Merkwürdige Momente

Autor: Götz, Susanne

In meinem Leben gab es bereits mehrere merkwürdige Momente.
Momente, in denen mir alles zu viel wurde.
Momente, in denen ich überlegte, was passieren würde, wenn ich das Lenkrad meines wunderbaren Spiders ganz plötzlich nach rechts einschlagen würde. Jedoch nicht, um einem anderen die Parklücke vor der Nase wegzuschnappen – sondern, um das Brückengeländer zu durchbrechen und in freiem Fall 50 Meter in die Tiefe zu stürzen.
Momente der Sehnsucht, endlich meine Ruhe zu haben.
Momente, über die ich nie mit jemandem sprach.
Merkwürdige Momente eben.
Zurzeit kamen mir solche Gedanken jedoch völlig abwegig vor. Auf der Arbeit lief es super, ich war frisch verliebt und meist tanzten rosa Herzchen vor meinen Augen. Plötzliche Lenkmanöver nach rechts standen definitiv nicht auf dem Programm. Es wäre schade um mein Leben, schade um zauberhafte Momente mit Lucas und schade um mein Auto. Und es wäre so richtig schade, nie wieder in den Genuss von Kaiser-Eis aus Knielingen zu kommen.
Es gab wirklich weit weniger drastische Möglichkeiten, meinem Bedürfnis nach Ruhe nachzukommen. So zog es mich nach der Arbeit oft in die Günther-Klotz-Anlage. Erst ging ich eine Runde spazieren, bevor ich mich am Michelin-Berg auf eine Bank setzte und mein Gesicht in die Abendsonne hielt.

Irgendjemandem musste meine liebe Gewohnheit irgendwann aufgefallen sein. Und irgendjemand musste auch von irgendwelchen merkwürdigen Momenten im Leben der Berenike Köhler gewusst haben. Denn es gab keine andere Erklärung dafür, dass der arme Penner mit dem Rauschebart an diesem Abend den Schreck seines Lebens bekam.
„Junge Frau, woll’n Se nich lieber nach Hause gehn? Sie schlafen ja mit offenen Augen!“, nuschelte er. Da ich nicht reagierte, stieß er mich ein wenig an. Offensichtlich rechnete der Mann nicht damit, dass ich gleich komplett von der Bank kippen würde. Erschrocken riss er die Augen auf. Die Bierflasche entglitt seiner Hand, stürzte in freiem Fall einen Meter in die Tiefe und zerschellte am Boden. Schaum spritzte auf meine nagelneuen Lieblingsschuhe. Doch es spielte keine Rolle. Da ich tot war, würde ich die Sneakers nicht länger benötigen.

Moment.
Woher wusste ich, dass ich tot war? Nur weil ich ein wenig bleich um die Nase mit offenen Augen neben der Bank lag? In einer übrigens wenig dekorativen Lage. Nur weil ein alkoholisierter Mann neben mir stand und „Ogottogottogott! Die is ja tot!“ stammelte?
Es musste ein Traum sein. Genau! Erleichtert schloss ich die Augen und atmete tief aus. Als ich die Augen wieder öffnete und dabei zufällig an mir herunterschaute, fiel mein Blick auf samtig behaarte Pfoten. Allmählich begann der Traum ein wenig irre zu werden. Ich blinzelte heftig und drehte den Kopf in alle möglichen Richtungen. Doch es nutzte nichts. Mein Körper lag immer noch verdreht neben der Bank. Der Penner beeilte sich, Land zu gewinnen. Die Katze am Wegesrand hatte große Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Plötzlich erinnerte ich mich schlagartig daran, was am gestrigen Abend passiert war. Dumm nur, dass mir kein Mensch zuhören würde. Welcher Kriminalbeamte würde sich schon mit einer Katze über den Mord an Berenike Köhler unterhalten?

