Ein Elefant stirbt einsam

Exklusiv in der Online-AusgabeAutor: M., Mrs.

Es ist Juli, bald ist mein Geburtstag. Wie immer lade ich meine Karlsruher Freunde telefonisch ein, erfahre so das Neueste z.B. Krankheiten, etc. Ab einem bestimmten Alter ein allgemein sehr beliebtes Thema bei Geburtstagsfeiern. So erfuhr ich auch von einer langjährigen Freundin, dass Karl-Friedrich, ihr Mann, an einem Magengeschwür leidet und depressiv ist. Ich habe dann selbst mit ihm gesprochen und versucht, ihn mit ein paar Scherzen aufzubauen. Er reagierte ganz normal und meinte nur, dass es mit dem Schlemmen nun vorbei sei. Er, ein Feinschmecker und Genießer, müsse sich nun mit Diätkost begnügen.

Quark statt Lachs, das hebt natürlich nicht die Stimmung eines von der Kochkunst der Frau verwöhnten Magens.

Mein Geburtstag verlief sehr harmonisch, Karl-Friedrichs Frau Manu war nicht so glücklich darüber, dass sie das erst gekaufte Landhaus in der Toskana wieder verkaufen werden, da Karl-Friedrich kein Interesse daran hat es nach ihren Vorstellungen umzubauen, um Gäste ins Landhaus einladen zu können.
Diesem Stress wollte er sich nicht aussetzen und hatte auch keine Lust mehr dazu, dort noch weitere Tage mit handwerklichen Tätigkeiten zu verbringen.

Manus Traum, ein Landhaus in der Toskana mit Rosengarten und der schönen Aussicht war geplatzt. Karlsruhe musste reichen.

Im Nachhinein fiel mir auf, dass Karl-Friedrich, der immer sehr ausgeglichen, ruhig, nie laut, nie auffahrend, immer zuvorkommend und höflich, nur auf das Wohl seiner Frau bedacht, vielleicht eine Spur zu ruhig war. Auch dachte ich, dass seine Depression vom Magengeschwür käme.
Selbstverständlich hatte ich für Karl-Friedrich spezielle Diätkost.

Bei der Verabschiedung war Karl-Friedrich wie immer, es schien alles in Ordnung.

6 Tage später, an einem Samstag, in Karlsruhe herrschten hochsommerliche Temperaturen über 30 Grad, war nichts mehr in Ordnung.

Ein strahlender Julitag, als der Anruf von Manu diesen Tag verdunkelte.

Weinend erzählte sie mir, dass Karl-Friedrich seit gestern verschwunden ist. Dann erzählte sie mir, dass Karl-Friedrich am Donnerstagabend von einer Ärztin als suizidgefährdet sofort in die Psychiatrie eingewiesen wurde, da die Ärztin zu ihrer eigenen Geburtstagsfeier musste und sich deshalb nicht um ihren Patienten kümmern konnte (Anscheinend war er wegen seiner Depressionen/Magengeschwür in Behandlung).
Karl-Friedrich kam kurz nach Hause, packte sein Rasierzeug und Pyjama ein, und sein Sohn brachte ihn in die Psychiatrische Klinik in der Kaiserallee.

Am darauf folgenden Morgen, es war ein extrem heißer Tag, rief Karl-Friedrich aus der Klinik seine Frau an, sie solle ihm doch noch Wäsche und das und jenes T-Shirt bringen, aber erst Nachmittags kommen, wenn es kühler ist, da er jetzt sowieso erst ein Arztgespräch habe, etc..

Bei diesem Gespräch habe er der Ärztin versichert, dass er nicht vorhabe, sich etwas anzutun.

Laut Manu war ihr Sohn morgens bei seinem Vater und wollte ihm Zeitschriften bringen, hat ihn aber nicht angetroffen, habe die Zeitschriften aufs Bett gelegt und sei wieder gegangen, da er im Freibad Rappenwörth mit einem Freund verabredet war.

Nachmittags so gegen 16 Uhr: Manu wollte gerade die Wohnung verlassen, um mit der Straba zu ihrem Mann ins Krankenhaus zu fahren, als das Telefon klingelte. Sie dachte, dass es Karl-Friedrich wäre, dem sicher noch etwas eingefallen ist, was sie mitnehmen sollte. Es war die Klinik, aber nicht Karl-Friedrich, sondern eine Dame, die Manu fragte, was für ein Magenmedikament ihr Mann einnehme.

Manu wunderte sich und sagte, „Warum fragen Sie ihn nicht selbst, er ist doch bei Ihnen und hat das Medikament dabei.

