Des Löwen Zähmung

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: Stutz, Anja

Der Vollmond stand strahlend hell über dem Turmberg, auf dessen Spitze die badische Flagge wehte. Carlos blickte sich auf der menschenleeren Plattform des Bergfried um. Erst spät erkannte er die länger werdenden Schatten dreier Raubtiere. Fast schon wie alte Bekannte kamen sie in gemächlichem Gang auf ihn zu. Sahen ihn auffordernd an und kamen in immer kleiner werdenden Kreisen näher. Wieder stieg die nackte Panik in ihm auf. Sekunden später war er erlöst. Das Telefon riss ihn mitten in der Nacht aus seinem Alptraum. Der ihn seit jenem Tag in immer gleichem Rhythmus heimsuchte. Jener Tag, den er nicht vergessen konnte, als diese junge Frau im Hardtwald vergewaltigt und ermordet aufgefunden wurde. Der Fall war bis heute nicht geklärt. Carlos erinnerte sich sehr genau an diese mysteriöse Löwentätowierung, die der Baden-Württembergischen Landesflagge so sehr glich und die auf der Schulter des Opfers zu sehen war. Seither verfolgten ihn die drei Löwen in jeder Vollmondnacht um unerbittlich die Aufklärung dieses Falles einzufordern.

Wieder klingelte das Telefon, mühsam setzte sich Carlos auf und angelte schlaftrunken nach dem Hörer. „Ja?“ brummte er ungehalten. „Wir haben eine Leiche auf dem Friedhof ...“ Weiter kam sein Kollege Kommissar Leslie nicht. „Lass die Scherze“ bellte ihm Carlos entgegen und legte auf. Gerade als er es sich wieder im warmen Bett gemütlich machen wollte, klingelte es abermals. Leslie konnte ihn gerade noch daran hindern erneut aufzulegen und ihm in knappen Worten erklären, dass auf dem Hauptfriedhof eine männliche Leiche vom Gärtner entdeckt worden war. Unwillig machte sich Carlos auf den Weg.

Zäher Nebel hing an diesem Herbstmorgen zwischen den uralten Bäumen. Fröstelnd zog Carlos seinen Mantel enger um sich. Eigentlich hätte er erst später Dienst und außerdem läuft eine Leiche im Allgemeinen nicht davon, dachte er mürrisch. Aber Leslie schätzte seinen sicheren Spürsinn und arbeitete am liebsten mit ihm zusammen. Nun stand Carlos also vor dieser durchaus kunstvoll auf dem Weg drapierten Leiche. Über ihm die Kronen der uralten Bäume. Das Gesicht des jungen Mannes war schmerzverzerrt. An dem nackten Körper konnte man jedoch keine äußeren Verletzungen ausmachen. Der Todeszeitpunkt wurde auf drei Uhr morgens geschätzt. Carlos veranlasste routiniert den Abtransport und die Obduktion. Die Spurensicherung arbeitete vor Ort weiter, konnte aber keine brauchbaren Hinweise finden. Der Mörder hatte die Leiche schlauerweise auf einem stark frequentierten Fußweg abgelegt. Offensichtlich wollte er nicht nur seine eigenen Spuren verwischen, sondern auch, dass die Leiche möglichst schnell gefunden wird. Irgendetwas wollte der Täter mitteilen. Immerhin konnte man die Leiche nur 24 Stunden später dank eines schnell veröffentlichten Fahndungsfotos einwandfrei identifizieren.

Hauptkommissar Carlos Strauß und Kommissar Leslie führten die Vernehmung der Witwe durch. Sehr viel gab sie über ihren Mann nicht preis. Wobei Carlos eher die Ansicht vertrat, dass es an der einfachen Geistesstruktur dieser Frau lag. Offensichtlich hatte sie tatsächlich nicht viel Ahnung was ihr Mann so tat. Jedenfalls war der Tote zuletzt bei seiner Schwester zu Besuch gewesen, wollte von dort aus zum Hauptbahnhof und den Zug nach Freiburg nehmen. Aber er kam nie dort an. Weshalb ihn zunächst seine dort wartenden Geschäftspartner und später auch seine Ehefrau als vermisst meldeten. Carlos beendete schnell die Vernehmung. Seine Erfahrung sagte ihm, dass er woanders mehr erreichen könne.

