Badisch-anatolische Ringkatze

Autor: Arndt, Annabell-Eva

Er hörte in sich hinein. Was war los? Er hatte zum dritten Mal geklingelt, aber die Haustüre blieb verschlossen. Jan trat einen Schritt zurück, damit die Überdachung der Haustüre den Blick auf das Zehnfamilienhaus in Karlsruhes Westen freigab. Er sah hinauf zum dritten Stock auf der linken Seite, aber alle Fenster waren dunkel und die Rollläden waren nicht heruntergelassen. Er zog sein Handy aus der Innentasche seiner Jacke und wählte die Nummer von Pia, seiner Freundin, mit der er zum Ballettabend verabredet war. Nach einiger Zeit kam die standardisierte Bandansage: „Der Teilnehmer ist im Moment nicht erreichbar, bitte versuchen Sie es später noch einmal!“ Er ließ den Motor an und fuhr nach Hause. Auf der Fahrt kreisten seine Gedanken um Pia. Er hatte Pia vor einem Jahr im Wartezimmer beim Arzt kennen gelernt. Jan versuchte sich zu beruhigen: „Es klärt sich sicher morgen alles auf und Pia ist bei einer Freundin oder einfach einmal für ein paar Tage weggefahren, so wie sie es immer angekündigt hatte, um ihrer Schreibmanie nachzugehen. Aber eigentlich ist sie sonst sehr verlässlich …“
Frau Dahrendorf, die Museumsdirektorin, wirkte an diesem Morgen fahrig. Schon die Art, wie sie ihren Sportwagen vor dem Schloss parkte, gab allen Mitarbeitern Aufschluss über ihre Befindlichkeit. Meist trug sie hohe Pradaschuhe, die den Schritt der kleinen Person mächtiger erscheinen ließen. Alle saßen wie paralysiert und wild arbeitend auf ihren Plätzen und wurden von ihr per Handschlag begrüßt, dabei lachte sie schrill und laut. Zuerst kam sie in die Buchhaltung und begrüßte Frau Münzer, die Buchhalterin. „Frau Münzer, Sie müssen dringend die Daten für den noch ausstehenden Monatsabschluss vorbereiten. Bitte komplettieren Sie die Fakten und legen Sie mir diese bis um zehn Uhr bei der kurzen Dienstbesprechung vor. Bitte weisen Sie meine Dienstreisekosten an.“ Frau Dahrendorf ging weiter und versuchte die Tür zu Pia Seegers Büro zu öffnen, aber das Büro war noch verschlossen. Sie setzte ihren Marsch fort und traf in ihrem Vorzimmer auf Frau Auer. Frau Auer war eine sportliche blonde Frau mit schulterlangem Haar, die im Museum damit betraut war, den Terminkalender der Direktorin zu verwalten und die Ausstellungstermine zu koordinieren. „Guten Morgen, Frau Auer. Gut sehen Sie aus heute. Haben Sie schon wieder abgenommen? Haben Sie Frau Seeger schon gesehen?“, schloss Frau Dahrendorf ihren Redeschwall. „Nein, ich dachte, dass Frau Seeger heute vielleicht Urlaub hat!“ „Nein, aber vielleicht ist sie wieder einmal krank. Ich werde gleich mein System hochfahren und bei den E-Mails nachsehen! Guten Morgen, Frau Fischer, Sie müssen dringend die Renovierungsliste fertig machen und diese bei der Dienstbesprechung um zehn Uhr vorstellen, aber rufen Sie bitte gleich im Ministerium an und lassen Sie mich mit dem Vorzimmer von Herrn Dr. Schmidt verbinden!“ Frau Fischer war die Jüngste im Team und gerade erst kurz dabei. Sie ärgerte sich, weil sie nicht zu Wort kam, aber sie nickte stumm, lächelte und begab sich sofort an die Erledigung der anstehenden Aufgaben.