Die Person am Telefon druckste so herum, bis sie dann sagte, dass Karl-Friedrich seit morgens ca. 11 Uhr nicht mehr gesehen wurde.

- Wo gibt es denn so was, dass ein angeblich so stark gefährdeter Patient nicht unter Kontrolle ist? -
Die Polizei war auch noch nicht benachrichtigt, da dies erst nach 24 Stunden üblich oder Vorschrift ist.

Ich wollte es nicht glauben, dachte dann aber, dass Karl-Friedrich einfach von allem die Schnauze voll hatte. Immer Gentleman, immer wie aus dem Ei gepellt.

Jahre zuvor hatten wir es einmal so aus Spaß vom Aussteigen. Ich wollte eine Eisbude am Meer, Karl-Friedrich wollte Gammeln und Schmuck aus Silber herstellen. Er ist ein sehr ästhetischer Mensch, immer korrekt gekleidet, alles immer mit Stil, darauf legte seine Frau immer sehr großen Wert. Wahrscheinlich ist er einfach auf und davon und schläft unter einer Brücke und genießt das alternative Leben, anstatt in der Klapsmühle zu liegen, was für ihn vermutlich unakzeptabel war. Er ist ja nicht verrückt.

Also beschloss ich, mich mit Manu zu treffen und Karl-Friedrich zu suchen.

Wir überlegten alle Plätze, wo er sich vielleicht verkrochen haben könnte, wo er sich vielleicht in der Vergangenheit einmal wohl fühlte, ehemalige Wohnungen, Elternhaus, etc. Ohne Erfolg.

Ich bat Manu noch am Telefon, ein Bild von Karl-Friedrich mitzunehmen.

Ich dachte, wir können vielleicht die Spur aus dem Krankenhaus verfolgen, z.B. hinter dem Krankenhaus Hildapromenade, Ludwig-Marum-Straße. Hier gehen die Hundebesitzer mit ihren Tieren spazieren und meistens jeden Tag zur gleichen Uhrzeit.

Tatsächlich, eine Frau, die ihren Hund jeden Tag so gegen 11.00 Uhr ausführt, konnte sich an einen Mann mit einem markanten Kurzhaarschnitt erinnern. Sie konnte sogar seine Kleidung beschreiben. - Eine heiße Spur?

Im Nachhinein würde ich sagen, hat uns diese Aussage in die falsche Richtung geführt.

Ich befragte also Straßenbahnschaffner und Taxifahrer, zeigte ihnen das Foto des Vermissten. Alles Fehlanzeige.

Wir durchstreiften die Ludwig-Marum-Straße, rechts, links, den Schlossgarten, Hardtwald, Parks, etc. stundenlang. Vergebens.

Dann erstreckten wir die Suche in die Umgebung des Landhauses, Anwohnerbefragung, durchsuchten das Haus von oben bis unten. Absolut nichts.

Der Sohn von Karl-Friedrich fuhr mit seiner Freundin in Urlaub und meldete sich ab und zu, ob es etwas Neues gibt. Er war wohl der Meinung, Vater wird schon wieder auftauchen, warum suchen…oder? Wusste er mehr?

Die Polizei suchte auch mit Hunden ein naturbelassenes Grundstück ab, das Karl-Friedrich gehört. Jeden Tag war ich nun mit Manu unterwegs, wir suchten, riefen, etc., Tag um Tag, vergebens.

Vielleicht wartete er ja irgendwo auch auf ein Zeichen. Ich hatte die Idee, den regionalen Fernsehsender RTV bzw. Radio Regenbogen mit einzuschalten, aber Manu wollte das nicht.
Wenn Karl-Friedrich dies hört oder sieht würde er sich schämen und nicht mehr wegen der Leute nach Hause kommen wollen.

Was ich auch dachte und überlegte, ich kam nicht voran. Ich gehe immer noch davon aus, dass Karl-Friedrich lebt.

Vielleicht sonnt er sich im Süden, andererseits wäre das gar nicht seine Art seine Frau, für die er alles tat, im Ungewissen zu lassen.

Hat sich Karl-Friedrich eine Auszeit genommen und taucht plötzlich wieder auf, aber O Gott, was werden dann wohl die Nachbarn, Freunde, Bekannte sagen und denken. Nein, das kann ich mir auch nicht vorstellen.

Was war da los? Wie gut kannte ich ihn eigentlich? War immer alles nur Maske?

Was für eine zentrale Rolle spielt das Haus in der Toskana? War er wirklich psychisch krank oder war er krank vor Angst und fühlte er sich nicht nur verfolgt sondern wurde auch verfolgt?

