Black Dragon

Autor: Heck, Gaby

Heute ist endlich mal wieder ein schöner Sommertag, nach all dem Regen der letzten Tage, dachte Milena Merten, als sie morgens die Rollläden im Schlafzimmer hochzog. Sehr viel besser gelaunt als in den Tagen zuvor, tapste sie ins Bad, um ausgiebig zu duschen. Nach zwei Tassen Kaffee und einem schnellen Durchblättern der Tageszeitung fuhr sie mit ihrem kleinen roten Alfa zu ihrem Arbeitsplatz im Städtischen Klinikum. Sie liebte ihren Job, ihre Kollegen und das alte ehrwürdige Krankenhaus mit dem schönen alten Park.
Nach einem wenig ereignisreichen Vormittag und einem Imbiss im Freien machte Milena sich wieder auf den Weg in ihr Büro und eilte mit quietschenden Sohlen über das blank gewienerte Linoleum. Schon auf dem Flur hörte sie das schrille Klingeln ihres Telefons. Schnell riss sie die Tür auf und hechtete über den Tisch zum Apparat. „Merten“, rief sie in den Hörer. „Hallo Milena, hier Max, dein schlimmster Alptraum an einem sonnigen Augustmittag!“ schallte ihr da entgegen. Vergnügt antwortete sie: „Hi, Max! Das soll wohl heißen, dass du entweder einen unangenehmen Job für mich hast oder dass du das verabredete Abendessen am Wochenende aus beruflichen Gründen mal wieder absagen musst?“ „Leider liegst du mit deiner ersten Vermutung richtig. Wie schnell kannst du mich an der neuen Großbaustelle beim EnBW Erweiterungsbau treffen?“, grummelte Max.
Da sie ihn gut genug kannte, um zu wissen, dass er ihr am Telefon nichts Genaueres sagen würde, antwortete sie seufzend: „Ich kann's in einer halben Stunde schaffen. Bis gleich!“ Milena warf den Hörer auf die Gabel, zog ihren weißen Kittel und die Gesundheitslatschen aus und stellte die Sachen in den Spind. Schnell schnappte sie ihre Jacke und ihre Handtasche und schlüpfte in ihre Schuhe. Beim Hinausgehen sagte sie ihrer Sekretärin Bescheid, dass sie einen Termin mit Max habe und nicht wisse, ob sie noch mal zurückkäme. Daraufhin rollte Anni nur die Augen nach oben und wünschte ihr ironisch noch viel Spaß.
Während sie quer durch die Parkanlage zum Parkplatz ging, dachte sie an Max Neff. Sie waren alte Sandkastenfreunde, hatten ihre Kindheit und Schulzeit in Ettlingen verbracht. Max war für sie der große Bruder, den sie sich immer gewünscht hatte, während ihre jüngere Schwester Annette und sie für das Einzelkind Max den Geschwisterersatz bildeten. Brav der große Bruder, hatte er immer ihre Streitigkeiten geschlichtet, sie beschützt und gegen alles und jeden verteidigt. Nach dem Abi war der gute verlässliche Max hier geblieben und hatte es zum Hauptkommissar der Wache West in Karlsruhe gebracht. Selbst die Eigentumswohnung, die er sich gekauft hatte, lag nur fünfMinuten zu Fuß von seinem Elternhaus entfernt. Milena hingegen hatte es zum Studium in die Fremde gezogen, erst vor zwei Jahren war sie in die Heimat zurückgekehrt und hatte sich in der Weststadt eine riesige Altbauwohnung gemietet. Diese hatte sie nur deshalb so günstig bekommen, weil die Wohnung ihrer Tante Karin gehörte, die von ihren vorherigen Mietern allesamt die Nase gestrichen voll hatte, wie sie immer sagte. Fast pünktlich kam sie an der Baustelle an, wo Max bereits wartete. Ungeduldig winkte er sie heran und zeigte hinunter in die Baugrube. Milena blickte hinab auf einen verrenkt daliegenden Körper und Max' Spurensicherungsteam, das Fotos machte und die Umgebung absuchte. Seufzend holte sie ihre immer im Auto befindliche Bereitschaftstasche und machte sich mit Max zusammen an den Abstieg in die Grube.
