Mord am Schloss

Autor: Fritzsching, Babette

Jeden Tag wurde die Lichtung ein Stück größer. In zwei Monaten sollte die Grundsteinlegung für den Turm gefeiert werden. Aber auf der Lichtung lagen noch die gefällten Bäume, die am Tag vorher geschlagen worden waren.
Nebelschwaden hingen in der Luft. Es war kalt. Man konnte die Atemluft der Männer sehen, die schnaufend auf der Lichtung kämpften. Beide waren bis auf Hemd und Hose unbekleidet und hielten ihren Degen zur Verteidigung hoch. Sie schwitzten und atmeten schwer. Der Kampf schien eine Weile hin- und hergegangen zu sein, ohne dass einer dem anderen wirklich überlegen war. Der eine Mann hatte eine leicht blutende Wunde am Oberarm. Davon ließ er sich aber nicht ablenken, denn er holte gerade zum Angriff aus. Sein Gegner parierte den Angriff geschickt und trieb den Mann mit ein paar Schlägen über die Lichtung. Der Mann verteidigte sich. Da stolperte er über einen der gefällten Bäume. Im Fallen versuchte er sich zur Seite zu drehen, aber sein Degen verfing sich im Geäst. Sein Gegner erhob den Degen triumphierend zum Todesstoß. Danach war es still auf der Lichtung.

„Morgenstund‘ hat Gold im Mund“ oder „The early bird gets the worm“. Wenn er zu früher Stunde an einen Tatort gerufen wurde, musste Kommissar Knut Helmer immer an diese Sprüche seiner Mutter denken, mit denen sie einst versucht hatte, ihn zu wecken. Damals wie heute fiel es ihm schwer, vor acht Uhr aus den Federn zu kriechen. Außerdem war fünf Uhr definitiv zu früh, um einem Toten in die Augen zu schauen. Resigniert nippte er an seinem Kaffee. Als mit 35 Jahren jüngster Kommissar der Karlsruher Kriminalpolizei – Dezernat Kapitalverbrechen – wurde meistens er zu den Verbrechen gerufen, die vor Sonnenaufgang stattgefunden hatten. Aber in den zwei Jahren seit seiner Beförderung hatte er sich immerhin den Respekt seiner Kollegen verschafft, indem er mit seinem Team zusammen viele Fälle auch vor Sonnenuntergang gelöst hatte. Dieser Fall sah allerdings ganz danach aus, als ob er länger dauern würde.
Helmer überblickte den Tatort. Seine Leute durchkämmten systematisch die Umgebung und etikettierten jede Kleinigkeit, die etwas mit dem Fall zu tun haben konnte. Polizeioberwachtmeister Egon Knubbel kam auf ihn zu. „Guten Morgen, Kommissar.“
„Gut wird der Morgen erst nach acht, Knubbel! Ich schaue mich kurz um, danach treffen wir uns zur Lagebesprechung.“ Helmer sah sich den Toten genau an. Er war etwa 1,70 Meter groß und sportlich gebaut. Am Hinterkopf klaffte eine große Wunde. Das braune Haar war mit Blut getränkt. Mit dem Oberkörper hing der Tote im Brunnen, so dass die Füße gerade noch den Boden berührten. Ein Degen steckte in seinem Rücken. Er sah genauso alt aus wie die Kleidung des Toten. Helmer musste unwillkürlich an die alten Mantelund Degenfilme denken, in denen die drei Musketiere den König und die Welt gerettet hatten. So ähnlich wie die Musketiere war auch der Tote mit einer blauen Kniebundhose und einer ebenso blauen, knielangen Jacke gekleidet. Dazu hatte er weiße Kniestrümpfe und schwarze Schnallenschuhe an. Unter der Jacke trug er ein weißes Hemd mit gekräuselter Spitze und ein einfaches, jetzt blutrot getränktes Halstuch. „Morgen, Dr. Klement. Nach der Kleidung zu urteilen, ist er wohl schon eine Weile tot, oder?“
Er versuchte, den Tod mit Humor zu nehmen, wusste er doch, dass der Tod für ihn nicht das Ende bedeutete. Dr. Klement jedoch hob nur vorwurfsvoll eine Augenbraue, bevor er den Toten weiteruntersuchte. Er war Wissenschaftler, total humorlos und überzeugter Atheist – eine Mischung, die immer wieder zu heftigen Diskussionen zwischen ihnen führte. Trotzdem respektierten sie einander.