Was passierte in dem Haus in der Toskana, dass er nicht mehr dorthin wollte und hartnäckig darauf bestand das Haus wieder los zu werden, obwohl ja auch er vor dem Kauf davon begeistert war. Auf das Ambiente, den tollen Ausblick etc. etc. Fest steht kurz nach dem Kauf und mit Beginn der Umbauarbeiten begann auch Sein Magengeschwür und Karl-Friedrich war bedrückt und keine Spur mehr von Begeisterung!

Wie ich nun weiß, waren dort auch Jugoslawen oder Rumänen beschäftigt, die von Karl-Friedrichs Sohn engagiert waren.

Wurde er dort bedroht und falls ja, warum?

Ich hatte fast täglich Kontakt mit Manu.

Karl-Friedrich liebte Elefanten und ein früherer Ausspruch laut seiner Frau von ihm war: „Ich will einmal Sterben wie ein Elefant. Elefanten sondern sich von der Herde ab und warten alleine auf den Tod.“

Also hätte Karl-Friedrich eigentlich im Krankenhaus dahinsiechen müssen.

Karl-Friedrich besaß auch eine Pistole mit der er umgehen konnte.

Diese war jedoch in seinem Schreibtischfach.

Bei einem geplanten Selbstmord wäre das wohl für ihn die einfachste Methode, dazu steht jedoch seine Ästhetik im Widerspruch.

Eine Woche nach der anderen verging.

Ich sprach nochmals eine Suche übers Fernsehen an, aber Manu wollte nicht, dass Außenstehende davon erfahren. Sein Sohn war auch dagegen, dass sein Vater als entlaufener Irrer gesucht wird.

Ich empfand das nicht zu tun als Fehler.

Nach ca. 4 Wochen, fast genau 30 Tage nach seinem Verschwinden wurde er gefunden.

In einem Supermarkt gegenüber der Klinik in der Kaiserallee.

Sucht man sich als Elefant einen Supermarkt zum Sterben aus Warum haben wir da nicht gesucht und gefragt?

Warum kam ich nicht auf die Idee, dass er bei dieser großen Hitze sich mit Getränken versorgen wollte?

Dagegen spricht aber, dass er keinen Geldbeutel und Geld bei sich hatte.

Ein Heizungsmonteur, der wegen eines penetranten Geruches aus Richtung Heizungskeller gerufen wurde - angeblich gab es da schon mal tote Ratten - hat ihn skelettiert vor der Kellertüre gefunden, so sagte die Polizei.

Ich konnte Karl-Friedrichs Angehörige nicht dazu bewegen, sich die Fundstelle anzusehen.
So beschloss ich am nächsten Tag nach dem Auffinden mit Zustimmung von Manu alleine hinzugehen.

Ich wollte wissen und sehen.

Also ließ ich mir den Geschäftsführer des Supermarktes rufen, stellte mich vor und bat ihn mir den Fundort zu zeigen.

Ich war geschockt, wie offen der Fundort war.

Vier Wochen! Ohne zu bemerken, dass da jemand ist?

Vom Verkaufsraum geht es durch eine Pendeltür in einen kleinen Gang, links ist der Personalaufenthaltsraum offen zum Gang, wird jeden Tag mehrmals benutzt. Cirka drei bis fünf Meter nach dem offenen Eingang zum Personalraum geht links eine Treppe nach unten zum Heizungskeller. Etwa 12 Stufen. Links die Türe zum Heizungskeller, und davor wurde er gefunden.

Vier Wochen im Juli und August, eine Hitze von über 30 Grad! Die ganzen vier Wochen war ein paar Meter weg ein Frühstücksraum, der täglich von mehreren Personen benutzt wird, ausgenommen an Sonntagen.

Ich glaube nicht, dass der Fundort, der Tatort ist.

Wieso wurde hier nichts sichergestellt?

Es lagen Zeitungsblätter auf der Treppe. Von Boulevard Baden, Teile der Badischen Neuesten Nachrichten - mehr konnte ich nicht registrieren. Am Ende der Stufen ein dunkler Fleck. Vielleicht Blut ?

Da ich dachte, dass die Polizei noch ermittelt, habe ich nichts angefasst und bin auch die Stufen nicht hinunter, der Spuren wegen. Im Nachhinein ärgert mich das, nachdem keinerlei Spuren gesichert wurden.

Man hätte doch zumindest an Hand des Datums der BNN und Boulevard Baden feststellen können, ob die Zeitungen vor seinem Verschwinden datierten oder nach seinem Verschwinden.