Nikolai Köhler saß am Schreibtisch seines Detektiv-Büros, das im Erdgeschoss seines Hauses untergebracht war. Mit leerem Blick schaute er aus dem Fenster. Noch immer konnte er nicht glauben, dass er in der vergangenen Nacht seine einzige Schwester identifiziert hatte. Seine Zwillingsschwester Berenike. Sie war tot! Die Todesursache stand noch nicht fest, da die Leiche keine äußeren Verletzungen aufwies. Dennoch schloss die Kriminalpolizei ein Verbrechen nicht aus.
Nik schüttelte abwesend den Kopf. Wer hätte Niki umbringen sollen? Und warum? Er beschloss, selbst Ermittlungen aufzunehmen. Die Polizei würde nicht begeistert sein. Eine Bewegung auf der Terrasse riss ihn aus den Gedanken. Sein Blick fiel auf eine hübsche rot-weiß gescheckte Katze, die den Kopf gegen die Glastür drückte. Nik wunderte sich. Des Öfteren schlichen Katzen auf der Terrasse herum. Aber noch nie hatte eines der Tiere so aufdringlich um Einlass gebeten.

„Verdammt! Mach schon auf, Nik“, fluchte ich und starrte meinen Bruder grimmig an. Er war doch sonst nicht so schwer von Begriff! Seufzend bewegte ich mich ein paar Schritte rückwärts, um Anlauf zu holen. Dann warf ich mich mit meinem gesamten Gewicht gegen die Glastür. Als Krönung ließ ich mich dramatisch zu Boden fallen und streckte alle Viere von mir. Aus dem Augenwinkel heraus nahm ich wahr, wie mein Bruder erschrocken aufsprang und sich beeilte, die Tür zu öffnen.
Na, bitte! Geht doch!
„Hey, du verrücktes Katzenviech! Alles okay?“, fragte Nik besorgt.
„Klar, alles super! Davon abgesehen, dass ich tot bin und ausgerechnet als Katze wiedergeboren wurde“, keifte ich ihn an. Als Mensch hatte ich hochallergisch auf Katzenhaare reagiert. Ironie des Schicksals. Leider kamen meine Worte nur in Form eines heftigen Miauens bei Nik an.
„Schon gut, Kleine, reg dich nicht auf. Komm rein, ich habe bestimmt noch etwas Milch im Kühlschrank“, bot Nik mir an und strich beruhigend über meinen Rücken. Warum kamen Menschen nur immer auf die Idee, einer Katze Milch anzubieten? Noch dazu kalte? Dass ich mehr auf Latte Macchiato oder naturtrübe Apfelschorle stand, würde ich meinem Bruder allerdings nicht klarmachen können.
Als Nik mir wenig später die versprochene Milch vor die Füße stellte, kam mir plötzlich eine Idee. Wie oft hatte ich Nik erklärt, dass der schwarze Fliesenboden in seiner Küche keine besonders glückliche Aura verbreitete.
Gut, dass ihn meine Meinung hierzu nie interessiert hatte. Entschlossen tauchte ich eine Pfote in die Milch und begann, eine Botschaft auf den Boden zu schreiben. „Hey, was soll das Geschmiere?“, empörte sich mein Bruder und scheuchte mich aus der Küche. „Undankbares Tier!“
Ich flüchtete zunächst ins Büro zurück und suchte dabei fieberhaft nach einer anderen Möglichkeit, Nik zu erklären, wer ich war. „Raus mit dir!“, schimpfte er jedoch weiter. Ängstlich flüchtete ich vor meinem wütenden Bruder nach draußen.

Nikolai Köhler hatte gerade damit begonnen, sich einige Notizen zu machen, als sein Blick erneut abgelenkt wurde. Die Katze war zurück. Dieses Mal drängte sie zwar nicht darauf, ins Haus zu wollen. Doch wie vorher in der Küche schmierte sie nun mit der Pfote auf den grauen Steinplatten der Terrasse herum. Nach wenigen Strichen eilte sie zur nahen Gießkanne, um sich die Pfote erneut nass zu machen.
„Wunderbar! Eine stalkende Katze“, grummelte er und stand auf, wider Willen neugierig geworden. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er auf den Boden starrte. Die Sonne nagte bereits an den ersten beiden Buchstaben, dennoch konnte Nik das kurze Wort lesen: Niki.

Gerade setzte die Katze einen nassen Punkt unter das Ausrufezeichen am Ende der Zeile und starrte herausfordernd zu ihm auf. Nikolai Köhler kniff sich in den Arm. Der Schmerz war kurz und heftig. Nik träumte nicht. Er warf einen kurzen Blick in den Garten seiner neugierigen Nachbarin. „Komm rein, ich glaube, wir müssen reden“, zischte er dann.