Aus dem Büro der Chefin kam nach einiger Zeit die Antwort: „Frau Seeger ist unerlaubt vom Dienst ferngeblieben! Das lasse ich mir nicht bieten.“ Frau Auer rief zurück: „Das ist aber gar nicht Frau Seegers Art.“ Es kam keine Reaktion mehr. Um zehn Uhr fand die Besprechung statt. Florian Weber baute den Beamer auf. Er war neben Herrn Spatz, dem Hausmeister, der einzige Mann im Museum, schrieb Rechnungen und kümmerte sich um die Technik. Er war 38 und nicht besonders motiviert für seine Tätigkeit, die schlecht bezahlt war, und wohnte noch bei seiner Mutter. Herr Spatz, der Hausmeister, kam und mit ihm auch ein beruhigendes Gefühl. Frau Braun trat ein. Sie war die älteste Mitarbeiterin und sah sich fragend um:„Wo ist denn unsere Frau Seeger? Ist sie mal wieder krank, hat sie sonst ein Problem?“ Herr Spatz grinste und Herr Weber warf ihm einen vielsagenden Blick zu: „Zickenkrieg!“ In diesem Moment trat Frau Greschbach, die Galeristin, ein. Sie entschuldigte ihr Zuspätkommen mit einer dienstlichen Floskel und lenkte ab: „Gibt’s was zu feiern?“ Frau Dahrendorf begrüßte Frau Greschbach und fragte: „Haben Sie Frau Seeger heute schon gesehen oder etwas von ihr gehört?“ „Nein, warum, ist sie noch nicht da?“ fragte Frau Greschbach erstaunt und rollte dabei ihre Augen. „Wenn sie bis morgen früh nicht aufgetaucht ist, dann muss ich ihr unerlaubtes Fernbleiben bei Herrn Dr. Schmidt melden“, sagte Frau Dahrendorf und in ihrer Stimme schwang ein leicht ironisch triumphierender Unterton mit. „Telefon für Sie, Frau Dahrendorf. Es ist Herr Werner, der Freund von Frau Seeger“, bedeutete Frau Auer leise und gab sich sehr neugierig. „Dahrendorf.“ „Guten Morgen, hier ist Jan Werner. Ich war gestern Abend mit Frau Seeger verabredet, aber sie hat nicht geöffnet und sie ist auch nicht zu Hause. Wissen Sie etwas von ihr?“ „Nein, Herr Werner, sie erschien hier heute nicht. Wissen Sie vielleicht, wo sie steckt?“„Nein, aber ich werde bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgeben.“ „Tun Sie das, und geben Sie mir in jedem Fall Bescheid, wenn Sie etwas in Erfahrung bringen konnten.“ „Ja gewiss, das mache ich“, antwortete Jan Werner. Frau Dahrendorf eröffnete die Dienstbesprechung mit einem „Guten Morgen, allerseits. Es stehen dringende Arbeiten an. Wir müssen die Woche nutzen, um Wartungs- und Reparaturarbeiten sowie andere Planungsarbeiten durchzuführen. Frau Auer, bitte schreiben Sie das Protokoll. Frau Greschbach und Frau Seeger müssen die noch ausstehende Besucherstatistik aktualisieren. Bitte achten Sie darauf, dass diese Arbeiten in Zukunft zuverlässiger durchgeführt werden. Herr Weber, bitte fordern Sie drei Angebote für die Anschaffung neuer Diktiergeräte an. Frau Greschbach, bitte vertreten Sie Frau Seeger, bis sie wieder da ist. Das war’s für heute, vielen Dank.“
Frau Dahrendorf ging in ihr Zimmer, bedeutete Frau Fischer per Handzeichen, dass sie nicht gestört werden wollte, schloss die Türe und telefonierte stundenlang.
Jan Werner versuchte am nächsten Tag unzählige Male erfolglos, bei Pia anzurufen. Nachdem er seine Arbeitsstelle verlassen hatte, fuhr er direkt zum Polizeipräsidium in der Durlacher Allee. „Sie wünschen bitte?“, fragte ihn ein Schalterbeamter in Grün. „Ich möchte meine Freundin als vermisst melden“, brachte Jan zögerlich hervor.
„Das ist nichts Besonderes“, sagte der Beamte schwerfällig. Jan hatte sich nach dieser Aussage wieder gefangen und konterte: „Ich möchte eine offizielle Vermisstenanzeige aufgeben, und zwar sofort!“ „Ja, dann legen Sie mal los“, meinte der Polizist ironisch. Er nahm aus dem Formularkasten einen Vordruck, gab ihn Jan und dieser füllte ihn aus. „Sie vermissen ja die Frau erst seit gestern“, stellte der Beamte stoisch amüsiert fest. Jan ließ nicht locker und wollte den Vorgesetzten des Beamten sprechen. Der Beamte verschwand für eine wie eine Ewigkeit dauernde Zeitspanne. Schließlich erschien er mit einer Frau wieder, die sich als „Oberkommissarin Möbius“ vorstellte. „Was kann ich für Sie tun?“ „Meine Freundin ist seit gestern spurlos verschwunden.“ „Haben Sie keine Idee, wo sie sein kann?“ „Nein, ich habe nicht die geringste Idee, sonst wäre ich bestimmt nicht hier!“ „Wissen Sie, Herr Werner, die Menschen, mit denen wir leben, geben uns manchmal Rätsel auf. Sie zu lösen und sie zu erforschen ist kein Leichtes. Manchmal verabschieden sie sich ohne ein Zeichen von uns. Denken Sie doch einmal an den Song von Udo Jürgens: ‚Ich war noch niemals in New York’!“ „Ja, ich kenne diese Geschichten, aber auf meine Freundin treffen sie bestimmt nicht zu.“ „ Ich werde die Ermittlungen einleiten, Herr Werner, aber bitte, sobald Sie etwas von Frau Seeger wissen, melden Sie sich bei mir. Wo arbeitet Ihre Freundin?“ „Sie arbeitet im Kunstmuseum.“ „Könnten Sie mir die Kontaktdaten des Museums geben?“ „Ja, das kann ich tun!“ „Haben Sie auch ein Foto für die Fahndungsliste?“ „Ich habe eines bei mir!“ „Oh, eine attraktive Frau, und die Ohrringe sind ja sehr auffallend. Trägt sie diese öfters?“ „Ja, ich habe sie bei einem Goldschmied auf der Kaiserstraße anfertigen lassen und sie ihr vor kurzem zum Geburtstag geschenkt.“ „Danke, Herr Werner. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und schlafen Sie ruhig. Die meisten Vermissten tauchen so rasch wieder auf, wie sie verschwunden sind.“ „Ein schwacher Trost“, dachte Jan Werner im Subtext zu seinem Gesichtsausdruck.
