Von der Liebe

Autor: Meiswinkel, Beate

Ein Schrei zerriss die friedliche Stille, die sich nach der Betriebsamkeit des Tages über das Schloss zu Carolsruhe gelegt hatte. Feurig fielen die golden gleißenden Strahlen der Abendsonne auf die beiden weit ausgebreiteten Flügel der Residenz mit dem anmutig in die Höhe strebenden Turm, als jener Schreckenslaut aus dem Fasanengarten herübergellte. Man hatte den Zapfenstreich noch nicht geblasen, deshalb dauerte es nicht lange, bis die Leute aus dem Schloss zusammengelaufen kamen, der angstgepeitschten Frauenstimme zueilend, die nun in einem fort „Zu Hilfe!“ rief.
Luise hatte sich bei dem Aufschrei vor Schreck mit der Nadel in den Finger gestochen. Sie schnalzte ärgerlich mit der Zunge, als sie sah, wie helles Blut auf die feinen Bänder tropfte, mit denen sie gerade die neue Nachthaube einer Demoiselle verbrämte. Doch dann warf sie die Näharbeit auf den Tisch, raffte die Röcke und eilte auf stämmigen Beinen nach draußen. Sie sah, wie aus allen Richtungen Höflinge, Bedienstete und Gardisten in den markgräflichen Garten liefen. Luise hastete hinterdrein, so rasch, wie es in ihrem Alter eben noch ging. Hinter den prächtigen Tulpenbeeten, dort bei den Rosenrabatten, waren die Leute zum Stehen gekommen. Betretenes Murmeln war zu hören und das harte Schluchzen einer Frau. Luise konnte zwischen all den ihr zugewandten Rücken nichts sehen. Resolut stieß sie ein paar Gaffer beiseite, um sich nach vorne durchzudrängen. Dann sah sie sie.

Charlotte Bischoff lag reglos unter den weißen Rosen. Ihre weit aufgerissenen Augen, die saphirblau gefunkelt hatten, wenn sie stolz in ihrer Husarenuniform lächelnd und winkend hoch zu Ross die weibliche Ehrengarde des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach angeführt hatte, waren nun blicklos und leer. Ein dünner Faden roten Blutes troff von ihren leicht geöffneten Lippen. Die Perücke war ihr vom Kopf gerutscht, darunter entrollten sich glänzende braune Locken. In ihrer linken Brust steckte, von grausamer Hand tief ins junge Fleisch gestoßen, eine Aigrette, eine lange Haarnadel, an deren Ende eine Blüte aus dunkelroten Glassteinen prangte. Neben der Leiche stand bitterlich weinend eine dürre Dienstmagd, einen Strauß gelber Rosen in den bebenden Händen. „Demoiselle Stéphanie hat mich in den Garten geschickt, um Teerosen für ihr Boudoir zu schneiden. Da habe ich sie gefunden!“ Das Mädchen ließ die Blumen fallen und heulte laut. Luise trat vor, legte den Arm um sie und winkte einer Köchin: „Lauf in die Küche und mach von der Suppe heiß! Sie braucht eine Stärkung!“ Sie begleitete das Mädchen hinein und blieb bei ihr, bis man am Morgen zur Befragung nach ihr schickte.