„Vor einer Stunde hat uns der Bauleiter angerufen und gesagt, dass er eine fremde Leiche im Keller habe“, meinte Max mit Galgenhumor. „Warum so spät, sind denn heute keine Arbeiter da?“, fragte Milena. „Nein, sie hatten anscheinend Ärger mit der Bauaufsicht und haben gestern den Bau eingestellt bekommen. Der Bauleiter kam auch erst gegen Mittag, um seinen Papierkram zu erledigen. Den ganzen Morgen hat er offenbar im Amt verbracht und sich gegen seinen Baustopp gewehrt. Hat scheint's aber bislang nix genützt!“, lautete Max’ Antwort. Milena untersuchte die Leiche und teilte Max schon mal die ersten Daten mit: weißer Mann, Alter zwischen 25 und 30 Jahren, Körpergröße 170 Zentimeter, Todeszeitpunkt vor 11 bis 13 Stunden, bekleidet mit einer Levis-Jeans, einem grau-braun bedruckten T-Shirt und abgetragenen Sneakers, ohne Socken; Genickbruch, Abschürfungen – ob durch Sturz in die Grube oder durch einen Kampf, lässt sich aber erst nach der Obduktion genauer sagen. Die Kleidung ist zerrissen. Das könnte auf einen Kampf hinweisen, Taschen sind leer, kein Geld, keine Papiere vorhanden.
„Gut, packt mir die Hände noch in Tüten, damit keine Spuren abhanden kommen, und dann könnt ihr ihn abtransportieren. Ich untersuche ihn gleich im Institut“, bedeutete Milena den Trägern und wandte sich an Max: „Willst du bei der Obduktion dabei sein?“ Max nickte seufzend: „Ich komme nach, sobald ich hier fertig bin.“
In der Pathologie angekommen, begann Milena mit der Untersuchung. Der Leichnam lag in einem schwarzen Leichensack auf ihrer Edelstahlliege. Behutsam öffnete sie den Reißverschluss und griff zu einer Schere, um die Kleidung des Toten entlang der Nähte aufzuschneiden. Die Schuhe und jedes einzelne Kleidungsstück kamen jeweils in eine Tüte, die sie mit der fortlaufenden Fallnummer, Datum und ihrer Unterschrift versah. Sie nahm die Fingerabdrücke ab, untersuchte die Fingernägel, kratzte irgendwelche Überreste darunter hervor und schnitt noch einen Nagel ab. Auch dies landete bei den Falltüten, die ins kriminaltechnische Labor zur Untersuchung kommen sollten. Alles in allem war es ein junger, organisch gesunder Mann gewesen, der eine ordentliche Schlägerei hinter sich hatte, wie die Kampf- und Abwehrspuren bewiesen. Am Hals befanden sich dunkelrot unterlaufene Hämatome, aber Erwürgen konnte nicht die Todesursache sein, sonst müssten die Zunge und Augen andere Merkmale aufweisen. Somit kam jetzt das Skalpell zum Einsatz. Vorsichtig wurden die Organe entnommen und untersucht, Herz und auch Lunge zeigten keinerlei Auffälligkeiten. Auch dies ein Hinweis, dass die Würgemale nicht ausreichten. Jetzt drehte Milena den Leichnam auf die Seite und schnitt am Hals hinunter bis zur Wirbelsäule, legte die ganzen Wirbelkörper frei und fand endlich die Bestätigung: ein kompletter Bruch quer durch den Halswirbel. Ergo war dem Armen mit brachialer Gewalt das Genick gebrochen worden. Fingerabdrücke oder Nagelabdrücke waren nicht zu finden, vermutlich hatte der Täter Handschuhe getragen. Also konnte es auf keinen Fall ein Unfall gewesen sein. Aufgrund der Körpertemperatur und der eingetretenen Leichenstarre konnte Milena den Todeszeitpunkt auf 2.00 bis 3.00 Uhr in der Früh festlegen. Bei der weiteren Untersuchung fiel ihr auf, dass der Mann wohl ein Rechtshänder war, da auf dieser Seite seine Muskeln wesentlich stärker ausgeprägt waren. Aber in der linken Handfläche fiel ihr ein rundes Mal auf. Ein Abdruck, als ob er krampfhaft etwas umklammert hatte, das ein Muster in der Haut hinterlassen hatte. Ihr war schleierhaft, was das gewesen sein könnte. Hier konnte nur das Labor helfen. Erst gegen Ende der Untersuchungen kam Max hereingeschneit, stellte sich wortlos neben Milena an die Bahre und versuchte einen möglichst abgehärteten Eindruck zu machen.
