du neulich mit Manuel alleine bei ihm warst. Erzähl uns davon!"
Lisa fiel aus allen Wolken. „VVas? Manuel hat mir nur Bilder von Florian geben wollen. Da war nichts!"
„Nichts? Keine Küsse?"
„Doch. Schon. Aber mehr war nicht. Das war doch nur, weil ich heulen musste, als ich die Bilder angeguckt habe. Manuel hat mich in den Arm genommen und... aber das hat doch damit nichts zu tun!”
„Sag uns doch noch mal, wann genau du heute Mittag das Haus verlassen hast."
Lisa spürte eine tiefe Wut in sich aufsteigen. Verdächtigten die jetzt etwa sie? Sollte sie ihren Freund und dessen besten Kumpel umgebracht haben? So was Hirnverbranntes! Und warum hatte Laura das erzählen müssen?
Dann fragten die Polizisten plötzlich nach dieser dummen Bemerkung von Tobi gestern. Dass Lisa wieder zu ihm zurück kommen sollte. Hatte Laura ihnen das auch erzählt? Warum? Und was sollte das mit dem Tod von Florian und Manuel zu tun haben?
Die Polizisten ließen sich von Lisas Eltern bestätigen, dass sie erst gegen halb zwei Uhr nachmittags das Haus verlassen hatte. Danach rückten sie mit der Tatzeit heraus. Spätestens 13 Uhr. Damit war Lisa nicht mehr verdächtig.
Aber die anderen schon, oder was?" Die Bemerkung schoss aus ihr heraus, bevor sie sie zurückhalten konnte.
Mir werden alles überprüfen." war die wenig hilfreiche Antwort.
„Guck mal, sogar in 4v Boulevard Baden schreiben sie davon!" Lisa meinte, einen leichten Unterton der Genugtuung aus Lauras Stimme heraus zu hören.
„Zwei jugendliche Karlsruher ermordet. Freunde unter Verdacht." las sie vor, dann wandte sie den Kopf zu Lisa. „Sie verdächtigen Tobi." „Was? Wieso Tobi?"
„Ist doch klar, du hast ihm den Laufpass gegeben und Florian genommen, und nach Florians Tod hast du mit Manuel geknutscht, deshalb musste der auch dran glauben."
Lisas Augen weiteten sich. „Doch nicht Tobi!"
„Ich hab gehört, sie haben ihn heute morgen nach dem Verhör nicht mehr nach Hause gehen lassen. — Die müssen den Artikel nach Redaktionsschluss noch reingequetscht haben," wechselte Laura urplötzlich das Thema. Lisa runzelte die Stirn. Irgendwie war Laura komisch. Als wäre sie froh, dass Tobi verdächtigt wurde. Gut, er war noch nie ihr Lieblingskumpel gewesen, nicht mal, als Lisa noch mit ihm zusammen war, hatte sie viel mit ihm geredet. Aber Lisa konnte sich nicht vorstellen, dass sie erfreut darüber sein sollte, dass er unter Mordverdacht stand. Wahrscheinlich war auch sie einfach nur durcheinander wegen der ganzen Sache.
Die Klingel ertönte. Endlich Schulschluss! Dieser Montag Vormittag war Lisa wieder mal wie eine Ewigkeit vorgekommen. Jetzt stand sie
zusammen mit vielen anderen Schülern an der Straßenbahnhaltestelle Europahalle und wartete auf die Linie 1. Da bat Laura sie um ein Gespräch unter vier Augen.
„Gehen wir rüber auf den Skaterplatz, da sind wir unter uns."
Im strömenden Regen überquerten sie die Gleise und gingen über den Skaterplatz.
„Eigentlich wollte ich dich außen vor lassen, aber das geht jetzt nicht mehr," eröffnete Laura das Gespräch, „es ist zuviel passiert."
Lisa wurde plötzlich mulmig. Worauf wollte die Freundin hinaus?
Laura redete weiter. „Ich hab dir ja schon erzählt, dass ich auch in Florian verknallt war. Aber er wollte dich."
Sie bückte sich, hob etwas vom Boden auf und verbarg es in der Hand. Lisa schwirrte der Kopf. Was hatte es zu bedeuten, dass sie das wieder erwähnte?
„Jedenfalls hab ich ihn mir dann aus dem Kopf geschlagen. Und hab mich in einen anderen verguckt. Manuel."