Frau Möbius fuhr noch an diesem Tag direkt aufs Land zum wunderschönen Weinbrennerschloss vor den Mauern von Karlsruhe, in dem Pia Seeger als Museumspädagogin arbeitete. Sie hasste Museen seit ihrer frühesten Kindheit und als sie eintrat, stellte es ihr beim Einatmen des Geruches die Luft ab. „Guten Morgen, Oberkommissarin Möbius“, stellte sie sich beim Eintreten einem jungen Mann vor. „Ich bin Herr Weber, der Registrator.“ „Wann kommt die Museumsleitung?“ „Meist so kurz nach neun. Möchten Sie einen Grünen Tee?“ „Ja, danke, sehr gerne.“
In diesem Moment kam Frau Braun, die Verwaltungsleiterin, ins Zimmer. „Ach, guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“ „Oberkommissarin Sarah Möbius, ich ermittle im Fall Pia Seeger.“ „Aha, ich bin Anna Braun. Ist es so schlimm mit Frau Seeger dieses Mal?“ „Was soll das heißen, ist es mit ihr so schlimm?“ „Ach nichts, ich meinte nur!“ „Wie, Sie meinten nur, das müssen Sie mir jetzt schon näher erklären!“ „Frau Seeger ist manchmal lange krank, aber wir erfahren immer nur Bruchstücke.“ „Welche Funktion üben Sie hier aus, Frau Braun?“ „Ich bin die Museumsverwaltungsleiterin.“ „Könnten Sie mir Ihren Aufgabenbereich transparent machen?“ „Ich mache die Einteilung für das Aufsichtspersonal, überwache den Jahresabschluss der Buchhaltung, führe die Arbeitszeitkonten und die Urlaubsplanung der Beschäftigten und bin sonst auch immer für alles zuständig. Wenn es brennt und wenn etwas scheitert, dann bin immer ich die Schuldige!“ „Könnten Sie mir die Arbeitszeitblätter der Beschäftigten vorlegen!“ „Das weiß ich nicht, ob ich das darf, solange Frau Dahrendorf noch nicht da ist!“ „Sie dürfen und Sie müssen, Frau Braun. Es geht hier um eine polizeiliche Ermittlung.“ „Vielleicht interessiert Sie das? Frau Dahrendorf leitet das Museum, Frau Seeger ist Museumspädagogin und Frau Greschbach ist Galeristin. Beide haben sich auf die Nachfolge der Stelle von Frau Dahrendorf, die nächstes Jahr in Pension gehen wird, beworben. Frau Dahrendorf möchte, dass Frau Greschbach ihre Nachfolge antritt, daher gibt es hier häufiger Auseinandersetzungen zwischen Frau Greschbach und Frau Seeger.“ „Könnten Sie so freundlich sein und mich an den Arbeitsplatz von Frau Seeger führen und mir dort ihren Email-Account öffnen?“ „Das kann ich nicht!“ „Warum?“ „Weil allein Frau Dahrendorf das Passwort kennt.“ Frau Braun schloss das Büro von Frau Seeger auf und blieb im Türrahmen stehen. „Sie können mich jetzt allein lassen!“ „Das sollten Sie lieber mit Frau Dahrendorf besprechen.“ „Ach ja. Und übrigens hat sich Frau Seeger vorgestern nur morgens in die Arbeitszeitliste eingetragen, jedoch fehlt die Dokumentation des Arbeitsendes.“
„Guten Morgen, Frau Dahrendorf. Wir haben Besuch!“ „Guten Morgen, Frau Braun. Was ist los im Zimmer von Frau Seeger? Ist sie da und wer bitte ist diese Dame?“ „Ich bin Oberkommissarin Sarah Möbius und leite die Ermittlungen im Fall Pia Seeger.“ „Aber so geht das nicht, ohne mein Wissen geht hier niemand in ein Büro. Sie haben mich vorher um Erlaubnis zu fragen. Kommen Sie erst einmal mit in mein Büro!“ „Guten Morgen, Frau Auer, das ist Oberkommissarin Möbius und das ist Frau Frisch, meine persönliche Referentin. Nehmen Sie doch Platz. Sie trinken doch einen Kaffee, nicht wahr?“ „Nein danke, ich trinke nur Tee!“ „Frau Auer, Sie haben es gehört! Und Frau Frisch, bitte kommen sie zu dem Gespräch herein!“ „Nein, Frau Dahrendorf, ich möchte zunächst nur mit Ihnen sprechen und ich werde dann im Büro von Frau Seeger die Gespräche mit allen Mitarbeitern führen.“