Bereits bei Tagesbeginn ballten sich flieder- und bleifarbene Wolken drohend am Himmel zusammen. Die Stimmung im Schloss war ebenso düster. Der Mord an der Demoiselle hatte Trauer, Entsetzen und Wut bei Hofe hinterlassen. Charlotte Bischoff war beliebt gewesen, die Zierde der Ehrengarde des Markgrafen, jenem Schwarm bürgerlicher Mädchen, die als Hofsängerinnen in seinem Sold standen. Alle sechzig waren sie von erlesener Anmut und in Gesang und Tanz geschult. Jeweils acht seiner hübschen Gesellschafterinnen begleiteten Karl Wilhelm täglich. Sie folgten als berittene Husaren seiner Kutsche, legten ihm bei Tische vor und sorgten für die Tafelmusik. Vor allem aber traten sie als fürstliche Singerinnen am Hoftheater im Ostflügel des Schlosses auf. Böse Zungen sprachen von ihnen als „des Markgrafen ridicülem Serail“. Es war bekannt, dass einige der Fräulein Karl Wilhelms Maitressen waren, und Charlotte war seine derzeitige Favoritin gewesen.
Luise fand in der bedrückten Stimmung bei Hofe ihre eigenen Gefühle wieder. Wie alle anderen fragte sie sich, wer dazu fähig gewesen war, die schöne Demoiselle so grausam zu ermorden. Die Luft schwirrte nur so vor Klatsch und Tratsch, nicht nur bei Hofe. Auch in der jungen Residenzstadt zu Carolsruhe verbreitete sich die Schreckensmeldung vom Mord an der Bischoffin rasch. Alle, von den Höflingen bis hinunter zur ärmsten Tagelöhnerin, hatten eine Meinung, eine Vermutung oder eine Theorie. Luise hatte ihre Augen und Ohren überall. Die Näherin der Hofsängerinnen war nicht nur geschickt mit der Nadel, sie besaß auch einen scharfen Verstand. Sie vermochte stets das kleine Körnchen Wahrheit zu finden, das in jeder noch so farbenfrohen Klatschgeschichte verborgen liegt.

Natürlich wusste jeder im Schloss, dass bereits am Morgen die Herren von der Polizei auf Geheiß des Markgrafen gekommen waren, um ihre Untersuchungen durchzuführen. Karl Wilhelm hatte ausdrücklich befohlen, dass der Mörder so rasch wie möglich gefasst werden musste, damit das in Aufruhr geratene Hofleben wieder zurück in die ruhigen Bahnen des Alltags gelenkt werden konnte. Schnell hatte man nachgewiesen, dass Charlotte Bischoff durch einen Stich ins Herz getötet worden war. Als Mordwaffe kam nur jene Aigrette in Frage, die man in ihrer Brust steckend gefunden hatte. Bei ihren Befragungen fanden die Amtleute rasch heraus, wem das Corpus Delicti gehörte: Es war Eigentum von Babette Engelhard. Auch Demoiselle Babette gehörte zu den Hofsängerinnen und war aus der schönen Universitätsstadt Tübingen an den badischen Hof gekommen. Vor einiger Zeit war durchgesickert, dass die Engelhardin guter Hoffnung war. Um den Skandal perfekt zu machen, zeigten die Untersuchungen der Leiche, dass auch Charlotte Bischoff schwanger gewesen war. Es war anzunehmen, dass nur der Landesvater selbst beide Kinder gezeugt haben konnte. Da bei Hofe allgemein bekannt war, wie sehr die Engelhardin den stattlichen Markgrafen liebte, war das Urteil über die unglückliche Schwäbin in den Köpfen der Leute rasch gefällt. Ein Verbrechen aus Eifersucht! Die Mörderin hatte wohl gehofft, sich einen dauerhaften Platz im Herzen und am Hofe des Markgrafen erobern zu können, indem sie ihm ein Kind schenkte. Aber dann war die Bischoffin auch schwanger geworden und hatte ihr die erhoffte Sonderstellung als Mutter eines Bankerts von Karl Wilhelm streitig gemacht. Da war es über sie gekommen, und sie hatte die Konkurrenz kaltblütig aus dem Wege geschafft! Luise sagte nichts zu diesem Geschwätz. Fiel denn keinem ein, dass der Markgraf bereits andere Kinder bei Hofe erziehen ließ, die unehelich von Hofsängerinnen geboren worden waren und die man sämtlich auf die Namen Carl oder Carline getauft hatte? Zumal offenbar alle Welt zu vergessen schien, dass der Markgraf mit der Demoiselle nicht nur seine schönste Maitresse verloren hatte. Charlotte hatte auch die Hauptrolle in seinem neuesten Singspiel „Das Urteil des Paris“ innegehabt. Es mochte ja sein, dass man der Ermordeten ihr Glück neidete und dass sie deshalb hatte sterben müssen; aber ging es dabei wirklich um den besonderen Platz, den sie im Herzen und im Boudoir des Markgrafen eingenommen hatte? Stirnrunzelnd beobachtete Luise zur Mittagszeit, wie die Engelhardin abgeführt wurde. Sie für ihren Teil war überzeugt, dass das sanftmütige Mädel unschuldig war.