Schnell hatten wir uns darauf geeinigt, dass Schreibversuche mit Milch auf dem Küchenboden nicht zu den besten Lösungen gehörten, unserem Verständigungsproblem beizukommen. So hockte ich inzwischen auf Niks Schreibtisch und tippte vorsichtig mit den Pfoten auf der Tastatur herum. Ein mühseliges Unterfangen, aber machbar. Verständlicherweise hatte mein Bruder anfangs Schwierigkeiten damit gehabt, meine durchgeknallte Geschichte zu glauben. Doch ein paar Geheimnisse aus unserer Kindheit überzeugten ihn schließlich.
Ich war gerade damit beschäftigt, meinem Bruder zu verraten, wer für meinen Tod verantwortlich war, als sein Telefon läutete. Es war ein sehr kurzes Gespräch. Nach ungefähr fünf einsilbigen Antworten, die mir überhaupt nichts verrieten, legte Nikolai schon wieder auf. Plötzlich ganz hibbelig geworden, schaute er mich an. „Du bist ermordet worden!“, stieß er hervor.
Richtig. Eine echte Unverschämtheit.
„Vergiftet! Mit Schokolade!“, fuhr er ungläubig fort.
„Ich war dabei, Bruderherz. Du erzählst mir nichts Neues“, miaute ich.
Denn diesen Satz zu tippen, hätte bis Weihnachten gedauert. Verständnislos zuckte Nikolai die Schultern, und ich deutete mit dem Kopf auf den Bildschirm, dem er noch immer keine Beachtung geschenkt hatte.
„Tessa war’s!“, las er vor. „Tessa?“
Ich nickte. Ja und nein klappten bestens.
„Und wer ist Tessa?“, fragte Nik prompt. Klar, woher sollte er die Frau kennen?
Meine Arbeitskollegin. Lucas’ Ex.
Ich war Opfer eines albernen Eifersuchtsdramas geworden. Nichts Spektakuläres. Wenn man davon absieht, dass ich ihr Lucas ausgespannt habe.
Tessa und ich hatten uns vor ein paar Wochen auf dem „Fest“ in der Günther-Klotz-Anlage verabredet. Lucas hatte sie begleitet. Die Liebe auf den ersten Blick hatte uns erwischt wie ein Blitzschlag. Natürlich tat mir Tessa Leid, als Lucas sich wenige Tage später von ihr trennte. Doch ich beruhigte mein Gewissen mit dem Gedanken, dass ihre Beziehung längst nicht mehr in Ordnung gewesen sein konnte.
Tessa ging mit meiner Meinung nicht ganz konform.
Für sie wäre es sicher besser gewesen, wenn Lucas an diesem Abend mit seinen Kumpeln einen draufgemacht hätte.
Insgesamt gesehen wäre das wohl auch für mich besser gewesen.
Plötzlich fiel mir auf, dass Nik mich erwartungsvoll anschaute.
Stimmt, er wartete noch immer auf die Erklärung, wer Tessa war.
Ich begann wieder mit der Tastatur zu kämpfen, um Nik eine Kurzfassung meiner Gedanken zu geben. Groß- und Kleinschreibung schenkte ich mir. Lange Sätze konnte ich trotzdem knicken.
„Schreib keine Romane, Niki“, mahnte mein Bruder. Dabei hatte ich gerade mit dem zweiten Wort begonnen!
„Was? Seine Ex? Sie hat dich nur umgebracht, weil sie eifersüchtig war?“, staunte er schließlich und starrte mich ungläubig an.
„Ausgespannt“, hackte ich ergänzend in die Tastatur, obwohl auch diese Tatsache keinen Mord rechtfertigte. Dennoch bemühte ich mich, schuldbewusst auszusehen, was mit einem Katzengesicht etwas schwierig ist. „Ach, Niki!“ Mein Bruder raufte sich verzweifelt die Haare. „War er es wenigstens wert?“ Nik versuchte, bei den Worten zu lächeln. Doch die Tränen, die über seine Wangen liefen, passten nicht dazu. Ich fand durchaus, dass Lucas es wert gewesen war. Eine 1a- Liebeserklärung. Bedauerlicherweise nutzte sie uns nichts.