Lisa sah sie überrascht an. Laura war in Manuel verliebt gewesen? Und sie als ihre angeblich beste Freundin hatte nichts davon gewusst. Dabei vertrauten sie sich doch alles an! Wovon hatte sie noch nichts gewusst? Dann fiel ihr plötzlich ein, dass sie am Samstag versucht hatte, Laura anzurufen. Es war kurz nach dem Mittagessen gewesen. Genau die Zeit, als Manuel ermordet worden war. Doch Laura war nicht ans Handy gegangen. Hatte sie etwa...?
„Aber Manuel hat auch mit dir rumgeknutscht. Und Tobi will dich auch immer noch." Laura sah Lisa jetzt direkt in die Augen und öffnete die Hand. Ein scharfkantiger Stein kam zum Vorschein. Lisa stand starr vor Entsetzen und konnte die Augen nicht davon abwenden. Sie war also die nächste. Laura war die ganze Zeit auf sie neidisch gewesen. Und sie hatte nie auch nur den geringsten Verdacht gehabt.
„Aber Tobi ist im Moment ja nicht verfügbar." Laura lachte grimmig. "Vielleicht bleibt er im Knast. Wenn nicht, ist er der nächste."
Jetzt erst kam Leben in Lisa. Sie holte tief Luft, drehte sich um und rannte davon, zurück in Richtung Haltestelle. Sie hörte Laura hinter sich, wagte aber nicht, sich umzudrehen. Sie sah eine Straßenbahn an der Haltestelle stehen und hechtete hinein. Die Türen schlossen sich und sie wollte schon aufatmen, als sie sah, dass eine ältere Frau im hinteren Wagen die Tür für Laura aufhielt.
Was sollte sie jetzt machen? Sie saß in der Bahn Richtung Oberreut, dort kannte sie sich überhaupt nicht aus. Falsche Richtung!
Während die Bahn langsam Haltestelle um Haltestelle abklapperte, sah sie, wie Laura sie aus dem hinteren Wagen beobachtete. Noch waren Menschen in der Bahn, aber was würde an der Endstation passieren? Lisa drängte sich nach vorne, um möglichst viel Platz zwischen sich und Laura zu bringen. Doch die hatte es bemerkt und sprang an der
nächsten Haltestelle vom hinteren in den vorderen Wagen um. Langsam ging sie durch den Gang nach vorne.
„Badeniaplatz. Endhaltestelle." tönte die Bandansage.
Laura war bei Lisa angelangt, daneben standen nur eine Frau mit Kinderwagen und ein älterer Mann. Keine Hilfe. Die Türen glitten auf, Lisa huschte an der jungen Mutter vorbei und rannte los. Ohne nach rechts oder links zu blicken, spurtete sie über die Straße. Sie hörte Lauras Atem hinter sich und spürte ihre Hand an der Jacke. Laura war schon immer schneller im Hundert-Meter-Lauf gewesen. Mit dem Mut der Verzweiflung riss sich Lisa wieder los und legte noch einen Zahn zu. Da vorne war eine Telefonzelle. Eine richtige altmodische Zelle mit Tür!
Sie erreichte sie keine Sekunde zu früh, schaffte es hinein und zog die Tür hinter sich zu. Erstmal in Sicherheit.
Laura versuchte natürlich, die Tür auf zu stemmen, aber Lisa hielt fest. Als ihre Hände langsam feucht wurden und drohten, abzurutschen, ließ Laura draußen plötzlich los. Gedämpft durch das Glas hörte Lisa sie rufen: „Irgendwann musst du raus. Ich hab Zeit!" Ein gehässiges Lachen umspielte ihre Lippen.
Lisa wollte Ruhe bewahren, aber es schoss aus ihr heraus-. „Warum hast du das alles gemacht? Wie konntest du sie umbringen?!"
„Ha! Du warst immer die Hübschere, die Bessere, alle schwärmen nur von dir. Du kannst dir die Kerle aussuchen, aber nicht bei einem bleiben. Für mich interessiert sich kein Schwein! Sogar mit meinem Schwarm Maik Franz hast du ein Foto gemacht. Aber damit ist jetzt Schluss! Alle kriegen ihr Fett weg!" Laura hieb während der Schimpftirade mit der Faust auf die Telefonzelle ein.