Luise kannte Babette nur flüchtig, aber sie brauchte niemals lange, um sich ein Urteil über jemanden zu bilden. Sie mochte die Demoiselle, wie sie auch Charlotte gemocht hatte. Die meisten Hofsängerinnen gaben ihre Kleider und Kostüme bei den besten Schneidern der Stadt in Auftrag. Charlotte und Babette waren zur Sparsamkeit erzogen worden und gingen mit den Wünschen für ihre Garderobe zu ihrer Näherin im Schloss. Vor einigen Wochen waren die beiden mit den Kostümentwürfen für das neue Singspiel in die Nähstube gekommen, aufgeregt und voller Vorfreude. „Das Urteil des Paris“ stammte aus der Feder des noch unbekannten Freiburger Compositeurs Peter Hager, den man dem Markgrafen im Frühjahr vorgestellt hatte. Karl Wilhelm war begeistert vom Feuer des leidenschaftlichen jungen Mannes und hatte ein Singspiel um die griechische Mythologie bei ihm in Auftrag gegeben. Es war kein Wunder, dass die Mädchen so aufgeregt waren, denn beide hatten erstmals eine Hauptrolle in einer Aufführung am Hoftheater erhalten. Während Babette Engelhard mit ihrem silberblonden Haar und dem glockenhellen Sopran die schöne Helena singen sollte, hatte man die dunkle Charlotte für die Rolle des Paris gewählt. In den Singspielen des Markgrafen traten keine mondänen, kostspieligen Kastraten auf, sondern ausschließlich seine Hofsängerinnen, so dass einige von ihnen Hosenrollen übernahmen. Und war sie als junge Frau schon eine Schönheit, so war Charlotte in den Kleidern eines Jünglings schlichtweg atemberaubend.

Luise erinnerte sich noch besonders gut an den Vormittag, als die beiden Demoiselles zur Anprobe der fertigen Kostüme in die Nähstube gekommen waren. Keine Spur von Missgunst oder Neid war zwischen ihnen, augenscheinlich waren sie beste Freundinnen. Bei Babette zeigten sich die ersten Zeichen der Schwangerschaft, und das Leuchten, das werdende Mütter umgibt, machte sie als schöne Helena noch strahlender. Doch der Paris … wie zauberhaft war Charlotte Bischoff in ihrem Kostüm anzusehen! Luise war überrascht von der Wirkung der eigenen Hände Arbeit. Die Demoiselles drehten und wandten sich kichernd vor den Spiegeln, um sich gebührend von allen Seiten bewundern zu können. Über den eigenen Anblick freuten sie sich so sehr, dass sie der alten Näherin spontan das Duett von Helena und Paris vortrugen. Charlottes hübsche Altstimme antwortete dem süßen Zehren des Tübinger Soprans. Ein blond- und ein dunkel gelocktes Haupt neigten sich einander in einem finalen Bühnenkusse zu, der bei der Premiere zweifellos für Aufruhr sorgen würde. Luise applaudierte begeistert. Da sang Charlotte auch noch ihre Solopartie „Die Ode des Paris“. Luise konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor eine schönere Melodie oder einen artigeren Vortrag gehört zu haben. Kaum zu glauben, dass jenes lebensfrohe Mädchen nun kalt und tot in der Leichenhalle lag.