Nik seufzte kellertief und rieb sich die brennenden Augen. Die schlaflose Nacht machte sich inzwischen heftig bemerkbar. Vor ihm lag sein Notizblock. Darauf niedergeschrieben der genaue Tathergang im Mordfall Berenike Köhler. Samt Uhrzeit, Beschreibung des Penners, der seine Schwester gefunden und sich anschließend verdrückt hatte. Und natürlich die Krönung: die Nennung der Täterin. Sogar das dämliche Motiv konnte er liefern. Kurz – der Fall könnte in fünf Minuten aufgeklärt sein. Könnte. Nikolai schnaubte durch die Nase. Was sollte er der Polizei erzählen? Eine Katze hat mir bei der Aufklärung geholfen? Nikolai würde schneller die Einweisung nach Wiesloch erhalten, als er bis zehn zählen konnte. Oder unweigerlich selbst in Verdacht geraten. Manche der Fakten konnten leider nur dem Täter bekannt sein. Fast ärgerlich betrachtete er die Katze, die inzwischen auf dem Boden saß und hingebungsvoll ihr Fell putzte. „Musstest du unbedingt einer Psychopathin den Freund ausspannen?“, knurrte er das Tier an.

Ich zuckte gedankenlos die Schultern und wäre dabei fast auf dem Gesicht gelandet. Es wurde Zeit, dass ich mich an meine neue Lebensform gewöhnte. Katzen sollten nicht die Schultern zucken, wenn das Gewicht gerade auf den Vorderpfoten ruhte ... Nik hatte gut reden. Wie hätte ich ahnen sollen, dass bei Tessa die Schrauben dermaßen locker saßen? Mein Bruder war doch nur sauer, weil er mit seinem Wissen nicht einfach zur Polizei gehen konnte. Es musste eine andere Lösung geben, die Kripo auf die richtige Spur zu setzen. Ich begann, angestrengt nachzudenken. Nik war indessen auf Standby gegangen. Er starrte reglos auf seine Notizen. Sogar das Blinzeln hatte er eingestellt. Seine Augen waren rot gerändert, die Haare zerzaust und seine Kleidung wirkte so zerknittert, als hätte er sie aus dem Altkleidersack gezogen. Seufzend sprang ich wieder auf seinen Schreibtisch und gab ihm mühsam zu verstehen, dass er eine Runde schlafen gehen sollte. „Wie kann ich schlafen, wenn dort draußen eine Mörderin frei herumläuft?“, murmelte er. Eine warme Welle der Zuneigung durchflutete mich. Plötzlich war mir nach Heulen zumute.

Es wurde Zeit, Tessa einen Besuch abzustatten! „Hey, wo willst du hin?“, fragte Nik, als er meinen Aufbruch bemerkte. Ich zögerte. „Raus! Schlaf schön“, tippte ich auf der Tastatur. Mein Bruder sah wirklich erbärmlich aus. Zart berührte ich mit der Pfote seinen Arm. Zum Glück wohnte Tessa genau wie ich in Mühlburg. Denn ich legte keinen Wert darauf, in der Straßenbahn als erste schwarzfahrende Katze in die Geschichte einzugehen. Etwas wehmütig schaute ich zu meiner Wohnung in der Brahmsstraße auf, bevor ich in die Ludwig-Marum-Straße einbog. Kurz darauf erreichte ich das Haus, in dem Tessa wohnte. Früher war an dieser Stelle ein wildromantisches Grundstück gewesen, umgeben von einem hohen, weißen Holzzaun. Das alte Herrenhaus stand lange leer, und ich weiß, dass ich als Kind überzeugt war, es würde dort spuken. Irgendwann wurde das Haus abgerissen und wich einer Neubausiedlung. Nur der mächtige Mammutbaum erinnert wie ein Denkmal an alte Zeiten. Genau diesen alten Baum erklomm ich nun, um den Balkon von Tessas Wohnung zu erreichen. Die Haustür war verschlossen. Dass mich Klingel und Sprechanlage überforderten, muss ich nicht extra erwähnen. Ich konnte mein Glück kaum fassen, die Balkontür geöffnet vorzufinden. Gerade wollte ich das Wohnzimmer betreten, als ich Tessa sprechen hörte. Offensichtlich telefonierte sie. Schwarze Schatten begannen vor meinen Augen zu flimmern, als ich erkannte, mit wem. „Es tut mir so leid, Lucas!“, hörte ich sie schleimen. Was für eine scheinheilige Ziege! Garantiert hatte sie schon ein Gläschen Prosecco auf mein Wohl getrunken. „Wenn ich irgend etwas für dich tun kann ...“ Oh ja, zum Beispiel von der Vogesenbrücke springen. Wenn möglich, vor einen fahrenden Zug! „Soll ich zu dir kommen?“, schlug sie stattdessen vor. Blöde Idee. Das fand Lucas scheinbar auch. „Na gut, wenn du meinst!“, erwiderte sie schließlich zweifelnd und legte endlich das Telefon zur Seite. „Dich kriege ich schon noch“, verkündete sie siegessicher. „Nicht, wenn ich es verhindern kann!“, entfuhr es mir. Keine Ahnung, wie ich es anstellen würde, aber ich war wild entschlossen. Mit reichlicher Verspätung registrierte ich, dass Tessa wie angestochen vom Sofa aufgesprungen war und ziemlich hysterisch in der Gegend herumkeifte. „Wer ist da?“, rief sie immer wieder und begann, das Wohnzimmer auf den Kopf zu stellen. Geistesgegenwärtig huschte ich im richtigen Moment vom Balkon ins Zimmer unter einen Sessel, bevor Tessa die Tür schließen würde. Mein Katzenherz schlug wie ein Presslufthammer. Hatte sie etwa verstanden, was ich vermeintlich miaut hatte?