„Hier im Haus habe allein ich das Sagen. Ich möchte gerne bei allen Gesprächen dabei sein.“ „Es geht hier um eine polizeiliche Ermittlung und ich muss Sie um Zurückhaltung bitten. Ich leite das Verfahren und die Modalitäten bestimme allein ich!“ „Ja, wenn das so ist!“ „Wie war Ihr Verhältnis zu Frau Seeger, Frau Dahrendorf?“ „Nun, Frau Seeger ist eine schwierige, egozentrische, hochintelligente Person. Wir hatten häufig Auseinandersetzungen über Arbeitszeitausgleich, Urlaubsplanung und andere Belange. Antoine de Saint-Exupéry sagte einmal: ‚Jeder ist der Mittelpunkt der Welt‘ und danach lebt Frau Seeger auch.“ „Können Sie sich ihr Verschwinden erklären?“ „Ich kann mir gut vorstellen, dass Frau Seeger ausgestiegen ist und irgendwo hingereist ist. Sie fuhr an Samstagen häufig nach Straßburg ohne jegliche Begleitung. Eine normale Frau würde so etwas nicht tun. Ach, wissen Sie, Frau Seeger hatte wechselnde Männerbekanntschaften und hat uns damit alle auf Trab gehalten. Sie ist kein Kind von Traurigkeit!“ „Vielen Dank, Frau Dahrendorf. Ich werde jetzt ins Büro von Frau Seeger gehen, um dort die Ermittlungen zu führen. Frau Braun sagte mir, dass Sie die Passwörter aller Rechner kennen. Könnten Sie mir das Passwort von Frau Seeger nennen?“ „Theoderich.“„Danke, und jetzt möchte ich gerne ungestört sein und schicken Sie mir bitte den technischen Verantwortlichen als Ersten.“
Frau Möbius recherchierte in den Emails von Frau Seeger. Die Tür ging auf und Herr Weiler, der Technikverantwortliche, kam herein. „Geben Sie bei der Telefongesellschaft eine Recherche über die letzten geführten Telefonate in Auftrag mit der entsprechenden Nummer von Frau Seegers Anschluss. Wann sind Sie denn am Montagabend gegangen, Herr Weiler?“ „Ich bin so um fünf Uhr gegangen.“ „War Frau Seeger noch da, als Sie gingen?“ „Ja, sie war noch da, aber sie telefonierte hinter verschlossener Türe und ich wollte nicht stören und ging leise fort.“ „Vielen Dank, Herr Weiler, bitte schicken Sie mir Frau Braun herein.“ Frau Möbius schickte unterdessen eine Testmail an die letzte registrierte Emailadresse mit der Bitte, dass sich der Teilnehmer umgehend unter der Handynummer von Frau Möbius melden möge. „Frau Braun, nehmen Sie doch bitte Platz. Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Frau Seeger?“ „Ach, wie es eben unter Kolleginnen so ist.“ „Wie ist es denn so unter Kolleginnen?“ „Frau Seeger ist, wenn sie da ist, sehr tüchtig. Aber sie ist oft und lange krank und ich habe manchmal den Eindruck, dass sie ihre Arbeit nicht so gerne macht. Ich würde mich darum reißen, Frau Seegers Arbeit machen zu dürfen. Wissen Sie, ich habe im Osten einen Abschluss im Lehramt erworben, aber wie es das Schicksal so wollte, lernte ich meinen Mann kennen und ich bekam zwei Kinder und ging mit ihm in den Westen. Wir bauten uns eine neue Existenz auf und mein Mann wurde Manager. Jetzt sind meine Kinder aus dem Haus, studieren in aller Herren Länder und ich arbeite an einer Stelle, an der ich intellektuell völlig unterfordert bin.“ „Ist Frau Seeger beliebt?“ „Ja gewiss, sie ist hübsch, blond und hat eine sexy Figur und sie wickelt mit ihrem Charme alle um den Finger. Aber ich falle da nicht mehr drauf rein.“ „Wann sind Sie denn am Montag gegangen?“ „Ich bin um vier gegangen, weil ich noch einen Arzttermin hatte.“ „Und was haben Sie abends gemacht?“ „Ich war dann noch mit meinem Mann zu einem Geschäftsessen eingeladen.“ „Vielen Dank, Frau Braun. Führen Sie mich bitte noch mal zu Frau Dahrendorf.“