„Guten Morgen, Kommissar. Der Tod trat heute zwischen vier und fünf Uhr ein. Ich habe meine Untersuchung beendet. Sie können die Leiche abtransportieren lassen. Die genaue Todesursache kann ich Ihnen erst nach der Obduktion mitteilen.“
Dr. Klement rasselte die Informationen emotionslos herunter.
„Möglich wären sowohl die Wunde am Hinterkopf – Sie sollten nach einem etwa faustgroßen Stein suchen lassen – als auch der Degen, der in seinem Körper steckt. Der Kleidungsstil ist übrigens aus dem 18. Jahrhundert, passend zum Stadtgeburtstag.“
„Passend auch zur Umgebung, oder?“
Helmer blickte zum Schloss. Das weiß-gelbe Gebäude wurde in diesem Jahr bei Tag und Nacht angeleuchtet. Strahlend bildete es einen Kontrast zu der Dämmerung, die gerade aufzog. Der achteckige Turm ragte hinter dem Hauptgebäude hervor. Von dort hatte man einen guten Überblick über die fächerartige Anlage der Straßen. Vor dreihundert Jahren war hier der Grundstein für das Schloss gelegt worden. Das ganze Jahr über hatte Karlsruhe diese runde Zahl schon gefeiert. Der Brunnen auf dem Schlossplatz lag in einer Linie mit dem Schlossturm und der Pyramide, die über der Grabstelle des Stadtgründers Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach stand.
Helmer wandte sich wieder an Dr. Klement.
„Konnten Sie die Identität des Toten feststellen?“
„Er heißt Thomas Grübe, 24 Jahre alt, Student, wohnhaft in Karlsruhe- Südstadt. Er hatte nichts bei sich außer seinem Geldbeutel, kein Handy, kein Mini, nichts.“
Er übergab Helmer den Geldbeutel.
„Danke. Wann kann ich mit dem Obduktionsbericht rechnen?“
„Ich denke, ich fange heute noch an. Besonderheiten hören Sie von mir wie immer sofort.“ Dr. Klement verabschiedete sich. Helmer öffnete den Geldbeutel. Das übliche Kleingeld, Studentenausweis, Studiticket und EC-Karte. Viel mehr hatte er auch nicht erwartet. Der Tote hatte sich vor vier Jahren für Geschichte an der Universität eingeschrieben. Außerdem fand er einen Zettel. Erstaunt faltete er das Papier auseinander. Bei einem Studenten hätte er heutzutage kein Papier mehr erwartet, da Papier als anachronistisch galt. Jeder hatte mit seinem Mininotebook immer etwas zum Schreiben dabei. Selbst die Polizei hatte den Notizblock abgeschafft und war dazu übergegangen, die Datenerfassung nur noch über „Minis“, wie die Mininotebooks abgekürzt wurden, laufen zu lassen. Auf dem Blatt standen die Zahlen 490080/082420/0400 und die Buchstaben HWR.
Helmer steckte den Zettel zurück und rief: „Okay, Knubbel, Lagebesprechung. Trommeln Sie die Leute zusammen!“
Sein Team war klein, aber sehr schlagkräftig. Neben Knubbel, der seine rechte Hand war und alles koordinierte, gab es Anita Mathesen, ihre Computerspezialistin. Arne Hase, auch „the brain“ genannt, hatte bei seinem IQ von 180 ein umfassendes Allgemeinwissen. Helmut und Herbert Glick waren die Männer für die „polizeiliche Kleinarbeit“, die jede Information aus den Leuten herausholten, die sie benötigten. Dass sie eineiige Zwillinge waren, erleichterte ihnen ihre Arbeit durchaus.
Nun kamen sie alle am Brunnen zusammen.
„Morgen, Leute. Ich möchte alles hören, was wir bisher wissen. Knubbel, fangen Sie an.“, begrüßte Helmer sein Team.