Doch auch bei der Schwester bissen die beiden Kollegen auf Granit. Wie erwartet zeigte sie sich bestürzt, hatte sie doch ihren Bruder am fraglichen Tag selbst zum Zug bringen wollen. Er bat sie jedoch, ihn am Park&Ride Platz an der Untermühlsiedlung aussteigen zu lassen. Er wolle noch etwas in der Innenstadt erledigen und dann erst zum Bahnhof fahren. Nun stand Liane ratlos vor den beiden Beamten. Auch sie konnte sich nicht erklären wo ihr Bruder noch hin wollte, ob er jemanden treffen wollte. Feinde habe er auch keine, soweit sie es beurteilen konnte. In der Todesnacht hatte sie bei ihrer Schwägerin genächtigt, da diese sich immer fürchtete, wenn sie alleine im Haus war. Kein wirklich gutes Alibi, aber immerhin es war eines.

„So kommen wir nicht weiter“, meckerte Carlos auf dem Rückweg zum Revier. Seine Miene hellte sich erst wieder ein wenig auf, als er den Obduktionsbericht auf seinem Schreibtisch sah. Die Todesursache war immer noch nicht einwandfrei geklärt. Vermutlich handelte es sich um eine Vergiftung. Nur ließ sich bislang keine entsprechende Substanz nachweisen. Dafür hatte der Gerichtsmediziner ein mindestens ebenso interessantes Detail ans Tageslicht befördert. Die von Carlos angeforderten DNA-Vergleiche ergaben, dass die DNA eindeutig den Spuren zuzuordnen waren, die damals unter den Fingernägeln des Vergewaltigungsopfers gefunden worden waren. Hatte womöglich eine dem Opfer nahe stehende Person vor der Polizei herausgefunden wer der Täter war und sich nun gerächt? Tatsache war jedoch, dass zumindest dieser alte Fall damit so gut wie aufgeklärt wäre. Was Carlos im ersten Moment beruhigte und ihn in der nächsten Sekunde auch schon wieder nervte. Die eine Leiche hatte er los, nun kam die Nächste nach.

Es half nichts, er musste zuerst den Ehemann des Vergewaltigungsopfers aufsuchen. Dieser nahm die Nachricht über den aufgefundenen Mörder alles andere als gelassen auf. Mit einem einzigen großen Schritt stand er vor Carlos und packte ihn am Mantel. „Und das erzählt ihr mir erst jetzt? Wo ist das Schwein? Ich bring ihn um!“ Leslie ging beherzt dazwischen und befreite seinen Chef aus der doch etwas unangenehmen Situation. Obwohl er innerlich schmunzeln musste, wie der hagere Carlos so mühelos von diesem kräftigen Mann in die Höhe befördert wurde. Friedlein beruhigte sich ungewöhnlich schnell wieder. Stellte Carlos auf dem Boden ab und wischte ihm anschließend ein imaginäres Staubkorn von der Schulter. „Entschuldigen sie. Ich vergaß mich.“ Carlos nickte unmerklich. Er war in dem Moment mehr damit beschäftigt seine Gesichtszüge wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen. „Nun Herr Friedlein, es wird nicht nötig sein den Mörder ihrer Frau umzubringen. Das hat bereits jemand erledigt.“ Dabei sah er ihn eindringlich an, so als wolle er aus der Mimik seines Gegenübers ein Geständnis lesen. Doch der Angesprochene starrte ihn nur ungläubig an. Carlos ließ ihm keine Verschnaufpause. „Wo waren sie vorgestern Nacht?“ „Im Labor. Der Pförtner kann das bezeugen. Ich bin erst gegen 5:30 Uhr nach Hause gegangen.“ Nach einer kurzen Pause fügte er mit traurigem Unterton leise hinzu „Wissen sie, seit dem Tod meiner Frau ist meine Arbeit das Einzige was ich noch habe.“ Die beiden Polizisten ließen sich davon nicht weiter beeindrucken. „Wir werden das selbstverständlich überprüfen.“
Beide wussten, dass sie mit ihren Ermittlungen auf der Stelle traten. Friedleins Alibi war hieb- und stichfest. Bei der Schwester und der Witwe des Opfers war das eine andere Sache. Nur konnte man den beiden Frauen keine eindeutige Verbindung zu dem Fall nachweisen. An den Tag als diese Vergewaltigung geschah konnten oder wollten sich die beiden nicht mehr erinnern. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter mal eben im Vorbeigehen eine solch abscheuliche Tat seiner Frau beichtet war auch eher als gering einzuschätzen. Außerdem, wie hätten diese beiden doch recht zierlichen Frauen die Leiche auf den Friedhof schaffen sollen? Carlos Gedanken drehten sich im Kreise. Das Opfer hatte bislang, so wurde von allen Seiten einhellig bestätigt, als braver Ehemann gelebt. Führte eine gut gehende Werbeagentur, war bisher nie polizeilich aufgefallen. Noch nicht einmal eine Strafe wegen Falschparkens war eingetragen. Im örtlichen Tennisclub war er ein gern gesehenes Mitglied. Eben ein gutbürgerliches Leben eines unauffälligen Menschs. Für Carlos Geschmack eine Spur zu unauffällig. Und dann war da immer noch die Sache mit der ungeklärten Todesursache. Wenn das Opfer tatsächlich vergiftet worden war, musste der Täter sich perfekt mit der Materie auskennen. Zudem über gute Kontakte verfügen um an den Stoff zu kommen. Die Ehefrau des Opfers schied schon mal aus. Ihr trauten weder Leslie noch Carlos allzu viel Geistreiches zu. Und die Schwester war nichts weiter als eine graue Büromaus. Irgendetwas hatten die beiden Kommissare bei ihren Ermittlungen übersehen.