„Frau Möbius, kommen Sie doch herein und nehmen sie einen Augenblick Platz!“ „Danke. Frau Dahrendorf, wie ist Ihr Verhältnis zu Frau Seeger?“ „Nun ja, sie ist eine schwierige, kritische, hochintelligente Person, deren Ansprüche nur schwer zu erfüllen sind. Aber als Mitarbeiterin schätze ich sie sehr, weil sie immer zuverlässig arbeitet. Daher kann ich mir auf ihr Verschwinden keinen Reim machen.“ „Wo waren Sie denn am Montagabend?“ „Nun, wissen Sie, ich muss immer am Montag ins Ministerium fahren, um an einer Sitzung teilnehmen zu können. Ich komme dann gewöhnlich so um 17 Uhr wieder am Hauptbahnhof an und fahre gleich nach Hause. Ich sehe meinen Mann nicht so oft, weil ich fast immer die Letzte bin, die das Museum verlässt. Frau Seeger geht häufig als Erste, was nicht immer tragbar ist und kraft ihrer Rolle auch nicht wünschenswert. Wissen Sie, das führt häufig zu Auseinandersetzungen. Mein Mann und ich waren am Montagabend zu Hause.“ „Danke, Frau Dahrendorf ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und ich nehme die Arbeitszeitblätter bis morgen mit.“ „Auf Wiedersehen, Frau Möbius, kommen Sie gut nach Hause.“ „Ach, fast hätte ich etwas vergessen zu fragen. Was tragen Sie denn für eine schicke Hose?“ „Ich trage fast ausschließlich Armani.“ „Noch einen wunderschönen Abend, Frau Dahrendorf.“ Frau Möbius sah den Sportwagen von Frau Dahrendorf vor dem Schloss stehen und dachte: „Irgendwas scheine ich in meinem Leben falsch zu machen.“
Sarah Möbius wählte die Nummer von Jan Werner. „Hier Möbius, haben Sie schon etwas von Ihrer Freundin gehört?“ „Ich grüße Sie, leider nein, Fehlanzeige.“ „Könnten Sie in einer Stunde an der Wohnung Ihrer Freundin sein?“ „Ja gern, aber ich habe keinen Schlüssel.“ „Warum haben Sie denn keinen Schlüssel?“ „Wissen Sie, Pia und ich, wir sind einander schon sehr nah, aber …“ „Verstehe, aber wir sollten uns die Wohnung einmal ansehen. Wer hat denn einen Schlüssel? Gibt es einen Hausmeister?“ „Nein, aber zwei der Nachbarn haben einen Schlüssel.“
Herr Werner wartete bereits im offenen Treppenhaus und hatte beide Nachbarn mitgebracht. „Das ist Christine Weiß von der zweiten Etage und das ist Peter Jansen, der Nachbar von gegenüber“, stellte Jan Werner die Nachbarn vor. „Oberkommissarin Möbius. Herr Werner, bitte schließen Sie uns die Tür auf, ich möchte Ihnen allen ein paar Fragen stellen.“ Nachdem alle die Wohnung betreten hatten, begann Sarah Möbius zu fragen: „Was haben Sie am Montagabend gemacht, Herr Werner?“ „Ich war zuerst bei meinen Eltern und dann war ich im Fitnessstudio. Ich gehe immer montags ins Studio. Dort trainiere ich immer bis zehn, esse noch einen Becher Joghurt und gehe zu Bett.“ „Kann jemand Ihren Aufenthalt dort bestätigen?“ „Ich habe eine Chipkarte, die alle Aufenthalte im Studio dokumentiert.“ „Wie ist Ihre Beziehung zu Frau Seeger?“ „In letzter Zeit gab es häufig Spannungen zwischen uns und Pia war dann manchmal kopflos. Zweimal kam es sogar vor, dass sie weglief nach einer Auseinandersetzung.“ „Danke, Herr Werner, jetzt zu Ihnen beiden.“ „Haben Sie denn schon ein Zeichen von Frau Seeger?“, fragte Herr Jansen. „Nein leider nicht, daher bin ich auf Ihre Unterstützung angewiesen. Wann haben Sie die Vermisste das letzte Mal gesehen, Frau Weiß?“ „Ich habe am Sonntagabend noch ein Glas Wein mit ihr getrunken. Dabei fiel mir auf, dass Pia ganz anders war als sonst. Sie war so still an diesem Abend, ging schon früh.“ „Danke, Frau Weiß, Sie können gehen. Halten Sie sich aber für weitere Ermittlungen in jedem Fall noch bereit. Auf Wiedersehen! Herr Jansen, wie war Ihre Beziehung zu Frau Seeger?“ „Sie ist eine wunderbare Nachbarin und hat immer ein offenes Ohr für mich. Wir sind, seit sie eingezogen ist, miteinander befreundet und teilen fast alle Sorgen miteinander.“ „Wann haben Sie Frau Seeger das letzte Mal gesehen?“ „Ich habe sie am Montagmorgen, so um sechs Uhr das letzte Mal die Wohnungstür zuschließen hören und dabei meinen Kopf aus der Tür gestreckt, um ihr eine schöne Woche zu wünschen.“ „Danke, Herr Jansen. Herr Werner, wir können die Wohnung wieder verschließen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Ich bin sicher, es wird alles gut.“