Knubbel zückte sein Mini. „Der Tote wurde um viertel vor fünf von Herrn Willibald Thom gefunden, der auf dem Weg nach Hause war. Er kam von der Party, die gestern im Schloss stattfand. Übrigens war er genauso angezogen wie der Tote. Zeugen konnten wir bisher nicht finden. Der Todeszeitpunkt liegt laut Dr. Klement zwischen vier und fünf Uhr. Verwertbare Fußspuren waren nicht am Tatort.“
„Danke, Knubbel. Bei dem Toten wurde nur ein Geldbeutel gefunden. Er heißt Thomas Grübe und hat Geschichte an der Uni studiert“, fuhr Helmer fort.
„Wir gehen wie folgt vor: Hase und Knubbel, Sie schauen sich bitte die Wohnung des Toten an und befragen die Nachbarn. Glick und Glick, Sie nehmen sich bitte Herrn Thom noch mal vor. Zeigen Sie ihm ein Bild des Toten, vielleicht ist auf der Kostümparty etwas vorgefallen. Erkundigen Sie sich bei dem Veranstalter nach der Gästeliste. Und vergessen Sie den Catering-Service nicht. Die bekommen manchmal mehr mit, als man denkt. Nehmen Sie auch gleich noch ein Bild von dem Degen mit, vielleicht kommt er irgendjemandem bekannt vor. Ich gehe zur Uni und versuche dort etwas über den Toten zu erfahren. Und für Sie, Mathesen, habe ich ein kleines Rätsel.“ Er übergab ihr den Zettel aus dem Geldbeutel. „Wenn diese Zahlen auf Papier geschrieben wurden, können sie relevant sein. Ich möchte so schnell wie möglich wissen, was sie bedeuten. Nächste Besprechung um zehn auf dem Revier.“
Alle machten sich sofort auf den Weg. Helmer schaute auf die Uhr. Vor acht Uhr würde er am Institut niemanden antreffen. Er beschloss, aufs Revier zu fahren und dort bei einer weiteren Kanne Kaffee Informationen zu sichten.

Helmer hatte das Polizeirevier nach zehn Minuten erreicht. Er betrat das Gebäude.
„Guten Morgen, Kommissar Helmer“, begrüßte ihn die Sekretärin. Frau Müller war die gute Seele der Abteilung und kümmerte sich um die Aktenablage und den Schriftverkehr. Helmer konnte sich darauf verlassen, dass sie immer vor ihm da war, auch wenn er nicht wusste, wie sie seine Arbeitszeiten mitbekam. Ihr Umgang war förmlich, aber immer mit einem warmen Unterton. Nun stand sie auf und gab ihm eine Kanne voll warmem Kaffee. „Ich habe die Zeitungen schon in Ihr Zimmer gelegt, zusammen mit einem Brötchen. Hier ist Ihr Kaffee.“
„Guten Morgen, Frau Müller, und vielen Dank“, antwortete Helmer und ging in sein Zimmer. Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Genüsslich biss er in sein Brötchen und blätterte die Zeitungen durch. Ihm war es wichtig, über das Tagesgeschehen in der Stadt auf dem Laufenden zu bleiben. Heute fesselte ein Bericht aus der Tageszeitung seine Aufmerksamkeit. Dort wurde über das Kostümfest geschrieben, das gestern Abend im Schloss stattgefunden hatte:
„Am frühen Abend begann das große Fest des Fidelitas-Ordens, der bei der Grundsteinlegung des Schlosses vor dreihundert Jahren gegründet worden war. Damals wie heute sind die so genannten Ritter dazu angehalten, dem Landesherrn in ewiger Treue zu dienen und keinen Fehl und Tadel auf sich zu laden. Besonderer Höhepunkt des Festes war die Verleihung des Ordens an den Bürgermeister Hans-Werner Rotenberg, der sich in den letzten fünfzehn Jahren für die Interessen der Stadt Karlsruhe eingesetzt und wie kein anderer für das Ansehen der Stadt auf der ganzen Welt gesorgt hat. Er ist nicht nur der dreihundertste Ritter des Fidelitas-Ordens, sondern sein Vorfahr, Hofmarschall Leopold von Rotenberg, war auch einer der ersten Ritter, die Markgraf Karl Wilhelm damals in den Orden aufnahm. So spiegeln sich dreihundert Jahre Karlsruher Geschichte in dieser alteingesessenen Familie wider. Bürgermeister Rotenberg nahm die Ehrung gerührt an.“
Helmer betrachtete das Bild, das bei dem Artikel abgedruckt war. Der Bürgermeister hatte den Orden der Fidelitas um den Hals gehängt und zeigte gerade stolz seinen Degen in die Kamera. Helmer stutzte. Der Degen sah dem Degen des Toten verdächtig ähnlich. Ihm fiel der Zettel ein: HWR, konnte das Hans-Werner Rotenberg bedeuten? Doch warum sollte ein angesehener Bürgermeister einen Geschichtsstudenten mit einem Degen ermorden, den er Stunden vorher in der Öffentlichkeit präsentiert hatte? Da hätte er doch auch gleich eine Visitenkarte liegen lassen können.