Leslie musterte seinen Kollegen mit einem Blick, als ob er ihn für nicht ganz zurechnungsfähig halten würde. „Noch mal zu der Schwester?“ „Ja, meine innere Stimme sagt mir, dass an der Person mehr dran ist als wir glauben.“ Die letzte Vernehmung hatte im Haus des Mordopfers stattgefunden. Nun wollte Carlos unauffällig die Wohnung der Schwester inspizieren. Leslie verwickelte sie in eine scheinbare Vernehmung und kaute letzten Endes nur noch einmal dieselben Fragen durch. Während Carlos seinen Blick langsam über die sorgsam gerahmten Bilder an der Wand gleiten lies. „Sie waren mit Frau Friedlein bekannt?“ Liane Mortal war sichtlich betroffen.
„Ja, wir waren Freundinnen.“ „Und weshalb erzählen sie uns das nicht?“ „Weil ich nicht wissen konnte, dass mein Bruder etwas mit ihrem Tod zu tun hatte. Und jetzt gehen sie. Ich brauche meine Ruhe.“ Carlos nickte Leslie zu. Dieser war etwas irritiert, folgte jedoch widerspruchslos seinem Chef. Erst später fiel ihm Lianes entscheidender Satz ein. Keiner hatte ihr bisher etwas von der besonderen Verbindung der beiden Toten erzählt.
Am Mittagstisch stocherte Carlos gedankenversunken in seinem Essen. Bis er wie durch sich lichtenden Nebel die Worte seiner Tochter wahrnahm, die gerade begeistert vom Chemieunterricht erzählte. Die Wortfetzen „pflanzliches Gift“ und „nicht nachweisbar“ drangen plötzlich glockenhell in seine Ohren. Aber erst ein entnervtes „Papa, hörst du mir überhaupt zu?“ ließ ihn endgültig wach werden. „Ja, sicher Schatz. Kannst du mir das mit dem Gift noch mal genau erklären?“ Antonia rollte mit dem Augen. „Bitte.“ Flötete Carlos charmant seiner Tochter zu. „Also gut. Die Sache ist die: Es gibt ein pflanzliches Gift, welches erst 24 Stunden nach der Einnahme wirkt. Zu diesem Zeitpunkt ist es allerdings schon nicht mehr im Körper nachweisbar. Und das Beste: Dieses Zeug wird für Forschungszwecke verwendet. Stell dir mal vor. Das ist doch die Gelegenheit für einen Chemiker oder Biologen, eine unbequeme Person um die Ecke zu bringen. Bis die Wirkung einsetzt, weiß doch das Opfer schon nicht mehr, wo es etwas Giftiges zu sich genommen haben könnte.“ Carlos ging plötzlich nicht nur ein Licht sondern gleich ein ganzer Kronleuchter auf. Nun machte alles einen Sinn. Zumindest fast alles. Friedlein hatte in seiner Eigenschaft als Forscher mit ziemlicher Sicherheit Zugang zu diesem Wundermittel. Die tödliche Dosis von 5mg konnte man ungehindert aus dem Labor schaffen. Wem würde es schon auffallen, wenn eine Messerspitze des gelben Pulvers fehlen würde? Die paar Krümel konnte man locker gegen etwas anderes austauschen und das Gefäß so unbemerkt auffüllen.