An diesem Abend stahl Luise sich nach vollbrachtem Tagewerk hinaus, obwohl der Zapfenstreich schon geblasen worden war. Sie kannte die Runden der Wache gut genug, um ungesehen in den Fasanengarten zu gelangen. Der Himmel spannte sich petrolfarben über dem Schloss. Zwischen Wolkenschatten zeigten sich die ersten Sterne und der Mond war aufgegangen. Wie immer zog es Luise zu den Trauerweiden am Seeufer. Da vernahm sie auf einmal leisen Gesang. Neugierig folgte sie der lieblichen Frauenstimme, die sie zum anderen Ende des Teichs lockte. Dort entdeckte sie auf einer Bank beim Ufer sitzend eine Demoiselle, zu deren Füßen ein Cavalier kniete. Das Bild glich einem Scherenschnitt. Während das Fräulein sang, lauschte der Herr, die Hände ergriffen an die Brust gelegt. Luise verharrte bezaubert in sicherem Abstand, als ihr plötzlich aufging, dass sie die Melodie kannte: Es war die „Ode des Paris“, die Demoiselle Charlotte für sie gesungen hatte. Doch war der Vortrag der Bischoffin schön gewesen, so gab es für den betörenden Wohlklang jener leisen, doch volltönenden Stimme keine Worte. Luise spürte, wie ihr die Kehle eng wurde und wie ihr Herz höher schlug. Als die Melodie verklang, erhob sich der Cavalier und neigte sich der Liebsten im Kusse zu und der Mondschein fiel auf das hübsche Antlitz des Compositeurs Peter Hager. Allein das Gesicht der Demoiselle blieb in den Schatten verborgen.
Die nächtliche Episode ging Luise nicht mehr aus dem Sinn. Sie fragte sich, welche der Hofsängerinnen den Maestro so verzaubert hatte, dass er sich mit ihr zu einem verbotenen Stelldichein im Fasanengarten traf. Auch für die junge Dame war dies ein risikoreiches Unterfangen. Nächtliches Umherstromern seiner Fräulein konnte Karl Wilhelm kaum zupasse sein. Luise aber beschäftigte eine andere Sache: Wie kam es, dass die geheimnisvolle Demoiselle die „Ode des Paris“ so gut kannte? Sicher musste rasch ein Ersatz für Charlotte gefunden werden, und bestimmt gab es auch eine Zweitbesetzung. Aber eine von solchem Talent, die gar schöner sang als die erste Wahl des Markgrafen? Das war sonderbar!

Einige Tage später brachte eine Dienstmagd das Kostüm des Paris in die Nähstube mit der Anweisung, es solle für Stéphanie Metz geändert werden. Die Demoiselle, so teilte die Dienstmagd Luise geschwätzig mit, habe die Rolle auf allerhöchsten Befehl und auf besondere Fürsprache des Compositeurs erhalten. Ob das wohl die geheimnisvolle Mondscheinsängerin sein mochte?

Demoiselle Stéphanie erschien bereits am selben Nachmittag, die Uhr hatte eben zwei geschlagen, affektiert kichernd am Arm des Compositeurs zur Anprobe. Sie war von gefälligem Äußeren, jedoch nicht so schön wie Charlotte. Ihre scharf geschnittenen Züge hatten zwar ihren Reiz, doch die hellen Augen standen eng beieinander und der schmale Mund wirkte hart. Während Charlotte ein liebenswürdiges Wesen gehabt hatte, war Stéphanie hochfahrend und unfreundlich. Sie kokettierte schamlos mit Hager, der seinerseits ganz verliebt in sie war. An dem Kostüm hatte sie allerlei zu bemängeln, und am liebsten hätte sie sich in Carolsruhe ein neues schneidern lassen. Da die Premiere jedoch nahte, musste sie sich damit bescheiden, dass die Näherin es für sie anpasste und mit allerlei Flitter herausputzte, bis es wenigstens annähernd ihren Erwartungen entsprach. Als Stéphanie schließlich als Paris gekleidet einige Zeilen aus dem Singspiel vortrug, um die Wirkung des Kostüms zu erproben, vergaß Luise jedoch alles andere, so schön war ihre Stimme, so kunstfertig ihr Vortrag. Es gab keinen Zweifel: Dies war die Sängerin aus dem Fasanengarten.