Während Tessa hektisch alle Sofakissen anhob, hinter jedes Möbelstück schaute und dann tatsächlich die Balkontür verriegelte, bemühte ich mich mindestens ebenso hektisch, meine Gedanken zu sortieren. Warum musste ich mir bei Nik die Pfoten wund schreiben, während mich dieses Miststück verstehen konnte? Sinnlos, darüber nachzudenken. Viel wichtiger war die Frage: Was sollte ich jetzt tun? Wenn ich ihr gegenübertrat und mich zu erkennen gab, musste ich schließlich damit rechnen, ein zweites Mal umgebracht zu werden. Und wenn schon! Wie war das mit den sieben Leben einer Katze? Ich hatte sowieso nichts mehr zu verlieren. Also atmete ich tief durch und kroch unter dem Sessel hervor.
Tessa starrte die gescheckte Katze an, die urplötzlich vor ihr stand.
„Wo kommst du denn her?“, fragte sie verwundert.
„Du hast vergessen, unter den Sessel zu schauen!“
Die junge Frau wurde aschfahl im Gesicht. Schon wieder diese Stimme, die sie so sehr an die ihrer Kollegin Berenike erinnerte. Tessa glaubte, allmählich durchzudrehen.
„Verschwinde!“, schrie sie mit sich überschlagender Stimme. „Hau ab!“Es konnte doch nicht sein, dass dieses Vieh sprechen konnte?
„Wo bleibt deine Gastfreundlichkeit, meine Liebe?“, fragte die Katze vorwurfsvoll. „Willst du mir nicht einen Schluck Milch anbieten? Oder vielleicht lieber ein Stück Schokolade?“
„Was? Wieso Schokolade?“ Vor Aufregung klang Tessas Stimme zwei Oktaven höher.
„Tu nicht so scheinheilig“, fauchte die Katze. „Dein Gefühl trügt dich nicht. Ich bin es tatsächlich. Berenike!“
„Ganz ruhig“, redete Tessa sich selbst zu. Ihre Hände zitterten.
„Genau, beruhige dich endlich. Sonst kriegst du noch einen Herzinfarkt. Wäre echt schade“, empfahl ihr das Tier.
Tessa entging der hämische Unterton keineswegs. Sie warf dem ungebetenen Gast einen mörderischen Blick zu.
„Klappt nicht. Blicke können nicht töten“, erwiderte die Katze gelassen. Plötzlich gewann Tessas Selbstsicherheit wieder die Oberhand. Das süße Gefühl des Triumphs kehrte zurück. „Stimmt. Blicke töten nicht. Aber mit der Schokolade habe ich das wunderbar hingekriegt, findest du nicht auch, Niki? Du hattest das erste Stück kaum gegessen – und schon warst du tot.“ Tessa legte den Kopf schief und schaute das Tier herausfordernd an. „Und? Willst du mir nicht den Grund deines Besuchs verraten, Katze?“ Das letzte Wort spuckte sie förmlich aus.