„Guten Morgen, Frau Dahrendorf, ich weiß, dass ich um halb acht sehr früh dran bin, aber dürfte ich auf eine Tasse Kaffee vorbeikommen?“ „Ja selbstverständlich, wo stecken Sie denn?“ „Ich stehe bereits vor ihrer Tür.“ „Mein Mann wird Ihnen öffnen.“ „Guten Morgen, Herr Dahrendorf, ich bin Sarah Möbius und ermittle im Fall Pia Seeger!“ „Freut mich, Sie kennenzulernen, aber mein Name ist Volker Rieger- Dahrendorf.“ „Ach, Sie sind einer der seltenen Männer, die einen Doppelnamen tragen!“ „Ja, meine Frau bestand darauf. Trinken Sie eine Tasse Kaffee?“ „Ja gerne. Sie wohnen ja wunderschön, fast wie in einem Museum.“ „Ich muss jetzt leider zur Schule.“ „Sie sind auch Lehrer?“ „Ja, ich habe meine Frau als junger Student an der Kunstakademie kennen gelernt, aber sie hat mir erklärt, dass sie mich nur heiratet, wenn ich einen Brotberuf erlerne. Dann habe ich ihr zuliebe alles aufgegeben und bin jetzt auf der sicheren Seite! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Ermittlungen.“ „Aber bevor ich es vergesse, Herr Rieger-Dahrendorf, kennen Sie Pia Seeger?“ „Ja, aber ich habe sie nur dreimal gesehen, seit sie im Museum arbeitet. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen, meine Frau kommt sicher jeden Moment.“
„Guten Morgen, Frau Möbius. Jetzt haben Sie aber lange warten müssen. Ich war noch unter der Dusche, als Sie anriefen. Kommen Sie gut voran mit Ihren Recherchen?“ „Danke, ich kann nicht klagen. Wie schön Sie es hier haben. Ich bewundere Sie. Es ist ja wie in einem Kunstmuseum. Und was Sie wieder für ein interessantes Outfit tragen!“ „Ein wenig Luxus muss sein. Mein Mann und ich fahren in jeder freien Minute nach Como zum Einkaufen. Es gibt dort einen wunderbaren Store, der ausschließlich Armani-Couture führt. Seit dem Tod meines Vaters lebe ich ein ganz anderes Leben. Ich konnte ihm nichts recht machen. Das haftet heute noch an mir. Ich sollte immer die Schönste, Beste und Fleißigste sein, nur dann liebte er mich.“ „Leiden Sie also auch unter dem Schneewittchensyndrom?“ „Ja, aber jetzt muss ich los. Das Museum ruft. Kommen Sie heute nochmals zu uns?“ „Ja, ich muss noch einige Mitarbeiter befragen. Was ist das für ein schönes Stück?“, fragte Sarah Möbius und deutete auf eine kleine Katze, die am Ausgang auf einer Anrichte stand und mit zahlreichen Schmuckstücken auf ihrem Schwanz einen interessanten Anblick bot. „Das ist eine anatolische Ringkatze. Ich habe sie von einer meiner wenigen Reisen als junge Lehrerin mitgebracht und seitdem steht sie da mitten in Baden auf meinem Highboard.“
„Ach, guten Morgen, Frau Möbius. Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Ich bin Frau Greschbach, die Galeristin.“ „Lassen Sie uns im Zimmer von Frau Seeger reden. Verstehen Sie sich gut mit Frau Seeger?“ „Ja, Frau Seeger hat eine erfrischende sarkastische Ader und weiß sich auch gegen Frau Dahrendorf zur Wehr zu setzen. Sie ist neugierig, kreativ und selbstbewusst und erst seit anderthalb Jahren bei uns. Sie ist ja fast 20 Jahre jünger als ich, aber manchmal könnte ich sie erwürgen. Entschuldigung, das war nicht so gemeint.“ „Wo waren Sie am Montag“, forschte Sarah Möbius weiter. „Ich war bei meiner Mutter in Heidelberg und kam gegen 22 Uhr wieder nach Hause.“ „Danke. Schicken Sie mir bitte die Buchhalterin herein.“ „Ja, und falls Sie mich noch brauchen, ich bin heute im Medienraum.“