Milena zeigte Max die Hämatome am Hals und erklärte: „Hier siehst du, dass er gewürgt wurde, und da, dieser gebrochene Wirbel zeigt eindeutig, dass ihm mit einem kräftigen Ruck der Hals gebrochen wurde. Das kann so nie und nimmer bei einem Sturz passiert sein. Diese Schürfwunden im Gesicht, an Armen, Händen und am Oberkörper unter dem zerrissenen T-Shirt – die stammen zwar von seinem Sturz, sind aber erst nach dem Tod entstanden. Ich vermute, dass er entweder auf der Baustelle oder eventuell auch woanders getötet wurde und dann in die Grube geworfen wurde. Dein Täter muss ganz schön groß und kräftig gewesen sein. Der Tote war auch nicht gerade ein Leichtgewicht, und ob er durch irgendwelche Drogen oder anderes gehandikapt war, können wir erst mit dem Blut nachweisen. Ansonsten waren alle Organe unauffällig. Im Magen fand ich fast keine unverdauten Speisereste und das Blut wird schon im Labor untersucht. Die ganzen Falltüten hat unsere Labormaus Jim auch schon auf dem Tisch.“ Max sagte: „Das deckt sich mit meiner letzten Info vom Tatort, dass laut Spurenlage oben auf der Baustelle Kampfspuren vorhanden waren, aber vor lauter Fußabdrücken keine bestimmten Leuten zugeordnet werden konnte. Viele der Spuren stammen sicherlich von den Bauarbeitern. Der Körper des jungen Mannes ist dann also hinabgeworfen worden. Auch konnten wir bis jetzt noch nicht feststellen, wer der Tote ist. Im Revier hat noch niemand eine Vermisstenanzeige aufgegeben.“ Milena deckte den Leichnam zu und schob die Rollbahre ins Kühlfach. Gemeinsam mit Max verließ sie die Pathologie und sie marschierten durch die unter dem ganzen Klinikum verlaufenden unterirdischen Gänge in das Labor, das im Seitenflügel untergebracht war. Sobald sie durch die sich mit einem schmatzenden Geräusch automatisch öffnende Tür traten, hob Jim schon den Kopf und sagte: „Frühestens morgen gegen 11 Uhr hab ich die ersten Ergebnisse, kommt dann vorbei!“ Beide wussten, dass an Jim jedes weitere Wort verschwendet wäre, somit wünschten sie ihm netterweise nur viel Spaß und eine geruhsame Nacht und brachten sich schleunigst vor eventuell fliegenden Utensilien hinter der Tür in Sicherheit.
Ebenso wie Milena arbeitete Jim Knörz zwar im Städtischen Klinikum, aber aus Kostengründen und weil sie bei der Stadt Karlsruhe angestellt waren, standen sie im Bedarfsfall auch den Polizeibehörden zur Verfügung. Das bedeutete zwar einen immensen Verwaltungsaufwand, wenn intern die Kosten verrechnet werden mussten, aber es war insoweit praktisch, dass beide Stellen vor allem von den besten und neuesten technischen Anlagen profitieren konnten.
Jim Knörz war mit seinen knapp 40 Jahren ein eingefleischter Junggeselle und hatte einige eigenbrötlerische Eigenheiten. Davon abgesehen, war er mit seinen 190 Zentimetern Körpergröße und nur 70 Kilogramm extrem schlaksig und erinnerte mit seinem blonden Lockenschopf, der ständig zu lang und verwuschelt war, ein wenig an einen zerstreuten Professor.