„Gib mir mein Leben zurück“, schrie es in mir. Doch dafür waren höhere Mächte zuständig. „Geh zur Polizei“, antwortete ich stattdessen schneidend. „Ich bin doch nicht bescheuert“, lachte Tessa irre. „Mir kommt niemand auf die Schliche. Und eine Katze ist leider keine glaubwürdige Zeugin. Den Weg kannst du dir sparen.“ Ich seufzte. Natürlich hatte ich nicht wirklich damit gerechnet, dass sie meinen Rat befolgen würde. Kein Problem für mich. Genau für diesen Fall gab es Plan B. Es war sonnenklar, dass Tessa mich loswerden wollte. Doch inzwischen hatte ich alle Zeit der Welt. Und ich war ziemlich sauer, weil sie mich umgebracht hatte. Also begann ich, ihr die schönsten Einzelheiten aus meiner Beziehung mit Lucas zu erzählen. Innerhalb kürzester Zeit war sie mindestens so sauer wie ich. „Du siehst aus, als würdest du mich am liebsten umbringen“, meinte ich lässig. In diesem Moment läutete es an der Haustür. Tessa und ich starrten einander an. Wie hypnotisiert. Die Sekunden tropften dahin. „Willst du nicht öffnen?“, erkundigte ich mich freundlich. „Verschwinde!“, schnauzte Tessa und riss die Balkontür wieder auf. „Sofort!“ Ich dachte nicht daran. Jetzt, da es gerade spannend wurde. Es läutete erneut. Tessa stöhnte auf und rannte zur Tür. Ich setzte mich entspannt auf mein Hinterteil und wartete ab. Kurze Zeit später betrat Tessa das Zimmer. Ihr folgten zwei Polizisten. Ich staunte nicht schlecht. Amüsiert registrierte ich, dass Tessas nervöser Blick das Wohnzimmer scannte. „Hi, ich bin immer noch da.“ Lässig hob ich eine Pfote. „Halt die Klappe“, entfuhr es Tessa. „Verzeihung?“ Die rechte Augenbraue des älteren Beamten rutschte nach oben aus. „Ich habe die Katze gemeint.“ Tessas Gesicht leuchtete in einem satten Rot. „Sie hat doch nur miaut“, versuchte der andere Kriminalbeamte sie zu besänftigen und nahm unaufgefordert Platz. Ich schlich sofort um sein Hosenbein, während ich nebenbei fast vor Neugier platzte. Was wollten die beiden hier? Ich wurde nervös. Hoffentlich hatte Nik meinen Rat befolgt und schlief inzwischen den Schlaf der Gerechten. Er würde sich mit seinem Wissen in Teufels Küche bringen.

„Sie führten vor einer Stunde ein Gespräch mit Herrn Lucas Lembach“, begann der jüngere Beamte endlich zu reden. „Offensichtlich haben Sie den Hörer nicht richtig aufgelegt. So wurde Herr Lembach Zeuge einer beunruhigenden Unterhaltung.“ „Wo waren Sie gestern Abend zwischen 20 und 21 Uhr?“, fragte sein Kollege. Tessa brach in Tränen aus.

Ein wenig bedauerte ich die rasche Aufklärung des Mordes. Schade um meinen Plan B! Wie gerne hätte ich Tessa auf Schritt und Tritt verfolgt. Auf sie eingeredet. Ihr bittere Vorwürfe gemacht. Und nachts schauerliche Schlaflieder gesungen. Kein Auge hätte sie mehr zugemacht! Irgendwann hätte es auch in ihrem Leben merkwürdige Momente gegeben. Momente, in denen sie überlegt hätte, was passieren würde, wenn sie das Lenkrad ihres wunderbaren Minis ganz plötzlich nach rechts einschlagen würde. Jedoch nicht, um einem anderen die Parklücke vor der Nase wegzuschnappen – sondern um das Brückengeländer zu durchbrechen und in freiem Fall 50 Meter in die Tiefe zu stürzen. Momente der Sehnsucht, endlich ihre Ruhe zu haben.

Ruhe vor mir.