Das Telefon klingelte. „Helmer“, meldete er sich.
„Klement. Ich habe die Autopsie an dem Toten vom Schloss durchgeführt. Tödlich waren sowohl der Schlag auf den Kopf als auch der Degen im Rücken.“
„Da hat jemand gründliche Arbeit geleistet“, sagte Helmer. „In welcher Reihenfolge wurden ihm die Verletzungen zugefügt?“
„Der Autopsie zufolge wurde er erst niedergeschlagen, fiel dann auf den Brunnenrand und wurde mit dem Degen dort festgenagelt. Jede Wunde für sich wäre tödlich gewesen. Den Todeszeitpunkt kann ich jetzt auf vier Uhr bis vier Uhr dreißig einschränken.“
„Vielen Dank, Dr. Klement, für die schnelle Arbeit“, verabschiedete sich Helmer.
Auf dem Flur traf er Anita Mathesen, die gerade aus dem Computerraum stürmte.
„Kommissar, ich weiß jetzt, was die Zahlen bedeuten. Kommen Sie.“ Helmer folgte ihr in das Zimmer zurück. Mathesen begann, auf der Tastatur zu tippen.
„Ich habe die ersten beiden Zahlen in eine GPS-Datenbank eingegeben. Raten Sie mal, wohin wir damit geführt werden.“ Sie machte nur eine kleine Pause, in der Helmer noch nicht mal zugeben konnte, dass er keine Ahnung von GPS-Daten hatte und immer noch nach Karte fuhr.
„Schauen Sie!“ Auf dem Bildschirm des Computers erschien das Karlsruher Schloss aus der Vogelperspektive. Der Brunnen war mit einem roten Punkt markiert.
„Es sind die Koordinaten des Tatorts. Meiner Meinung nach hatte der Tote sich um vier Uhr morgens am Brunnen mit einem HWR verabredet und ist dabei ermordet worden.“
„Sehr gute Arbeit!“, lobte Helmer sie. „Vielleicht sind die anderen von ihren Aufgaben schon zurück. Dann können wir eine Lagebesprechung machen.“
Gemeinsam gingen sie zu dem großen Büro, in dem jeder seinen eigenen Arbeitsplatz hatte. Tatsächlich saßen die Zwillinge schon an ihren Plätzen und tranken heißen Kaffee. Hase blätterte in der Zeitung und Knubbel kam gerade mit einem Brötchen zur Tür herein.
„So, Leute, wir machen jetzt die Besprechung und tauschen die Informationen aus. Ich denke, wir sind schon ein wenig weiter gekommen“, begann Helmer die Sitzung. „Knubbel, protokollieren Sie bitte alles mit. Ich fasse zusammen: Der Tote wurde zwischen vier Uhr und vier Uhr dreißig erschlagen und dann mit dem Degen erstochen. Mathesen hat die Zahlenkombination enträtselt, die auf dem Zettel aus dem Geldbeutel des Toten stand. Vermutlich hatte der Tote sich um vier Uhr morgens an dem Brunnen mit jemandem verabredet, der die Initialen HWR trägt.“
„Vielleicht Hans-Werner Rotenberg“, rief Arne Hase dazwischen und zeigte allen den Artikel in der Tageszeitung, den auch Helmer schon gelesen hatte. „Hier hält er sogar einen Degen in der Hand. Sieht aus wie unsere Tatwaffe.“
Helmut Glick nickte. „Wir haben mit dem Vorsitzenden des Fidelitas- Ordens gesprochen. Er hatte die Nacht durchgemacht und war noch im Schloss mit den letzten Gästen. Die haben ganz schön gefeiert. Auf jeden Fall hat er den Degen identifiziert. Es ist der Degen von Hofmarschall Leopold von Rotenberg, dem ersten Ritter des Fidelitas- Ordens. Der Degen wurde von Generation zu Generation weitervererbt, und gestern hatte Hans-Werner Rotenberg ihn dabei. Außerdem hat er auch den Toten wiedererkannt. Er gehörte zu den Kellnern, die auf dem Fest serviert haben. Mehr konnte er aber nicht sagen. Und Herr Thom konnte auch nichts beitragen“, schloss Glick. Sein Bruder fuhr fort: „Das Catering haben die Geschichtsstudenten der Universität übernommen. Sie betreiben als Nebenverdienst eine Firma, die auf die Gestaltung alter Feste spezialisiert ist. Offenbar gehörte der Tote zu diesen Studenten. Chef der Firma ist Hans Rotenberg, der Sohn des Bürgermeisters.“
Knubbel fuhr fort: „Die Wohnung war aufgeräumt und ordentlich. Für eine Studentenbude recht ungewöhnlich. Viele Bücher und Papiere über den Stadtgeburtstag. ‚The brain‘ hat einige durchgelesen.“ Er blickte zu Hase.