Carlos gab seiner erstaunt dreinblickenden Tochter einen dicken Kuss auf die Wange. Wählte im hinausgehen Leslies Nummer und stand fünf Minuten später vor dessen Haus. Friedlein sah die beiden Kommissare mit einer Mischung aus ungläubigem Entsetzen und einer gewissen Erleichterung an als sie im Schlepptau seines Chefs im Labor aufkreuzten. Es war fast so, als ob er sie erwartet hätte.
„Würden sie uns bitte den Giftschrank zeigen?“ Der Chemiker nickte und öffnete den Schrank. „Bitte sehr. Nach was genau suchen Sie?“ In seiner Stimme lag die leise Hoffnung Leslie und Carlos kämen aus einem ganz anderen Grund zu ihm. Obwohl dies völlig absurd war. Spätestens nachdem er den Namen der Substanz gehört hatte, war ihm das vollkommen bewusst. Mechanisch griff er nach dem kleinen Glasröhrchen. „Zeigen sie uns bitte die Entnahmeliste?“ Friedlein nickte abwesend während er unter den strengen Augen seines Chefs nach dem schwarzen Buch griff. „Da fehlen genau 5mg“, stellte Carlos befriedigt fest. Der Dieb hatte sich offensichtlich noch nicht mal die Mühe gemacht das Ganze zu vertuschen. „Wer hat sonst noch den Schlüssel für diesen Schrank?“ „Nur ich.“ Friedleins Chef starrte ihn entsetzt an. Er wusste was das bedeutete. „Ich weiß was sie jetzt denken. Aber ich habe Frank Mortal nicht getötet. Auch wenn ich das Material dafür geliefert habe."“Verzweifelt und unruhig blickte er zwischen seinem Chef und den beiden Beamten hin und her. „Liane Mortal hatte mich darum gebeten. Sie ist passionierte Sammlerin diverser exotischer Pflanzen und wollte das Gift für private Versuche. Normalerweise würde ich so etwas nie tun. Ich konnte doch nicht wissen, was sie vorhat. In meiner Naivität vertraute ich ihr. Sie war eine enge Freundin meiner verstorbenen Frau und hatte mir seinerzeit nach ihrem Tod beigestanden und die Beerdigung geregelt, obwohl sie selbst so sehr trauerte. Sie hatte deshalb noch etwas gut bei mir. Nachdem Frank Mortal gestorben war, rief sie mich an und bat mich zu ihr zu kommen. Erst dort erfuhr ich von dem Mord. Ich war zu geschockt, als dass ich sie nach den näheren Umständen befragte. Sie zwang mich, die Leiche so auf dem Friedhof zu positionieren, dass sie garantiert noch am selben Tag gefunden werden würde. Es war ihre Absicht, ein gut bewahrtes Geheimnis zu lüften. Mehr erzählte sie mir nicht.“ „Weshalb riefen sie nicht die Polizei“ fragte Leslie mit schneidendem Unterton. Für einen Moment herrschte quälende Stille im Raum. „Sie drohte damit, den Mord mir in die Schuhe zu schieben. Nur ich hatte doch die Möglichkeit zur Beschaffung des Gifts.“ Ein weiteres Puzzleteil war nun gefunden. „Sie wissen was das für sie bedeutet?“ Friedlein blickte nicht auf, sondern hielt stattdessen die gekreuzten Hände hin und ließ sich widerstandslos abführen.