„Guten Morgen, Frau Münzer. Ich bin Oberkommissarin Sarah Möbius. Frau Münzer, wie ist das Verhältnis von Frau Dahrendorf und Frau Seeger?“ „Tja also, Frau Dahrendorf sagt immer, ihr Vater hätte einmal gesagt: ‚Einem bissigen Hund gibt man stets zwei Stück Zucker‘. So macht sie es mit Frau Seeger. Aber Frau Seeger wehrt sich und wer sich hier wehrt, wird verehrt und wer sich duckt, der wird bespuckt! Es ist wie überall auf der Welt – einfach ungerecht. Ich will ja nicht jammern, aber die einen haben es eben besser als die anderen und das war früher in der DDR nicht so. Frau Seeger hat es schon gut. Sie hat keine Kinder, verdient das Zehnfache von mir und kann ihr Leben so leben, wie sie will.“ „Kommen Sie aus der ehemaligen DDR?“ „Ja, aber ich bin schon lange hier und ich fühle mich auch wohl.“ „Verstehen Sie sich gut mit Frau Seeger?“ „Ja, wir mögen Frau Seeger alle.“ „Wie lange waren Sie am vergangenen Montag hier, Frau Münzer?“ „Ich war bis um 15 Uhr hier, obwohl ich eigentlich nur halbtags arbeite. Dann musste ich schnell nach Hause, weil mein Mann und ich das Auto in die Werkstatt bringen mussten.“ Sarah Möbius ging ins Büro von Frau Seeger und fuhr den PC hoch. Es klopfte an der Tür. „Herr Weiler, kommen Sie herein.“ „Ich habe hier die Liste der Telefongesellschaft über die letzten Gespräche, die am Montagabend von Frau Seegers Apparat geführt worden sind.“ „Danke, bitte lassen Sie mich jetzt allein.“ Der PC war inzwischen hochgefahren und Frau Möbius fand eine Nachricht vom Regierungspräsidium Karlsruhe. Es war lediglich der Outlook- Abwesenheitsmanager, der ihr eine Nachricht gesendet hatte im Auftrag seiner Userin. Darin fand Sarah Möbius die Kontaktdaten der Person, an die Pia Seeger offenbar die letzte E-Mail vor ihrem Verschwinden gesendet hatte. Es war eine gewisse Nina Morlock. Möbius rief die angegebene Privatnummer an, die für dringende Fälle angegeben war. „Morlock“, meldete sich am Ende der Leitung eine Frauenstimme. „Frau Morlock, ich bin Oberkommissarin Sarah Möbius. Ich möchte gerne bei Ihnen vorbeikommen!“ „Worum geht es denn? Ich bin krank!“ „Es geht um Pia Seeger.“ „Dann kommen Sie vorbei.“ Frau Dahrendorf streckte den Kopf zum Büro herein: „Ach, sind Sie schon am Zusammenpacken?“ „Ja, ich habe meine Personalermittlungen im Fall Seeger hier im Haus abgeschlossen.“ „Sehen Sie, ich wusste doch gleich, dass es bei uns keinen Sinn macht.“ „Ja, so scheint es zu sein.“ Frau Morlock öffnete im Bademantel die Tür. „Möbius. Entschuldigen Sie den Überfall. Sagt Ihnen der Name Pia Seeger etwas?“ „Ja, wir sind eng befreundet! Ist etwas mit ihr?“ „Sie ist seit Montag spurlos verschwunden und die letzte von ihrem PC aus versandte E-Mail muss ins Regierungspräsidium zu Ihnen gegangen sein. Im Posteingang ging um 18.49 Uhr eine Email ihres Abwesenheitsassistenten ein, die ungelöscht war. Außerdem hatte Frau Seeger versucht, Sie zu erreichen.“ „Ja gewiss, Pia hatte erst versucht, mich im Amt zu erreichen, aber ich hatte die Telefone ausgeschaltet.“ „Könnten wir zusammen ins Regierungspräsidium fahren, um die letzte Email von Frau Seeger abzurufen?“ „Eigentlich bin ich krankgeschrieben, aber in diesem Fall … Warten Sie kurz, ich ziehe mich rasch um.