Sie genossen den Spaziergang zum Auto, während es langsam dämmrig wurde und der Trubel, der sonst auf dem Klinikgelände herrschte, langsam verebbte. Max hätte Milena gerne noch auf einen Schlummerdrink eingeladen, kannte sie aber gut genug, um zu wissen, dass sie nach einem solchen langen und emotional anstrengenden Tag nur noch nach Hause unter die Dusche und ins Bett wollte. Also verabschiedete er sich bei ihrem Auto von ihr und wünschte eine gute Heimfahrt und einen ruhigen Nachtschlaf, bevor er zu seinem Wagen weiterschlenderte.
Leider musste er noch zur Wache und seinen Bericht schreiben. Wenn er das auf morgen Früh verschieben würde, hätte er erstens nicht die Ruhe, die jetzt dort herrschte, und außerdem käme ständig jemand dazwischen oder sein Telefon nervte. Das meiste Kopfzerbrechen bereitete ihm der komische Abdruck in der Hand und er hoffte, dass der Kriminaltechniker die Fotografie so bearbeiten konnte, dass er daraus Rückschlüsse auf den Gegenstand ziehen konnte.
In der Wache waren nur noch die Beamten anwesend, die Bereitschaftsdienst hatten. Max grüßte nur kurz und ging in sein Büro. Demnächst sollte hier renoviert werden, aber Max hasste eigentlich Veränderungen und fand, dass der alte verschrammte Schreibtisch und die überladenen Aktenschränke zur Atmosphäre des alten Gebäudes gehörten. Außerdem gab es keinen bequemeren Bürostuhl als seinen guten alten Blauen. Mitten auf seinem Bildschirm befand sich ein hingepappter Memozettel mit dem Vermerk, dass die Fingerabdrücke in der ihnen zugänglichen Datenbank nicht erfasst waren. Sonst bot die Leiche keine weiteren Hinweise. Hoffentlich würde sich auch bald jemand melden und den jungen Mann vermissen. Vielleicht würde der nächste Tag die ersten Antworten liefern.
Am nächsten Morgen kam Max Neff gegen 10 Uhr übermüdet und gähnend in der Wache West an und fragte sich, warum er überhaupt zum Schlafen nach Hause gefahren war, nachdem ihn seine Arbeit und Überlegungen noch bis ein Uhr früh dort festgehalten hatten. Gottlob hatte schon jemand Kaffee gekocht und er konnte sich mit seinem rabenschwarzen Gebräu am Schreibtisch niederlassen. Nach kaum zwei Minuten war es mit der Stille vorbei und eine geballte Ladung Alltag und Kollegen fiel über ihn her. Noch während ihm sein Kollege Ralph Lohmann langatmig mitteilte, dass auf Grund ihrer Meldung an alle umliegenden Ämter bezüglich vermisster Personen am Morgen bereits ein Anruf für Max eingegangen sei, klingelte schon das Telefon. Max griff schnell zum Hörer, um dem Verlangen, Ralph den Kaffee ins Gesicht zu kippen, nicht nachzugeben.