„Auf zur nächsten Station“ blies Carlos zur Abfahrt. Mit schwungvollen Schritten erklommen die beiden Kommissare die Treppenstufen zu Liane Mortals Wohnung. Es war verdächtig leise im Innern. Auch nach dem zweiten Klingeln kam keine Reaktion. Carlos nahm Anlauf, stieß die ohnehin altersschwache Wohnungstür auf und stand Sekunden später im Wohnzimmer. Liane lag engelsgleich auf dem Sofa. In ihrer Hand ein Briefumschlag und daneben auf dem Wohnzimmertisch ein leeres Glas. Auf dem Boden lagen verstreut einige Tablettenröhrchen. Es bedurfte keiner großartigen Erfahrungen um blitzschnell zu kombinieren. Leslie und Carlos waren gerade noch rechtzeitig gekommen um Lianes Vorhaben zu durchkreuzen, wie ihnen der Notarzt bestätigte.

Zufrieden lehnten sich Carlos und Leslie auf ihren Schreibtischstühlen zurück. Genüsslich tranken sie ihren Kaffee. Den sie, wie sie fanden, redlich verdient hatten. Vor ihnen lag Lianes Abschiedsbrief, der nun ein einwandfreies Geständnis abgab. In fein geschwungener Handschrift stand zu lesen:
„Sehr geehrter Hauptkommissar Carlos,
vom ersten Augenblick an als ich Sie und Ihren Kollegen sah, wusste ich, dass Sie den Fall aufklären würden. Das war von Anfang an meine Absicht. Nun konnte ich mich auf meinen Abschied vorbereiten. Denn mit dem schrecklichen Wissen über die Tat meines Bruders und meiner eigenen Schuld an seinem Tod möchte ich nicht weiter leben.
Als damals meine Freundin sein Opfer wurde konnte ich das Geschehene nicht fassen. Wochenlang wich mir Frank, zu dem ich sonst ein enges Verhältnis hatte, aus. In meiner tiefen Trauer bemerkte ich sein Verhalten nicht. Und war umso entsetzter, als er mir die Tat beichtete. Wie konnte er nur? Was war in ihn gefahren? Er selbst konnte es mir kaum erklären. Er sei wie von Sinnen gewesen. Nur schemenhaft konnte er sich erinnern.
Wieder und wieder bat ich ihn, zur Polizei zu gehen. Doch er weigerte sich beharrlich. Schwer lastete die Schuld seiner unerklärlichen Tat auf seinen Schultern. Seiner Frau konnte und wollte er sich nicht anvertrauen. Und so bürdete er mir dieses Wissen auf. Ich litt entsetzlich. Monat um Monat verging und Frank ging immer mehr zur Tagesordnung über, so als ob nichts geschehen wäre. So reifte in mir der Entschluss das Verbrechen selbst ans Tageslicht zu bringen. Ich besorgte mir unter einem Vorwand das Gift, welches ich Frank in seinen Kaffee rührte. Ahnungslos trank er aus und bat mich, ihn zum Bahnhof zu bringen. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er fröhlich in meinen Wagen einsteigt. Fast brach es mir das Herz. Dennoch musste ich an meinem Plan festhalten. Auch als ich ihm anbot ihn direkt nach Freiburg zu fahren ahnte er nichts. Ihm gegenüber behauptete ich sowieso geplant zu haben, eine Freundin dort zu besuchen. Ich müsste nur noch vorher etwas aus der Gartenhütte unserer Eltern holen.

Dort angekommen gelang es mir, ihn in der Hütte einzusperren. Ich sagte ihm, dass ich ihn vergiftet hätte und er nur noch wenige Stunden habe bis die Wirkung einsetzt und man nichts mehr für ihn tun könne. Er lachte nur, hielt das Ganze für einen Scherz. Noch einmal bat ich ihn, ein Geständnis bei der Polizei abzulegen und versprach ihm im Gegenzug, ihn rechtzeitig in ein Krankenhaus zu bringen. Doch es war vergebens. Also ließ ich ihn allein in der abgelegenen Hütte zurück. Ich wusste, um diese Jahreszeit würde keiner hier vorbeikommen. Franks Hilferufe würden ungehört verhallen. In der Hütte hatte ich ihm Essen und Wasser bereitgestellt. Sowie ein Handy, falls er es sich doch noch überlegen würde.