Lisa ließ sie nicht aus den Augen, drehte sich halb um, nahm den Hörer ab, hielt aber gleichzeitig mit der anderen Hand weiterhin den Türgriff fest. Wie war noch mal die Notrufnummer gewesen? 110 oder 112? Auf gut Glück wählte sie eine davon.
Den Moment, als sich am anderen Ende jemand meldete, nutze Laura aus, um wieder am Türgriff zu ziehen. Lisas Arm gab nach, die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. Sie klemmte sich den Hörer zwischen Schulter und Kinn und hielt die Tür wieder mit beiden Händen fest.
„Hallo? Hilfe! Ich brauche Hilfe! Meine Freundin ist verrückt geworden und will mich umbringen!" rief Lisa ins Telefon.
„Sagen Sie mir bitte ihren Namen, ihre Adresse und wo Sie sich befinden?"
Konnte das die Möglichkeit sein? Vielleicht wollte er auch noch ihre Schuhgröße wissen und wann sie den ersten Milchzahn verloren hatte! Laura hatte derweil von der Tür abgelassen und verwendetet den als Mordwaffe geplanten Stein jetzt, um auf die Glaswand der Telefonzelle einzuschlagen.
„Hilfe! Schicken Sie doch jemanden her! Ich bin in Oberreut an der Endhaltestelle in ner Telefonzelle. Ich heiße Lisa Schneider und Laura schlägt mit einem Stein auf das Glas ein. Mit dem will sie mich umbringen! Hilfe!”
Plötzlich ein anderes Geräusch, die Scheibe hatte einen kleine Sprung bekommen. In Panik rief Lisa ins Telefon: „Jetzt machen Sie schon! Jemand muss sie aufhalten! Gleich kracht die Scheibe rein. Hilfe!" Lisa stand verängstigt in der gegenüberliegenden Ecke der Zelle, während Laura mit einem entschlossenen Blick die Schlagzahl ihrer Steinhiebe erhöhte.
Florian, dachte Lisa, Manuel, habt ihr euch auch so gefühlt?
„Laura," versuchte sie es auf die sanfte Tour, „hör doch auf. Das bringt doch nichts! Gleich kommt die Polizei!" Doch Laura hörte sie nicht. Oder wollte sie nicht hören.
Immer noch hielt Lisa den Türgriff fest, obwohl Laura mit Schlagen beschäftigt war. Sollte sie es wagen, und wegrennen? Aber wohin?
Der Sprung in der Scheibe vergrößerte sich. Lange konnte das nicht mehr gut gehen. Sie musste etwas unternehmen. Der Typ an der NotrufHotline hatte ihr wohl nicht geglaubt. Oder hörte sie da Polizeisirenen? Nein, ihre Fantasie spielte ihr nur einen Streich.
Nach langem Überlegen entschloss sie sich, die vermeintliche Sicherheit der Telefonzelle zu verlassen und wegzulaufen. Sie stieß die Tür auf und sprang heraus. Im gleichen Moment hielt ein grün-weißes Polizeiauto an der Straße und zwei junge Männer in Uniform stiegen aus. Laura hatte Lisas Flucht bemerkt, konnte den nächsten Schlag aber nicht mehr stoppen. Das Glas splitterte, die Scheibe gab nach, sie verlor das Gleichgewicht und stürzte kopfüberauf den Scherbenhaufen.
Lisa folgte einem Impuls und ging zu Laura hinüber. Vorsichtig beugte sie sich über die Scherben, in die langsam Blut sickerte. „Laura?" Keine Reaktion. Dann ein Stöhnen und ein Knurren. Laura erhob sich noch einmal auf die Knie, in der Hand noch immer den großen Stein. Kleine Rinnsale roten Blutes liefen über ihr Gesicht, ihre Hände und Arme, am Hals entlang. Sie holte aus und schleuderte den Stein auf Lisa.
Ein Polizist war geistesgegenwärtig genug, Lisa nach unten zu drücken, der Stein fiel hinter ihnen auf den Boden. Laura fiel mit dem Gesicht nach unten wieder in den Scherbenhaufen.
Zitternd saß Lisa am Straßenrand und saß zu, wie ein Krankenwagen anhielt. Sanitäter sprangen heraus, legten Laura auf eine Trage und decken sie mit einem weißen Tuch zu. Erst als auch Lauras Kopf abgedeckt wurde, schluchzte Lisa auf.
Es war vorbei.