„Guten Morgen, Neff, auch endlich in der Tretmühle angekommen? Hier Picco vom Posten Durmersheim“, hörte er am anderen Ende fröhlich rufen. „Buon giorno, Giovanni! Was willst du denn um diese Zeit schon von mir?“, erwiderte Max. „Ich will ja eigentlich nix von dir, aber scheint's braucht ihr mal wieder Hilfe. Ich hab' gestern eure Suchmeldung gelesen und als wir heute aufgemacht haben, hat sich bei uns ein Großmütterle gemeldet: Ihr Enkel hätte sie gestern Abend nach der Arbeit zum Einkaufen begleiten sollen und ist nicht erschienen und hatte auch sein Handy ausgeschaltet. Laut ihrer Aussage ist das Bübchen aber die Verlässlichkeit in Person und hat sie noch nie warten lassen. Wenn ich ehrlich bin, hätten wir vermutlich noch gar nicht reagiert und das Großmütterle wieder heimgeschickt, wenn mir nicht eure Meldung dazu eingefallen wäre. Horch, Max, es gibt einige Übereinstimmungen: Er ist 23 Jahre alt, 1,70 Meter groß, hat dunkelblonde, kurze Haare, dunkelblaue Augen und wenn euch noch eine Narbe am linken Knöchel von einer Bänderriss-OP aufgefallen ist, dann könnte euer Gesuchter Dominik Kern heißen. ... Na, sprachlos?“ „Ich bin echt platt!“, meinte Max, „damit hätte ich nicht gerechnet!“ Er raschelte in seinen Papieren und suchte Milenas Beschreibung heraus – tatsächlich, die Narbe war vermerkt. „Bingo“, rief Max. „Alle Daten sind gleich. Da hast du mal wieder was gut bei mir!“ „Wir sind halt super, gell? Ich lege dir alles aufs Fax, dann kannst du's nachlesen. Adressen vom Großmütterle Kern und dem Bübchen stehen auch drauf. Frau Kerns Sohn, der Vater vom Dominik, ist übrigens seit zwei Monaten beruflich in Asien und kommt erst zum Jahresende zurück. Ansonsten lebt er im gleichen Haus wie seine Mutter, von seiner Frau ist er seit acht Jahren geschieden und angeblich hat seither keiner mehr Kontakt zu ihr. Dominik wohnt seit einem halben Jahr bei euch in Karlsruhe am Entenfang in der Sophienstraße.“ „Super, Giovanni, ich mach’ mich dann gleich auf den Weg. Tausend Dank nochmal und sag' deiner Frau liebe Grüße und deinen piccolinis auch.“ „Klar, Max, mach ich, komm doch mal wieder vorbei. Vielleicht brauchst du armer Junggeselle zur Abwechslung ein warmes Essen oder ein bisserl Amtshilfe oder, oder, oder …?“ „Du hast recht, ich war schon lange nicht mehr bei euch. Ich versprech' dir, dass ich mich bald melde. Bis denn, ciao, Giovanni.”
Kaum hatte er aufgelegt, trabte auch schon sein Lieblingskollege Ralph mit dem Fax herein. Frohgemut riss er Ralph das Fax aus der Hand, dankte ihm und schickte in zurück an seinen Schreibtisch. „O. k., die Adresse ist ja ganz in der Nähe, fahren wir erst mal dorthin, bevor wir zu Jim ins Labor gehen“, dachte er und überlegte, dass er als Verstärkung ja den so genannten Frischling Juliane zum Einlernen mitnehmen könnte. Außerdem nervte Ralph sowieso nur, der sollte Internet-Recherchen machen. Zufrieden mit sich und dieser Lösung verließ er sein Büro, gab Ralph seine Order und ging den Flur entlang, um seinen Frischling abzuholen. Der hieß im richtigen Leben Juliane Ertl und absolvierte bei der Wache West sein studienbegleitendes Praktikum. Ihr stand nur noch ein Semester bevor und wenn sie die letzten Prüfungen genauso bravourös absolvierte wie alle vorherigen, stand der Übernahme in den Staatsdienst nichts mehr im Wege. In der ganzen Wache war sie mit ihrer frischen unkomplizierten Art sehr beliebt und da dringender Personalbedarf bestand, hofften alle, dass eine reibungslose Übernahme möglich wäre.
Auf der Fahrt in die Sophienstraße erläuterte er der aufgeregten Juliane den Fall. Das Haus erwies sich als schöner alter Backsteinbau und der Name Kern stand an der Klingel für den fünften Stock, die rechte Wohnung. Wie zu erwarten, reagierte niemand auf die Klingel. Also schellte Max nebenan bei Willner. Tatsächlich, es kam eine Reaktion: „Juhu – komm rauf!“, schallte es quäkend aus der Sprechanlage und der Türöffner summte gleichzeitig. „Manche Leute sind ganz schön gutgläubig“, meinte Juliane, als sie ins Treppenhaus traten. Es gab natürlich keinen Fahrstuhl, das Treppenhaus bestand aus wunderschönen alten roten Sandsteinstufen und dem Holzgeländer war die frühere Drechselkunst anzusehen. Oben angekommen, war Max leicht außer Atem. Juliane mit ihren knapp 25 Jahren war überhaupt nichts anzumerken, wie Max missmutig für sich bemerkte. Sie war mit wippendem Pferdeschwanz fröhlich die Treppen hinaufgehüpft.