Bei meiner ansonsten präzisen Planung hatte ich jedoch übersehen, dass an diesem Ort kein Empfang möglich war. Als ich wiederkam hatte Franks Todeskampf bereits begonnen. Mir war klar, dass er verloren war. Wie in Trance schaute ich seinem Sterben zu. Wollte ihn leiden sehen. Als Vergeltung für die Leiden meiner Freundin. Der Morgen dämmerte bereits bis ich begriff, was geschehen war. Ich schloss mit der Hand Franks Augen. Konnte ich doch seinem Blick nicht länger standhalten. Dann fuhr ich zu Jens Friedlein und zwang ihn, die Leiche auf den Hauptfriedhof zu bringen.
Zu dem Zeitpunkt dachte ich, endlich meinen Frieden gefunden zu haben. Ein Trugschluss, wie sich alsbald herausstellte. Meine Arbeit ist nun getan. Ich kann nicht mehr. Vielleicht finde ich mein Glück im ewigen Frieden.“

„Das dauert wohl noch eine Weile, Frau Mortal“ wie Carlos zynisch grinsend bemerkte. Er trank den letzten Schluck seines Kaffees und verabschiedete sich von Leslie. „Schönen Abend noch“ rief der ihm hinterher. „Werde ich haben, gleichfalls“ und in Gedanken fügte Carlos hinzu: „Nicht nur ein schöner Abend, sondern auch die Nacht wird schön“ Denn es war wieder eine jener klaren Vollmondnächte, die er seit einem Jahr so fürchtete.

Spät fiel er in einen unruhigen Schlaf. Der helle Lichtschein des Vollmondes tauchte den Bergfried in ein unheimliches Licht. Die langen schwarzen Schatten der drei Löwen kamen langsam näher. Carlos blickte den Tieren entschlossen in ihre bernsteinfarbenen Augen. Diesmal starrten sie ihn nicht gierig an sondern blickten ruhig und zufrieden. Carlos streckte seine Hand aus und streichelte den Tieren sanft über ihre mächtigen Häupter. Der plötzlich aufkommende kräftige Wind lenkte ihn für einen Moment ab und wie er sich wieder den Tieren zuwandte, sah er wie sich eines nach dem anderen auflöste. Zurück blieb ein schwarzer Staub in Form dieser mysteriösen Tätowierung. Der nächste kräftige Windstoss nahm auch dieses letzte Zeichen mit sich hinweg.

Carlos erwachte mitten in der Nacht. Der Vollmond hatte bereits seine Wanderung fortgesetzt und strahlte nun nicht mehr direkt in sein Schlafzimmer. Carlos Frau schlief tief und fest, wie er mit einem kurzen Blick befriedigt feststellte. Möglichst geräuschlos stand er auf, zog sich an und schlich sich aus dem Zimmer. Er griff nach seinem Mantel und zog lautlos die Haustür hinter sich zu. Der Bergfried auf dem Turmberg hob sich klar umrissen vom Nachthimmel ab. Auf der Spitze flatterte die badische Landesflagge im Wind. Carlos sog tief die klare Nachtluft ein. Ein Freund hatte ihm den Schlüssel zum Turm geliehen. Bedächtig schloss er die Tür auf und achtete sorgfältig darauf diese auch gleich wieder hinter sich zu verschließen. Er wollte ungestört sein. Im Halbdunkel stieg er die Treppen im Inneren empor und gelangte nach kurzer Zeit auf die Aussichtsplattform. Er blieb bis zur Dämmerung und lies den Blick über seine Heimatstadt und die Oberrheinebene schweifen. Noch einmal sah er empor zur Flagge und stellte mit einem breiten Grinsen im Gesicht fest, dass er die Löwen tatsächlich gezähmt hatte.

Den Heimweg trat er mit lockeren Schritten an. Er freute sich auf das gemeinsame Familienfrühstück. Zu Hause steckte bereits das „Boulevard Baden“ im Briefkasten. Er rollte die Zeitung auseinander und betrachtete mit großer innerer Zufriedenheit die Schlagzeile „Mysteriöser Friedhofsmord aufgeklärt“ und im Untertitel „Schneller Fahndungserfolg durch gute Polizeiarbeit“. Besonders die explizite Erwähnung seines Namens erfüllte ihn mit unverhohlenem Stolz. Er legte die Zeitung demonstrativ auf den Frühstückstisch. Antonia schnappte sie sich zugleich und rief entrüstet; „Aber ich war doch auch an der Aufklärung beteiligt!" „Ja, aber nur ich konnte die Dämonen der Nacht zähmen", widersprach er seiner irritierten Tochter.