„Der Tote hatte auch viel Material zur Gründung des Ordens gesammelt. Vielleicht wollte er seine Magisterarbeit über das Thema schreiben“, bestätigte Hase. „Ein Brief ist mir besonders aufgefallen, weil er ein Original aus der damaligen Zeit ist. Diese Papiere sind sehr wertvoll, und der Tote hatte den Brief einfach zwischen zwei Bücher gelegt. Ich habe ihn ins Labor gebracht zur weiteren Untersuchung. Der Inhalt war nur schwer zu entziffern. Es ging um ein Duell und eine erschlichene Ehrenbezeichnung. Offensichtlich hatte eine Frau den Brief an ihren Sohn geschrieben. Für Details müssen wir den Laborbericht abwarten. Ich habe ihnen dort ein bisschen Druck gemacht, damit sie unsere Sachen zuerst bearbeiten. Die Nachbarn haben den Toten als freundlich, zuvorkommend und ruhig beschrieben.“
„Gute Arbeit!“, lobte Helmer sein Team. „Dann haben wir also eine ungefähre Vorstellung davon, was passiert ist. Nun müssen wir nur noch den Täter finden und sein Motiv ergründen. Unser weiteres Vorgehen: Ich werde mit Knubbel zusammen den Bürgermeister befragen. Glick und Glick, Sie gehen bitte zum Geschichtsinstitut. Erkundigen Sie sich nach der Catering-Firma und finden Sie heraus, an welchen Projekten der Tote gearbeitet hat. Eventuell können wir dann ein Motiv erkennen. Mathesen, Sie recherchieren bitte alles über die Familie Rotenberg. Hase, schauen Sie bei den Leuten aus dem Labor noch mal vorbei. Inzwischen müssten auch die ersten Fingerabdrücke ermittelt worden sein. Falls Ihnen irgendetwas auffällt, melden Sie alle sich bitte bei mir über Handy!“
Helmer beendete gerade die Besprechung, als Frau Müller eintrat. „Kommissar Helmer, draußen wartet eine junge Frau. Sie sagte, sie möchte mit Ihnen sprechen.“ Helmer folgte ihr.
Im Flur stand eine hübsche Frau Mitte zwanzig. Ihr Gesicht war vom Weinen gerötet. In der Hand hielt sie ein zerknülltes Taschentuch. Helmer begrüßte sie freundlich. „Guten Morgen, mein Name ist Helmer. Kommen Sie doch bitte herein und setzen Sie sich. Womit kann ich Ihnen behilflich sein?“ Er führte sie in ein kleines Besprechungszimmer. Sie setzte sich und versuchte sich zu fassen. Immer wieder liefen ihr Tränen die Wangen herunter. „Vielen Dank, Herr Kommissar. Mein Name ist Elisabeth Grübe. Ich bin die Schwester von Thomas. Man bat mich, ihn zu identifizieren.“ Sie schluckte. „Mein Bruder und ich standen uns sehr nahe. Er bat mich, das hier aufzuheben, falls ihm etwas zustößt.“ Sie gab ihm einen DIN-A4-Briefumschlag. „Ich weiß nicht, was darin ist, aber es war ihm unheimlich wichtig.“
Helmer nahm den Umschlag und öffnete ihn. Schnell überflog er das Blatt Papier.