Grübelnd lag Luise am Abend in ihrem Bett. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um die Ermordete, den Compositeur, die Metzin und die unglückselige Babette, die auf ihre Verhandlung wartete, obwohl das Urteil längst über sie gefällt worden war. Die Indizien sprachen gegen sie. Vor allem wünschten die hohen Herren eine rasche Verurteilung, an weiteren Untersuchungen war niemand interessiert. Das war empörend, aber was konnte man da tun? Luise wälzte sich ruhelos von einer Seite auf die andere, und plötzlich richtete sie sich hellwach auf. Etwas war ihr wieder eingefallen. Etwas, was die Dienstmagd gesagt hatte, die die Ermordete gefunden hatte.
Am folgenden Morgen schickte man Luise in die Draisgasse, wo die Metzin mit zwei anderen Hofsängerinnen ein kleines Haus bewohnte. Sie hatte sich erboten, der Demoiselle das Kostüm zu bringen, um bei Bedarf noch letzte Änderungen vornehmen zu können. In Wirklichkeit suchte die alte Näherin aber die Gelegenheit, mit der Metzin zu sprechen. Sie war ihr zwar offiziell unterstellt, hatte aber keine Angst davor, dem Fräulein ein paar unbequeme Fragen zu stellen. Und sie hatte ihre Vorkehrungen getroffen.
So klopfte sie schließlich an die Tür des Häuschens in der Draisgasse. Die Demoiselle öffnete selbst, nur mit ihrem Morgenrock angetan. Luise knickste und sprach: „Ich bringe Ihr Kostüm, Demoiselle.“ Stéphanie winkte die Näherin herein und führte sie in eine hübsche, helle Stube.
„Leg es dort über den Stuhl“, befahl sie, während sie sich an ihren Toilettentisch setzte und begann, ihr Haar zu bürsten, „dann kannst du wieder gehen.“ „Ich hatte gehofft, noch eine Anprobe vornehmen zu können“, sagte Luise und knickste erneut. Die Demoiselle warf ihr aus dem Spiegel einen kühlen Blick zu. „Nicht nötig. Ich bin zufrieden damit, wie es ist.“
„Sehr wohl, Demoiselle.“ Luise legte das Kostüm über die Rückenlehne des Stuhles am Fenster. Dabei bemerkte sie einen Schatten draußen auf der Straße. Sie ignorierte ihn. Stattdessen bückte sie sich nach ein paar auf dem Boden verstreuten Notenblättern und hob sie auf.
„Demoiselle…“
Brüsk wandte Stéphanie sich um: „Was ist denn noch?“
„Ihre Noten, Demoiselle. Sie sind heruntergefallen.“
Die Metzin erhob sich und durchmaß den Raum mit wenigen Schritten.
Sie riss der Näherin die Blätter aus der Hand und sah Luise ärgerlich an.
„Was willst du noch? Habe ich dich nicht entlassen?“
„Ich wollte nur sagen, dass es mich besonders freut, dass Sie die Rolle des Paris im Singspiel übernehmen werden“, sagte Luise. „Ich konnte die Schönheit Ihrer Stimme bei der einen oder anderen Gelegenheit bewundern!“
Stéphanie legte die Noten auf die Sitzfläche des Stuhles zu ihrem Kostüm und lachte selbstgefällig. Den Schatten am Fenster bemerkte sie nicht. „Wann hast du mich denn singen hören?“
„In der Nähstube. Und neulich hörte ich Sie nachts im Fasanengarten, als Sie dem Herrn Compositeur vorgetragen haben.“ Stéphanie erbleichte. „Was hast du nachts im Garten zu schaffen?“
„Niemand hat nach dem Zapfenstreich dort etwas verloren“, Luise lächelte bescheiden, „aber manchmal kann eine alte Frau wie ich nicht schlafen und frische Luft wirkt Wunder.“ Sie hob den Blick und sah der Demoiselle fest in die Augen: „Ich war erstaunt, wie trefflich Sie die Rolle des Paris beherrschen, die doch eigentlich Charlotte Bischoff singen sollte.“
Die Demoiselle sah die Näherin scharf an: „Wie meinst du das?“
„Ich verstehe nicht viel von diesen Dingen, aber Sie leben den Paris ja förmlich. Dabei dauert es doch sicher seine Zeit, bis man eine solche Rolle gelernt hat? Wochen oder gar Monate?“
„Nur weiter“, sagte Stéphanie. Ihre Stimme war klang drohend.