Ich fragte den Geschäftsführer des Supermarktes, wieso bei dieser Hitze niemand den Toten bemerkt habe und ob denn - gerade in einem Lebensmittelmarkt - innerhalb von vier Wochen die Treppe nie geputzt wird. Die Antwort blieb aus.

Ich fragte ihn auch, was die Polizei gesagt habe, wie der Tote ums Leben gekommen ist. Laut Geschäftsführer war die erste Aussage, er habe sich mit einem Gemüsemesser vom Laden die Kehle durchgeschnitten. Später habe die Polizei gesagt, ein Stich ins Herz.

Außer von den Karl-May-Erzählungen und Samurai-Kämpfern ist mir nicht bekannt, dass ein Ungeübter so sicher ins eigene Herz trifft.

Ich habe mir den Gemüse- und Obststand angeschaut, nirgendwo ein Messer.

Niemand vom Ladenpersonal hat Karl-Friedrich im Geschäft gesehen, ich hab ein Foto herumgezeigt.

Der genaue Todeszeitpunkt konnte auch nicht festgestellt werden. Nicht einmal, an welchem Tag.

Wie machen die das immer im Fernsehen, in den Krimis, dass die das genau wissen; Speichelprobe, DNA, etc.?

Weiterhin konnte nicht festgestellt werden, ob Karl-Friedrich Medikamente in der Klinik bekommen hatte, die ihn vielleicht gegen sich selbst aggressiv machten. Angeblich konnte man den Magen nicht mehr untersuchen. Laut Klinik hatte er keine Medikamente eingenommen.

Wieso kann man bei einer 2000 Jahre alten Leiche noch feststellen wovon er gelebt hat und hier nach vier Wochen nicht?

Karl-Friedrich war ein ganz sanfter Charakter, in den mindestens 20 Jahren die ich ihn kannte, habe ich ihn nie wütend, aufbrausend oder laut erlebt. Er war nie aggressiv. Er freute sich auf seinen absehbaren Ruhestand.

Warum wurden hier keine umfangreichen Ermittlungen durchgeführt, sondern als Selbstmord eines aus der Karlsruher Psychiatrie entlaufenen abgehakt.

Der ermittelnde Kripo-Beamte zweifelte selbst an der Selbstmord-Theorie, er war jedoch nicht mehr zuständig. Die Staatsanwaltschaft hatte den Fall übernommen.

Ich denke, dass es eben für die Behörden Selbstmord war, da es sich ja um einen vermissten „Irren“ handelte und daher Selbstmord das Naheliegendste ist.

Also sind keine Ermittlungen erforderlich.

Die Leiche wurde nach vier Tagen freigegeben.

Die Identifizierung erfolgte anhand der Haare und vermutlich der Zähne. Eine Identifizierung durch die Angehörigen erfolgte nicht.

Es soll eine Feuerbestattung geben. Die Teilnahme an der Beerdigung lehne ich ab, da ich seit einem unwürdigen Urnenbegräbnis dies nicht mehr möchte.

Einäscherung. Das heißt, es kann keine Ermittlungen mehr geben. Die Feststellung Selbstmord bleibt.

Vielleicht will ich es einfach nicht glauben, aber meiner Meinung nach gibt es soviel Unstimmigkeiten.

Am Morgen des Beerdigungstages kam Karl-Friedrichs Sohn Markus zu mir ins Geschäft um mich doch noch zur Teilnahme an der Beerdigung zu bewegen.

Er habe gerade von der Polizei erfahren, dass sein Vater 19 Messerstiche hatte und einen Lungenstich.

Trotz dieser Kenntnis hat der Sohn die Verbrennung nicht annulliert oder weitere Untersuchungen verlangt. Er hätte dies seiner Mutter gegenüber erklären müssen und diese sollte nicht erfahren, wie ihr Mann zu Tode kam.

Für mich gibt es nun wieder Fragen über Fragen. Karl-Friedrich ein absoluter Ästhet, verstümmelt sich selbst.

Keine Medikamente, die ihn dazu getrieben haben - oder wollte man das nicht zugeben? Es handelt sich um eine städtische Institution.
Wieso konnte man von den Resten des angeblich schon zersetzten Magens keine Untersuchung mehr machen.

Fragen über Fragen und keine befriedigende Antwort.

Ich glaube nicht an Selbstmord.
Ich glaube nicht, dass Fundort und Tatort identisch sind.

War es die Tat eines Irren aus der Psychiatrie, Auftragsmord oder ein Selbstmord der unüblichen Art?

Ruhe in Frieden, Karl-Friedrich, egal ob Mord oder Selbstmord. Dein Wunsch ging in Erfüllung, verstorben wie ein Elefant, qualvoll und einsam.