Die Wohnungstür zur Rechten war mit einem riesigen Che-Poster beklebt und die zur Linken stand halb offen. In der Wohnung hörte man ein Radio plärren und eine Frauenstimme sang fast richtig mit. Max schellte nochmals und rief „Hallo“ durch die geöffnete Tür. Prompt verstummte der Gesang und hastig kam eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm durch den Flur. Beim Anblick der Uniformen blieb sie erschrocken stehen. Max lächelte beruhigend und sagte leicht ironisch: „Wir sind wohl nicht der erwartete Besuch? Aber keine Bange, wir hätten nur eine Frage bezüglich Ihres Wohnungsnachbarn.“ „Nein ... ja ... ähm, wie kann ich helfen?“, kam die verwirrte Antwort. „Kennen Sie Herrn Kern gut? Wann haben Sie ihn denn das letzte Mal gesehen?“, startete Max souverän seine Befragung. Allzu viel kam nicht dabei heraus, denn Dominik schien ein recht ruhiger, zurückhaltender Mitbewohner gewesen zu sein. Auf die Nachfrage der jungen Frau Willner, was denn los beziehungsweise passiert wäre, ging er mit dem lapidaren Hinweis auf Nachforschungen nicht weiter ein. „Letzte Woche war Dominik in Urlaub, ich hab ihn zwar am Sonntag mal gehört, aber seinen Zweitschlüssel hat er noch nicht abgeholt“, meinte Frau Willner, die aufgeregt ihr Baby schaukelte. „Oh, das wäre sehr hilfreich für uns, wenn wir uns drüben mal umsehen könnten“, meinte Max und dankte im Stillen erneut der Gutgläubigkeit der Menschen. „Ja, klar, ich geb' Ihnen den Schlüssel.“ Sie griff neben der Tür ans Schlüsselbrett und zögerte leicht. „Aber Sie bringen nichts durcheinander? Nicht, dass ich nachher Ärger mit Dominik bekomme.“ „Mit Dominik bekommen Sie ganz bestimmt keinen Ärger“, beruhigte sie Max, nahm den Hausschlüssel und wandte sich um.
Die beiden Polizeibeamten öffneten die Wohnungstür und waren erstaunt. Die Wohnung war sehr geräumig, sauber und modern eingerichtet, keineswegs die zugestopfte Studentenbude, die man sonst so häufig zu sehen bekam. Max holte aus seiner Aktentasche zwei Päckchen mit Einweghandschuhen und reichte eines an Juliane weiter. Beide stülpten sich die Gummifinger über und steckten die Verpackung zurück in die Tasche. Max wandte sich zum Schlafzimmer und bedeutete Juliane, sich im Wohnzimmer umzusehen.
Schon nach wenigen Minuten kam sie aufgeregt ins Schlafzimmer. In ihren Händen hielt sie ein Fotoalbum. Sie hatte es ganz hinten aufgeschlagen und zeigte ihm ein Bild: Ein junger Mann, der stolz an einem Motorrad lehnte, im Hintergrund ein blühender Garten vor einem alten Fachwerkhaus. Eindeutig. Es war der Mann, den er gestern auf einem sterilen Edelstahltisch gesehen hatte. Einerseits verspürte Max tiefe Trauer um dieses junge, erloschene Leben und Mitgefühl für die Menschen, denen man jetzt diese Mitteilung machen musste. Andererseits war er aber auch froh, dass der Tote so schnell identifiziert werden konnte.
Sie nahmen nur das Album mit und verließen schweigend und nachdenklich das Haus. Im Auto telefonierte Max kurz mit der Dienststelle, um die neuesten Entwicklungen mitzuteilen, und fuhr dann mit seiner neuen Assistentin ins Klinikum.

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