„Aber schließlich musste ja rasch ein Ersatz gefunden werden.“
„Ein Ersatz?“ Die Metzin warf den Kopf in den Nacken, „Ich war immer Peters erste Wahl! Ich hätte von Anfang an die Hauptrolle singen sollen. Die Bischoffin war höchstens gut genug für den Chor! Aber Seine Hoheit wollte wohl lieber seine hübsche Maitresse in Beinkleidern sehen!“
„Musste sie deshalb sterben?“ fragte Luise lauernd.
„Ich weiß nicht, was du meinst“, Stéphanies Augen glitzerten gefährlich: „War es etwa meine Aigrette, die ihr ins Herz gestoßen wurde?“
„Nein, die gehört Babette Engelhard“, entgegnete Luise, „aber ich glaube nicht, dass sie sie getötet hat. Ich glaube, dass Sie es getan haben!“
„Das ist …“, Stéphanie lachte ungläubig, „eine Ungeheuerlichkeit. Wie kannst du es wagen? Ich werde dafür sorgen, dass du entlassen wirst! Dann kannst du als Tagelöhnerin nach Klein-Carolsruhe gehen!“
„Ich bin aber nicht die Einzige, die gehört hat, was die Dienstmagd gesagt hat, die die Tote gefunden hat“, erwiderte Luise, „sie sagte, dass Sie sie in den Garten geschickt hatten, um Teerosen zu schneiden. Und dabei entdeckte sie die Tote! Ich glaube, Sie wollten, dass Charlotte so gefunden wird, erstochen mit der Aigrette der Engelhardin. Alle wussten von Demoiselle Babettes Liebe zu Seiner Hoheit und dass sie sein Kind erwartet. Man sollte glauben, dass sie Charlotte getötet hat. Aber so ist es nicht gewesen, nicht wahr? Sie haben es getan! Sie haben die Aigrette entwendet und die Bischoffin getötet. Weil sie die Hauptrolle singen sollte, die Sie haben wollten!“
Stéphanies Augen flackerten, als sie antwortete: „Ja, ganz recht, ich habe es getan! Du bist eine schlaue alte Frau. Aber was nutzt dir dein Wissen? Wir sind ganz allein im Haus. Wer also wird dir glauben? Mein Wort steht gegen deines. Ich bin eine respektable Person! Wer bist du? Und wo ist dein Beweis?“
„Die Aussage eines Ohrenzeugen ist Beweis genug!“ Die Stimme von Peter Hager war leise, aber fest, als er durch die Tür in die Stube trat. „Ich habe vor dem Fenster gewartet. Ich habe jedes Wort gehört. Stéphanie, wie konntest du das tun?“
Die Demoiselle erbleichte. Sie starrte den Compositeur an wie ein Gespenst. „Peter“, stammelte sie. Mit ausgestreckter Hand ging sie auf ihn zu, als wolle sie sein Gesicht berühren, um sich zu vergewissern, dass er leibhaftig vor ihr stand.
Er wich zurück. „Bleib weg von mir! Ich wollte es nicht glauben! Luise ist gestern zu mir gekommen. Sie hat mich aufgefordert, mitzukommen und vor dem Fenster zu lauschen wie ein gemeiner Spitzel! Natürlich habe ich mich geweigert, aber sie hat nicht abgelassen, bis ich nachgab. Ich wollte ihr beweisen, dass sie Unrecht hat. Dass du niemals fähig wärest ...“ Stéphanie sank weinend zu seinen Füßen: „Oh Peter, Peter, ich habe es doch nur für dich getan! Charlotte hätte die Rolle niemals ausgefüllt, aber mit meiner Stimme wäre das Singspiel ein Triumph gewesen. Du hast es selbst gesagt! Man hätte dich auch an andere Höfe gerufen. Wir hätten heiraten können! Ich habe es nur aus Liebe getan! Aus Liebe zu dir!“
Der junge Mann schwieg lange, Tränen liefen nun auch über seine Wangen. Dann sagte er: „Du solltest dich ankleiden. Luise wird dir behilflich sein. Zwei Gardisten warten, um dich zu begleiten.“ Mit diesen Worten verließ er das Haus. Stéphanie hockte erstarrt an der Stelle, wo sie zu Boden gesunken war.
„Nur aus Liebe. Ich hab es nur aus Liebe getan …“ flüsterte sie. „Mein liebes Kind, aus Liebe tötet man keinen anderen Menschen!“ Luises Stimme war kalt vor rechtschaffener Verachtung. Da hob die Demoiselle den Blick und sah sie aus rotgeweinten Augen lange an. Dann lachte sie leise.
„Dumme alte Frau“, sagte sie, „was weißt du schon von der Liebe?“