„Mein herzliches Beileid, Frau Grübe, und vielen Dank, dass Sie so schnell vorbeigekommen sind. Dieses Papier erklärt einige Dinge, die uns helfen werden, den Mörder Ihres Bruders zu fassen. Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, ich muss diese Informationen weitergeben. Frau Müller wird Sie – falls Sie möchten, natürlich – zu unserer Polizeipsychologin begleiten, die für Angehörige von Mordopfern zuständig ist.“
Helmer stürmte in das Büro. Von seinem Team war nur noch Knubbel anwesend, der auf ihn gewartet hatte.
„Knubbel, wo sind Glick und Glick? Schon unterwegs zum Institut? Sie sollen sofort Hans Rotenberg festnehmen. Es besteht dringender Tatverdacht gegen ihn. Los, wir fahren zum Bürgermeister, vielleicht ist er dort.“
Im Laufschritt telefonierte Knubbel. Hase schloss sich ihnen an. „Laut Glick hat der Bürgermeister das Institut vor zehn Minuten betreten. Sie gehen jetzt rein.“ Knubbel startete den Wagen. „Was ist los, Kommissar?“, fragte Hase etwas außer Atem.
„Thomas Grübe hat versucht, den Sohn des Bürgermeisters zu erpressen. Er wollte die Catering-Firma alleine leiten und Hans W. Rotenberg sollte sich zurückziehen.“
„Aber woher wissen Sie das? Und womit hat er ihn erpresst?“
Helmer hielt das Blatt hoch. „Seine Schwester hat uns diesen Brief gegeben. Darin gesteht er seinen Erpressungsversuch. Er schreibt, dass er einen alten Brief gefunden hat, in dem die Rotenbergs als Lügner, Betrüger und Mörder entlarvt werden.“
Hase nickte. „Das Labor hat den Brief untersucht. Wir konnten ihn inzwischen lesen. Dem Inhalt nach ist Hofmarschall Leopold von Rotenberg 1715 bei einem Duell ums Leben gekommen. Da der Täter dem Hofmarschall sehr ähnlich sah, nahm er seine Identität an und schmeichelte sich bei Hofe ein. Die Frau des richtigen Hofmarschalls hat den Brief an ihren Sohn geschrieben, den sie im Dezember 1715 gebar und der der rechtmäßige Erbe des Namens Rotenberg war. Offensichtlich waren ihre Leben in Gefahr und er sollte fliehen, während sie sich aufopfern würde, um ihn zu schützen.“„Dort ist das Institut“, Knubbel hielt an. Sie stürmten die Treppen hinauf. In der Halle trafen sie auf Glick und Glick, die ihre Waffen gezogen hatten. Hans Rotenberg hatte seinen Arm um die Brust seines Vaters gelegt und bedrohte ihn mit einem Dolch, den er an seinen Hals hielt.
„Keinen Schritt weiter!“, rief er, als Helmer die Halle betrat.
Helmer hob die Hände. „Ganz ruhig. Wir können über alles reden!
Was wollen Sie denn erreichen?“
Hans Rotenberg sagte: „Ich hatte nie eine Chance. Für meinen Vater war ich nur der dumme Junge. Er hätte lieber Thomas als Sohn gehabt und mich vergessen. Und jetzt wollte Thomas mir auch noch die Firma wegnehmen. Ein Rotenberg lässt sich nicht erpressen! Treten Sie zurück!“
Helmer ging einen Schritt zurück: „Warum war der Brief für Sie so bedrohlich?“
„Ich habe Thomas wie einen Bruder aufgenommen, obwohl er aus einer ärmlichen Familie stammt. Er war ein Nichts, bevor ich ihn unter meine Fittiche nahm. Und jetzt wollte er den Namen meiner Familie beschmutzen. Das konnte ich nicht zulassen!“
Es krachte laut. Hinter Hans Rotenberg zersprang das Fenster und Hase schwang sich an einem Seil in die Halle. Er überwältigte Rotenberg und legte ihm Handschellen an.
„Sehr gut, Hase, da hat sich das Training bei der GSG ja ausgezahlt“, lobte Helmer seinen Mann. „Abführen.“

Am nächsten Tag konnte Helmer ausschlafen. Beim Frühstück las er die Schlagzeile in der Zeitung: „Bürgermeister wegen gesundheitlicher Probleme zurückgetreten“.