“ Im Regierungspräsidium fuhren sie den PC hoch, als die Sekretärin von Nina Morlock mit einem persönlichen Einschreibebrief erschien. „Danke, legen Sie den Umschlag auf den Tisch und lassen Sie uns allein, Frau Keller.“ In den Emails fand sich eine Nachricht von Pia. „Bitte den mit Passwort geschützten Anhang öffnen. Das Passwort wird per Post zugestellt!“ Frau Morlock nahm den achtlos zur Seite gelegten Einschreibebrief, riss ihn auf und las: „Armani!“ Sie gab das Passwort ein und der Dateianhang ließ sich öffnen: „Ich habe am Wochenende, als ich Dienst im Museum hatte, im Büro von Frau Dahrendorf eine interessante Entdeckung gemacht. Sie hat zwei Kunstwerke, die als vermisst gemeldet waren, an einen Käufer in der Schweiz verkauft. Die Zahlungen erfolgten auf ein Nummernkonto. Frau Greschbach war wohl schon vor mir hinter die Machenschaften von Frau Dahrendorf gekommen und bezichtigte sie der Korruption im Amt. Frau Dahrendorf bot ihr darauf an, dafür zu sorgen, dass sie die Nachfolge der Museumsleitung antritt, wenn sie schweigt!“ Sarah Möbius pfiff durch die Zähne und sagte: „Frau Morlock, jetzt besteht akuter Handlungsbedarf. Meinen Sie, Frau Seeger wurde von Frau Greschbach oder Frau Dahrendorf entführt? Ich weiß nur, dass ich ein gutes Gedächtnis habe. Bitte reichen Sie mir Ihr Telefon, ich muss mit dem Staatsanwalt sprechen.“ „Hier Oberkommissarin Möbius, Staatsanwalt Schönfeld bitte, es ist dringend!“, sagte Möbius ins Telefon. „Schönfeld, was kann ich für Sie tun, meine Liebe? Geht es wieder mal um Kindesmisshandlung?“ „Keine derben Späße bitte, es ist dringend. Bitte stellen Sie mir einen sofortigen Hausdurchsuchungsbefehl für die Villa von Susanne Dahrendorf aus und schicken Sie mir zehn Mann vom mobilen Einsatzkommando, ohne Rückfragen.“ „Na, Sie machen mir vielleicht Spaß. Ihre berichtenden E-Mails an mich in Sachen Pia Seeger waren nicht besonders stichhaltig!“ „Hier geht es um Korruption im Amt und um Leben und Tod.“ „Ich werde Ihren Wunsch erfüllen, aber wenn sich Ihr Tatverdacht nicht bestätigt, kann ich nichts mehr für Sie tun.“ „Ich werde Sie nicht enttäuschen.“
Oberkommissarin Möbius fuhr, so schnell ihr altes Auto es erlaubte, zur Villa Dahrendorf, das mobile Einsatzkommando bezog bereits unbemerkt Stellung ums Haus. Möbius klingelte und Frau Dahrendorf öffnete die Tür: „Nanu, Sie schon wieder? Was kann ich für Sie noch tun?“ „Einiges, glaube ich!“ Der Blick von Sarah Möbius fiel auf die anatolische Ringkatze im badischen Haus. Sie nahm die wunderschönen handgeschmiedeten Aquamarinohrringe vom Schwanz der Katze und bemerkte lächelnd: „Ich hatte auch immer schon einen Sinn für ausgefallenen Schmuck.“
Im Museum ging Frau Dahrendorf voraus in den Gewölbekeller, schloss die Tür auf und deutete auf einen schwarzen Müllsack, der mit Tauen fest zugezurrt, einer Mumie glich. „Hallo Frau Seeger, können Sie mich hören?“, rief Sarah Möbius und klopfte ihre Wangen. Nach einiger Zeit öffnete Pia die Augen. „Rufen Sie sofort den Notarzt, es ist fünf vor zwölf. Sie glauben doch hoffentlich an die Auferstehung?“ „Ich wollte doch nur das Beste für das Museum …“ „Sparen Sie sich Ihr Geständnis für das Präsidium auf. Ich fürchte, die nächsten Jahre müssen Sie ohne Armani-Mode auskommen.“ Oberkommissarin Möbius zog das Handy aus der Tasche und wählte erleichtert die Nummer ihres Vorgesetzten: „Herr Schönfeld, ich möchte mich für Ihre Amtshilfe im Fall Pia Seeger bedanken. Es hat sich wieder einmal gelohnt. Finden Sie nicht auch, dass badisch-anatolische Katzen schöne Tiere sind?“ „Ich finde, Sie sollten schleunigst ins Präsidium zu mir kommen, es besteht Erklärungsbedarf.“